Hallo Thomas,
Wie heißt dieser Lorenzen denn mit Vornamen?
Du stellst Frage… ich glaube Sievert, bin mir aber nicht ganz sicher. Das ist ein Zoologe aus Kiel.
Ich habe im Gedächtnis, dass es sich eher um Analogien als um
Kausalitäten handelt, weshalb ich ein wenig über das „warum“
und das „erklärbar“ stolpere. Sind die Analogien nachweisbar
im Sinne von „brutal facts“ oder eher weiche Kann-Effekte, die
man zwar feststellen, aber nicht klar ableiten kann?
Ich möchte mit einer Analogie antworten: Wenn wir heute Dinge Lernen, hangeln wir uns (ungefähr) an der historischen Entwicklung des Wissens entlang. Wir fangen an, erstmal das Rutherfortsche Atommodell zu lernen, wohl wissend, daß es eigentlich nicht stand der Wissenschaft ist, und lernen danach erst Bohrs Atommodell, bevor wir mit Schrödingers Gleichungen rumhantieren. An sich ist die Kenntnis von Rutherforts Modell nicht notwendig, um die etwas neuere quantenmechanische Darstellung zu verstehen. Praktisch is es jedoch am einfachsten, jemandem anhand der historischen Erkenntniskette auf den neuesten Stand zu bringen. Da es beliebig viele denkbare Wege gibt, auf die Quantentheorie zu kommen, dient die Tatsache, daß die Erkenntniskette wie wir sie lernen (=Ontogenie) auch im Prinzip die sein muß, die die Menschheit zu dieser Erkenntnis verhalf (=Phylogenie), eben nicht als Beweis dafür. Aber - und das ist ein indirekter Schluß - wenn diese Erkenntniskette „phylogenetisch“ erfolgreich war, ist es doch eher fraglich, warum sie „ontogenetisch“ nicht ebenso sinnvoll sein sollte, denn das Ziel ist in beiden Fällen ja das gleiche (nur auf unterschiedlichen Zeitskalen).
Ich würde also, um deine Terminologie zu verwenden, sagen, die Biogenetische Grundregel ist kein „brutal fact“ sondern ein „Kann-Effekt“ als starkes Plausibilitätskriterium. Oder anders herum: Die Wahrscheinlichkeit, daß die Phylogenese eine Ontogenetische Rekapitulation ihrerselbst bedingt, ist extrem hoch.
Könnte man formulieren: „Man meinte früher, es seien Beweise,
aber heute genügt die Regel nicht mehr den Beweiskriterien.“?
Ich weiß nicht, ob der Ausdruck „Beweis“ unter Biologen gebraucht wurde oder ob das durch eine „populärwissenschaftliche Kontratierung“ entstand. Denn die Beweiskriterien sind seit Beginn der naturwissenschaftlichen Denkweise ja die selben. In Verruf geraten ist die Sache ja nur im Streit mit Kreationisten. Beweise ieS hatten und haben beide Gruppen keine; die Biologen haben Wahrscheinlichkeitsbetrachtungen und die Regel, Dinge mit möglichst wenigen Grundannahme widerspruchsfrei zu erklären und die Kreationisten hatten ihre Überzeugungen. Mithin halte ich die ganze Diskussion darum für müßig.
Kennst du eine gute Darstellung dieses Streites auf heutigem
Niveau?
Nein. Weil ich diese Auseinandersetzung in keiner Weise für sinnvoll halte, informiere ich mich auch nicht für diesbzgl. Darstellungen.
Ebenso herzliche Grüße,
Jochen