Porzellan im Haushalt

Hallo Experten,

laut Lexikon wurde Porzellan für Europa 1708 in Dresden erfunden.

Schiller schrieb „Das Lied von der Glocke“ 1799, also gut 90 Jahre später. Darin beschreibt er die Ausbreitung einer Feuersbrunst, hervorgerufen von auslaufender flüssiger Bronze. „Alles rennet, rettet, flüchtet, …“ von der Bergung teuren Porzellans wird nicht berichtet. Und später, nach dem Feuer, „Er zählt die Häupter seiner Lieben, …“ es sind alle noch da! Wieder ist von Porzellan nichts geschildert, obwohl es den Brand doch hätte überstehen müssen, da die Brenntemperatur bei der Herstellung sicher höher ist, als die Temperatur beim Brand eines (Bauern-)Hauses.

90 Jahre nach seiner Erfindung war offenbar Porzellan noch nicht als „Geschirr“ in großbürgerlichen Haushalten, zu denen Schiller (und Goethe) sicher Zugang hatte(n). Nun ja, ein emaillierter Blechteller ist wohl billiger und zerbricht nicht so leicht. Gegen dieses Argument wird Porzellan es also schwer gehabt haben.

Nun die eigentliche Frage: Seit wann gibt es denn Porzellan als Gebrauchs-Geschirr in klein bürgerlichen Haushalten Mitteleuropas?

Grüße
Pat

Hallo,
das Porzellan gehörte bis weit nach der Französischen Revolution zu den Luxuswaren, die sich kleinbürgerliche Haushalte (zumindest in Service-Stärke) nicht leisten konnten; wegen der Herstellung in Manufakturen war es sehr teuer.
Als billigeren Ersatz verwendete man weißglasiertes Steingut.
Man muss sich aber den Unterschied vorstellen: Porzellan hatte eine unebene, also unruhige, Oberfläche. Wenn es dann auf der Tafel vom flackernden Licht der Kerzen beleuchtet wurde, wirkte es geradezu atmend und zuckend, lebendig also. Deshalb auch die vielen Tiere und Tafelaufsätze in Tierform.
Das Steingut hat dagegen eine glatte Oberfläche und wirkte schon beim damaligen Licht so tot wie heute unser glattes Porzellan bei unserem Licht.
Erst die maschinelle Herstellung verbilligte das Porzellan und machte es für den Kleinbürgerhaushalt erschwinglich.
(Es gehört also zu den Luxuswaren, von denen am Beispiel der Seidenstrümpfe Sombart behauptet, dass das (klein-)bürgerliche Begehren nach billiger, also maschineller Serienproduktion eine ebenso wichtige Triebkraft der Industrialisierung war, wie es Smith für die calvinistische Ethik behauptet.)

Wenn Deine Frage nach einer ungefähren Datierung nicht genauer beantwortet wird, dann könntest Du Dich z. B. beim Grassi-Museum in Leipzig (Johannes-Straße) erkundigen. Die kennen sich in solchen Fragen aus.

Gruß
H.

Hi Pat,

ich möchte noch anmerken dass noch bei meiner Oma (geb. 1910) das „gute“ Prozellan nur zu besonderen Anlässen herausgeholt wurde. Wir haben zwar nicht aus Blechtrögen gegessen wenn wir bei ihr waren, das war dann das „billige“ Porzellan. Aber „das gute Geschirr“ war eine Wertanlage und wurde auch vererbt. Daher kann das Porzellan im kleinbürgerlichen Milleu noch nicht sooo lange „normal“ sein.

Gruß
Helena

(Es gehört also zu den Luxuswaren, von denen am Beispiel der
Seidenstrümpfe Sombart behauptet, dass das (klein-)bürgerliche
Begehren nach billiger, also maschineller Serienproduktion
eine ebenso wichtige Triebkraft der Industrialisierung war,
wie es Smith für die calvinistische Ethik behauptet.)

Es ist natürlich nicht Smith, der das behauptet, sondern Max Weber.
Verzeiht bitte den Aussetzer!
H.

Hallo,

das Porzellan gehörte bis weit nach der Französischen
Revolution zu den Luxuswaren, die sich kleinbürgerliche
Haushalte (zumindest in Service-Stärke) nicht leisten konnten;
wegen der Herstellung in Manufakturen war es sehr teuer.

Jein,
für kleinbürgerliche oder gar bäuerliche Haushalte mag das zutreffen.
Aber, etwa ab 1760 beginnt eine massenhafte! Fälschung (nicht nur) der Meissener Schwerter in allen möglichen Manufakturen bzw. Fabriken.
Und das deutet schon auf einen umfangreichen Absatz von Porzellan in mittleren Bürgerschichten hin.
Ausführlich hierzu ‚Waltraud Neuwirth, Meissener Marken Original, Imitation Verfälschung Fälschung‘.
Richtig ist aber wohl, dass man erst ab ca 1850 davon sprechen kann, dass Porzellan breiten Absatz in allen Schichten fand.
Darauf weisen auch die Entstehungszeiten von Fabriken hin, die überwiegend einfaches Porzellan produzierten.
Ein kleiner Überblick hier:

http://www.porzellan-indischblau.de/firmen/firmen.htm

Gruß
Peter

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Hallo,

90 Jahre nach seiner Erfindung war offenbar Porzellan noch
nicht als „Geschirr“ in großbürgerlichen Haushalten, zu denen
Schiller (und Goethe) sicher Zugang hatte(n).

http://www.kultours-frankfurt.de/goethe.htm

"Goethe, Höchster Porzellan und Höchst

Goethe war in seiner Jugend häufiger Gast in Höchst. Goethes Fahrten auf dem Marktschiff, sowie der Aufenthalt in den Gasthäusern in der kleinen Stadt am Main werden in dieser Führung erläutert. Goethe war lange Zeit mit dem bedeutendsten Modellmeister der Manufaktur, Johann Peter Melchior, befreundet. Der Einfluss der beiden Künstler aufeinander wird deutlich an Medaillons Melchiors, die Goethe porträtierten, als auch an der Wirkung von Goethes „Die Leiden des jungen Werthers“ auf das Schaffen Melchiors. Goethes Vater gehört zu den Kunden der Manufaktur. Die Familie besaß, ganz wie es Mode dieser Zeit war, Porzellane aus Höchst."