Auch hier mal wieder was aus dem Römpp.
Gandalf
- Im physikal. Sinne ist P. (von Langmuir 1930 geprägter Ausdruck) eine Bez. für überhitzte Gase, deren Eigenschaften durch die Aufspaltung der Mol. in Ionen u. Elektronen bestimmt sind. Solche P. – man spricht hier auch vom „4. Aggregatzustand“ – liegen z. B. vor in der Sonne u. a. heißen Sternen, kurzfristig in explodierenden Kernwaffen od. bei thermonuklearen Reaktionen (s. Kernfusion). P. kann auch als Niedertemp.-P. in Gasentladungen (s. a. Glimmentladung) vorliegen, in Nordlichtern, Flammengasen, Lichtbogen etc. Rund 99% der Materie im Weltall liegt in Form eines P. vor. Die Abb. gibt einen Überblick über natürlich u. künstlich erzeugte P. in Abhängigkeit von der Elektronendichte Ne [Ne = Dichte aller Elektronen (gebundene u. freie); Te (Elektronentemp.) in Kelvin u. Elektronenvolt].
Die Plasmen enthalten pos. u. neg. geladene Ionen, Elektronen, Radikale u. angeregte u. nichtangeregte Neutralteilchen nebeneinander. Im Extremfall sind bei einem P. die Atomkerne durch völlige Ionisation von ihren Elektronenhüllen getrennt; ein solches P. besteht nur noch aus pos. geladenen Ionen u. Elektronen u. ist nach außen elektr. neutral. In einem P. liegt die Zahl der Ladungsträger zwischen 109 u. 1015/cm3, im Sterninnern auch wesentlich darüber (1027/cm3). P. können in dem heute techn. interessierenden Temp.-Bereich von bis zu ca. 50 000°C (vgl. Hochtemperaturchemie) in guter Näherung z. B. durch Ohmsche Widerstandsheizung (sog. therm. Plasma), im Lichtbogen, durch Photoionisation (speziell durch Hochleistung-Laser) od. durch Umwandlung kinet. Energie in einer Stoßwelle erzeugt werden. Die Messung solch hoher Temp. u. der anderen P.-Eigenschaften (Teilchendichte, Strömungsgeschw.) – man spricht hier von P.-Diagnostik – kann durch P.-Spektroskopie u. Sonden vorgenommen werden. Begrifflich unterscheidet man in der Plasmachemie zwischen Gleichgew.- u. Nichtgleichgew.-P. (t- od. nt-P.). Die zum Ablauf von Kernfusionen benötigten Temp. erzeugt man bei Wasserstoff-Bomben durch eine Atombombenexplosion (s. Kernwaffen); bei der kontrollierten Kernfusion ist man dem Temp.-Ziel (ca. 108 K) mit Lasern u. P.-Heizung (s. Lawson-Kriterium bei Kernfusion) sehr nahe gekommen. Bei neuen Experimenten mit ASDEX upgrade entdeckte man einen neuen P.-Zustand, der zu einer kontrollierten u. zerstörungsfreien Energieabfuhr bei der Kernfusion genutzt werden kann .
Obwohl ein P. makroskop. betrachtet elektr. neutral ist, liegt im mikroskop. Maßstab keine homogene Verteilung der pos. u. neg. Ladungsträger vor; es bilden sich stark fluktuierende Ladungsüberschüsse u. damit verbunden elektr. Felder. Diese elektr. Felder begrenzen die Störungen in der Ladungsverteilung. Aufgrund der Massenträgheit der beschleunigten Ladungsträger erfolgt der Ausgleich stets über den homogenen Zustand hinaus; es baut sich wieder ein elektr., diesmal entgegengesetztes Feld auf. Die Frequenz dieser Oszillation wird als Plasmafrequenz np bezeichnet u. hängt von der Dichte der freien Ladungsträger ab. Die Elektronenplasmafrequenz npe entspricht der reziproken Einstellzeit für elektrostat. Abschirmung durch Elektronen, d. h. elektromagnet. Strahlung mit einer Frequenz npe kann sich in dem entsprechenden P. nicht ausbreiten.
Anw. finden P. in Plasmabrennern, zur Stromerzeugung, in der Plasmachemie, in der Plasma-Emissionsspektroskopie mittels ICP od. Mikrowellen-Induktion (MIP), in der Halbleiter-Technik zum Ätzen integrierter Schaltkreise, in Metallspritz-Verf., in der Magnetohydrodynamik, in P.-Triebwerken u. in der Kernfusion, s. a. Plasmabrenner, Plasmachemie u. Plasmazustand.
Lit.: 1 Lerner u. Trigg (Hrsg.), Encyclopedia of Physics, Weinheim: VCH Verlagsges. 1991. 2 Kohlrausch, Praktische Physik 2, S. 290 ff., Stuttgart: Teubner 1996. 3 Kohlrausch, Praktische Physik 2, S. 769 ff., Stuttgart: Teubner 1996. 4 Phys. Bl. 51, 189 (1995).
allg. (zu 4.): Boozer, Plasma Confinement, S 1, u. Mendel u. Schamiloglu, Plasma Diagnostics, Vol. 13, in Encyclopedia of Physical Science and Technology, New York: Academic Press 1992 ï Int. Lab. 14, Nr. 8, 76–85 (1984) ï Kirk-Othmer (3.) 11, 590–609; S, 51 ff., 599–625 ï Phys. Bl. 45, 333 (1989); 46, 383 (1990); 47, 51 (1991) ï Top. Curr. Chem. 90, 59–109 (1980). – Referateorgan: Science Research Abstracts Journal, Part A: Superconductivity, Magnetohydrodynamics and Plasmas; Theoretical Physics, Bethesda: Cambridge Scient. Abstracts (seit 1972) ï s. a. Plasmachemie, Gasentladung, ICP, Laser u. Kernfusion.
E = F = I = S plasma
Quelle: Römpp Lexikon Chemie – Version 1.5, Stuttgart/New York: Georg Thieme Verlag 1998