Prävention 'Sexueller Mißbrauch'

Hi,

momentan empfinde ich es so als wäre sexueller Mißbrauch in den Medien schon alltäglich geworden. Okay, bin gerade etwas recht empfindlich. Dennoch… jeder Mißbrauch ist einer zuviel.

http://www.praevention.org/
http://www.socialnet.de/branchenbuch/index.html

Doch primär geht es mir darum, dass vielleicht nicht alle Eltern wissen, dass es Angebote und Kurse gibt, z.B. Selbstverteidigungskurse für Mädchen und Jungen, was sie präventiv unternehmen können, wie sie z.B. ihre Aufmerksamkeit für Übergriffe schulen und wie sie sich abgrenzen lernen und besser schützen können…

Eine willkürliche Seite: http://www.kostbar.org/inhalt02.htm

Schaut einfach mal bei Interesse bei Euch vorort nach. Auch Volkshochschulen bieten teils solche Selbstverteidigungskurse, Prävention gegen sexuellen Mißbrauch an.

Ciao,
Romana

Hallo Romana,

kein Kind kann sich selbst gegen Missbrauch schützen.
Das ist eine Illusion, die die ohnehin immer beim Kind vorhandenen Schuldgefühle, wenn so ein Übergriff passiert, verstärkt.

Die Verantwortung und Macht einen Missbrauch zu verhindern liegt allein bei den Erwachsenen.

Selbstverteidigungskurse und Aktionen wie „Kinder stark machen“, „Lernen nein zu sagen“, haben zumindest was Missbrauch im Nahbereich betrifft keinen Effekt, und die meisten Fälle kommen eben im familiären Umfeld vor.

Dort führen Selbstbehauptungsversuche höchstens dazu die Gewalt beim Missbrauch zu verstärken.
Kinder sind diesem Geschehen ja meistens über Jahre ausgeliefert, müssen einen Weg zum Überleben finden…und der heißt stillhalten.

Das, was bei Vergewaltigungen Erwachsener gilt

  • Schreien, Wehren, Weglaufen, Zuschlagen,
    und im Falle Gewalt in der Partnerschaft
  • Ausziehen oder den Täter rausschmeissen,
    funktioniert bei Kindern leider nicht.
    Sie haben weder die körperlichen noch psychischen Vorraussetzungen sich zu wehren…und Ausziehen können sie auch nicht.
    Reden mit mutigen Leuten, die dann eingreifen, würde eventuell helfen…diese Menschen gibt es aber nur selten und zudem beginnt der Missbrauch oft sehr, sehr früh, im Vorschulalter, bei Säuglingen(die Täter sind teilweise so nett Fotos davon zu machen, das erspart bei Prozessen den Opfern wenigsten den Vorwurf sich so was Abartiges auszudenken)

Aber auch einen Fremdtäter schreckt ein 6-jähriges Kind mit Selbstverteidigungskünsten wohl nicht wirklich.
Wobei der Fall: „Kind wird auf dem Nachhauseweg ins Auto gezerrt“ sowieso die Ausnahme ist. Da würde sich wehren und Schreien eventuell helfen.
Ein Missbrauchsgeschehen durch Fremdtäter ist aber meistens ein schleichender Prozess, in dem das Vertrauen des Kindes systematisch erschlichen wird.
Das passiert im Kindergarten, in Schulen, in Sportvereinen etc., wo die Kinder in ein ähnliches Abhängigkeitsverhältnis wie zu den Eltern geraten.

Das, was die Kinder vorwiegend abhält sich zu wehren, ist keine „Verteidigungsschwäche“, sondern der Loyalitätskonflikt.
Mit anderen Worten: sie lieben und vertrauen denjenigen, die sie dann missbrauchen.
Das ist das eigentliche Verbrechen, der Vertrauensmissbrauch.

Ich finde es toll, das du dir Gedanken darüber machst, wie man sowas verhindern kann.
Das ist schon viel…mehr als die meisten tun.
Aber inzwischen sehen auch die Vereine, Organisationen, die sich gegen Missbrauch stark machen, solche Aktionen zunehmend kritischer.

Ich habe mir die links jetzt nicht angeguckt, schaffe ich vielleicht später noch, daher argumentiere ich hier nur gegen den Gedanken, Kinder könnten sich durch Selbstbehauptungskurse gegen Missbrauch schützen. Das ist leider falsch.
Gut sind sie trotzdem, aber nicht als Missbrauchsprävention wirksam.

Wenn dir meine Ausführungen vielleicht zu hart erscheinen, liegt es daran dass ich selbst von Missbrauch betroffen bin, also am eigenen Leib und durch Austausch mit vielen anderen Betroffenen erfahren habe, dass solche Aktionen zwar gutgemeint, aber am Problem vorbeigehen.

Nix für ungut.

Anna

Hallo Anna,

kein Kind kann sich selbst gegen Missbrauch schützen.

Woher weißt du, dass KEIN Kind es kann, nur weil du und Andere es nicht konnten?

Selbstverteidigungskurse und Aktionen wie „Kinder stark
machen“, „Lernen nein zu sagen“, haben zumindest was
Missbrauch im Nahbereich betrifft keinen Effekt,

Woher weißt du, dass es nicht Kinder und Fälle gibt, wo es einen Effekt hat? Nicht alle Fälle dürften exakt genauso aussehen wie deiner.

Reden mit mutigen Leuten, die dann eingreifen, würde eventuell
helfen…

Dann hat das Kind auch noch dazu das Gefühl, die Familie kaputt gemacht zu haben.

Wenn dir meine Ausführungen vielleicht zu hart erscheinen,
liegt es daran dass ich selbst von Missbrauch betroffen bin,
also am eigenen Leib und durch Austausch mit vielen anderen
Betroffenen erfahren habe, dass solche Aktionen zwar
gutgemeint, aber am Problem vorbeigehen.

Offen gestanden kann ich mir nicht so super gut vorstellen, dass die vielen Opfer von denen du sprichst, alle - oder viele davon - tatsächlich so ein Training mitgemacht haben. In meinem Bekanntenkreis kenne ich jedenfalls nicht ein einziges Kind, das sowas mal mitgemacht hat.

Ich will nicht behaupten, dass so ein Training das einzig wahre ist und immer hilft.
Aber ich widerspreche der Behauptung, dass ein Kind sich nicht wehren kann. Zumindest habe ich mal eine Fortbildung bei Zartbitter gemacht, da war die wichtigste Aussage „Das Kind selbst muss den Missbrauch beenden“. Bzw. dass ein Eingreifen vom Kind erwünscht sein muss, da es sonst evtl. noch größere seelische Probleme beim Kind erzeugen kann. (Wobei ich mir trotzdem nicht vorstellen kann, nicht einzugreifen, wenn ich von einem Missbrauch erfahren würde…)

Auch nichts für ungut,

Matilda

Hallo Matilda,

deine Ausführungen lösen doch einigen Bedenken bei mir aus, aber vielleicht habe ich da etwas missverstanden, oder ich habe mich in meinem ersten Beitrag zu undifferenziert geäußert und du hast mich deswegen missverstanden.

Also noch mal deutlicher.
Ich halte SelbstVERTEIDIGUNGSkurse durchaus für sinnvoll.
Und in bestimmten Konstellationen:
Täter geht „nur“ mit Gewalt vor und hat keine großartigen manipulativen, Fähigkeiten, das Kind hat zusätzlich zu der Technik auch die entsprechenden Körperkräfte,
kann das wohl mal dazu führen einen gewalttätigen Übergriff durch einen Fremdtäter zu verhindern.

SelbstBEHAUPTUNGSkurse im Sinne von „eigene Grenzen erkennen und setzen lernen“, „Nein-sagen“, das Bewusstsein vermitteln, du hast das alleinige Bestimmungsrecht über deinen Körper, Selbstwert und Eigenwahrnehmung stärken sind auch durchaus sinnvoll.
Im Idealfall vermitteln aber die Eltern ihren Kindern diese Dinge.
Und ich bezweifle, dass einem Kind, das zu Hause wie ein Gegenstand behandelt wird, der nach Belieben gebraucht und wieder weggeworfen wird, ein Kurs reicht, um ein Gefühl für den eigenen Wert und die eigenen Rechte zu entwickeln.
Wenn du das glaubst…gut, jeder Mensch braucht Hoffnung und anscheinend arbeitest du in einem Bereich, wo du Kontakt zu solchen Kindern hast.

Prävention im Sinne von AUFKLÄRUNG halte ich für sehr, sehr wichtig und auch in allen Fällen für sinnvoll.
Kindern zu vermitteln, DAS ist sexueller Missbrauch, DAS sind sexuelle Berührungen, so gehen Täter vor, ist sehr nützlich, weil Kinder selbstverständlich überhaupt nicht wissen, was da vorgeht, wie man es benennt, dass das NICHT okay ist.

Selbst in dem Fall „innerfamiliärer Missbrauch“ ist es für das Kind in aller Regel eine Entlastung den Dingen einen Namen zu geben und ihm zu vermitteln: DU bist nicht SCHULD an dem Geschehen, du hast keine Verantwortung.

Bei Missbrauch im Nahbereich Kindergarten etc. besteht die Chance, dass das Kind sich seinen Eltern anvertraut, sofern der Täter über kein allzu großes psychologisches Geschick verfügt und das Kind durch Äußerungen wie:
das ist unser großes Geheimnis, du bist etwas ganz Besonderes, das tue ich, weil ich dich so gern habe, das ist gut für dich und passiert jeden Kind,
oder durch Drohungen wie: wenn du das erzählst stirbt deine Katze, deine Eltern, tue ich dir sehr weh, glaubt dir sowieso keiner etc.,
massiv manipuliert oder einschüchtert.

Mit mutigen Menschen, bei denen das Kind eventuell Unterstützung finden kann, meine ich eigentlich eher nicht BeraterInnen etc., sondern eher Mutter, Tante, Vater, FreundIn der Familie etc., die dem Kind nahe sind, ihm einen Anker bieten können und die mutig genug sind, hinzugucken und zu erkennen, dass ihr Partner, Bruder, Vater, Freundin dieses Kind missbraucht.

Blinder Aktionismus ist in solchen Fällen nicht hilfreich.
Außenstehende, die in Kontakt mit solchen Fällen kommen, brauchen Besonnenheit, eine gute pädagogische und psychologische Ausbildung und die Fähigkeit ihre eigenen Verletzlichkeiten zu kennen und diese im Griff zu haben. In EINER Fortbildung lernt man/frau so was nicht.
Die Gefahr sekundärer Traumatisierung durch Beraterinnen etc. ist sonst immens groß.

Ich könnte jetzt noch einiges zu dem Thema Schuld- und Schamgefühle bei den Kindern und die unbewussten Mechanismen der Kontaktpersonen dem Kind doch einen irgendwie gearteten Anteil an dem Geschehen zu geben, um nicht mit der eigenen Macht- und Hilflosigkeitlosigkeit konfrontiert zu werden, sagen, aber mir reicht´s.
In guten Fortbildungen wird darauf eingegangen.
Dort wird auch gesagt:
DAS KIND TRÄGT NIE DIE VERANTWORTUNG FÜR DAS GESCHEHEN und kein Kind kann alleine einen Missbrauch beenden.

Gruß
Anna

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Hallo Anna,

ich denke viele deiner Ausführungen sind sehr hilfreich für manchen, der das liest.

Ich selbst möchte nur einiges (Missverständnisse) richtig stellen.

In
EINER Fortbildung lernt man/frau so was nicht.

Das habe ich nie behauptet, ich habe lediglich Dinge zitiert, die dort gesagt wurden.

DAS KIND TRÄGT NIE DIE VERANTWORTUNG FÜR DAS GESCHEHEN

Du brauchst nicht so zu schreien, das ist sowieso klar, und du wirst auch nirgends in meinem Posting finden, dass ich das geschrieben habe.

und

kein Kind kann alleine einen Missbrauch beenden.

DAS, denke ich, stimmt nicht. Aber vielleicht liegt es einfach daran:
DU konntest den Missbrauch nicht beenden, darum denkst du dass KEIN Kind das kann.
Die Gründerin von Zartbitter konnte das aber offenbar, deshalb geht sie davon aus, dass Kinder das können (sie traut es ihnen zu!)

Es denkt eben jeder, dass es bei allen Menschen so ist wie bei einem selbst, und das ist es, was ich in Frage stelle.

Außer Frage steht, dass kein Kind Verantwortung dafür hat, egal ob es den Missbrauch beenden könnte oder nicht.

Alles Gute,

Matilda

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