Politiker sagen niemals Ja oder Nein

Hallo Allerseits,

ich habe da eine Beobachtung gemacht und wollte sie mir näher erläutern lassen. Ich habe beobachtet, dass Politiker in Interviews selbst auf einfache Fragen niemals mit einem Ja oder Nein antworten.

Habe ich mich da getäuscht?
Ist das teil der politischen Kultur? Werden Berufspolitker darauf getrimmt, Fragen niiemals direkt zu beantworten?

Gruß
Carlos

Hallo Carlos,

keine Ausnahme ohne Regel (oder so): Das legendäre Interview, das der seinerzeitige Bundeskanzle dem seinerzeitgen Hauptstadtkorrespondenten des WDR gab:

http://www.youtube.com/watch?v=lM9i-8j45xg

Hältst Du Deine Frage aufrecht?

Gruß,
Andreas

Hallo Carlos,

mit Deiner Beobachtung bist Du nicht alleine!
Politiker benutzen jede Gelegenheit, ihre eigene Botschaft in die Kamera zu bringen, wie auch immer die Frage gelautet haben mag, oder wortreich zu verschleiern, daß sie nichts sagen wollen.
Wer das nicht beherrscht, liefert sich den Journalisten aus und gibt die Gelegenheit zur Meinungsbildung aus der Hand.
Ein Meister dieses Fachs war Genscher, aber es gibt viele aktive Politiker, die versuchen, es ihm gleich zu tun.
Sowas wird natürlich trainiert!

Gruß
Cassius

Hallo Andreas,

http://www.youtube.com/watch?v=lM9i-8j45xg

Ein wunderschönes Zeitdokument

Hältst Du Deine Frage aufrecht?

Wie du schon geschrieben hast, ein legendäres Interview. Legenden formt man nicht mit Alltäglichem.
Ja, ich halte die Frage aufrecht.

Gruß
Carlos

Journalisten fragen Journalistenfragen
Hallo,

erläutern lassen. Ich habe beobachtet, dass Politiker in
Interviews selbst auf einfache Fragen niemals mit einem Ja
oder Nein antworten.

das liegt vielleicht auch daran, daß die Fragen zu komplizierten Sachverhalten mitunter stark vereinfacht gestellt werden, d.h. ein „ja“ bzw. „nein“ vermittelte einen falschen Eindruck des Sachverhaltes oder des Standpunktes des befragten Politikers. Oftmals werden Gesprächspartner auch zu einem knappen „ja/nein“-Kommentar aufgefordert, wenn ein ausführliches Gespräch zum Ende kommt, um dem Zuschauer eine Art Quintessenz zu liefern (wie ja mittlerweile jedes noch so inhaltsleere/kurze Gespräch am Ende im Radio und Fernsehen kurz zusammengefasst wird („Dies war Simona Karumpel aus der WDR-Wetterredaktion mit einer kurzen Erklärung dazu, wo dieses weiße, kalte Zeug herkommt, was seit Tagen auf der Erde herumliegt.“)).

Einer der Experten in diesem Metier ist Werner Sonne, der regelmäßig das meiste des vorher gesagten ignoriert oder gezielt mißversteht, eine dem Thema nicht gerecht werdende Frage stellt und ein „klares ja oder nein“ erwartet.
„Was gibt es bei Ihnen heute zum Abendessen?“
„Mein Sohn hat heute Geburtstag und wünscht sich Cordon Bleu mit Pommes Frites.“
„Aha, sie befürworten also die die Mastgeflügelhaltung, Tiertransporte quer durch Europa, barbarische Schlachtmethoden sowie die Subventionierung der Milchbauern und den damit verbundenen ruinösen Preiskampf bei Milchprodukten?“
„Äh, das habe ich nie gesagt. Mein Sohn wünscht sich einfach zu seinem Geburtstag Cordon Bleu mit Pommes Frites.“
„Ich möchte Sie um eine klare Antwort bitten: ja oder nein?“
„Äh, nein, ich befürworte das natürlich nicht, aber wenn sich ein Kind zu seinem Geburtstag…“
„Meine Damen und Herren, dies war Herr Müller-Lüdenscheid, der im Moment keine klare Position beziehen möchte, aber eine gewisse Widersprüchlichkeit zwischen Aussage und Handeln erkennen läßt. Man darf gespannt bleiben. Zurück nach Köln.“

Dialog möglicherweise rein fiktiv.

Gruß
Christian

Hallo,

das ist ein Spiel, das von beiden Seiten betrieben wird, und beide Seiten leben davon und damit. Schlechte Journalisten, die den Unterschied zwischen neutralem Bericht und Kommentierung durch eigene Meinung konstant ignorieren, und jede Gelegenheit nutzen Andersdenkende aufs Glatteis zu führen, setzen hierzu gezielt Fangfragen ein, verkürzen Sachverhalte in unzulässiger Weise, nur um das Gegenüber schlecht aussehen zu lassen. Dem darf sich ein Politiker nicht ausliefern, sondern muss dann die ja/nein-Antwort verweigern, und den Sachverhalt so darstellen wie er ihn sieht, muss auf die Vielschichtigkeit eines Problems hinweisen, und deutlich machen, dass er gerade eben nicht einfach nur aus dem Moment oder einer vorgefassten Meinung heraus ja oder nein zu einem bestimmten Thema gesagt hat, sondern Argumente abgewogen hat, die vielleicht in der Öffentlichkeit gar nicht so bekannt sind, und dann erst wohlerwogen zu einer bestimmten Entscheidung gekommen ist.

Natürlich wird in der Politik auch gelogen, dass sich die Balken biegen, und werden schlechte Neuigkeiten und Aussagen tunlichst vermieden. Aber da dies zwar alle Seiten betrifft, in den Medien aber je nach Färbung natürlich nur versucht wird eine Seite mit solchen Dingen vorzuführen, kann man es auch da niemand verübeln, wenn er sich - insbesondere kurz vor Wahlen - nicht zu Aussagen zwingen lässt, die ihn schlechter als den Gegner aussehen lassen, obwohl der auch nicht besser ist.

Umgekehrt werden Interviews natürlich auch genutzt, um von Seiten der Politiker Meinung zu machen, und ihre Standorte zu transportieren, und je länger sie damit im Bild sind, und je mehr sie erklären können, um so besser für sie. Aber natürlich auch besser für den Frager auf der anderen Seite, denn der muss zwei Minuten voll bekommen, und die schafft er nicht, wenn er immer nur ja oder nein zu hören bekommt.

Gruß vom Wiz

Herzlichen Dank für eure Antworten
Die Problematik mit den irreführenden geschlossenen Fragen ist mir wohlvertraut. („Haben Sie aufgehört Ihre Frau zu schlagen?“)

Andererseits fiel mir neulich auf, dass der befragte Politiker selbst auf dämlich einfache und klare kein Ja oder Nein rausbrachte. Das kam richtig krampfig rüber.

Gruß
Carlos