Lieber Mauskartoffel!
Ich wollte fragen woher die Psychologie ihr Recht bezieht
moralisch zu werten, da sie sich doch allgemein als
Wissenschaft versteht. Als prägnantes Beispiel meine ich damit
den Suizid; indem ihm eine terminologische Kategorisierung als
pathologisch bedacht wird, ist für viele das Nichtseindürfen
des Suizids bewiesen.
Auch wenn man das als unnötige Begriffsfummelei verstehen mag, so ist es doch eine nötige …
Man muss unterscheiden zwischen der Psychologie als Wissenschaft und der Psychologie als angewandter Wissenschaft.
Als Wissenschaft ist die Psychologie nicht weniger als alle anderen Wissenschaften vom Menschen und vom Sozialen dem Ideal der Objektivität und der Werturteilsfreiheit verpflichtet.
Dass selbstverständlich diese Ideale es nicht verhindern können, dass in hohem Maße kulturelle und gesellschaftspolitische Normativität in die Theoriebildung einfließt, ist unbestritten, aber -da das für die Psychologie nicht weniger gilt als für andere Wissenschaften- eine eigenständige Diskussion.
Als angewandte Wissenschaft ist die Psychologie diesen oben genannten Ideale nicht verpflichtet, dafür den Erfordernissen der jeweiligen Praxisfelder.
Nicht weniger wie beispielsweise die angewandte Werbepsychologie der ökonomischen Effiziensteigerung verpflichtet ist -und nicht etwa der Ästethisierung der Werbung unter Inkaufnahme ökonomischer Effizienz, denn dann wäre sie Kunst statt Psychologie- ist auch die therapeutisch angewandte Psychologie als bestimmten normativen Vorgaben unterworfen zu verstehen.
#1) Zu diesen grundlegenden Normen zählt diejenige Norm, die über allem Tun der westlichen Medizin steht: die Erhaltung/Verlängerung des Lebens bzw. die Norm der Selbsterhaltung.
#2) Dazu kommt grundlegend sicher noch die Norm der Präferierung von Autonomie über Heteronomie.
#3) Eine dritte Grundnorm wäre vielleicht noch die der Realitätsadäquanz bzw. die der Anpassung an die (auch gesellschaftliche) Realität.
Auf diesen drei Normen (vielleicht fehlen auch noch welche) ruht alle Psychologie, sobald sie in einem therapeutischen Rahmen auftritt.
Und wie leicht ersichtlich ist, passt der Suizid (bzw. Sterbehilfe) hier nicht rein, weil sicherlich unmittelbar mit Norm #1 in Konflikt geratend - außer in einigen wenigen wiederum normativ festgelegten Ausnahmen, die mit dieser Grundnorm #1 nicht effektiv brechen.
Und auch mit den Normen #2 und #3 kommt der Suizid in Konflikt, wenn auch komplexer als bei Norm #1.
==>> Der Suizid (bwz. Sterbehilfe) kommt wie wohl keine andere Handlungsweise genau mit diesen grundlegenden Normen in Konflikt, auf denen die Psychologie (oder auch die Medizin; ich werde es hier mit der Abgrenzung der Begriffe Psychologie, Psychotherapie, Medizin, Psychiatrie aus Platzgründen nicht so genau nehmen) in ihrer therapeutischen Anwendung ruht.
Deshalb ist eine Psychotherapie völlig undenkbar, die als Regel (nicht als Ausnahme oder als Kunstfehler oder als persönliche Mitleidsmaßnahme, uws.) die Gleichwertigkeit von Sterben und Leben postulieren würde.
Es kann einfach nicht in einem Lehrbuch der Psychiatrie der assistierte Suizid als ein Mittel der Problemlösung neben Antidepressiva, Lichttherapie und Elektrokrampftherapie auftauchen …
Das geht nicht, selbst wenn der Patient vielleicht diese Gleichwertigkeit durchaus sehen mag, und durchaus in gewisser Weise nicht unrealistisch das Sterben als die effizienteste oder einzige aussichtsreiche Lösung seines hartnäckigen Leidens-Problems ansehen mag.
An diesem Punkt kann sich die Psychotherapie nicht nach dem Wunsch des Patienten richten, täte sie es, dann wäre sie schlicht und einfach keine Psychotherapie bzw. Medizin mehr, sondern etwas andere, d.h. eine Form von Beratung und Intervention, die auf anderen grundlegenden Normen ruht als auf den drei oben angeführten.
Vielleicht wäre sie dann eine künftige angewandte Suizidologie mit der Grundnorm #1: Es gibt keinen natürlichen Tod (das ist übrigens in der Tat der erste Mortologismus von Hermann Burgers „Tractatus logico-suicidalis“) und der Norm #2: Besser ein Ende ohne Leiden als ein Leiden ohne Ende.
Es bleibt noch zu erwähnen, wenn auch aus Platzgründen nicht auszuführen, dass diese Normen der Medizin und der therapeutisch angewandten Psychologie in einem so hohen Maße durch den Rechts- und Strafapparat abgesichert sind, wie sonst wohl überhaupt keine praktische Anwendung von Wissenschaft.
Und es bleibt der Hinweis darauf, dass das Verbot des Suzids vielleicht das älteste und stärkste Tabu auf Erden ist (viel stärker als etwa das Tötungsverbot, übertroffen vielleicht höchstens noch vom Inzesttabu), weil im Suizid ein enormes Potential zur Störung der gesellschaftlichen Ordnung besteht, bzw., wie Burger den Gedanken in seinem „Tractatus logico-suicidalis“ so treffend ausdrückt: Der Selbstmörder ist das Karzinom Gottes (lies postaufklärerisch: der herrschenden gesellschaftlichen Ordnung).
Wieso muss die Psychologie ihre Thesen, vor allem was
moralische Angelegenheiten betrifft, nicht begründen?
Diese oben genannten Normen sind quasi das „Apriori“ der (therapeutisch angewandten) Psychologie, diese können also nicht psychologisch begründet werden, weil sie die (therapeutisch angewandte) Psychologie ausmachen.
Sie lassen sich anthropologisch begründen, soziologisch, philosophisch, aber nicht therapeutisch-psychologisch.
Analog dazu lässt sich etwa die Vorstellung, dass wir nicht als eine Addition von Individuen leben, sondern in einer „Gesellschaft“ als einer gegenüber dem Individuum eigenständiger Ebene, nicht von den Gesellschaftswissenschaften begründen, denn gerade das ist ihr von ihnen uneinholbares Axiom oder Apriori, das sie in all ihrem Tun voraussetzen.
Die Psychologie sagt ja nur, alles, was von
der Norm abweicht ist krank …
Nein, das tut sie nicht, das ist schlicht und einfach nicht korrekt, wäre aber eine andere Diskussion - die mit der obigen Norm #3 zu tun hat …
… aber hilft uns das bei der
moralischen Bewertung von Suizid weiter, besonders in Hinsicht
auf das individuelle Selbstbestimmungsrecht und die Freiheit
des Menschen, gegebenenfalls sogar zwischen der eigenen
Existenz oder Nicht-Existenz zu entscheiden, was von
psychologischer Seite ja a priori geleugnet wird? - Warum?
Moral, Wertung, Selbstbestimmungsrechte, Freiheit, Existenz - diese Begriffe werden von der Psychologie nicht geleugnet, sie sind einfach nicht ihr Gebiet der Theoriebildung. Das sind philosophische Begriffe, die ein Psychologe selbstverständlich auch heranziehen kann - wenn er einen philosophischen Diskurs führt.
Warum „muss“ man aus psychologischer Sicht leben?
Muss man absolut nicht!
Man darf nur nicht erwarten, wenn man sein Schicksal in die Hände von Medizin oder Psychotherapie legen will, dass in diesem Bereich das Sterben eine gleichwertige Alternative zum Leben sein kann (Norm #1).
Die Zwangsbehandlung von Selbstgefährdeten, also gewissermaßen der Zwang zum Leben, der wächst nicht auf dem Mist der Medizin oder dem der Psychotherapie, sondern auf dem des Rechts, es braucht dafür eine richterliche Anordnung - welche zwar auf ärztlichen Expertisen beruht, in denen aber notabene kein Zwang zum Leben ausgesprochen wird, sondern ganz wertneutral ein bestehendes Maß an Suizidalität benannt wird. Der Behandlungszwang entstammt dann allein dem Rechtssystem.
_ ℂ Λ ℕ Ð I Ð €
Morior ergo sum_