Pflicht zum Gesundsein? - Legitimität des Suizids

Ich wollte fragen woher die Psychologie ihr Recht bezieht moralisch zu werten, da sie sich doch allgemein als Wissenschaft versteht. Als prägnantes Beispiel meine ich damit den Suizid; indem ihm eine terminologische Kategorisierung als pathologisch bedacht wird, ist für viele das Nichtseindürfen des Suizids bewiesen.
Dabei definiert sich dieses Kranksein doch erstmal nur durch die Abweichung vom Durchschnitt, also vom Normalen. Lässt sich davon, dass etwas unnormal ist, d.h. selten vorkommt, das Nichtsoseinsollen einer Handlung begründen, das Verwerflichsein sich umzubringen und steht es einer empirischen Wissenschaft zu derartige Bewertungen vorzunehmen?

In Diskussionen über die Rechtmäßigkeit von Suizid bin ich oftmals auf dieses Totschlagargument gestoßen: Die Psychologie sieht es als krank, also ist es falsch und es gibt kein Recht sich zu suizidieren. Nur gibt es nicht auch ein Recht zum Kranksein, d.h. Unnormalsein, oder gibt es gar eine Pflicht zum Durchschnittlich, d.h. Normal bzw Gesundsein? Und wenn die Psychologie solche Pflichten ähnlich wie eine Religion bzw. Philosophie aufstellt sollte das nicht solide begründet sein? Da die Psychologie nur mit der empirischen Erfassung von Phänomenen arbeitet, kann sie das doch gar nicht z.B. eine Pflicht zu leben oder zum Gesundsein behaupten- wie seht ihr das?

Wieso muss die Psychologie ihre Thesen, vor allem was moralische Angelegenheiten betrifft, nicht begründen? Und wieso gilt sie dann noch als „Wissenschaft“ auf die sich quasi jeder bezieht und meint einen Erkenntnisgewinn dadurch erreicht zu haben? Die Psychologie sagt ja nur, alles, was von der Norm abweicht ist krank, aber hilft uns das bei der moralischen Bewertung von Suizid weiter, besonders in Hinsicht auf das individuelle Selbstbestimmungsrecht und die Freiheit des Menschen, gegebenenfalls sogar zwischen der eigenen Existenz oder Nicht-Existenz zu entscheiden, was von psychologischer Seite ja a priori geleugnet wird? - Warum?

Warum „muss“ man aus psychologischer Sicht leben?

Tach,

„In dem Augenblick, in dem ein Mensch den Sinn und den Wert des Lebens bezweifelt, ist er krank.“
Sigmund Freud (1856-1939), Psychiater u. Neurologe, Begr. d. Psychoanalyse

Ich wollte fragen woher die Psychologie ihr Recht bezieht
moralisch zu werten

Tut sie das denn? Nein, denn sie urteilt nicht moralisch im Sinne von „wer an Suizid denkt ist ein böser Mensch“. Sie stellt aber fest dass es abseits der Normen liegt (die zwar mitunter auch durch die Zeit geprägt werden, aber im Hinblick auf Suizid gab es sicher noch nie die Ansicht dass das doch etwas ganz Normales sei, das Menschen, denen es normal gut geht, regelmäßig in Erwägung ziehen.)

In Diskussionen über die Rechtmäßigkeit von Suizid bin ich
oftmals auf dieses Totschlagargument gestoßen: Die Psychologie
sieht es als krank, also ist es falsch und es gibt kein Recht
sich zu suizidieren.

Doch, das Recht gibt es. Wer verbietet es? Dass es vom Normalen abweicht ist ja keine Aussage zur moralischen Beurteilung, sondern schlicht eine statistisch nachweisbare Erkenntnis.

Bei allem anderen kannst du bis zur Urknall zurück argumentieren, man hat / musste einfach irgendwo mal einen Nullpunkt setzen, von dem beginnend man argumentiert oder Dinge betrachtet.
Wäre das anders könnte man alles und jedes komplett zerreden.

Gruß,

MecFleih

Gruß,

MecFleih

„In dem Augenblick, in dem ein Mensch den Sinn und den Wert
des Lebens bezweifelt, ist er krank.“
Sigmund Freud (1856-1939), Psychiater u. Neurologe, Begr. d.
Psychoanalyse

Ja das ist die Ansicht der Psychoanalyse (u.a.). Das stelle ich auch gar nicht Abrede. Worum es mir geht ist, ob auf Grundlage dieser Ansicht anderen ihre Freiheit entzogen werden darf. Weil dann müsste es ja richtig sein Leben zu wollen, aber immer falsch sterben zu wollen – und das IST eine moralische Wertung. Noch mal: Woher bezieht die Psychologie ihr Recht in diesem Sinne moralisch zu werten?

Es gibt ja viele Meinungen. Die Meinung von Sigmund Freud ist ja auch schätzenswert (wobei er sie an seinem Lebensende auch geändert hat). Aber darf eine Meinung als absolut gelten, der sich jeder zu beugen hat (ähnlich wie im Mittelalter als die Kirche die Deutungshoheit hatte)? Und es scheint mir, dass die psychologische Ansicht, weil wissenschaftlich, als absolut gesehen wird. Und immer wenn eine Institution einen Absolutsheitsanspruch hat halte ich das für gefährlich für die Freiheit. Die Psychologie sagt es ist krank also ist es illegetim ist das häufigste Argument das ich gegen Suizid gehört habe, z.B.: „diese und auch die daraus resultierenden taten (suizid) haben nichts mit freiheit zu tun, da diese gedanken oder taten nicht aus einer freien entrscheidung heruas entstehen, sondern durch eine psychische störung.“

Diese Argumentation besagt, dass psychisch Gestörte Menschen keine Freiheit haben.
Und ich halte dieses Argument für unzulässig, denn nur weil jemandes Handeln von der Norm abweicht es nicht unfrei sein muss(vgl. Homosexualität, während der Hitlerzeit für Menschenrechte gewesen zu sein etc.)

Wenn jemand der sich suizidiert als krank bezeichnet wird, weil die Handlung von der Norm abweicht, ist leicht der Schluss gezogen, dass weil die Person krank war der Suizid auch irrational war – so denken jedenfalls viele, dabei ist ein Suizid nur in den seltensten Fälle zum Beispiel bei einer Schizophrenie irrational. Wer sich umbringt macht das ja nicht zum Spaß, sondern hat seine Gründe, die man indem man sie pathologisiert nicht ernst nimmt.

Der Erkenntnisgewinn, wenn die Gesellschaft mit einer psychischen Krankheit einen Suizid zu erklären versucht geht gegen null (denn jeder Suizid ist unnormal, d.h. krank). Das wäre ungefähr so logisch wie wenn ich als Ursache für den Krebs sagte: Er war körperlich krank, Dignose: Krebs, wie wenn ich für den Suizid als Ursache angäbe: Er war psychisch krank, Diagnose Depression. Denn diese Depression kommt ja nicht aus dem nichts. Sondern liegt an einem Korrolat aus dem, was wir sind, was wir in unserer Vergangenheit erlebt haben und wie unsere aktuellen Lebensumstände sind. D.h es wäre ein Grund für den Suizid, dass man zum Beispiel nach einer gescheiterten Beziehung nicht mehr leben will. Es wäre ein Grund für den Suizid, wenn man seine Persönlichkeit ablehnt. Es wäre ein Grund für den Suizid, wenn man ständig alleine ist und von seinen Mitmenschen nicht geliebt wird.

„Depression“ ist aber eine Phantom-Begründung. Es erweckt den Eindruck als ob sie (wie die Suizidalität) einem Virus gleich sich im Menschen breitmachte, also extern in den Organismus eindränge und nicht im Wesen der Person selbst begründet ist. Depressiv oder suizidal sind aber die Menschen selbst, weil ihr Charakter so sich selbst entsprechend auf die Umwelt reagiert.
Wenn wäre die Umwelt die Krankheit. Aber man kann nicht als krank bezeichnen wenn eine Person sich entsprechend auf die Umwelt reagiert nämlich depressiv oder suizidal, sondern das ist natürlich. Und also kann auch Suizid rational und aus dem individuellen Empfinden der betreffenden Person auch vernünftig sein was viele durch die Lehrmeinung der Psychologie ohne Begründung widerlegt sehen. Das ärgert mich sosehr, dass ich gerne mal von der Psychologie selbst begründet hätte warum Suizid womöglich unvernünftig, irrational, unfrei ist.

es gebe kein Recht sich zu suizidieren.

Doch, das Recht gibt es. Wer verbietet es?

Die Unterbringung in psychiatrische Kliniken bei Eigengefährdung gegen den indviduellen Willen mit dem Ziel eine Selbstötung zu verhindern.

Und dafür bräuchte es meiner Meinung nach mehr Gründe als nur die Abweichung von der Norm oder die Ansicht einer Institution, weil die persönliche Freiheit eines Menschen ein zu hohes Gut ist, um es zu beschneiden.

Ich glaube nicht, dass die Psychologie den Suizid moralisch bewertet wenn sie ihn als abnorm behandelt. Psychische Krankheiten sind Krankheiten wie alle anderen auch und können/sollten behandelt werden. Wenn ein Allgemeinmediziener zu einem Patienten sagt er hätte eine schwere Lungenentzündung und er müsse zur Behandlung in ein Krankenhaus, dann klassifiziert er ihn als krank. Stellt der Arzt dann den Kranken unter die Gesunden, bzw wertet er ihn ab?

Im Sinne der Evolutionstheorie, die besagt, dass der Stärkere überlebt und dass der Überlebenstrieb grundlegend ist für den Fortbestand eine Spezies, sind Lebensformen, die Suizid begehen ganz einfach nicht lebensfähig. Und die Psychologie, als auch die Allgemeinmedizin, beschäftigt sich im Prinzip nur mit der Gesundheit/Lebensfähigkeit von Menschen.

es gebe kein Recht sich zu suizidieren.

Doch, das Recht gibt es. Wer verbietet es?

Die Unterbringung in psychiatrische Kliniken bei
Eigengefährdung gegen den indviduellen Willen mit dem Ziel
eine Selbstötung zu verhindern.

Und dafür bräuchte es meiner Meinung nach mehr Gründe als nur
die Abweichung von der Norm oder die Ansicht einer
Institution, weil die persönliche Freiheit eines Menschen ein
zu hohes Gut ist, um es zu beschneiden
.

ImhO ist das Leben des Menschen ein noch höheres Gut!

Was nützt dem Menschen seine Freiheit wenn er sich umgebracht hat???

Der Beschneidung der persönlichen Freiheit im Falle von Suizidgefahr liegt das Szenario zugrunde, dass der Mensch, der von diesem Wunsch „geheilt“ wird, hinterher froh ist weiterzuleben. Man hat eben nur ein Leben.

Mich würde mal interessieren, warum es dir so wichtig ist, dass Suizid moralisch aufgewertet wird? Es liegt nicht in der Natur von Lebewesen, den Tod zu suchen, sondern um das Leben zu kämpfen.

Falls du dich umbringen willst, kann es dir doch egal sein, was andere hinterher von dir denken…

LiebeGrüßeChrisTine

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Falls du dich umbringen willst, kann es dir doch egal sein,
was andere hinterher von dir denken…

Es hat ja auch allgemeinen Einfluss auf die Methodenfreiheit ob eine Gesellschaft Suizid als legitim oder ilegitim sieht weshalb es gerade für einen Suizidanten von Bedeutung ist.

(Das ist aber allgemein gehalten und impliziert nicht, dass ich mich umbringen wollte, das ist nicht der Fall).

Hallo Mauskartoffel,

die Freiheit zum Suizid besteht notwendigerweise, denn wenn jemand sich umbringt und die Vorbereitungen so trifft, daß keiner es mitbekommt, kann ihn auch niemand abhalten, und wenn er dann tot ist, kann ihn niemand dafür belangen.

Wenn aber zum Beispiel ich etwas davon mitbekomme, dann gerate ich in einen Konflikt: ist der Betreffende gesund und hat sich bei klarem Verstand dafür entschieden, in den „Freitod“ zu gehen, und soll ich dies als seine von ihm allein zu verantwortende freie Entscheidung respektieren? Oder ist er krank oder verzweifelt und will gerade unter großem emotionalen Druck etwas tun, was er sonst nicht tun würde, und liegt somit ein Notfall vor, bei dem es meine Pflicht wäre, zu helfen, indem ich ihn möglichst abhalte, die Polizei verständige usw.?

Psychologie und Psychiatrie werten hier nicht, und wie es sich für empirische Wissenschaften gehört, haben sie untersucht, wie und unter welchen Bedingungen ihre Phänomene entstehen, und dabei auch vor dem Suizid nicht haltgemacht. Es wurde untersucht, ob es Merkmale gibt, die darauf hindeuten, daß jemand den Suizid plant. Drei Merkmale wurden gefunden: 1) Suizidphantasien (möglicherweise in offener oder verdeckter Form geäußert und dann erkennbar), 2) „Tunnelblick“, eingeengtes Denken und Fühlen, jemand sieht z. B. nur eine einzige Lösung für ein bestehendes Problem und wenn die nicht klappt, ist es die Katastrophe, und 3) nach innen gekehrte Aggression (die Person wirkt zu ruhig, obwohl man erwarten würde, daß sie in ihrer Situation sehr wütend wäre). Dies nennt man das „präsuizidale Syndrom“. Überhaupt scheint der nüchtern abgewogene, rationale Suizid sehr selten zu sein.

Punkte 2) und 3) des präsuizidalen Syndroms, eingeengtes Denken und Fühlen sowie nach innen gewendete Aggression, sind sicher nicht Zeichen für psychische Gesundheit, sie drücken für mich Verzweiflung aus. Außerdem gibt es psychische Erkrankungen, die mit einem erhöhten Selbstmordrisiko verbunden sind, z. B. schwere Depression.

Also entscheide ich mich im o. g. Konflikt dafür, einzugreifen. Ich sehe die Situation so wie einen medizinischen Notfall.

Im übrigen ist es eine extreme Belastung, mit einem Suizid (-versuch) konfrontiert zu werden. Die muß ich nicht seiner „Freiheit“ zuliebe aushalten, ein zweiter Grund, warum ich eingreifen würde.

Grüße,

I.

Moin,

Dabei definiert sich dieses Kranksein doch erstmal nur durch
die Abweichung vom Durchschnitt, also vom Normalen. Lässt sich
davon, dass etwas unnormal ist, d.h. selten vorkommt, das
Nichtsoseinsollen einer Handlung begründen, das
Verwerflichsein sich umzubringen und steht es einer
empirischen Wissenschaft zu derartige Bewertungen vorzunehmen?

Ich denke, dass die meisten Menschen, die Selbstmordgedanken hegen oder sich tatsächlich selbst töten nicht ihr Leben an sich beenden wollen, sondern ihr Leben unter bestimmten Bedingungen (Krankheit, Isolation, Depression, Verlust, Schicksalsschlag, Einsamkeit, Versagen, Perspektivlosigkeit, Schuldgefühle etc.)

Nun lassen sich aber in den meisten Fällen diese Bedingungen durchaus verändern (auch wenn der Betroffene diese Möglichkeit im Moment vielleicht nicht sieht). Indem er sein Leben beendet, vergibt er jedoch jede Chance auf eine Veränderung der Bedingungen und somit auch die Chance, doch noch ein erfülltes und zufriedenes Leben zu führen.

Die Methode der Wahl sollte somit meiner Meinung nach immer sein, zunächst zu versuchen die Bedingungen zu ändern, die zum Wunsch nach einer Selbsttötung geführt haben. Ich vermute mal sehr stark, dass die wenigstens Menschen sich noch selbst töten wollen, wenn sie es geschafft haben, diese Bedingungen tatsächlich zu verändern. Somit sollter der Versuch der Veränderung immer an erster Stelle stehen, denn die Möglichkeit, doch noch zu einem zufriedenen Leben zu finden, gibt es nur, solange man tatsächlich noch lebt. Sterben wird man früher oder später dann schon von alleine :smile:

Gruß
Marion

Verantwortung für sich selbst …
Nun, ich habe schon mit Menschen zu tun gehabt, die sich töten wollten. Dabei schien es mir so, als wenn es drei Gruppen gibt:

Die erste hat „erkannt“ (aus welchen philosophischen und anderen Gründen auch immer), dass es sich nicht lohnt zu leben, sie lehnen es und sich ab.

Die zweite hat Dinge erleben müssen, die sie nicht verkraften und lieber in den Tod ausweichen. Sei es die eigene schwerste Erkrankung, seien es andere Umstände …

Die dritte ist „krank“ in dem Sinn, dass sie an Störungen leiden, die sie entweder in den Suizid zwingen, weil sie die Situation nicht verkraften oder weil sie der Auffassung sind, dass es notwendig sei.

Das Schlimmste, was ich erlebt habe, war, dass eine Auszubildende (Borderline) vor vier Jahre zu mir sagte: „So, ich gehe jetzt zum Turm und springe hinab“. Punkt. Ich stand da wie blöd. Ob meine Reaktion richtig war weiß ich nicht, aber das Mädchen lebt immer noch und hat sich ins Leben gefunden. Ich habe sie umarmt und ihr gesagt: „Hör zu, ich akzeptiere Deine Entscheidung! Und so kann und will und darf ich sie nicht behindern. Ich weiß nur, dass es mir sehr weh tun würde, wenn Du aus Deinem jungen Leben gehst, ein Leben, dass Dir noch viel bieten kann. Ich habe nur eine Bitte: Schau einfach noch einmal in Dein Herz, was Du wirklich möchtest. Und wenn Du willst, dann reden wir …“

Nun, dies taten wir …

Ich wollte fragen woher die Psychologie ihr Recht bezieht
moralisch zu werten, da sie sich doch allgemein als
Wissenschaft versteht.

Sie ist dem Leben verpflichtet. Und aus meiner Sicht nicht nur dem Erhalt sondern der Verbesserung des Wollen und Könnens zum Leben. Scheint mir eine verflucht schwere Verantwortung und Arbeit.

Die Psychologie sieht es als krank, also ist es falsch und es gibt kein Recht
sich zu suizidieren. Nur gibt es nicht auch ein Recht zum
Kranksein, d.h. Unnormalsein, oder gibt es gar eine Pflicht
zum Durchschnittlich, d.h. Normal bzw Gesundsein? Und wenn die
Psychologie solche Pflichten ähnlich wie eine Religion bzw.
Philosophie aufstellt sollte das nicht solide begründet sein?
Da die Psychologie nur mit der empirischen Erfassung von
Phänomenen arbeitet, kann sie das doch gar nicht z.B. eine
Pflicht zu leben oder zum Gesundsein behaupten- wie seht ihr
das?

Evolutionär gesehen, also aus der Sicht der Erhaltung einer Art heraus - schon!

Ich mag die Verwendung des Begriffes „normal“ überhaupt nicht, sie stellt einen sofort in eine bestimmte Ecke. Mir fällt da immer folgender Satz ein: Wenn Du mit einem Bein im Eiswasser stehst und mit dem anderen auf einer heißen Herdplatte, dann geht es Dir im Durchschnitt gut.

Wer hat eigentlich den Begriff „normal“ erfunden? Ist es nicht schlichtweg nur ein Durchschnitt???

Wieso muss die Psychologie ihre Thesen, vor allem was
moralische Angelegenheiten betrifft, nicht begründen?

Und, eine Religion muss es doch auch nicht, oder? Sagt nicht auch eine Religion, dass es nicht geduldet wird, dass sich jemand entleibt? Ist nicht gottgefällig. Und hat auch seinen Sinn: Jede Art muss erhalten bleiben, ist halt ihr Auftrag. Die japanische Einstellung zum Seppuku habe ich jetzt mal rausgelassen, ist eine eigene Art der Lebenseinstellung.

wieso gilt sie dann noch als „Wissenschaft“ auf die sich quasi
jeder bezieht und meint einen Erkenntnisgewinn dadurch
erreicht zu haben? Die Psychologie sagt ja nur, alles, was von
der Norm abweicht ist krank, aber hilft uns das bei der
moralischen Bewertung von Suizid weiter, besonders in Hinsicht
auf das individuelle Selbstbestimmungsrecht und die Freiheit
des Menschen, gegebenenfalls sogar zwischen der eigenen
Existenz oder Nicht-Existenz zu entscheiden, was von
psychologischer Seite ja a priori geleugnet wird? - Warum?

Warum „muss“ man aus psychologischer Sicht leben?

Ist es wirklich so hart gesetzt? Ich verstehe die Psychologie als eine Wissenschaft, die dem Menschen die Entscheidungsfreiheit für die Art seines Lebens (und Sterbens) vermitteln will.

Anders gesagt: Ich wünsche jedem Menschen das Wissen darum, was er wirklich will und das er seine Entscheidung auf der Basis dieses Wissens frei fällen kann. Aber - solange es noch einen möglichen Ausweg statt des Suizids geben kann, dann sollte man helfen.

Und mitunter sieht die Hilfe noch so aus, dass man ihn der Möglichkeit „beraubt“, Suizid zu begehen. Und dies bedarf manchmal drastischer Methoden. Ich kenne aber auch Menschen, die Jahre später dankbar waren, dass sie gehindert wurden …

Lieber Mauskartoffel!

Ich wollte fragen woher die Psychologie ihr Recht bezieht
moralisch zu werten, da sie sich doch allgemein als
Wissenschaft versteht. Als prägnantes Beispiel meine ich damit
den Suizid; indem ihm eine terminologische Kategorisierung als
pathologisch bedacht wird, ist für viele das Nichtseindürfen
des Suizids bewiesen.

Auch wenn man das als unnötige Begriffsfummelei verstehen mag, so ist es doch eine nötige …

Man muss unterscheiden zwischen der Psychologie als Wissenschaft und der Psychologie als angewandter Wissenschaft.

Als Wissenschaft ist die Psychologie nicht weniger als alle anderen Wissenschaften vom Menschen und vom Sozialen dem Ideal der Objektivität und der Werturteilsfreiheit verpflichtet.

Dass selbstverständlich diese Ideale es nicht verhindern können, dass in hohem Maße kulturelle und gesellschaftspolitische Normativität in die Theoriebildung einfließt, ist unbestritten, aber -da das für die Psychologie nicht weniger gilt als für andere Wissenschaften- eine eigenständige Diskussion.

Als angewandte Wissenschaft ist die Psychologie diesen oben genannten Ideale nicht verpflichtet, dafür den Erfordernissen der jeweiligen Praxisfelder.
Nicht weniger wie beispielsweise die angewandte Werbepsychologie der ökonomischen Effiziensteigerung verpflichtet ist -und nicht etwa der Ästethisierung der Werbung unter Inkaufnahme ökonomischer Effizienz, denn dann wäre sie Kunst statt Psychologie- ist auch die therapeutisch angewandte Psychologie als bestimmten normativen Vorgaben unterworfen zu verstehen.

#1) Zu diesen grundlegenden Normen zählt diejenige Norm, die über allem Tun der westlichen Medizin steht: die Erhaltung/Verlängerung des Lebens bzw. die Norm der Selbsterhaltung.

#2) Dazu kommt grundlegend sicher noch die Norm der Präferierung von Autonomie über Heteronomie.

#3) Eine dritte Grundnorm wäre vielleicht noch die der Realitätsadäquanz bzw. die der Anpassung an die (auch gesellschaftliche) Realität.

Auf diesen drei Normen (vielleicht fehlen auch noch welche) ruht alle Psychologie, sobald sie in einem therapeutischen Rahmen auftritt.
Und wie leicht ersichtlich ist, passt der Suizid (bzw. Sterbehilfe) hier nicht rein, weil sicherlich unmittelbar mit Norm #1 in Konflikt geratend - außer in einigen wenigen wiederum normativ festgelegten Ausnahmen, die mit dieser Grundnorm #1 nicht effektiv brechen.

Und auch mit den Normen #2 und #3 kommt der Suizid in Konflikt, wenn auch komplexer als bei Norm #1.

==>> Der Suizid (bwz. Sterbehilfe) kommt wie wohl keine andere Handlungsweise genau mit diesen grundlegenden Normen in Konflikt, auf denen die Psychologie (oder auch die Medizin; ich werde es hier mit der Abgrenzung der Begriffe Psychologie, Psychotherapie, Medizin, Psychiatrie aus Platzgründen nicht so genau nehmen) in ihrer therapeutischen Anwendung ruht.

Deshalb ist eine Psychotherapie völlig undenkbar, die als Regel (nicht als Ausnahme oder als Kunstfehler oder als persönliche Mitleidsmaßnahme, uws.) die Gleichwertigkeit von Sterben und Leben postulieren würde.
Es kann einfach nicht in einem Lehrbuch der Psychiatrie der assistierte Suizid als ein Mittel der Problemlösung neben Antidepressiva, Lichttherapie und Elektrokrampftherapie auftauchen …

Das geht nicht, selbst wenn der Patient vielleicht diese Gleichwertigkeit durchaus sehen mag, und durchaus in gewisser Weise nicht unrealistisch das Sterben als die effizienteste oder einzige aussichtsreiche Lösung seines hartnäckigen Leidens-Problems ansehen mag.

An diesem Punkt kann sich die Psychotherapie nicht nach dem Wunsch des Patienten richten, täte sie es, dann wäre sie schlicht und einfach keine Psychotherapie bzw. Medizin mehr, sondern etwas andere, d.h. eine Form von Beratung und Intervention, die auf anderen grundlegenden Normen ruht als auf den drei oben angeführten.

Vielleicht wäre sie dann eine künftige angewandte Suizidologie mit der Grundnorm #1: Es gibt keinen natürlichen Tod (das ist übrigens in der Tat der erste Mortologismus von Hermann Burgers „Tractatus logico-suicidalis“) und der Norm #2: Besser ein Ende ohne Leiden als ein Leiden ohne Ende.

Es bleibt noch zu erwähnen, wenn auch aus Platzgründen nicht auszuführen, dass diese Normen der Medizin und der therapeutisch angewandten Psychologie in einem so hohen Maße durch den Rechts- und Strafapparat abgesichert sind, wie sonst wohl überhaupt keine praktische Anwendung von Wissenschaft.

Und es bleibt der Hinweis darauf, dass das Verbot des Suzids vielleicht das älteste und stärkste Tabu auf Erden ist (viel stärker als etwa das Tötungsverbot, übertroffen vielleicht höchstens noch vom Inzesttabu), weil im Suizid ein enormes Potential zur Störung der gesellschaftlichen Ordnung besteht, bzw., wie Burger den Gedanken in seinem „Tractatus logico-suicidalis“ so treffend ausdrückt: Der Selbstmörder ist das Karzinom Gottes (lies postaufklärerisch: der herrschenden gesellschaftlichen Ordnung).

Wieso muss die Psychologie ihre Thesen, vor allem was
moralische Angelegenheiten betrifft, nicht begründen?

Diese oben genannten Normen sind quasi das „Apriori“ der (therapeutisch angewandten) Psychologie, diese können also nicht psychologisch begründet werden, weil sie die (therapeutisch angewandte) Psychologie ausmachen.
Sie lassen sich anthropologisch begründen, soziologisch, philosophisch, aber nicht therapeutisch-psychologisch.

Analog dazu lässt sich etwa die Vorstellung, dass wir nicht als eine Addition von Individuen leben, sondern in einer „Gesellschaft“ als einer gegenüber dem Individuum eigenständiger Ebene, nicht von den Gesellschaftswissenschaften begründen, denn gerade das ist ihr von ihnen uneinholbares Axiom oder Apriori, das sie in all ihrem Tun voraussetzen.

Die Psychologie sagt ja nur, alles, was von
der Norm abweicht ist krank …

Nein, das tut sie nicht, das ist schlicht und einfach nicht korrekt, wäre aber eine andere Diskussion - die mit der obigen Norm #3 zu tun hat …

… aber hilft uns das bei der
moralischen Bewertung von Suizid weiter, besonders in Hinsicht
auf das individuelle Selbstbestimmungsrecht und die Freiheit
des Menschen, gegebenenfalls sogar zwischen der eigenen
Existenz oder Nicht-Existenz zu entscheiden, was von
psychologischer Seite ja a priori geleugnet wird? - Warum?

Moral, Wertung, Selbstbestimmungsrechte, Freiheit, Existenz - diese Begriffe werden von der Psychologie nicht geleugnet, sie sind einfach nicht ihr Gebiet der Theoriebildung. Das sind philosophische Begriffe, die ein Psychologe selbstverständlich auch heranziehen kann - wenn er einen philosophischen Diskurs führt.

Warum „muss“ man aus psychologischer Sicht leben?

Muss man absolut nicht!
Man darf nur nicht erwarten, wenn man sein Schicksal in die Hände von Medizin oder Psychotherapie legen will, dass in diesem Bereich das Sterben eine gleichwertige Alternative zum Leben sein kann (Norm #1).

Die Zwangsbehandlung von Selbstgefährdeten, also gewissermaßen der Zwang zum Leben, der wächst nicht auf dem Mist der Medizin oder dem der Psychotherapie, sondern auf dem des Rechts, es braucht dafür eine richterliche Anordnung - welche zwar auf ärztlichen Expertisen beruht, in denen aber notabene kein Zwang zum Leben ausgesprochen wird, sondern ganz wertneutral ein bestehendes Maß an Suizidalität benannt wird. Der Behandlungszwang entstammt dann allein dem Rechtssystem.

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Morior ergo sum_