Hi!
Alle Einteilungen, die ich hier bisher gelesen habe, beziehen sich fast ausschließlich auf die Ereignisse der Westfront. Das ist zwar verständlich, weil sich das Augenmerk aus heutiger Sicht eben vor allem auf die Schlächtereien in Frankreich und Belgien richtet, wird dem Ersten Weltkrieg aber nicht gerecht. Immerhin gab es auch reichlich Kämpfe im Osten und Südosten Europas sowie an der österreichisch-italienischen Grenze.
Das Jahr 1914 an der Westfront würde ich überschreiben mit „Vom schnellen Vormarsch zum Stellungskrieg“:
- der Vormarsch der Deutschen bis zur Schlacht an der Marne mit dem deutschen Rückzug am 9.September 1914
- der „Wettlauf zum Meer“ von Ende September bis Mitte November 1914 mit den Schlachten um Ypern und Langemarck
- die Winterschlacht in der Champagne und bei Arras im Dezember 1914 und der damit beginnende Stellungskrieg
Das Jahr 1915 war gezeichnet von französischen Offensiven, die zu keinem Ergebnis führten. Auf beiden Seiten musste umgedacht werden: „Der Stellungskrieg“
- Mitte Februar 1915 Wiederaufnahme der französischen Offensive in der Champagne
- erster massiver Einsatz von Chlorgas der Deutschen gegen französische Truppen bei Ypern (22.April 1915)
- Beginn der Lorettoschlacht bei Arras Anfang Mai mit schweren französischen Angriffen
- erneute Offensive der Franzosen und Briten in der Champagne Ende September 1915
- Einstellung aller Operationen am 1.November 1915
1916 war „Das Jahr der großen Materialschlachten“:
- im Februar 1916 Beginn des deutschen Angriffes auf Verdun, durch den die französische Armee ausgeblutet werden sollte
- im Juni 1916 Offensive der Briten und Franzosen beiderseits der Somme
- Juli 1916 deutsche Gegenoffensive an der Somme
- Angriff der Franzosen bei Verdun im Dezember 1916
Im Jahr 1917 suchten beide Seiten eine „Entscheidung durch Einsatz vom Menschen- und Materialmassen“:
- britische Großoffensive bei Arras und der Franzosen an der Aisne im April 1917
- Kampf zwischen Briten und Deutschen um den Wytschaete-Bogen Ende Mai, Anfang Juni
- im Juni 1917 treffen die ersten US-amerikanischen Truppen in Frankreich ein
- kombinierte Aktion von Briten in Flandern und Franzosen vor Verdun im August 1917
- erster massiver Panzereinsatz der Briten bei Cambrai Ende November 1917
1918 versuchten die Deutschen an der Westfront eine Entscheidung herbeizuführen, bevor die Amerikaner in das Kriegsgeschehen eingreifen konnten. Es wird „Das Jahr der Entscheidung“
- Von Ende März bis Anfang Jnui letzte deutsche Großoffensiven führen zu Geländegewinnen in Flandern, der Picardie und der Champagne. Erstmals seit 1914 stehen deutsche Truppen wieder südlich der Marne.
- Gegenoffensiven der Alliierten ab Mitte Juli 1918 führen zu schweren deutschen Verlusten
- der 8.August 1918 wird zum „schwarzen Tag des deutschen Heeres“. An der Somme werden 16 deutsche Divisionen vernichtet
- ab Mitte August 1918 Rückzug der Deutschen aus Frankreich auf breiter Front
- Ende September 1918 muss die deutsche Heeresleitung den unmittelbar bevorstehenden militärischen Zusammenbruch eingestehen
Im Osten sah der Kriegsverlauf gänzlich anders aus. Von daher sind die Überschriften für die Jahre 1914 bis 1918 hier anders zu wählen.
Das Jahr 1914 an der Ostfront könnte man am besten mit „Die russische Dampfwalze gestoppt“ titulieren:
- Ende August 1914 werden in der Schlacht von Tannenberg eine russische Armee vernichtet, Anfang September eine weitere bei der Schlacht an den Masurischen Seen
- im September erleiden die KuK-Truppen Österreich-Ungarns in Galizien eine vernichtende Niederlage gegen die Russen
- im Oktober und November erobern die Deutschen das russische Polen
- der Winter und die hohen Verluste in Polen stoppt die Russen bei ihrem Vormarsch in den Karpaten
Das Jahr 1915 zeichnet sich im Osten durch die „Beistandsoffensive in Galizien“ aus:
- im Januar 1915 erfolgt die Winteroffensive der Mittelmächte in den Karpaten
- die Gegenoffensive der Russen im März 1915 wird zurückgeschlagen
- von Mai bis August 1915 erobern die Mittelmächte Galizien und das russische Polen
- russische Gegenangriffe von Mitte September bis Mitte November werden zurückgeschlagen
Das Jahr 1916 war im Osten das „Jahr der Brussilow-Offensiven“:
- von Januar bis März 1916 versuchten die Russen, Litauen und Polen zurückzuerobern
- im Juni 1916 dreimonatige russische Offensive gegen die Österreicher, die ihre schwerste Niederlage seit Kriegsbeginn erleiden
- Mitte September 1916 die zweite Brussilow-Offensive, die jedoch scheitert, ebenso wie die russischen Offensiven im Oktober und November
1917 wird im Osten das Jahr des „Zusammenbruchs des Zaren-Reiches“ und des Waffenstillstandsvertrages von Brest-Litowsk:
- ab März 1917 politische Unruhen in Petrograd (vormals St.Petersburg); Zar Nikolaus dankt ab; Fürst Lwow wird Regierungschef, Kerenski Kriegsminister. Der Krieg soll fortgesetzt werden
- letze russische Offensive im Juli 1917 im Drei-Länder-Eck Österreich-Ungarn, Rumänien und Russland wird zurückgeschlagen; als Folge übernimmt Kerenski die Regierungsgewalt
- im September 1917 erobern die Deutschen Riga, im Oktober die Inseln vor der lettischen Küste
- durch einen Putschversuch des Generals Kornilow im September 1917 ist die Position Kerenskis geschwächt; im November 1917 nutzen die Bolschewiken unter Lenin dies zum Umsturz.
- Waffenstillstand zwischen den Mittelmächten und der neu installierten Sowjet-Regierung unter Lenin am 15.Dezember 1917
1918 war im Osten das „Jahr des großen Vormarsches“.
- im Februar 1918 scheitern die Friedensverhandlungen zwischen den Sowjets unter Trotzki und den Mittelmächten; die Kämpfe flammen erneut auf
- im März 1918 erklären sich die Sowjets bereit, einen Friedensvertrag zu den deutschen Bedingungen abzuschließen
- im April 1918 landen deutsche Truppen in Finnland, um den finnischen General Mannerheim bei seinem Kampf um eine finnische Unabhängigkeit zu unterstützen
- bei Kriegsende haben die Mittelmächte das russische Gebiet westlich der Linie Peipus-See - Witebsk - Gomel - Kursk - Rostow sowie Finnland und das gesamte Gebiet zwischen dem Kaukasus und der türkisch-iranischen Grenze unter Kontrolle
Du siehst, der Erste Weltkrieg muss in seinem Verlauf von 1914 bis 1918 je nach West- oder Ostfront ganz unterschiedlich betrachtet werden.
Grüße
Heinrich
(benutzte Quelle: Jan Piekalkiewicz, Der Erste Weltkrieg, Econ-Verlag, 1988)