Posttraumatische Belastungsstörung

Hallo,

Ist diese Diagnose (s.o.) eine Schublade, in die man jemanden stecken kann, nur damit man eine Diagnose hat - (irgend)ein Trauma dürfte bei jedem irgendwo zu finden sein, oder hat diese Diagnose relevante therapeutisch Konsequenzen?

Wie findet man den richtigen Therapeuten, vor allem weil Trauma nicht gleich Trauma ist und Störung nicht gleich Störung.

Gruß
MK

Moin Martin
Diese Diagnose ist (in den letzten Jahren) die ausgelutschteste und missbrauchteste Diagnose im gesamten Psycho-Bereich.
Man kann sie kaum noch ernsthaft stellen. Leider.
Es ist ähnlich wie mit dem „HWS-Schleudertrama“, welches stets bei Auffahrunfällen in Rechnung gebracht wurde, bis die Versicherungen es nicht mehr bezahlt haben.
Gruß,
Branden

Moin Moin,

Diese Diagnose ist (in den letzten Jahren) die
ausgelutschteste und missbrauchteste Diagnose im gesamten
Psycho-Bereich.

Ich habe es befürchtet.

Man kann sie kaum noch ernsthaft stellen. Leider.

Was kann denn eine Patientin machen, der es wirklich schlecht geht, wenn sie diese Diagnose um die Ohren gehauen bekommt. Es hört sich m.E. an wie eine minimale cerebrale Dysfunktion oder sonst was. Das Kind hat einen Namen, eine ICD und gut ist. Wie findet man einen geeigneten Therapeuten und wie valide ist die Diagnose bzw. wie wird eine PTBS „richtig“ diagnostiziert, falls man bei dieser Krankheitsform überhaupt von Diagnose sprechen kann.

Sehe ich es richtig, dass man ein Verhaltensrepertoire erlernen bzw. sich aneigenen kann um wieder mit den alltäglichen Belastungen umgehen zu können?

Wie kann ich damit umgehen, dass etwas für mich in keiner Weise belastend ist, was jedoch den "PTBS"ler extrem belastet und zu allen möglichen Symptomen führen kann. „Reiss dich zusammen“ bzw. „Stell dich nicht so an“, kanns ja nicht sein.

Fragend
MK

Moin Martin

Wie
findet man einen geeigneten Therapeuten und wie valide ist die
Diagnose bzw. wie wird eine PTBS „richtig“ diagnostiziert,
falls man bei dieser Krankheitsform überhaupt von Diagnose
sprechen kann.

Ich würde eine PTBS als Diagnose akzeptieen, wenn ein Kind z.B. im Kosovo-KRieg oder im Irak oder Afghanistan schrecklichste Dinge erlebt hat und diese nicht verarbeiten konnte. DANN würde ich von einem Trauma sprechen, welches deutliche Spuren hinterlässt.
Leider hat der Begriff „Trauma“ eine ungünstige Renaissance erfahren und dabei gleich eine inflationäre Entwicklung mitgemacht.
Wir Psycho-Ärzte wissen, dass Neurosen und Persönlichkeitsstörungen ja kaum von Traumata herrühren, sondern dass da kontinuierliche Beziehungsstörungen in der Kindheit vorlagen. Umso befremdlicher ist es für mich, dass heutzutage billig auf der Schiene „Traumatherapie“ herumspekuliert wird. Das ist so eine Modeerscheinung wie z.B. auch diese Reinkarnationstherapie, dieses ewige Familienaufstellen und ähnlicher Unfug.

Sehe ich es richtig, dass man ein Verhaltensrepertoire
erlernen bzw. sich aneigenen kann um wieder mit den
alltäglichen Belastungen umgehen zu können?

Im Prinzip ja. Die Verhaltenstherapeuten abeiten ja so. Ich bin keiner, aber auch kein Feind derselben. Ich bin eher für eine behutsame Reformation des psychoanalytischen Weges.
Die Neofreudianer sind mir nach wie vor sympathisch, weil sie sich mit einem offenen System weiterentwickeln. Erich Fromm hat viel Vernünftiges geschrieben und viele andere auch.

Wie kann ich damit umgehen, dass etwas für mich in keiner
Weise belastend ist, was jedoch den "PTBS"ler extrem belastet
und zu allen möglichen Symptomen führen kann. „Reiss dich
zusammen“ bzw. „Stell dich nicht so an“, kanns ja nicht sein.

Wir müssen uns wohl damit abfinden, dass die Menschenkinder eben doch nicht alle gleich auf die Welt kommen. Die psychischen Konstitutionen sind ähnlich unterscghiedlich wie die physischen. Es gibt da Athleten und Leptosome. :wink:
Manch einer hat die schrecklichste Kindheit hinter sich und ist trotzdem ein optimistischer, angenehmer Geselle. Andere sind mit dem goldenen Löffel im Mund geboren worden und aufgewachsen und sind neurotisch wie die Prinzessin auf der Erbse. Ist halt so.
„Reiss dich zusammen“ sage ich so gut wie nie zu jemand. Man muss die Leute ein Stück weit aushalten. Wenns zu dicke wird, muss man sie mal auf Distanz „boxen“.
Es grüßt dich
Branden

man muss es sehen
hi,

ich finde, man sollte nicht nur die nachteile von und vermeintlichen fehler bei der diagnosestellung sehen, sondern auch die vorteile, die in dem weit fortgeschrittenen forschungsbereich der PTBS liegen.

was früher manchmal fälschlicherweise als persönlichkeitsstörungen, psychosen oder angststörungen bezeichnet wurde, kann heute besser gegenüber trauma-typischen gründen abgegrenzt und -jetzt kommt´s- behandelt werden. das war ja auch die frage: führt die diagnose ins nix oder auch in spezifische behandlungsformen. die antwort ist: ja, auch das.

letztlich, das zeigt mir die erfahrung aus der psyhotherapie und diagnose-stellung, ist es wichtiger, erst mal eine diagnose an die KV zu bringen, die therapie ermöglicht. differenzialdiagnostisches WEITERSEHEN ist damit ja nicht ausgeschlossen. sogar nötig!

virginia satir sagte mal: „man darf sich in seine diagnosen verlieben, man sollte sie aber nicht heiraten.“

wer mit angst oder ADHS kommt, kann durchaus eine traumastörung haben, die ich im laufe der therapie erst erkenne und dann auch entsprechend behandle (oder weiterverweise an spezialisten mit trauma-fortbildung).

auch vanbranden (hallo!) weiss, dass man nicht einen genozid erlebt haben muss, um eine trauma-diagnose zu bekommen.

als therapeut muss man einfach wissen, dass trauma-symptome das gesicht einer anderen störung haben können, als solche aber anders behandelt werden müssen. das nennt man gute differenzialdiagnostik. diese begleitet jede therapie im prozess, und die diagnose ist nicht so wichtig wie die beziehung, die durch einen therapeuten und patienten heilung bewirken kann.

schimpft nicht so auf das modethema „trauma“, sondern lernt aus den neuen erkenntnissen. vor allem sollte das nicht zum nichtaufsuchen einer therapie führen, weil angeblich die diagnose nur irritiert. was haben da die betroffenen von?

d’accord
Moin Alpha
Im großen und ganzen kann ich deinem Text zustimmen.

virginia satir sagte mal: „man darf sich in seine diagnosen
verlieben, man sollte sie aber nicht heiraten.“

Das ist ein Satz, der mir sehr gut gefällt.
Es grüßt dich
Branden