Praktische Anwendung des Studiumwissens

Hallo Leute,

ich bin Industriekaufmann und habe vor, Wirtschaftsinformatik zu studieren.

Ich wollte mal wissen, wieviel der Inhalte aus den Studium man später wirklich im Berufsleben braucht. Natürlich wird man für bestimmte Bereiche immer bestimmte Studieninhalte benötigen, aber was ist z.B. mit den Sachen, die man so in Mathe etc. durchnimmt?

Und die Gegenfrage: Wieviel muss man nach den Studium noch im Job lernen, um wirklich vom Unternehmen eingesetzt werden zu können.
Bzw. kann man das im Studium erlernte Wissen wirklich so anwenden, oder muss man noch viel praktische Anwendung etc. dazulernen?

Gruß,
Stefan.

Hi,

Ich wollte mal wissen, wieviel der Inhalte aus den Studium man
später wirklich im Berufsleben braucht. Natürlich wird man für
bestimmte Bereiche immer bestimmte Studieninhalte benötigen,
aber was ist z.B. mit den Sachen, die man so in Mathe etc.
durchnimmt?

Es geht beim Studium weniger um die konkreten Inhalte als vielmehr darum, Dir Werkzeuge an die Hand zu geben. Im Grundstudium will Dir ein Überblick über die grundlegenden Zusammenhänge gegeben werden, Dir werden sozusagen die Vokabeln und die einfache Grammatik beigebracht. Im Hauptstudium werden dann (im übertragenen Sinne) wichtige Texte durchgenommen, anhand von Beispielen wird Dir demonstriert, wie die Zusammenhänge wirklich wirken können, wie Du Dir selbst Lösungen erarbeiten kannst. Hier und da bekommst Du vielleicht auch schon den einen oder anderen „Kniff“ gezeigt. In erster Linie hat das Studium den Sinn, dir einen schicken Zettel zu verschaffen, auf dem „Diplom“ o.ä. steht.

Und die Gegenfrage: Wieviel muss man nach den Studium noch im
Job lernen, um wirklich vom Unternehmen eingesetzt werden zu
können.
Bzw. kann man das im Studium erlernte Wissen wirklich so
anwenden, oder muss man noch viel praktische Anwendung etc.
dazulernen?

Du weißt ja idR erst, in welchem Bereich Du arbeiten wirst, wenn es soweit ist. Dafür wirst Du vermutlich nur einen eher geringen Teil des Studienstoffes benötigen, diesen aber dafür wesentlich tiefer als er an der Uni behandelt wurde. Neu einarbeiten, auch und vor allem in bislang fremde Bereiche, musst Du Dich so oder so.

Die technische Realität ist zum einen aktueller als die Lehrbücher und die Skripte der Professoren, und zum anderen wird auch eher mal „gepfuscht“, soll heißen, es steht nicht unbedingt im Vordergrund, daß eine Lösung perfekt nach Lehrbuch realisiert wird, sondern verschiedenste Interessen wollen befriedigt werden, die Ressourcen sind beschränkt und es kommt darauf, daß es funktioniert und sich finanziell lohnt.

Außerdem kommen im „echten Leben“ auch noch Faktoren wie „Politik“, „Management“ und „soziale Interaktion“ hinzu, die auf einmal die Prämissen Deiner Arbeit beeinflussen. Da Du ja schon gearbeitet hast, wirst Du da ja schon eine Menge erlebt haben, und das alles wird nicht allzu neu für Dich sein - das Spiel bleibt dasselbe, Du spielst dann lediglich (je nach Karriere) in einer anderen Liga.

Ist jetzt nur aus der hohlen Hand geworfen - meine Meinung.

Gruß,

Malte.

Hallo,

aus meiner Erfahrung als technischer Ingenieur:

Wenn du gerade frisch von der Uni kommst und in einem Betrieb anfängst, dann sind Einarbeitungszeiten bis zu einem halben Jahr nichts Ungewöhnliches (dabei ist natürlich die Größe eines Betriebes nicht zu verachten, bei mehreren Standorten weltweit dauert es einfach einige Zeit, bis man nur seine richtigen Kontaktpersonen gefunden hat (und zu diesen ein „Verhältnis“ aufgebaut hat)).

Wenn ich schätzen müßte, dann verwende ich vielleicht 5 - 10% des Lehrstoffes der Uni. Dabei ist natürlich auch wieder zu beachten, wie der betreffende Studiengang angelegt ist. Meiner war sehr breit angelegt, mit einigen Schwerpunkten (die man selbst durch die Auswahl der Kurse setzte). Es wäre also bei mir völlig unmöglich, mehr als 50% meiners Studiums in der Arbeit wiederzufinden.

Du mußt dir grundsätzlich bewußt sein, daß das Arbeitsleben anders abläuft, als das Studium (ja klar wirst du sagen), aber:

Dein Chef ist nicht daran interessiert, daß du eine vorgegebene Aufgabe richtig löst. Er kennt die Lösung nicht, darum stellt er ja dir die Aufgabe.

Als kleines Beispiel (ohne Realitätsbezug):

Problem: In der Teeküche gibt es keine Kaffeefilter mehr; du sollst dieses Problem lösen

Im Prinzip ist deinem Chef egal, wie du das löst, hauptsache es gibt wieder Filter, um Kaffee zu kochen.

Als erstes mußt du dir nun überlegen, auf welche Art und Weise man das Problem lösen kann

  • zum Nachbarbüro gehen und Filter ausleihen
  • in die Stadt fahren und Filter kaufen
  • über Internet Filter kaufen und liefern lassen
  • lernen wie man Papier schöpft und selber Filter machen
  • Filterersatz verwenden (Löschblatt, Damenstumpf, usw)
  • als völlig anderen Ansatz: löslichen Kaffee verwenden

Dabei sind natürlich zu beachten: Kosten, Ressourcen, Zeitaufwand, Qualität des Ergebnisses

Nachdem du dir Gedanken über das Problem gemacht hast, dabei jeweils Kosten, Ressourcen und Zeitaufwand gecheckt hast, besprichst du diese Lösungen mit deinem Chef, ihr wählt eine Möglichkeit aus, du führst diese Lösung dann aus. (Jetzt sollte die Lösung auch noch so funktionieren, wie du dir das ausgedacht hast).

Ich will dich damit nicht abschrecken, denn genau dieses Problemlösungsdenken solltest du im Studium lernen.

Gerhard

Wieso dann so viele Studiengänge
Hallo,

danke für die Antworten bisher.

Also kommt es quasi weniger darauf an, dass man sich den kompletten Stoff des Studiums verinnigt, sondern mehr darauf, dass man lernt, auftretende Probleme zu analysieren und zu lösen.

Wieso gibt es dann für jeden Bereich so viele Unterschiedliche Studiengänge, wenn man den Stoff sowieso nicht benötigt?

Demnach könnte ja z.B. ein Mechatronik-Ingenieur quasi überall als Ingenieur anfangen, da er im Studium die Grundzüge gelernt hat, und sowieso noch für den Bereich angelernt werden muss, oder sehe ich das so falsch?

Bzw. demnach könnte ich (falls ich es schaffen sollte) mit den Abschluss in Wirtschaftsinformatik im Bereich der Wirtschaftswissenschaften auch überall anfangen, da ich ja Mathe, Informatik und Wirtschaft im Studium habe.

Gruß,
Stefan.

Hallo Stefan,

Also kommt es quasi weniger darauf an, dass man sich den
kompletten Stoff des Studiums verinnigt, sondern mehr darauf,
dass man lernt, auftretende Probleme zu analysieren und zu
lösen.

Ja, definitiv.

Wieso gibt es dann für jeden Bereich so viele Unterschiedliche
Studiengänge, wenn man den Stoff sowieso nicht benötigt?

Das sagst Du:wink: Nein, Spass beiseite. Selbstverständlich ist das Studium dazu da, ein Themengebiet vertieft und mit Muße zum wissenschaftlichen Arbeiten kennenzulernen. Zunächst erhälst Du einen Überblick und anschließend die Chance, Dich auf etwas für Dich(!) interessantes zu spezialisieren. Dass viele Menschen vor allem die erworbenen Grundlagen kaum später zu schätzen wissen, liegt einfach daran, dass man sich nicht mehr erinnert, wie hart man sie sich erarbeiten musste, um sie später nahezu selbstverständlich anwenden zu können.

Demnach könnte ja z.B. ein Mechatronik-Ingenieur quasi überall
als Ingenieur anfangen, da er im Studium die Grundzüge gelernt
hat, und sowieso noch für den Bereich angelernt werden muss,
oder sehe ich das so falsch?

Ja, so ist es (was auch gut ist) Nur: In der Regel spezialisiert man sich auf etwas, was einem Spass macht. Also liegt für viele nichts näher, als dort weiterzuarbeiten.

Allerdings bin ich hier ein gutes Beispiel. Ich bin ein reinrassiger Maschinenbauer und arbeite mittlerweile in der Logistikplanung, wechsle also immer mehr in Richtung Wirtschaftswissenschaften. Und glaube mir, ich bin nicht der schlechteste Logistiker, auch wenn ich es speziell nie studiert habe:wink:

Bzw. demnach könnte ich (falls ich es schaffen sollte) mit den
Abschluss in Wirtschaftsinformatik im Bereich der
Wirtschaftswissenschaften auch überall anfangen, da ich ja
Mathe, Informatik und Wirtschaft im Studium habe.

Natürlich, wobei ein Controller natürlich vertieftes Controllingwissen erwartet. Allerdings ist es natürlich jederzeit möglich, auch über Umwege noch dorthin zu kommen, wo man hin will.

Nebenbei: Deutschland ist im Vergleich zu den Angelsachsen sehr viel konservativer, was StudienrichtungBerufswahl angeht. In England ist es meines Wissens sehr viel einfacher möglich, von einem eher allgemein-geisteswissenschaftlichen Studium aufgrund des Methodenwissens einen Einstieg in die Wirtschaft zu erhalten als hier…

Grüße
Jürgen

Hallo Stefan,

Wieso gibt es dann für jeden Bereich so viele Unterschiedliche
Studiengänge, wenn man den Stoff sowieso nicht benötigt?

so ist es nun auch wieder nicht.
Als Chemiker hab ich von dem Stoff, den ich mal gelernt hab, in meiner jetzigen Stelle nur wenige % direkt brauchen können, wenn man überhaupt so direkt in % rechnen darf.
Allerdings wird von Dir verlangt, daß Du den Rest mehr oder weniger reaktivierbar im Schädel hast.
Wenn sich in einer Besprechung wer erinnert, daß da doch ein Chemiker in der Runde sitzt und man relativ triviale Dinge nicht weiß, ist das peinlich bis übel.
Von einem Chemiker wird dann allerdings nicht erwartet, daß er irgendwelche physikalischen Begebenheiten runterbeten kann (wenn er es kann ist es allerdings nicht schlecht).
Wäre ich aber ein Naturwissenschaftler, könnte oder dürfte man beides von mir erwarten.

Genauso wird von einem Maschinenbauer nicht erwartet, daß er sich sooo gut in E-Technik auskennt und umgekehrt.
Spezialisten werden häufig (längst nicht immer) als solche eingestellt, aber der direkte Markt ist manchmal recht eng und dann ist es gut, wenn man sagen kann, daß man auch die Nachbardisziplinenn beherscht.
Ein Freund ist z.B. Papieringenieur und hat anfangs nichts in diesem Fach gefunden, kam aber als Maschinenbauing. unter.

Gandalf

Hi,

Also kommt es quasi weniger darauf an, dass man sich den
kompletten Stoff des Studiums verinnigt, sondern mehr darauf,
dass man lernt, auftretende Probleme zu analysieren und zu
lösen.

Letztenendes lernt man, sich innerhalb kürzester Zeit
selbständig in ein völlig fremdes Thema einzuarbeiten,
um dann sach- und fachkundig Lösungen zu präsentieren (nennt sich
dann Klausur *g*).

Wieso gibt es dann für jeden Bereich so viele Unterschiedliche
Studiengänge, wenn man den Stoff sowieso nicht benötigt?

Das Grundstudium (wenigstens bei den Ing.) ist ja mehr oder
weniger ähnlich, bis auf ein paar Fächer. Erst die Vertieferfächer
bringen den wesentlichen Unterschied. Aber selbst dann ist
eigentlich jeder vernünftig denkende Ingenieur in der Lage,
fachübergreifend zu arbeiten. Andererseits bemerkt
mensch später gar nicht, wieviel des Gelernten als Basiswissen
abgesackt ist. Ähnlich wie beim Lesen - mußte man sich mühsam(?!)
aneignen - heute nutzt man dieses Wissen ohne eine Sekunde
drüber nachzudenken. Was ich und Studiumskollegen persönlich heute
als selbstverständliches Allgemeinwissen erachte, ist für manche
meiner Altersgenossen ohne Studium schiere Magie :smile:)

Grüße, René