Persönlichkeitsstörung?

Hallo!

Vor rund zwei Jahren habe ich eine sehr geliebte Freundin durch Suizid verloren, war dann auch in psychologischer Behandlung, möchte das aber hier nicht ausdehnen. Soviel zur Vorgeschichte. Nun wurde mir durch Bekannte und Freunde in letzter Zeit häufiger zugetragen, dass ich mich stark geändert habe. Durch genauere Überlegungen kam ich zum selben Schluss.
Bemängelt wurde z.B., dass ich gefühlskalt, schroff und verletzend geworden bin.
Diskussionen mit meiner Meinung nach sinnvollem Inhalt, z.B. fachliche Gespräche, wissenschaftliche Betrachtungen etc., sind ohne weiteres möglich. Bei emotionsbelasteten oder völlig sinnfreien Gesprächen (‚small-talk‘)wird mir das Ganze aber schnell müßig, ich baue Verachtung auf, die im Extremfall in Hass münden kann. Ich habe früher gern geredet, heutzutage weiss ich aber nicht, was ich erzählen soll, ich will auch nichts erzählen, weil es mir sinnlos erscheint. Ich bleibe dann auch still und beschäftige mich im Geiste. Werde ich dann mit einem Kommunikationsversuch konfrontiert, so wirkt das auf mich belästigend, störend, meine Reaktion fällt dann entsprechend reserviert aus.
Ich sehe mich auch außer stande Vertrauen aufzubauen, es bleibt immer ein großes Maß an Misstrauen und Distanz.

Entwickele ich hier eine Persönlichkeitsstörung (oder wie auch immer man soetwas nennen mag), oder werde ich schlichtweg zum Misanthropen? Wie denkt ihr darüber? Sollte ich evtl. zum Psychologen?

mfG Dirk

Hallo Dirk,

hast Du Dein Umfeld geändert, so daß Du nun häufiger mit Menschen zusammen bist, die Dich anzweifeln, oder hast Du Dich geändert, so daß Du nun häufiger durch Dein Umfeld kritisiert wirst?

Gruß, AndyM

Nein…
…Dirk, Du entwickelst keine Persönlichkeitsstörung mehr in Deinem Alter. Entweder ist sie längst „angelegt“, oder aber es ist etwas anderes (z.B. reaktive Depression etc.).
Die Bausteine zu einer „Persönlichkeitsstörung“ werden wiegesagt früh gelegt, in der Kindheit.
Deine zweite Frage - ob es sinnvoll sei, sich in Therapie zu begeben - kannst Du ja mit einem Therapeuten Deiner Wahl besprechen.
Gruss, Branden

Hallo Dirk,

Nun wurde mir durch Bekannte und Freunde in letzter Zeit
häufiger zugetragen, dass ich mich stark geändert habe.

OK, jede Entwicklung ist auch eine Veränderung. Wenn
sich jemand neu auf Dich einstellen muss, kann das
auch als „sonderbar“ oder „mühsam“ betrachtet werden.

Durch genauere Überlegungen kam ich zum selben Schluss.

:wink:

Wie geht das denn?

Bemängelt wurde z.B., dass ich gefühlskalt, schroff und
verletzend geworden bin.

Oder Du bist „in Wirklichkeit“ etwas härter und direkter,
als Du es Deiner Umwelt bisher vorspielen zu müssen
glaubtest? Und jetzt bist Du auch souverainer geworden,
Du fühlst nicht mehr das soziale Korsett, in das Du Dich
einpassen musstest?

Diskussionen mit meiner Meinung nach sinnvollem Inhalt, z.B.
fachliche Gespräche, wissenschaftliche Betrachtungen etc.,
sind ohne weiteres möglich.

Auch in solchen Themen ist für gewöhnlich eine
Emotionalität.

Bei emotionsbelasteten oder völlig sinnfreien Gesprächen
(‚small-talk‘)wird mir das Ganze aber schnell müßig,
ich baue Verachtung auf, die im Extremfall in
Hass münden kann.

Was meinst Du mit „emotionsbelastet“. So was wie
„vorwurfsbelastet“?

Ich denke, hier fehlt Dir vielleicht noch die Übung,
auch „solche“ Interaktionen simultan „von aussen“ zu
betrachten, also Deine Konversation und den Aufbau
der Stimmungen und Haltungen beim Gegenüber für Dich
„erkenntnistheoretisch“ zu rationalisieren.
DANN sind die oben genannten „Gespräche“ ausser-
ordentlich ergiebig.
Gleichzeitig hat jeder mal eine schlechte Zeit und
wenn er seinen Schmutz bei Dir ablädt, so nimm es
eben hin.

Ich habe früher gern geredet, heutzutage
weiss ich aber nicht, was ich erzählen soll, ich will auch
nichts erzählen, weil es mir sinnlos erscheint. Ich bleibe
dann auch still und beschäftige mich im Geiste.
mit einem Kommunikationsversuch konfrontiert, so wirkt das auf
mich belästigend, störend, meine Reaktion fällt dann
entsprechend reserviert aus.

Immerhin ein gutes Training, auch bei widrigen Kommunikations-
bedingungen „die Form“ und „den Stil“ zu wahren. Du musst dieses
ja nicht wiederholen, wenn Du merkst, das es nichts bringt.

Aber es ist auch eine „Kulturtechnik“, eine sehr unangenehme
Kommunikation erträglich zu Ende zu führen und den Gesprächs-
partner „annehmbar“ loszuwerden. Das muss man halt lernen.
Das ist nicht leicht. Und es erfordert Disziplin.

Ich sehe mich auch außer stande Vertrauen aufzubauen, es
bleibt immer ein großes Maß an Misstrauen und Distanz.

Ich verstehe das nicht ganz. Ich „vertraue“ eigentlich
faktisch auch „sogut wie niemandem wirklich“, weil ich
glaube, die Menschen zu kennen(?). Allerdings „vertraue“
ich einigen wenigen Menschen, dass ich auf sie zählen
kann, „wenn sich nichts aussergewöhnliches ändert“.

Entwickele ich hier eine Persönlichkeitsstörung
(oder wie auch immer man soetwas nennen mag),
oder werde ich schlichtweg zum Misanthropen?

Ich denke, Du wirst erwachsen. Ich kann mir nicht
vorstellen, dass jemand, der ein bisschen helle ist,
nicht „im Grunde“ misstrauisch und wählerisch ist.
Was bedeutet schon Vertrauen, wenn einem nicht klar ist,
welche Fehler die Menschen machen können, denen man vertraut :wink:

Wie denkt ihr darüber? Sollte ich evtl. zum
Psychologen?

Mir ist nicht ganz klar, wobei Du einem
Psychologen helfen könntest, es sei denn
beim Erlernen von Schwertkampf …

Grüße

Euer CMБ

Hallo Frank,
deine Freunde beschweren sich über dich. Bist du nicht mehr so „einfach“ wie früher? Kommt mir bekannt vor und deshalb möchte ich etwas von mir erzählen.

Ich selbst habe jahrelang so gelebt:
Ein ein „Ja-Sager“ und „Anpasser“. Irgendwann habe ich gemerkt, daß ich nur oberflächliche Bekannte habe und für mich entschieden, mehr ich selbst zu sein. Auf einmal war ich „nicht mehr die alte“, „desinteressiert“ und „egoistisch“, nur weil ich nicht mehr ja sagte, wenn ich nein meinte!
Mit meiner direkten Art bin ich dann oft angeeckt.
Ich war nämlich auf einmal schwieriger!

Es hat eine Zeit gedauert, bis die Menschen in meinem Umfeld gemerkt haben, daß ich eigentlich noch die alte bin und es jetzt nur auch zeige!
Einige Menschen gehören jetzt nicht mehr zu meinem Leben, dafür sind andere in mein Leben gekommen.
Ich habe aber Freunde, keine Bekannten mehr. Es sind weniger, aber intensivere.
Vertrauen aufzubauen ging bei mir früher viel zu schnell. Heute braucht es länger, ist aber dafür intensiver. Meine ganzen Beziehungen zu anderen Menschen sind intensiver. Oberflächliche Bekannte kann ich nur begrenzt ertragen.

Ich könnte mir vorstellen, daß der Tod deiner guten Bekannten dich aufgerüttelt hat und du einfach keinen Wert mehr auf oberflächliche Beziehungen legst. Das finde ich als Laie nicht bedenklich sondern (in gewissem Maße) äußerst gesund!

Liebe Grüße
Ann

hi ann!

du sprichst mir aus der seele! ich hab das auch immer mitgemacht, was andere so dachten und so machten…warum selbst überlegen, wenn man sich doch einfach an jemanden ranhängen kann. das ging sogar mal soweit, dass ein mädchen fertig gemacht worden ist, und ich - je nachdem in wessen gesellschaft ich mich befand - mitgemacht oder sie verteidigt hab. dieses mitläuferverhalten hat sich bei mir erst geändert, als ich einen menschen kennen gelernt hab, der mit heut immer noch viel bedeutet, ne lehrerin, und ich die nicht mit fertigmachen WOLLTE, so wie alle das taten. ich hab mir dann gesagt, rutscht mir den buckel runter, ich mag die und ihr könnt dazu sagen was ihr wollt. da hat sich sozusagen die spreu vom weizen getrennt und auf einmal war ganz klar zu erkennen, wer wirkliche freunde waren (es sind von ca. 10-12 „freunden“ genau 2 übriggeblieben und später nochmal 3 neue hinzugekommen…im grunde kenne ich heute 4 man, die ich als freunde bezeichnen würde) und wer mich fallen ließ wie ne heiße kartoffel…DIE erkenntnis hat damals echt was gebracht (im übrigen haben diese freunde damals zu mir gesagt: „Ich versteh zwar nicht, was du an der [die lehrerin] so magst, aber das is mir auch egal, ich mag dich trotzdem.“ von streber und schleimer war bei denen nie die rede)
gruß
yvi

Hallo Branden!

Danke für deine Antwort, das beruhigt mich schonmal ungemein.

mfG Dirk

Hallo!

Ich selbst habe jahrelang so gelebt:
Ein ein „Ja-Sager“ und „Anpasser“. Irgendwann habe ich
gemerkt, daß ich nur oberflächliche Bekannte habe und für mich
entschieden, mehr ich selbst zu sein. Auf einmal war ich
„nicht mehr die alte“, „desinteressiert“ und „egoistisch“, nur
weil ich nicht mehr ja sagte, wenn ich nein meinte!
Mit meiner direkten Art bin ich dann oft angeeckt.
Ich war nämlich auf einmal schwieriger!

Naja, ich war früher schon nicht einfach, ich war kein Jasager und habe nie ein Blatt vor den Mund genommen. Es scheint jetzt nur öfter vorzukommen, dass ich jemanden vor den Kopf stoße. Keine Ahnung, dass kann ich selbst schlecht beschreiben.

Ich könnte mir vorstellen, daß der Tod deiner guten Bekannten
dich aufgerüttelt hat und du einfach keinen Wert mehr auf
oberflächliche Beziehungen legst. Das finde ich als Laie nicht
bedenklich sondern (in gewissem Maße) äußerst gesund!

Da gebe ich dir uneingeschränkt recht. Ich hatte früher viele oberflächliche Bekannte, solche mit denen man mal 10 min quatscht, wenn man sie auf der Straße trifft, sie aber in Wirklichkeit gar nicht oder nur wenig kennt. Von denen sind viele weg, was mich aber nicht im geringsten stört.
Danke für deine Antwort.

mfG Dirk