Hallo Wolfgang.
an diesem Punkt bist Du bei mir genau an der richtigen
Adresse. Es liegt wohl an der menschlichen Natur, in der
Erinnerung manches zu verbrämen. Fotos und zeitnah
aufgeschriebene Geschichte werden im Laufe der Zeit nicht
immer schöner und sind deshalb auf die Dauer die objektiveren
Zeitzeugen. Aber der Reihe nach: Über Jahre hatte ich private
und beruflich-technische Kontakte in die DDR, aber das lasse
ich der Kürze halber weg. Seit einiger Zeit lebe ich aber
selbst in der ehemaligen DDR, in der Pampa, wo die Zeit stehen
geblieben ist. Seit einigen Monaten wühle ich in der
Vergangenheit. Mein Ziel war, den ursprünglichen Zustand von 3
Gebäuden zu rekonstruieren. Und ich bin fündig geworden, habe
mehr und tiefere Informationen, als sogar hier vor Ort im
Gemeindearchiv und beim Denkmalamt auffindbar waren. Durch
einen schier unglaublichen Zufall habe ich direkte Nachfahren
der ehemaligen Eigentümer kennen gelernt, die eine feinstens
geordnete Familienchronik über mehrere Jahrhunderte besitzen.
Die ältesten Fotos in hervorragender Qualität, die jedes
Detail erkennen lassen, stammen aus dem Jahr 1911. Diese
Bilder sind für mich am wertvollsten, weil sie die
Rekonstruktion von Fassadendetails erlauben. Damals bis 1939
war es hier ein Rittergut. Kriegszerstörungen gab es hier
nicht. Bis in die 40er Jahre zeigen die Fotos Gebäude in
bestem Zustand. Mitte der 40er/Anfang der 50er Jahre ist ein
Einschnitt erkennbar. Zahlreiche Flüchtlinge und
Zwangseinweisungen führten dazu, daß zuvor traumhafte Gebäude
und Räume notdürftig mit Wänden unterteilt wurden, um
möglichst viele Menschen unterzubringen. Die Gebäude, die z.
T. Jahrhunderte überdauert hatten, waren äußerlich trotzdem
immer noch in gutem Zustand. Dann aber setzte eine Mischung
aus Verfall, offenkundiger Gleichgültigkeit, Mangel und
haarsträubendem Pfusch den Gebäuden zu. Mit DDR-Standard
beglückte Gebäude sind sämtlich reif für die Entkernung. Alles
aus Plaste und Elaste, ob Wasserhahn oder Fensterbeschlag.
Alles zu schwach dimensioniert, miserabel hergestellt und
ebenso miserabel verarbeitet, lieblos in der Formgebung - wer
selbst Konstrukteur ist, sieht regelrecht, wo den DDR-Kollegen
die Lust verlassen hat. Die ganze Pracht ist bis heute zu
bewundern. Einschließlich der Menschen, die hier leben. Hier
auf dem Dorf hat sich nichts getan. Die Leute sind durch die
Bank gleichgültig und phlegmatisch. Vieles läuft noch über
alte Seilschaften mit Bakschisch und Beziehungen, sonst geht
überhaupt nichts. Teile des Gebäudebestands werden noch von
den gleichen Leuten wie zu DDR-Zeiten verwaltet. Wie auch
sonst. Aber die Herrschaften arbeiten noch so wie zu
DDR-Zeiten, nämlich ohne ein Minimum von
Eigenverantwortlichkeit und gleichgültig, daß man schon mal
die Haßkappe aufsetzen möchte. 40 Jahre DDR haben ihre Spuren
an Menschen und an Gebäuden hinterlassen, schlimmer wie ganze
Jahrhunderte zuvor.
Fall doch bitte nicht immer wieder auf die Bildzeitung drauf rein. Es ist summa sumarum schwachsinnig, alte Häuser zu sanieren. Daß das viwel zu teuer ist, haben doch die ganzen Baupleitiers seit der Wende bewiesen. Wozu also sanieren? Es ist sinvoller und billiger, zweckmäßig neu zu bauen, mit moderner Technologie, als sich an altem festzuhalten. Du dürftest doch selbst schon festgestellt haben, was eine ordentliche Sanierung kostet.
Bedenke bitte - wir hatten Krieg. Die Wirtschaft wurde aus vorhandenem so aufgebaut, daß sie mit den wenigen Rohstoffen möglichst effizient und modern funktionierte. Daß es auch hier schwierig war, die Leute vernünftig auszubilden, ist doch kein Geheimnis. Soetwas schaffst du nicht in ein paar Jahren. Du mußt das Wissen an Universditäten bündeln und ordnen und die Leute ausbilden und geradestricken, die die jungen ausbilden. Das hat doch bis heute ganz gut geklappt. Daß das auf dem Dorf schwieriger ist, ist doch gar keine Frage. Jetzt, im Informastionszeitalter, klappt das noch viel besser.
Als Student verdiente ich mir einen Urlaub in Griechenland in
einem Superhaus mit Privatstrand an der Ägäis. Als
Gegenleistung mußte ich nur die Elektro- und
Wasserinstallation in Ordnung bringen. Wenn ein griechischer
Monteur eine Wasserleitung installiert, dann leckt sie
garantiert. Das ist einfach so. Einen Türbeschlag kann man
eigentlich nicht falsch montieren, ein griechischer Handwerker
schafft aber auch das. Auch unter Garantie. Der Pfusch ist
normal. Man sieht das alles nicht so eng. In Süditalien oder
in der Türkei sieht es diesbezüglich ähnlich aus. Das hab ich
gelernt, damit kann man sich abfinden (oder sich einen Urlaub
damit verdienen). Lange glaubte ich, griechische Verhältnisse
sind nicht zu toppen. Bis ich nach Moskau und St. Petersburg
kam. Erstes Hotel am Platz nur für ausländische Gäste. Eines
Tages kam eine Malerbrigade ins Hotel. Sie malten die Flure
an. Gründlich. Alles giftgrün. Heizkörper, Wände, Fenster
einschließlich der Scheiben. Die Mühe, auch nur einen Fetzen
Papier auf den Fußboden zu legen, war schon zu viel. Wo die
Maler fertig waren, konnte man eigentlich nur noch abreißen.
Also habe ich gelernt, daß man griechische und russische
Verhältnisse nicht toppen kann. Doch, man kann! In der DDR hat
man auch das geschafft. Dabei kann ich zwischen
Mangelerscheinung und Improvisation einerseits und zu
leck-mich-am-Arsch-Stimmung erzogenen Menschen andererseits
sehr wohl unterscheiden.
Diese leck-mich-am-Arsch Stimmung ist nun aber nicht das Produkt einer Erziehung in der DDR. Das aus den Idioten rauszubekommen, war eigentlich oberstes Ziel. Wer seine Ausbildung ein bißchen ernst genommen hat, ist doch damit auch bestens zurechtgekommen.
Aber noch zwei Beispiele von mir: London habe ich als die definitiv dreckigste Stadt in Erinnerung. Außerdem gibts dort nirgends etwas genießbares zu essen. Altmodischer gehts nicht.
Ein Bekannter ist Dachdeckermeister. Er mußte letztes Jahr in Nordbayern ein Flachdach machen und hat es selbstverständlich dicht bekommen. 15 !! Firmen aus der Region haben das vor ihm nicht geschafft.
Du darfst das nicht ganz regional sehen. Auch hier im Ort gabs genügend Trottel, die nun putzigerweise verschwunden sind.
Die Frage ist, ob es in der heutigen Gesellschaft möglich ist, die Leute so auszubilden, daß sie sich hier im Land wieder zurechtfinden. Daran glaube ich nicht. Pisa hats bewiesen, dann soll noch GATS kommen. Es ist doch garnicht gewollt, daß die Leute intelligenter werden. Das sehe ich als Irrsinn hoch neun. Es geht hier auch nicht um DDR oder BRD. Auch letztere gibt es nicht mehr. Die Welt ist heute so durchsichtig geworden, daß doch immer mehr den Irrsinn erkennen, den z.B. Bush anstellt. Der würde zu der russischen Malerbrigade passen.
Hinter unserem ganzen Zusammenleben steckt ein geschlossenes System, glaubs mir. Das muß den Leuten begreiflich gemacht werden, damit die sich in geordneten Bahnen bewegen. Dieser gesellschaftliche Kurzschluß, den Marx als Kommunismus betitelt hat, vollzieht sich zwangsläufig in einer entwickelten kapitalistischen Gesellschaft. Wir kommen nicht drumrum. Die Frage ist nur, ob er in einem großen Knall endet, oder ob wir das geordnet hinkriegen. Das geht ausschließlich mit einer PDS, da bürgerliche Parteien und deren „Führer“ lediglich machtbesessen sind. Die Gabi Zimmer wäre garantiert froh darüber, wenn du ihr den Job abnehmen würdest - vorausgesetzt, du kannst es. Das ist intellektuelle Knochenarbeit. Ihr müßt wirklich mehr Gesellschaftswissenschaften studieren, damit ihr das erkennt. d/h M, wie wir ihn hatten, war keine ideologische Verarsche, sondern echte Wissenschaft. Man hat den Leuten erklärt, wie sie denken, auch du, und wie man damit umgeht. Deshalb war dies ein zwingender Bestandteil eines jeglichen Studiums im Osten. Zwangsläufig sind jegliche Intellektuelle auch Führungskräfte.
Wir haben derzeit wieder Sozialismus. Den haben wir, seit der Kaiser weg ist. Nur diesmal Staatssozialismus a la Schröder. Früher hieß das SPD-Weimarer Republik, Nationalsozialismus, dann auch mal Honni-DDR.
Sozialismus ist eine Mischform mit Leuten bürgerlicher Denkweisen und mit Leuten mit moderneren Denkweisen. Du persönlich bist doch auch in der Lage, dich kontinuierlich weiterzuentwickeln. Sie erkennen die Zusammenhänge in der Welt immer besser. Wie willst du Menschen mit diesem Wissen langfristig in Herrschaftsverhältnisse stecken, wenn die ihrem Herrn auf einem Meter dreimal erklären müssen, daß er schlicht doof ist. Ich habe persönlich überhaupt keine Probleme damit, mir von jemand sagen zu lassen, wo es lang geht, der mehr weiß und das besser als ich. Daß Schröder beispielsweise weiter Krieg spielt, wußte ich vor der Wahl. Der hat nämlich garkeine andere Chance, weil der mit dem Kopf in George Dubbjas Hintern steckt. Er hätte ihm auch erklären können, wie man die Wirtschaft im Land stabilisiert, aber er ist schlicht und ergreifend zu doof dazu. Und das ist deshalb so, weil in diesem Land die Gesellschaftswisenschaften nicht auf einer wissenschaftlichen Grundlage basieren, sondern auf wüsten Theorien. Weil das keiner wahr haben will, sind die ganzen Wissenschaften aus ihren Zusammenhängen gerissen und orientieren sich nur teilweise an der Realität. Man hat ja noch nicht mal mitbekommen, daß das Geld nichts mehr wert ist. So, wie die Wirtschaft heute funktioniert, ist ein Kurzschluß nicht mehr auszuschließen. Worldcom u.ä. haben es ja bewiesen. Es entstehen überall Finanzblasen, welche platzen.
Wenn wir nun noch unsere Technologien etablieren, geht diese alte Wirtschaft zwangsläufig pleite.
Wie willst du in dieser Gesellschaft, wenn es möglich wäre, einen Replicator auf den Markt bringen, der nicht nur sich selbst, sondern auch alles andere herstellen kann, was benötigt wird, ohne bedient werden zu müssen? Keiner hätte mehr Arbeit, keiner könnte Geld verdienen und keiner könnte überleben. Um es anders auszudrücken: Diese Wirtschaft funktioniert nur, wenn sie so ineffizient wie möglich gestaltet wird, damit alle stets bemüht sind, der Kohle hinterherzurennen.
Dazu fällt mir nur ein: „Hier bin ich Mensch, hier darf ich sein!“
Mir sind auch die Stärken und Vorzüge des DDR-Systems durchaus
bekannt. Man muß nur wissen, wohin die Reise gehen soll. Lange
ist’s her, als ich glaubte, die alte Bundesrepublik sei eine
Servicewüste. Inzwischen habe ich gelernt, daß es weit
schlimmer geht, nämlich in den neuen Bundesländern. Erinnerst
Du Dich an Gaststätten in der DDR? Man schaffte es, wirklich
jedem Raum den Charme einer Bahnhofshalle zu verpassen. Dazu
noch gleichgültiges Personal und lieblos zubereitete Speisen,
das war Standard und ist bis heute außerhalb der
Touristenzentren der Normalzustand.
Da habe ich andere Erfahrungen - Düsseldorf, Worringerplatz - Altbierkneipe. Dort war ich vor 6 Jahren. Da hing sogar die vergilbte Tapete in Fetzen von der Wand. Noch nichtmal das Bier hat geschmeckt
Andererseits kann ich dir beispielsweise Bilder aus unserem Kulturhaus und Kinokaffe zeigen. Es liegt doch wirklich an jedem selber.
Mit Gewinnstreben eine
Arbeit/ein Geschäft zu optimieren, das ging und geht vielen
Menschen hier bis heute völlig ab. Ist natürlich alles
Geschmacksache, aber ich nenne so etwas einen Sauhaufen.
Meine Worte 
Mir ist ein Fall bekannt, wo die Bewohner eines Mietshauses
ihre Wohnungen für je 1 Euro hätten kaufen können. Will
keiner, die Leute zahlen lieber Miete.
Logisch. woher soll ich wissen, ob ich hier morgen noch einen Job finde. Wozu soll ich mir ne Wohnung kaufen, wenn ich mir hier die Kohle zusammensuchen muß.
Der Gedanke, plötzlich
selbst für alles zuständig zu sein, ist ihnen unheimlich. Die
Menschen sind zu lange daran gewöhnt, nicht zuständig zu sein,
rundherum versorgt zu werden und Bescheid zu bekommen, was zu
tun und zu lassen ist. Von Versorgungsempfängern kann ein
Gemeinwesen aber nicht leben.
Richtig. Strick sie um, damit sie wissen, wie die was tun müssen.
Gebraucht werden möglichst viele
Zugpferde, die etwas tun und selbst entscheiden, was und wie
etwas getan wird. Daran ist letztlich das Modell DDR
gescheitert. Gewinnstreben und Phantasie zu vieler
potentieller Zugpferde wurde systematisch totgetrampelt und
durch die zentralistische Planung zwangsläufig stümperhaft :ersetzt.
Das klappt aber jetzt besser. Ich sehe es nicht so, daß die Philosophie gescheitert ist. Die DDR mußte scheitern. Es war staatsmonopolistischer Kapitalismus. Genauso wird zwangsläufig auch dieses Land scheitern. Das haben doch auch Rußland und China erkannt und haben sich der Welt geöffnet. Daß die Endlösung einer Gesellschaft mal DDR heißt, hat Marx nie behauptet. Ich begreife aber eine DDR als Test für zukünftige Aufgaben. Dieses Land bringt zwangsläufig emanzipierte Menschen hervor, die in der Lage sind, die Geselllschaft so zu steuern, daß sie nicht gegen die Wand läuft. Du mußt eine Gesellschaft zwangsläufig steuern. Das geht doch in diesem Land nicht anders. Das geht nun mal nur über eine Parteinenstruktur, in welcher die Führungskräfte miteinander arbeiten. Wie das Managment in einer Firma. Du kannst nichts dem Zufall überlassen.
Gruß
Frank