Hallo MulitVista!
Der Sinn vieler dieser Erzählungen, Leider, Dramen usw. war es, zu unterhalten und zu lehren. Mit anderen Worten, die Geschichte, soweit überhaupt im Einzelfall eine wahre Geschichte dahinter stand, diente lediglich als Aufhänger. Im Mittelpunkt stand auch oft nicht die Geschichtszahl oder der akurate Bericht sondern die handelnde Person, die je nach Situation zum Ideal erhoben werden sollte (schönes Beispiel finde ich Mort l’Artus von Mallory) oder aber als in irgendeiner Form nicht ehrenhaft erklärt werden sollte (da sind wir wieder beim Heinrich dem Vogler). Mit anderen Worten, es ging den Autoren nicht um den Fakt, es ging um die Moral von der Geschite oder um die Behandlung der Personen. Und einige waren natürlich auch Lügner, die Dinge im eigenen Interesse schön geschrieben haben, aber das war eher selten (ein Grenzfallbeispiel mag Flavius Josephus sein, der manchmal die Dinge sehr aus seiner eigenen Sicht darstellte).
Nun ja, wir leben im Zeitalter der Quellenkritik. Damit erheben wir den Anspruch, Fakten zu kennen. Das ist alles schön und gut und sicher sehr ehrenwert. Ein paar Warnungen seien trotzdem angebracht:
a.) Auch der Quellenkritiker sollte sich davor hüten, Faktoren die bei der Entstehung einer Quelle eine Rolle spielten, zu übersehen weil er nicht an die Quelle glauben will. (Beispiel seien hier apokryphe Evengelien oder der Codex Sinaicus, bei denen die quellenkritische Situation vielfach mit Totschlägerargumenten geführt wird).
b.) Ab und zu sollten auch Schriftkundler mit Experten anderer Fachgebiete reden BEVOR sie vermeintliche Fakten in die Welt setzen. (Beispiele hier sind z.B. der Schiffbruch aus dem Flavius Josephus bzw. eine ähnliche Geschichte bei Petrus: Die sanken Schiffe, deren Anzahl nicht genannt wurde und beide berichten übereinstimmend, dass ein paar hundert Menschen im Wasser schwammen. Was natürlich von den Experten für alte Schriften als unglaubwürdig eingestuft wurde, hier haben die Autoren übertrieben. Die Archäologischen Fakten hingegen gehen von geruderten Schiffen aus, die auch auf diesen häufig benutzten Routen selten alleine fuhren. Rein rechnerisch und mit etwas Kenntnis des damaligen Schiffbaus kann man die angegebenen Zahlen als realistisch bis niedrig einschätzen).
c.) Ein jeder Quellenkritiker der sagt „… es wird allgemein angenommen …“ sollte standrechtlich erschossen werden. Weil vielfach die Übersetzung bedeutet „… ich glaube, dass … und ich werde das als Fakt hinstellen und nicht darüber diskutieren.“ (Schönes Beispiel hier ist die allgemeine Verwendung des Begriffes „Verschwörungstheorie“ als Totschlägerargument. Es wird allgemein angenommen (z.B. so auch dann in Wiki), dass eine Verschwörungstheorie Unfug ist, das geht nicht, weil die Gesellschaften zu groß sind und so weiter. Schade, dass Adolf Hitler, Senator McCarthy, Gorbatschow, Putin, GWB, … und so weiter das alle nicht gelesen haben. Es wird nämlich allgemein angenommen, dass das, was sie getan haben unmöglich sei.)
Quellenkritik ist eine gute Sache, solange sie ehrlich und unvoreingenommen stattfindet. Wenn sie mehr oder weniger schon mit dem Hintergedanken stattfindet, zu zeigen wie dämlich die alten Autoren waren, dann ist sie genauso auf einem Auge blind.
Was nun die antiken, die mittelalterlichen und die Renaissanceautoren angeht:
Schliemann fand Troja anhand der sehr detaillierten und zutreffenden Beschreibunf Homers. Nachdem man Homer lange als „Geschichtenschreiber“ behandelt hatte.
Sueton ist heute wieder Pflicht für Geschichtsstudenten (jedenfalls in den USA für antike Geschichte) nachdem man ihn doch seit langer Zeit eher als „Anekdotenschreiber“ gesehen hatte.
Martin von Troppau gilt nach wie vor als gute Quelle, auch wenn er ein paar Jahre mißachtet wurde weil er angeblich die Geschichte von „Der Päpstin“ gestartet haben sollte. Die anderen 104(? nicht ganz sicher, aber die Größenordnung stimmt) Päpste darin haben ja auch irgendwie eine Rolle gespielt, auch wenn über die keiner einen Bestseller geschrieben hat.
Besonders „putzig“ finde ich immer wieder Irenäus von Lyon. Der hat selber losgelassen „Wir dürfen den Heiden nicht Recht geben, selbst wenn die Heiden etwas richtiges sagen, müssen wir lügen um ihnen nicht recht zu geben“. Wenn also jemals ganz klar gesagt hat, was er da treibt, dann der Heilige Irenäus. Trotzdem ist er, nicht ohne Grund in jedem Quellenverzeichnis über „Frühe Kirche“.
Zum Schluß ein kleines Gedankenexperiment: Stellen wir uns mal das Jahr 4000 n. Chr. vor. Und da sitzt jetzt irgendein Experte für alte Schriften über beispielsweise einem John Grisham, einem Tom Clancy, vielleicht Marion Zimmer Bradley’s Nebel von Avalon und, sollte ich so viel Glück haben über einem meiner Romane. Dann wird er in seinen nächsten Bericht für irgendein Fachblatt schreiben: „Der Roman damals war eine Mischung aus Lüge und Fiktion, aber keinesfalls eine ernstzunehmende geschichtliche Quelle“. Und er wird Recht und Unrecht zugleich haben. Recht, weil Unterhaltung nicht den Anspruch hat, ein Faktenbuch zu sein, Unrecht, weil auch Unterhaltungsbücher etwas über die Zeit in der sie entstehen erzählen. Er wird genau da stehen, wo unsere Quellenkritiker heute auch schon stehen.
Gruß
Peter B.
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