Politische Verantwortung !?

Der/die Politiker/in sagt:
„Ich übernehme die politische Verantwortung für diese Affäre (diesen Skandal/diese Fehlleistung)! Hiermit trete ich von meinem Amt zurück!“

Die/der Bürger/in fragt:
"Welche Konsequenzen hat dieser Rücktritt eigentlich für den/die Politiker/in, außer:

  • Bedauernde/anerkennende Worte der Parteigenossen
  • Abkassieren von Übergangsgeldern/Pensionen/sonstigen Leistungen
  • Übernahme neuer/höherer Ämter, nachdem Gras über die leidige Sache gewachsen ist?"

Der/die Steuerzahler/in denkt:
„Bitte, bitte entlaßt diese/n Politiker/in nicht aus der Verantwortung, sonst haben wir gleich den/die nächste/n Diäten-und Pensionsempfänger/in am Hals!“

Ein grauenvoller Teufelskreis.
Andreas

Der/die Politiker/in sagt:
„Ich übernehme die politische Verantwortung für diese Affäre
(diesen Skandal/diese Fehlleistung)! Hiermit trete ich von
meinem Amt zurück!“

Die/der Bürger/in fragt:

Hallo Andreas,

ich habe bisweilen den Eindruck, die Bürger fragen sich selbst gar nichts. Wo man geht und steht, hört man derzeit Proteste gegen rechts, gegen Kampfhunde, gegen teures Benzin. Aber ich habe noch niemanden mit solcher Vehemenz gegen die Machenschaften der Politiker protestieren oder vielleicht sogar auf die Strasse gehen sehen. Wie wäre es mal, statt Lichterketten, mit öffentlichem Verbrennen von Geldscheinen oder Eselsmützen-tragen.
Ich habe allzusehr die Befürchtung, hier können Politiker machen und lassen, was sie wollen, und werden doch gewählt, weil er/sie „so ein netter Mensch“ (O-Ton über Schröder in Bad Elster) wäre. Oder der Kohlsche „Black-out“ bei der Flick-Affäre; kurze Zeit später war er Bundeskanzler. Oder Möllemans Missbrauch des Amtes bei diesen Einkaufswagen-Münzen - heute hampelt er mit „8 Prozent“-T-Shirts an Tankstellen herum und erreicht tatsächlich den Stimmenanteil.
Jeder „normalsterbliche“ Bürger könnte seinen Beruf vergessen, wenn er ihn für andere Dinge missbrauchen würde, und er erhielte nicht die von Dir genannten Gelder. Oder wenn man selbst eine Arbeitsstelle kündigt, weil man es dort nicht mehr aushält, bekommt man drei Monate kein Arbeitslosengeld. Wenn dies allerdings ein Lafontaine macht, hat er jedoch seine Ansprüche sicher und kann in seiner freigewordenen Zeit Bücher schreiben und sich Vorträge mit fünfstelligen Summen bezahlen lassen.

Aber das würde den Bürger erst dann ziemlich interessieren, wenn es wochenlang in den Medien breitgetreten werden würde. Der Kabarettist Bruno Jonas meinte einmal sinngemäss: „Es macht mich betroffen, wenn Leute erst in die Zeitung schauen müssen, um betroffen zu sein!“

Marco

Hi Andreas,
du hast ein brisantes Thema aufgegriffen.
Der Begriff „politische Verantwortung“ ist in keinem Gesetz der Bundesrepublik Deutschland definiert.
Das bedeutet, dass rechtlich gesehen politische Verantwortung gar nicht existiert.
So wollen es die Politiker haben.
Die Spielregeln in der Politik sind von den Politikern gemacht worden. Sie bestimmen selbst, wieviel Geld sie verdienen, wie sie beim Ausscheiden aus einem Amt abgefunden werden, wie politische Verantwortung aussieht.
Es ist ein Makel jeder Demokratie, dass die politische Führung sich selbst aus den Fleischtöpfen bedienen kann und dies auch tut, genauso wird der Abgang eines Politikers für ihn günstig geregelt und abgefedert. Denn irgendwann trifft es ja jeden, auch den, der im Augenblick noch garnicht an das Ende seiner politischen Karriere denkt.
Diese Begünstigungen lassen sich weit bis in die parlamentarischen Niederungen verfolgen.
Im Bundestag haben Lehrer und Beamte die Mehrheit. Auffällig ist, dass genau diese Berufsgruppen absolut bevorzugt werden.
So sind die deutschen Lehrer mittlerweile die höchstbezahlten Lehrer der ganzen Welt und schreien dennoch nach mehr Gehalt und Freizeit.
Eine Lösung dieser Probleme kann unser demokratisches System nicht bieten. Dazu wären Änderungen notwendig, die an den Grundsätzen unserer Verfassung rütteln.
In meinen Augen ist das größte Problem, dass Politiker für den Bürger eine Vorbildwirkung haben. Die derzeit gezeigte Moral (siehe: Helmut Kohl, Roland Koch) macht sich deshalb in der Bevölkerung breit. Wir finden die Ergebnisse in der Steuerzahlungsmoral, in kleinen Deliktfällen am Arbeitsplatz und allgemein im Umgang mit anderen Menschen.
Es ist traurig, dass die Politiker so unmoralisch sind und dies auch noch ohne Hemmungen ausleben.
Nach dieser Traurigkeit kann es zu einer Phase der Wut und Entrüstung kommen, die dann eine Bewegung in Deutschland auslöst.
Dann aber Gnade Gott den unmoralischen Politikern!
Gruß,
Francesco

Hallo,

du hast ein brisantes Thema aufgegriffen.
Der Begriff „politische Verantwortung“ ist in keinem Gesetz
der Bundesrepublik Deutschland definiert.
Das bedeutet, dass rechtlich gesehen politische Verantwortung
gar nicht existiert.

Naja, zumindest wird damit der Rückzug aus der politischen Entscheidungsfindung erreicht. Der zurückgetretene Politiker kann zumindest keinen weiteren politischen Unsinn mehr anstellen.

So wollen es die Politiker haben.
Die Spielregeln in der Politik sind von den Politikern gemacht
worden. Sie bestimmen selbst, wieviel Geld sie verdienen, wie
sie beim Ausscheiden aus einem Amt abgefunden werden, wie
politische Verantwortung aussieht.

Trifft das nicht irgendwie auf uns alle zu? Freiberufler bestimmen selbst, wieviel sie verdienen wollen und wie sie sich ihren Rückzug ins Privatleben vergolden (natürlich unter den Massgaben des Wettbewerbs); beim Rest der arbeitenden Bevölkerung machen das die Interessenvertretungen untereinander aus. Das einzige, was bei Politikern fehlt, ist ein Verhandlungspartner.

Es ist ein Makel jeder Demokratie, dass die politische Führung
sich selbst aus den Fleischtöpfen bedienen kann und dies auch
tut, genauso wird der Abgang eines Politikers für ihn günstig
geregelt und abgefedert. Denn irgendwann trifft es ja jeden,
auch den, der im Augenblick noch garnicht an das Ende seiner
politischen Karriere denkt.

Das ist kein Makel der Demokratie sondern ein Makel von allgemeinen Führungsämtern. Diktatoren, Potentaten und Regenten bedienen sich noch erheblich schamloser. Mancher Spross königlicher Geschlechter gönnt sich sogar Unsummen für´s definitive Nichtstun (6 Mio. Pfund jährliche Appanage für Queen Mum).

Diese Begünstigungen lassen sich weit bis in die
parlamentarischen Niederungen verfolgen.
Im Bundestag haben Lehrer und Beamte die Mehrheit. Auffällig
ist, dass genau diese Berufsgruppen absolut bevorzugt werden.

Nein. Eindeutig stärkste Gruppe sind die Juristen, dann wohl Pädagogen. Sonstige Beamte findest Du im Bundestag eigentlich gar nicht.

So sind die deutschen Lehrer mittlerweile die höchstbezahlten
Lehrer der ganzen Welt und schreien dennoch nach mehr Gehalt
und Freizeit.

Stimmt einerseits. Andererseits möchte ich den Job unter heutigen Bedingungen nicht mal für doppeltes Gehalt machen.

Eine Lösung dieser Probleme kann unser demokratisches System
nicht bieten. Dazu wären Änderungen notwendig, die an den
Grundsätzen unserer Verfassung rütteln.

Das Grundgesezt sagt zu diesem Thema nur, dass Abgeordnete eine Aufwandsentschädigung zu erhalten haben (Art. 48/3). Allerdings gibt es ein Urteil des Bundesverfassungsgerichts von 1975, dass die Abgeordneten dazu verpflichtet, selbst und vor den Augen der Öffentlichkeit über die Höhe der Entschädigungen zu beschliessen.

Zur Zeit kann ein Abgeordneter des Bundestags mit einem zu versteuernden Jahresgehalt von 154.500,-- DM rechnen. Das entspricht etwa dem Gehalt eines leitenden Angestellten, ist aber mit sicherheit weniger, als ein Jurist, Hochschulprofessor, Arzt, Apotheker (was ein grosser Teil der Abgeordneten ja eigentlich ist) verdienen könnte.

In meinen Augen ist das größte Problem, dass Politiker für den
Bürger eine Vorbildwirkung haben. Die derzeit gezeigte Moral
(siehe: Helmut Kohl, Roland Koch) macht sich deshalb in der
Bevölkerung breit. Wir finden die Ergebnisse in der
Steuerzahlungsmoral, in kleinen Deliktfällen am Arbeitsplatz
und allgemein im Umgang mit anderen Menschen.

Politiker sind Menschen wie Du und ich. Sie tun das, was sie an anderer Stelle genauso getan hätten. Die Moral der Bevölkerung wäre auch nicht besser, wenn es keine Politiker geben würde. Sich Vorteile zu verschaffen ist doch ein zutiefst menschlicher Wesenszug.

Es ist traurig, dass die Politiker so unmoralisch sind und
dies auch noch ohne Hemmungen ausleben.

s.o.

Nach dieser Traurigkeit kann es zu einer Phase der Wut und
Entrüstung kommen, die dann eine Bewegung in Deutschland
auslöst.

Einen solche Bewegung hatten wir schonmal in Deutschland. Wie sich allerdings herausgestellt hat, waren die „Beweger“ noch erheblich schlimmer als die „Bewegten“. Dazu fällt mir nur das - wahrscheinlich falsche - Bibelzitat ein „Wer von Euch ohne Schuld ist, möge den ersten Stein werfen“. Was soll denn nachfolgen?

Dann aber Gnade Gott den unmoralischen Politikern!

Dann aber Gnade Gott uns allen. Ich lebe lieber in einer Demokratie mit menschlichen Schwächen als in einer Diktatur der Übermenschen.

Gruss
Peter

Den Aussagen von Peter Zeitler stimme ich ohne Vorbehalt zu, Demokratie ist nun mal ein schwieriges Geschäft, aber Diktatur ist nur eine Alternative für Dummköpfe. In einer Demokratie/offenen Gesellschaft wird alles an die Öffentlichkeit gebracht. Aber machen wir uns nichts vor: Die „Leute“ wollen das! Sonst könnte sich keine Boulevardpresse a la Bild u.ä. halten, sonst könnten sich keine 50 oder mehr TV-Programme halten. Die Leute sind doch geradezu geil auf Sensationen, Machenschaften, Intrigen usw. In Diktaturen gibt es das genau so, nur wird’s da totgeschwiegen.
Wäre noch zu ergänzen, dass Politiker geradezu Waisenknaben gegenüber manchen Vorgängen in der (Privat-) Wirtschaft sind. Erinnern wir uns nur mal an Balsam, Metallgesellschaft, Bremer Vulkan und an die berühmten „goldenen Handschläge“. Da werden Summen bewegt, gegen die die schwarzen Koffer der CDU wie die Portokasse erscheinen! Bei Politikern zahlen wir alledas über die Steuern, bei der Wirtschaft über die Preise, Bankzinsen usw.
Gruss, Stucki

Freiberufler
bestimmen selbst, wieviel sie verdienen wollen und wie sie
sich ihren Rückzug ins Privatleben vergolden (natürlich unter
den Massgaben des Wettbewerbs)

Hallo, Peter,
genau das ist der entscheidende Unterschied: Wettbewerb! Der Freiberufler bestimmt deshalb eben nicht einfach, wieviel er verdienen will, sondern muß die Marktsituation und sein unternehmerisches Risiko miteinbeziehen, bevor er sich aus dem Topf bedient.

Der Politiker definiert Wettbewerb höchstens als mehr oder weniger ergiebige Debatte in Parlamenten/Ausschüssen/etc. mit seinem politischen Gegner. Spätestens wenn es um die Kohle geht, hat sich´s dann aber mit Wettbewerb, und es herrscht Einigkeit über alle Parteigrenzen hinweg. (Daran ändern übrigens auch einzelne „empörte“ Stimmen aus der jeweiligen Opposition nichts.)

Zur Zeit kann ein Abgeordneter des Bundestags mit einem zu
versteuernden Jahresgehalt von 154.500,-- DM rechnen. Das
entspricht etwa dem Gehalt eines leitenden Angestellten, ist
aber mit sicherheit weniger, als ein Jurist,
Hochschulprofessor, Arzt, Apotheker (was ein grosser Teil der
Abgeordneten ja eigentlich ist) verdienen könnte.

Theoretisch hast Du recht. Praktisch sollte man nicht die zahlreichen „Neben“-tätigkeiten und die daraus erzielten Aufwandsentschädigungen und Honorare vergessen, díe dieses „jämmerliche“ Jahresgehalt um ein Vielfaches übertreffen können. Zeit genug scheint dafür da zu sein.

Willkommen im Schlaraffenland.
Andreas

Hi Andreas,

Der/die Politiker/in sagt:
„Ich übernehme die politische Verantwortung für diese Affäre
(diesen Skandal/diese Fehlleistung)! Hiermit trete ich von
meinem Amt zurück!“

schön wärs. Anscheinend ist leider sogar dies aus der mode gekommen…
Grüße Robert

Na ja, Robert,

seit gestern ist die „Mode“ ja dann doch wieder modern …

Aber was kostet uns der Spaß eigentlich? Ich mach´ mal ein neues Posting aus dieser Frage…

Gruß, Andreas

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