'Populistischer Unsinn' - Teil 2

Hallo an alle Psychologie-Interessierte!

Das Thema „Erfurt“:

Das Ereignis, daß ein 19jähriger junger Mann 16 Menschen und dann sich selbst in seiner alten Schule getötet hat, ist für diejenigen, die es erlebt haben, so unvorstellbar fern vom Alltag, daß eine Spekulation darüber, „was die erlebt haben“, müßig ist. Auf die psychischen Folgen bei den Betroffenen, die ein solches Trauma (und hier ist dieser oft mißbrauchte Begriff einmal richtig) verursachen kann, möchte ich hier nicht eingehen.

Vielmehr treibt mich etwas anderes um, was schon in dem Posting von winkel angesprochen wurde: die Banalisierung des Themas und was Psychologen dagegen tun können.

Bei solchen Ereignissen, wie sie in Erfurt jüngst geschehen sind, beobachte ich zuerst echte „Betroffenheit“. Dann jedoch besetzen Medien und Politiker schnell das Thema, oftmals für ihre Zwecke. Immer ist Wahlkampf!

Gemäß des Mottos „Die Leute wollen Antworten. Die Antworten sollen sie haben“ werden Schnellsch(l)üsse verkündet und Aktionismus macht sich breit. Dieses Mal wird das Thema „Gewalt und die Medien“ aus der Ecke geholt, in die es das letzte Mal abgelegt wurde.

Diese Art des Umgangs mit dem Problem ist eine Banalisierung des Problems und eine Verspottung der Toten!

Wer glaubt allen Ernstes, daß solche Ereignisse nicht geschähen, wenn kein Gewaltfilm oder Gewaltspiel mehr auf dieser Welt existieren würde?

Es ist richtig, daß Gewalt in den Medien Vorbildfunktion haben kann. Psychologische Studien haben seit den 60er Jahren auf diese Tatsache hingewiesen. Allerdings ist Gewalt in den Medien nur ein Faktor, der zu Gewalttaten führen kann. Dieser Faktor ist aber ein recht unbedeutender. Es gibt viele andere, viel bedeutendere Faktoren, die Gewalt hervorrufen können: Gewalt in der Familie, Hoffnungslosigkeit, Leistungsängste, Drogenmißbrauch, soziale Isolation - um Beispiele zu nennen.

Warum wird „Gewalt in den Medien“ so betont?

Ich denke, daß die Verantwortlichen für diese Banalisierung des Problems genau wissen, daß Gewalt in den Medien nicht das Problem ist. Ich denke, daß sie vom eigentlichen Problem ablenken wollen, um nicht wirklich handeln zu müssen. Es ist Augenwischerei, was da passiert, wenn sich der Bundeskanzler mit Medienvertretern trifft oder der Kanzlerkandidat ein Verbot von Gewaltvideos fordert. Wirkliche Problembekämpfung bedeutet den Einsatz von viel Geld auf lange Frist. Geld für Schulen, Lehrer, Kinder- und Jugendlichenbetreuung wollen die Herren aber nicht ausgeben.

Was können Psychologen dagegen tun?

Psychologen können auf die Zusammenhänge hinweisen, die möglicherweise bei solchen Ereignissen wie in Erfurt eine Rolle spielen. Psychologen können sagen: Gewalt in den Medien ist ein Faktor, aber kein besonders wichtiger. Psychologen können aufgrund der jahrelangen Forschung darauf hinweisen, was viel eher Bedingungen für solche Taten wie in Erfurt sind. Psychologen können Programme ausarbeiten, was dagegen getan werden kann.

Findet Psychologie im Fernsehen Gehör?

„Nach Erfurt“ gibt es jetzt eine Reihe von Diskussionen im Fernsehen. Ein paar davon habe ich gesehen. Wo waren die Psychologen? Außer dem Präsidenten des Lehrerverbandes, der früher mal als Schulpsychologe tätig war (was aber nicht immer gesagt wird, wenn er auftritt), habe ich keinen Psychologen gesehen. Und das, obwohl dieses Thema ein genuin Psychologisches ist! Dies ist ein weiterer Grund, warum das Problem nicht wirklich gelöst werden kann, wenn noch nicht einmal die wirklichen Fachleute befragt werden. Leider muß ich hinzufügen, daß Psychologen im Fernsehen mich manchmal zur Verzweiflung über mein Fach bringen, weil die „Kollegen“ sich hin und wieder der Banalisierung des Problems anschließen. Dennoch war ich angenehm überrascht, daß „nach Erfurt“ viele differenzierte Meinungen von Kollegen anderer Fachrichtungen in den Medien transportiert wurden, die mich hoffen lassen.

Ich hoffe, daß viele von Euch das Problem differenziert sehen!

Gruß,

Oliver

psychologen in fernsehdiskussion
hi oliver,

ich habe etliche psychologen in den entsprechenden diskussionen erlebt, welche alle vehement ein grundsätzliche debatte um gewalt in unserer gesellschaft forderten und speziellen raum an den schulen, um soziales miteinander, konfliktlösung usw. zu lernen. sie würden am liebsten ein extra fach dafür sehen.
eine anwesende politikerin lehnte solches aber strikt ab!

tschüß

strubbel

hi oliver,

Hallo!

ich habe etliche psychologen in den entsprechenden
diskussionen erlebt, welche alle vehement ein
grundsätzliche debatte um gewalt in unserer gesellschaft
forderten und speziellen raum an den schulen, um soziales
miteinander, konfliktlösung usw. zu lernen. sie würden am
liebsten ein extra fach dafür sehen.

Sehr gut. Ich würde mich der Forderung anschließen, wenn man z.B. ein Schulfach Psychologie mit theoretischen und praktischen Inhalten in ganz Deutschland einführen würde. Ich habe außerdem nicht alle Diskussionen um „Erfurt“ verfolgen können, deshalb freut es mich, daß die KollegInnen solch´ gute Statements vorbrachten.

eine anwesende politikerin lehnte solches aber strikt ab!

Tja, fürs Verbieten stellen sich unsere PolitikerInnen hin, für sinnvollere Maßnahmen haben sie aber weniger Verständnis (ich weiß, daß es ein wenig pauschal klingt).

Gruß,

Oliver