Plagiate in der Werbung

Hallo,
es gibt immer wieder recht dreiste Fälle von Plagiatismus in der Werbung. Da laufen Lieder, die vom Arrangement, Tempo, Harmoniefolge etc. verdächtig nach irgendwelchen Hits klingen. Ich weiß nicht, wie es euch geht, aber mir geht das gehörig auf die Nüsse. Vor Jahren gabs mal Schweppes-Werbung, da lief eine grottenschlecht nachgeahmte Pseudo-Cantaloop-Version (US3). Offenbar war das selbst den plagiierten Künstlern zu gruselig, dass sie eingwilligten und der gleiche Spot wenige Wochen später tatsächlich mit US3-Mukke unterlegt war.
Momentan u.a. on Air (weiß leider bzw. gottseidank nicht die beworbenen Produkte):

  • ein schlechter „Toms Diner“-Abklatsch (Susan Vega)
  • ebenso schlecht eine The Strokes-Verhunzung („Someday“)
    Wer kennt noch weitere Beispiele? Und was haltet ihr von solchen Respektlosigkeiten?

Gruß
André
PS: Tom Waits hat ja offenbar gegen so eine Verarschung prozessiert :
http://de.cars.yahoo.com/050915/292/4our8.html

In der aktuellen Kinderriegelwerbung kommt ein weichgespülter Abklatsch von Supergrass „alright“ („we are young, we are free…“)

Dann gibts ne Werbung ich glaub für Waschmittel wo sie Meredith Brooks „bitch“ umgedichtet haben.

Wahrscheinlich gibts davon unzählige Beispiele. Man sollte die Spots auf Video an die jeweiligen Labels schicken, damit die dagegen vorgehen können! :smile:

stimmt, die Supergrass-Verballhornung mit den zwei affektiert-regressiven Schlampen ist mir auch schon übel aufgestoßen…
andré

hintergrund
es kommt relativ oft vor, daß die macher oder auftraggeber der jeweiligen werbung ein bestimmtes lied im ohr haben, das label ihnen aber keine freigabe für die verwendung erteilt. in solchen fällen wird ein komponist beauftragt, etwas ähnliches zu schreiben - es soll an das original erinnern, gleichzeitig aber unterschiedlich genug sein, um nicht abgemahnt werden zu können.

dabei muß man festhalten, daß die ähnlichkeit zwar gewollt ist, aber meist auf die bewußte verwendung von attributen zurückzuführen ist, die keineswegs einzigartig sind… bestimmte harmoniefolgen, rhythmen, melodische linien, klangfarben usw. kommen in der musik immer wieder vor, und „nur“ die bewußte häufung weist dann auf das jeweilige original hin. außerdem ist vieles hörpsychologisch erklärbar, zum beispiel nimmt man eine rhythmisch entsprechende, melodisch aber genau entgegengesetzte variante einer bekannten melodie leicht als kopie wahr, obwohl sie eben genau das gegenteil ist…

es kommt übrigens auch vor, daß das label das original erst als reaktion auf das vorhandensein eines nicht klagbaren produkts freigibt - um nun doch daran abzucashen. haltet mich für verrückt, aber ich finde das wesentlich bedenklicher…

wer übrigens plagiate für das böse hält, möge sich mal was von the rutles reinziehen.

Ich verstehe die Werbeleute nicht. Geht es denn nicht allen Zuschauern so, dass man auf Grund der ähnlichen Melodie das bekannte Lied erwartet und dann enttäuscht ist, wenn der Refrain irgendwie anders klingt?
Ich mein das jetzt rein psychologisch. Unterbewußt summe ich (wenn auch stumm und nur im Kopf) das mir bekannte Lied mit und dann stimmen die Harmonien nicht mit dem Song aus der Werbung überein. Also meine unterbewusste Reaktion ist doch dann eher Enttäuschung. Was versprechen sich die Werbefuzzis davon?

das ist eine interessante frage. bin keiner von den werbeleuten, aber komponist, und unter anderem habe ich bisher auch sachen verfaßt, die in diese sparte fallen könnten (allerdings noch nicht für fernsehwerbung oder ähnlich bekannte dinge), und sie sind bisher immer ganz gut angekommen.

in vielen fällen geht es nur darum, eine stimmung zu treffen, eine message zu transportieren, die im original vorkommt und durch die neuschöpfung in erinnerung gerufen wird, oder beispielsweise einen akustischen aufhänger zu haben… der von dir beschriebene effekt sollte in der tat nicht auftreten, wobei ich nicht weiß, ob du eher ein einzelfall bist oder die betreffenden komponisten ihre arbeit schlecht gemacht haben :wink:

wie gesagt: hör dir doch mal ein lied von the rutles an, und du wirst sofort wissen, welche(s) lied(er) der beatles neil innes im jeweiligen moment im kopf hatte. ich glaube nicht, daß du auch nur eine sekunde enttäuschung erleben wirst.

Hallo,

dieses „Nachkomponieren“ ist eine Technik, die auch Radiosender gerne in Auftrag geben: In diesem Fall geht es darum, Jingles oder Musikbetten zu produzieren, deren Instrumentierung und Harmonien an die für den jeweiligen Sender wichtiger, weil häufig gespielter Titel angelehnt sind. Die Melodie muss natürlich anders sein, um mit der Kennmelodie der Radiostation übereinzustimmen. Das heißt, es gibt dann ein Musikbett „Robbie Williams“ oder „Strawberry fields forever“, das bevorzugt vor oder nach jenem Titel bzw. einem Lied jenes Interpreten eingesetzt wird. In diesem Fall kommt zu der möglicherweise fehlenden Verwendungsfreigabe hinzu, dass der Originaltitel meist nicht voll instrumental ist und eventuell nicht „modern“ genug klingt. Zudem wären die GEMA-Kosten erheblich, da solche Soundelemente natürlich nicht, wie ein Musiktitel, drei oder vier Mal, sondern dümmstenfalls dreißig oder vierzig Mal am Tag „gespielt“ werden.

Gruß
Christopher

es kommt relativ oft vor, daß die macher oder auftraggeber der
jeweiligen werbung ein bestimmtes lied im ohr haben, das label
ihnen aber keine freigabe für die verwendung erteilt. in
solchen fällen wird ein komponist beauftragt, etwas ähnliches
zu schreiben - es soll an das original erinnern, gleichzeitig
aber unterschiedlich genug sein, um nicht abgemahnt werden zu
können.

Das habe ich mir auch schon gedacht. Gibt es eigentlich bestimmte Kriterien, nach denen entschieden wird, ob es juristisch ein Plagiat oder nur ein irgendwie ähnliches Lied ist? Ich stelle mir die Entscheidung ziemlich schwierig vor. Es gibt ja schließlich Komponisten (u.a. Bohlen), die sich selbst plagiieren, aber behaupten, ein neues Lied komponiert zu haben…

dabei muß man festhalten, daß die ähnlichkeit zwar gewollt
ist, aber meist auf die bewußte verwendung von attributen
zurückzuführen ist, die keineswegs einzigartig sind…
bestimmte harmoniefolgen, rhythmen, melodische linien,
klangfarben usw. kommen in der musik immer wieder vor, und
„nur“ die bewußte häufung weist dann auf das jeweilige
original hin.

Das stimmt wohl. Aber die Häufung ist ja so penetrant, dass man am liebsten die Glotze aus dem Fenster schmeißen würde, weil man hofft, der verantwortliche Komponist geht gerade unten spazieren.

außerdem ist vieles hörpsychologisch erklärbar,

zum beispiel nimmt man eine rhythmisch entsprechende,
melodisch aber genau entgegengesetzte variante einer bekannten
melodie leicht als kopie wahr, obwohl sie eben genau das
gegenteil ist…

Hast du ein Beispiel dafür?

es kommt übrigens auch vor, daß das label das original erst
als reaktion auf das vorhandensein eines nicht klagbaren
produkts freigibt - um nun doch daran abzucashen. haltet mich
für verrückt, aber ich finde das wesentlich bedenklicher…

Ja, bei der Schweppes-Werbung war es ja so. Aber ob das bedenklicher ist? Ich finde es im Gegenteil verständlich. Bevor irgendwelche Deppen meine Idee verhuntzen, mach ich halt selbst den Reibach.

wer übrigens plagiate für das böse hält, möge sich mal was von
the rutles reinziehen.

Es gab doch mal nen Film mit denen, oder? Sicherlich funktionieren die nach dem gleichen Schema, aber es handelt sich weniger um Plagiate als um Satire. Ziemlich gute sogar.

Gruß
andré

Das habe ich mir auch schon gedacht. Gibt es eigentlich
bestimmte Kriterien, nach denen entschieden wird, ob es
juristisch ein Plagiat oder nur ein irgendwie ähnliches Lied
ist? Ich stelle mir die Entscheidung ziemlich schwierig vor.

bestimmte kriterien?
nun ja, der letzte fall, der mir einfällt, war vor einigen jahren der österreichische songcontest-skandal rund um manuel ortega. der refrain seines songs say a word klang für viele nach allright now von free. du kannst dir die beiden lieder ja runterladen kaufen und vergleichen…
dann wurde ein musikwissenschaftler als gutachter bestellt, und der hat nachgewiesen, daß die vordergründige ähnlichkeit auf die rhythmische parallele und einige wenige, wenngleich sehr prominente töne beschränkt ist. sprich: ja, klingt zwar sehr ähnlich, die analyse fördert aber einige sehr entscheidende unterschiede zutage…
umgekehrt hatte george harrison auch mal solche probleme, als sein lied my sweet lord als plagiat von he’s so fine einen langen gerichtsstreit entfacht hat…
es geht wohl im wesentlichen darum, wer die besseren anwälte hat und wer sich wieviel geld von solch einer klage verspricht. im fall vom george harrison ging es wohl um mehr, als bei manuel ortega…

Es gibt ja schließlich Komponisten (u.a. Bohlen), die sich
selbst plagiieren, aber behaupten, ein neues Lied komponiert
zu haben…

das wiederum ist sein gutes recht. und das hat schon der alte bach nicht anders gehandhabt (damals hieß das ganze noch parodieverfahren und hatte nichts satirisches an sich).

Das stimmt wohl. Aber die Häufung ist ja so penetrant, dass
man am liebsten die Glotze aus dem Fenster schmeißen würde,
weil man hofft, der verantwortliche Komponist geht gerade
unten spazieren.

das wiederum bedeutet nur, daß er seinen job gut macht. und der komponist ist in diesem fall (im gegensatz zu dieter bohlen) nicht derjenige, der die entscheidung trifft, bewußt so zu klingen, oder so klingt, weil er es anders nicht kann (was nun auf herrn bohlen zutrifft, möge jeder selbst entscheiden), sondern der, der die anweisungen eines anderen ausführt. reg dich also lieber bei den werbefuzzis auf.

Hast du ein Beispiel dafür?

kein konkretes, aber wenn du mir ein beliebiges lied sagst, bastel ich dir ein brauchbares beispiel zur illustration zusammen.

Ja, bei der Schweppes-Werbung war es ja so. Aber ob das
bedenklicher ist? Ich finde es im Gegenteil verständlich.
Bevor irgendwelche Deppen meine Idee verhuntzen, mach ich halt
selbst den Reibach.

bedenklich finde ich folgendes:
aussage A: nein, wir geben unser lied (nix mit idee, wir haben nur die rechte!) nicht für diese werbung her, weil wir uns mit dem produkt nicht identifizieren können/wollen (oder wir uns davon zu wenig kohle versprechen).
aussage B: ach, die haben in der werbung jetzt etwas ähnliches, und das kommt gut an. nun, dann wollen wir doch lieber unser lied dafür hergeben, damit wir doch ein bißchen am kuchen mitnaschen können, ohne dafür eine leistung zu erbringen.

Es gab doch mal nen Film mit denen, oder? Sicherlich
funktionieren die nach dem gleichen Schema, aber es handelt
sich weniger um Plagiate als um Satire. Ziemlich gute sogar.

ja sicher… die „künstlerische absicht“ macht aus plagiaten satire… darum geht es ja: die grenze ist nicht immer ganz eindeutig…

Hi,
nochmal kurz zu

zum beispiel nimmt man eine rhythmisch entsprechende,
melodisch aber genau entgegengesetzte variante einer bekannten
melodie leicht als kopie wahr, obwohl sie eben genau das
gegenteil ist…

Meinst du damit, dass die Noten quasi gespiegelt werden? Spiele also an der jeweiligen Stelle statt der hohen Note eine tiefe und umgekehrt? Im Ergebnis habe ich eine eigentlich ganz neue Melodie, die mich trotzdem stark an das Original erinnert? Ist ja interessant, wenn das klappt.

Gruß
André

Meinst du damit, dass die Noten quasi gespiegelt werden?
Spiele also an der jeweiligen Stelle statt der hohen Note eine
tiefe und umgekehrt? Im Ergebnis habe ich eine eigentlich ganz
neue Melodie, die mich trotzdem stark an das Original
erinnert? Ist ja interessant, wenn das klappt.

genau. in der kontrapunktlehre nennt man das umkehrung.
ganz konsequent muß man das gar nicht durchziehen, weil es ja nicht so viele intervalle und somit tonschritte gibt, daß man sie einzeln schützen könnte… und wenn rhythmus, begleitstruktur, stimmung usw. gleich bleiben, ist die melodie nur ein kleiner faktor von vielen.

ich hab auf die schnelle mal ein MIDI zusammengeschustert. ich hoffe, du erkennst, welches lied als original gedient hat… dabei habe ich sowohl die akkordfolge abgeändert als auch die melodie ganz konsequent von oben nach unten gespiegelt. außer dem rhythmus, der verwendeten tonalität und dem stil ist also alles anders… und trotzdem… oder?

http://www.unet.univie.ac.at/~a9671074/plagiat.mid

sehr nett, danke. Soll das Call on me sein? Bin leider in Dance-Mukke nicht so bewandert. Da werd ich ganz sentimental, erinnert mich an meine Atari-Mukke-Zeiten. Lang ist’s her…

Gruß
andré

sehr nett, danke. Soll das Call on me sein? Bin leider in
Dance-Mukke nicht so bewandert. Da werd ich ganz sentimental,
erinnert mich an meine Atari-Mukke-Zeiten. Lang ist’s her…

naja, der sound ist MIDI, gibt also nur her, was deine soundkarte hergibt. hörs dir mal auf einem anderen rechner an, da wird es wieder ein bißchen anders klingen.
aber siehst du, du hast es erkannt… und vor gericht hätte ich gute chancen, weil der harmonische verlauf und die melodie jeweils komplett anders sind…

Viss-Werbung
In der Viss-Werbung mit dem duschenden Hund wurde eine Nachahmung von „Who Let the Dogs out“ benutzt.