hi,
„…der Berliner, die Weletaben oder Wilzen, aßen ihre Eltern noch im 10. Jahrhundert…“
Ist an dieser fragmentalen Aussage etwas dran? Wo kann ich näheres erfahren?
fragt:
Frank
hi,
„…der Berliner, die Weletaben oder Wilzen, aßen ihre Eltern noch im 10. Jahrhundert…“
Ist an dieser fragmentalen Aussage etwas dran? Wo kann ich näheres erfahren?
fragt:
Frank
Hallo,
„…der Berliner, die Weletaben oder Wilzen, aßen ihre Eltern
noch im 10. Jahrhundert…“Ist an dieser fragmentalen Aussage etwas dran? Wo kann ich
näheres erfahren?
Wo hast du denn das gefunden? In Friedirch Engels „Die Geschichte Irlands“?
Im Original-Text - aus dem diese Aussage entliehen ist - heisst die Stelle:
"Aber Weletabi, die in Germania sizzent,
tie wir Wilze heizên, die ne scament" (schämen)
"sih nieht ze chedenne" (zu gestehen) "daz sie
iro parentes mit mêren rehte ezen sulîn,
danne die wurme."
Das obige Zitat ist eine Übersetzung des Werkes „De nuptiis Philologiae et Mercurii“ von Marcianus Capella, welches Notker mal übersetzt hat.
IMO ist da nicht besonders viel dran, weil ausser diesem einen Zitat wirst du dazu nicht viel finden. Außerdem ist der Text von Marcianus Capella bereits etwa 475 n.Chr. entstanden. Und der wird wohl kaum gewußt haben, was im 10. Jahrhundert passiert. Also wenn überhaupt - dann bezieht sich diese Aussage aufs 5. Jahrhundert.
Und von „Preussen“ kann man in diesem Zusammenhang eigentlich auch nicht reden 
mfg
deconstruct
Hi Frank,
ich habe gerade zwei interessante Bücher ( 1 x über Preussen, 1 x über die ersten „germanischen Völker“) hinter mir, aber nie etwas über Kanibalismus gelesen. Was ja nun nix heissen soll, vielleicht würde es im 3. Buch stehen.
Meine Fragen:
Woher ist denn der Spruch?
In welchem Zusammenhang tauchte der auf?
Hatte man Sketellte mit Bissstellen gefunden?
Kann mir auf den Satz keinen Reim machen.
Gruß
Helena
Fabelvölker
In der Antike war es üblich, entfernt liegenden Völkern besondere Sitten oder auch besonderes Aussehen anzudichten. Manchen wurde aussergewöhnlicher Körperbau zugeschrieben (Schattenfüssler, Langohren, Einäugige etc.), es hieß, dass bestimmte Völker besonders abschreckende Traditionen haben, wieder andere wurden idealisiert - also eigentlich nicht viel anders als heute.
Zum Teil sind hier wohl Beobachtungen missinterpretiert und verallgemeinert worden, zum Teil wurden Gerüchte kolportiert, viel Phantasie spielte da jedenfalls hinein. Zum Teil geschah die Beschreibung der Fabelvölker entweder mit der Absicht, die eigene Kultur als positiv hervorzuheben oder aber um ein positives Gegenbild außerhalb der eigenen Kultur zu entwerfen. (In mittelalterlichen Handschriften oder auch Weltkarten sind viele solcher Völer dargestellt, auch in der Schedelschen Weltchronik. Als dann aber Amerika entdeckt wurde, lokalisierte man sie dort [etwa die Amazonen].)
Herodot, der griechische Geschichtsschreiber (ca. 485-425 vor Chr) ist meines Wissens eine der frühesten erhaltenen Quellen, in denen etliche dieser Fabelvölker beschrieben sind.
Zitat 1 [Herodot III:38]:
„Wenn einer nämlich allen Menschen auf der Welt die Aufgabe stellt und sie aufriefe, sich die schönsten Sitten und Gebräuche von all den bestehenden auszusuchen, so würden sie sich die ansehen und jeder würde die seines Volkes wählen. So fest glaubt ein jedes Volk, seine Sitten seien bei weitem die besten. (…)
Daß über ihre Sitten und Gebräuche alle Menschen so denken, kann man aus vielen verschiedenen Zeugnissen entnehmen, darunter denn auch aus dem Folgenden. Dareios ließ einmal, als er König war, die Hellenen, die in seiner Umgebung waren, rufen und fragte sie, um welchen Preis sie bereit wären, ihre verstorbenen Väter zu verspeisen. Und sie sagten, um keinen Preis würden sie das tun. Und dann ließ Dareios die Kallatier, ein indisches Volk, rufen, die ihre Väter aufessen, und fragte sie, in Gegenwart der Hellenen, die durch einen Dolmetscher erfuhren, was gesprochen wurde, um welchen Preis sie bereit wären, ihre gestorbenen Väter im Feuer zu verbrennen; die aber schrien laut auf und sagten, er solle nicht so gottlos reden. So steht es also mit dem Glauben an Sitte und Brauch, und richtig scheint mir Pindar zu dichten, wenn er sagt, die Sitte sei aller Menschen König.“
Zitat 2 (Zu den ISSEDONEN, die irgendwo hinter den Skythen wohnen sollen [Herodot IV: 26])
„Folgende Gebräuche schreibt man den Issedonen zu: Wenn einem sein Vater stirbt, bringen alle Verwandten Vieh herbei, und dann schlachten sie es feierlich und schneiden das Fleisch in Stücke und so auch den verstorbenen Vater des Bewirtenden, und schließlich mengen sie alles Fleisch durcheinander und setzen es zum Mahl vor. Seinen Schädel aber legen sie frei und nehmen ihn aus und vergolden ihn, und fortan behandeln sie ihn als einen heiligen Gegenstand und bringen ihm jedes Jahr große Opfer dar. Das richtet der Sohn für seinen Vater aus, wie die Hellenen die Jahresfeier für den Toten. Sonst aber sollen sie rechtschaffene Leute sein, und die Frauen haben gleich viel zu sagen wie die Männer.“
Und schon in der Antike wurde dies so begründet, dass man dort meine, es sei ehrenvoller von den eigenen Verwandten verspeist zu werden als von den Würmern - ich will mich aber nicht festlegen, wo .
Also: Ein Volk, das seine verstorbenen Eltern verzehrt, ist in der antiken Ethnographie präsent, es wird in Indien lokalisiert oder in der skythischen Wildnis nördlich des Schwarzen Meeres.
Wer auch immer also folgendes im Original geschrieben hat
„Aber Weletabi, die in Germania sizzent,
tie wir Wilze heizên, die ne scament“ (schämen)
„sih nieht ze chedenne“ (zu gestehen) „daz sie
iro parentes mit mêren rehte ezen sulîn,
danne die wurme.“
verlegte diese Story in ein ebenfalls fremdes und exotisches Land, nämlich nach Germanien, wo man bekanntlich gerade von den Bäumen heruntergestiegen war. (So ein Pech aber auch, ich habe Martianus Capella gerade nicht greifbar, dessen Text spätestens seit dem 9. Jahrhundert, grundlegende Lektüre für das mittelalterliche Bildungswesen war.)
Aber echt skurril wird es dann mit dem zitierten Satz
„…der Berliner, die Weletaben oder Wilzen, aßen ihre Eltern
noch im 10. Jahrhundert…“
Da interessiert mich echt die Quelle!
Bernhard
Quelle
Na ja, die Frage nach der Quelle hätte ich mir sparen können, deconstruct hat sie ja schon hervorragend beantwortet. Nun können wir ja anfangen, Engels’ Umgang mit der Quelle zu zerpflücken.
Bernhard
Hi Frank,
ich habe gerade zwei interessante Bücher ( 1 x über Preussen,
1 x über die ersten „germanischen Völker“) hinter mir, aber
nie etwas über Kanibalismus gelesen. Was ja nun nix heissen
soll, vielleicht würde es im 3. Buch stehen.
Hallo Helena,
Preußen war im 10 Jhdt noch kein bißchen identisch mit dem, was man heute unter Preußen versteht. Da gab es noch micht mal mal die brandenburgischen Kernländer.
Die Wilzen sind keine Germanen gewesen, sondern wie fast überall östlich der Elbe waren es Slawen, die etwa ab der nachgefragten Zeit christianisiert werden sollten und später aus ihren angestammten Siedlungsgebieten verdrängt wurden.
In manchen Ecken (in der Prignitz z.B.) sind slawische Siedlungen bis ins 16. Jhdt bestehen geblieben, eine Vielzahl von Ortsnamen zeugen noch heute von diesem Teil der Geschichte, außer in der Lausitz ging die slawische Bevölkerung aber dann überall in der deutschen Bevölkerung auf.
Die Theorie vom Kannibalismus könnte in der Überlieferung möglicherweise Greuelmärchen zuzuschreiben sein, die im Zusammenahng mit Eroberung und Missionierung ja häufig erzählt wurden.
Darüber gelesen habe ich aber auch noch nie.
Gruß Maid
ergänzung
hallo bernhard,
ich wollte deinen guten und informativen artikel noch kurz ergänzen.
In der Antike war es üblich,
diese zuschreibungen sind gar nicht mal auf die antike beschränkt, sondern wurden/werden bis heute vorgenommen. mir kräuseln sich immer die zehennägel, wenn ich auf einer party jemanden höre, der sagt: „es soll da einen stamm geben in afrika…“ und dann folgt irgendetwas, was die leute dort machen.
du hast sehr richtig beschrieben, dass die zuschreibungen (und kannibalismus gehört zu den beliebtesten zuschreibungen…) immer an den außengrenzen der bekannten welt verortet werden. interessant ist aber auch der umgekehrte weg, sie an die grenze nach innen zu verlegen, also irgendwelchen „unter uns“ lebenden gruppen. ich denke da z.b. an die kinder schlachtenden juden und kinder stehlenden zigeuner.
kannibalismus als ernährungsform ist in der ethnologie außerordentlich umstritten und viele forscher verneinen dessen existenz. rituelles verzehren einzelner körperteile dagegen ist immer wieder dokumentiert. es soll da einen stamm auf neu guinea geben , bei denen das hirn und die asche der verstorbenen verwandten in bananenbrei gerühret und gemeinsam geessen wird. vor jahren wurde dort eine krankheit beschrieben, bei der die leute völlig apathisch werden und schließlich jämmerlich sterben. lange war die ursache der krankheit unbekannt. schließlich konnte nachgewiesen werden, dass es sich um eine ähnliche krankheit wie bse handelt, die über das verzehrte hirn weitergegeben wird.
Zum Teil geschah
die Beschreibung der Fabelvölker entweder mit der Absicht, die
eigene Kultur als positiv hervorzuheben oder aber um ein
positives Gegenbild außerhalb der eigenen Kultur zu entwerfen.
es gibt aber auch noch weitere motive:
sehr häufig haben die bewohner der küsten, die mit den seefahrern handel trieben, schauergeschichten über die wilden inlandsbewohner erzählt, um die fremden händler daran zu hindern, direkten kontakt mit den inlandsbewohnern aufzunehmen und dadurch den lukrativen zwischenhandel zu verlieren.
andere -wie z.b. die batak auf sumatra oder auch die schweizer (man denke an die schweizer garde des papstes) - hatten ein eigeninteresse ihren blutrünstigen und gefürchteten ruf zu kultivieren, da sie vielfach als söldner arbeiteten und sie damit ihren marktwert hochtrieben.
liebe grüße und maaaahlzeit!
von
burkhard
Hi Maid,
Preußen war im 10 Jhdt noch kein bißchen identisch mit dem,
was man heute unter Preußen versteht. Da gab es noch micht mal
mal die brandenburgischen Kernländern.
das war mir auch klar, ich wollte nun nicht ins Detail gehen. Ich dachte der Frager meinte einefach die Völker die damals im späteren Gebiet Preussens waren.
Die Theorie vom Kannibalismus könnte in der Überlieferung
möglicherweise Greuelmärchen zuzuschreiben sein, die im
Zusammenahng mit Eroberung und Missionierung ja häufig erzählt
wurden.
Denke ich auch, zumal ja auch die Römer dachten die Germanen schänden die Leichen ihrer Feinde und Freunde, indem sie die Leichen in Bäume hängten und dort hängen liessen, also Opfer für Wotan.
Gruß
Helena