jemand hat Angst, seine Wohnung zu verlassen, verfällt in absolute Panik, wenn er auch nur einen Fuß vor die Türschwelle tun soll. Wie ist der Fachbegriff für diese phobische Störung? Und welche Therapieansätze sind euch bekannt?
jemand hat Angst, seine Wohnung zu verlassen, verfällt in
absolute Panik, wenn er auch nur einen Fuß vor die Türschwelle
tun soll. Wie ist der Fachbegriff für diese phobische Störung?
Und welche Therapieansätze sind euch bekannt?
Hallo Jana,
das ist die Agoraphobie. Ein Arzt für psychotherapeutische Medizin muß die Behandlung im Einzelfall festlegen.
Die von Dir beschriebenen Symptome deuten auf Agoraphobie hin, so wie es Michael schon geschrieben hat. Im allgemeinen hilft Verhaltenstherapie dagegen am besten (v.a. Reizkonfrontations- und Reaktionsverhinderungsverfahren).
falls Du mit „Ursachenforschung“ diejenige vor (oder in) der Therapie meinst, so stellt die Verhaltensanalyse den diagnostischen Part in einer Verhaltenstherapie dar. In einer Verhaltenanalyse werden zusammen mit dem Patienten / der Patientin Bedingungsfaktoren für sein / ihr Verhalten und Erleben herausgearbeitet, was in einem patientenorientierten Erklärungsmodell der individuellen Symptomatik resultiert. Dieses Erklärungsmodell ermöglicht dem Patienten / der Patientin ein Verstehen seiner / ihrer Situation und ist eine wesentliche Bedingung für den Behandlungserfolg.
Daß Verhaltenstherapie symptomorientiert, andere Therapieformen dagegen ursachenorientiert vorgingen, ist Kampfpropaganda dieser anderen Therapieformen. Ich möchte in diesem Zusammenhang einmal Prof. Adolf-Ernst Meyer vom Universitätskrankenhaus Eppendorf in Hamburg zitieren. Er schreibt im Kapitel „Grundrichtungen der Psychotherapie und ihre Modelle“ aus dem Buch „Jores-Praktische Psychosomatik. Einführung in die Psychosomatische und Psychotherapeutische Medizin“ zum psychodynamischen oder tiefenpsychologischen Modell:
" FREUD - und mit ihm eine große Zahl der Psychoanalytiker bis heute - hielt und hält die Psychoanalyse für die kausale Therapie der Neurosen , was auf folgendem Theorem beruht: Notwendige Voraussetzung neurotischer Symptome ist die Unbewußtheit eines Konflikts, dessen Abkömmlinge, als getarnt-pantomimischer Ausdruck (= Konversion), als magisches Ungeschehen-Machen (= Zwangssymptome), als Affekt-Äquivalent (z.B. Erröten) usw. zu dem oder den Symptomen werden. Durch Bewußtmachung dieses Konflikts - und genau dieses mußte der Psychoanalytiker mit seinen Deutungen erreichen - entfiel diese notwendige Voraussetzung, wodurch das oder die Symptome schwanden.
Dieses Theorem der Unbewußtheits-Notwendigkeit führte zu zwei Konsequenzen:
Nur «veridikale», also mit dem unbewußten Psychodynamismus übereinstimmende, Deutungen führten zur Symptomreduktion - unzutreffende, und jeder Analytiker äußert davon viele - verpufften wirkungslos.
Auch andere Therapien (zu FREUDs Zeiten waren dies Elektrotherapie, Sanatoriumserholungen, Hypnose, Diäten usw.) hatten Erfolge, aber diejenigen der Psychoanalyse - da kausal - waren stärker und dauerhafter.
Mit diesem «Übereinstimmungsargument» im Junktim mit der therapeutischen Überlegenheit hatte FREUD ein logisch stringentes Argument, welches seine Theorie und Therapie gleichzeitig und ineins validierte. Allein und leider, dieses hält der empirischen Überprüfung nicht stand. In allen größeren Metaanalysen von Therapieergebnissen (SMITH et al., 1980; WITTMANN u. MATT, 1986; GRAWE et al., 1994) schneidet die Psychoanalyse nicht - weil als einzige kausal - als überlegener Sieger ab, sondern auf dem 3. oder 4., selten auf dem 2. Platz. Auch wenn GRÜNBAUM (1984), welcher dieses Kausaltheorem und dessen empirisches Scheitern herausgearbeitet hat, vernachlässigt, daß die Psychoanalyse längst eine ganze Reihe weiterer Bedingungen therapeutischer Wirksamkeit endeckt hat (z.B. geduldiges Akzeptiertwerden, Nachreifen, Identifikation mit dem Analytiker, z.B. dessen einem Handeln vorgängige realistische emotionale Situationserklärung oder dessen Toleranz für infantile und anstößige Regungen u. a.m.), bleibt die harte Wahrheit, daß Bewußtmachung keine notwendige Bedingung für Heilung oder Linderung neurotisch-psychosomatischen Leidens ist" (S. 29/30, Hervorhebungen von mir).
Du siehst also, daß selbst ein erfahrener Kliniker, dem man „praktische Erfahrung“ wohl schlecht wird absprechen können und der der Psychoanalyse wohlwollend gegenüber steht, nicht bestreitet, daß die Behauptung, Psychoanalyse sei ursachenorientierte Behandlung und daher erfolgreich, eine Behauptung ist, die von den Ergebnissen der Therapieforschung nicht gestützt wird.
Hallo Jana,
Bei phobischen Störungen denkt man sofort an Psychotherapie und hierbei speziell an Verhaltenstherapie.
Manchmal sind jedoch alle psychotherapeutischen Bemühungen vergeblich, weil die Ursachen nicht primär psychisch sind.
Ich schreibe dies hier auch in Erinnerung an einen Fall aus meiner Praxis, bei dem eine Frau ähnliche Angststörungen hatte und auch kaum noch das Haus verlassen konnte.
Verhaltens- und Gesprächstherapie zeigten keinen Erfolg und erst als ich die verantwortlichen körperlichen Ursachen gefunden und behandelt hatte, verschwanden nach und nach auch die Ängste.
Näheres dazu kannst du hier nachlesen: http://www.pflaum.de/nhp.dir/nh/archiv/2001/nhp06/a_…
Gruß
KH
für eine exakte Benennung des Phänomens, das du andeutest, ist die Beschreibung zu grob. Man müßte genauer wissen, welche Vorstellung beim Haus-Verlassen Panik auslösend ist. So wie du es beschreibst, kommt es eher bei sog. „Soziophobien“ („soziale Phobien“) vor, als bei Agoraphobien.
Zur ersten Orientierung könnte dir vielleicht z.B. dieser Link nützliche sein:
auch sehr interessant, ich glaub das passt eher zu meinem Bekannten…schwierig zu unterscheiden, vor allem weil er
auch nicht interessiert ist, eine Therapie zu machen. Er ist
Mitte 50, em. Prof. und lebt seit seiner Ehescheidung vor 14 ! Jahren allein, geht nur raus zum Einkaufen und dies wird auch einigermaßen hektisch-schnell erledigt. Wenn er entdeckt, daß man sich Lebensmittel nach Hause liefern lassen kann, wird er gar nicht mehr rausgehen. Allerdings läßt er auch nur sehr unwillig jemanden rein. Ich hab da schon ein Sonderprivileg.
Aber soweit, ihn in eine Therapie zu verwickeln komm ich nicht.
Es ist sehr schade, denn er ist ein sehr intelligenter Mensch,
nur leider ohne Zutrauen zu sich und schon gar nicht zu anderen.
Warum ich das jetzt schreibe, weiss ich selber nicht, mir kamen
nach Deinem und Met. Posting grad so die Gedanken an ihn. Und
leider ist es so, wenn jemand vergessen werden will, vergisst
man ihn auch allzuschnell.
aber die von der Erstposterin geschilderten Symptome sind charakteristischer für die Agoraphobie als für die soziale Phobie. Das Leitsymptom der sozialen Phobie ist die Angst vor Bewertung durch andere, unbekannte Menschen und / oder in Leistungssituationen. Davon steht im Erstposting gar nichts. Selbstredend kann es sein, daß der Grund für das Nichtverlassen des Hauses eine soziale Angst ist, so lange davon aber nichts berichtet wird, ist meine Hypothese nicht die der sozialen Phobie. O.k.?
Auf Anfrage hier noch Näheres: Die Frau, um die es geht, hat einen schweren Schock erlitten (einziges Kind ermordet). Dazu kommt, dass sie ihre Ängste nicht eingesteht. Sie hat es auch nicht nötig, das Haus zu verlassen. Alkoholmissbrauch könnte eine weitere Rolle spielen…
jemand hat Angst, seine Wohnung zu verlassen, verfällt in
absolute Panik, wenn er auch nur einen Fuß vor die Türschwelle
tun soll. Wie ist der Fachbegriff für diese phobische Störung?
Und welche Therapieansätze sind euch bekannt?
Detektivarbeit. Wenn du sie bei der Recherche wertfrei und ohne Eile unterstützen kannst, also bereit bist Tod und Mord zu trennen, hilfst du ihr eher. Angst ist Enge, also auch Halt. Widerstand und Sicherheit zu utilisieren, kostet viel Zeit.
verwechseln heilt schrittweise
dein therapieansatz ist wie spiegelputzen, wenn sonne darin blendet. in dem augenblick, in dem du ein subjekt aus seinem soziotop löst, um es als objekt zu untersuchen, machst du nur ein noxen-mimikri. solange du dich selbst nicht als noxe begreifst, putzt du den spiegel, statt dem subjekt zu helfen, sich auf neue objekte auszurichten. so viel zu meiner undercover-erfahrung als noxe und genoxte (vor grellem hintergrund)