Hallo Volker,
der Arbeitsuchende, gut ausgebildet, in der Lage, nicht nur zu lesen, sondern auch zu verstehen, gerät über das Internet an einen Vermittler, der seinerseits auch nur das Internet nutzt, um an Arbeitgeber und Arbeitsuchende zu kommen. Der Betreiber der Internetseite („Vermittler“) arbeitet am heimischen Küchentisch der Sozialwohnung, nachdem er mit dem Handrücken die Krümel vom Frühstück entfernte. So ungefähr?
Ja, so wird’s laufen. Manch anderer „Vermittler“ lernt jemanden in der Kneipe kennen und man vereinbart, wer wen vermittelt und beim Arbeitsamt kassiert. Gleichzeitig lehnen sich die Herrschaften auf den Arbeitsämtern noch ein bißchen ruhiger in die Sessel.
Du kannst in jeder Branche die ganz dünnen Bretter bohren und versuchen, mit minimiertem Aufwand irgendwo Geld abzugreifen. Wenn Du darin eine Chance siehst, ist es sicher eine solche. Um bisher arbeitsscheue Kumpels zu motivieven, läßt sich die Vermittlerprovision brüderlich teilen. Wie bei Zeitschriftenabonnements, für deren Vermittlung eine Sachprämie in Form eines Toasters oder Walkmans lockt, läßt sich das Ganze optimieren. Nach einem Jahr wird das Abo, hier der Anstellungsvertrag, gekündigt und der vorher Vermittelte wird zum Vermittler. Das macht man mit einem größeren Bekanntenkreis und lebt davon.
Lasse Dir einmal das Wort „Dienstleistung“ auf der Zunge zergehen, um zu begreifen, wie aus der Vermittlung eine tragfähige Existenz werden kann. Du dienst und bietest eine Leistung an, die ihr Geld wert ist. Der qualifizierte Arbeitsuchende, den ich ganz oben beschrieb, braucht weder den staatlichen noch den Küchentischvermittler. Was solche geldabgreifenden und ihm nur die Zeit stehlenden Laien zustande bringen, kann er sicher selbst. Wenn ein privater Vermittler Erfolg haben will, darf er sich nicht noch inkompetenter und dusseliger anstellen als die staatlichen Schlafmützen. Dann muß er einen Dienst leisten. Dann muß er dem Arbeitsuchenden und dem Arbeitgeber deutlich mehr bieten, als es das Arbeitsamt kann.
Meldet ein Arbeitgeber dem AA eine zu besetzende Stelle, läuft die Sache wie folgt: Zunächst gibt es Probleme, den richtigen Sachbearbeiter zu finden. Dann hat das Amt einen Bearbeiter für z. B. Metallberufe und dem versucht man nun, telefonisch und schriftlich beizubiegen, um welche Art der Tätigkeit es sich handelt. Man bemerkt die Sinnlosigkeit und besteht darauf, daß sich der AA-Mitarbeiter den Arbeitsplatz ansieht. Wer nur einen Dreher, einen Schweißer, einen Elektriker braucht, ist gut dran. Sobald die Ansprüche ein wenig höher werden, man braucht z. B. einen richtigen Feinmechaniker mit elektrotechnischen Grundkenntnissen, gibt es nur noch üble Überraschungen. Das AA schickt jemanden, der die letzten Jahre als Fahrer gearbeitet hatte, aber früher schon einmal beim Andübeln von Kabelkanälen geholfen hatte („was wollen sie, Kabelkanäle sind doch irgendwie mechanisch und da kommt doch etwas Elektrisches rein“). Als Alleinkraft fürs Büro (ich hatte ausführlich alle Tätigkeiten beschrieben) wird eine ehemalige Chefsekretärin geschickt, die 270 Anschläge auf der IBM-Kugelkopf schafft und über 5000 DM bei 14 Gehältern verdienen will. Ich hab’ aber meine letzte IBM-Kugelkopf vor 15 Jahren verschrottet, es läuft absolut nichts mehr ohne PC (wie auch sonst), von den Niederungen der Buchhaltung versteht die Dame rein nichts und was eine Auftragsbestätigung ist, kennt sie auch nur vom Hörensagen („Dafür gabs eine eigene Abteilung“ erzählt sie).
Das kennt jeder, der mit dem AA zu tun hatte. Irgendwann hat man die Nase einfach voll. Wenn statt des AA ein privater Vermittler den gleichen unqualifizierten Job am Bedarf vorbei macht, schickt man ihn nach Hause. Er wird ganz sicher zukünftig keinen Fuß mehr in die Tür bekommen, hat man doch gelernt, daß der Dilettant einem nur die Zeit stiehlt.
Der Vermittler muß sich die Tätigkeit, das Umfeld und die dort arbeitenden Menschen ansehen und begreifen, um was es geht. Der Vermittler muß sich aber auch mit dem Arbeitssuchenden ausführlich beschäftigen, muß alle Fähigkeiten aufnehmen und richtig einordnen, muß Defizite erkennen, deren Behebung anregen und im Einzelfall dafür sorgen, daß die Zeit der Arbeitslosigkeit mit sinnstiftender Fortbildung genutzt wird, so daß der Bewerber eine Chance am örtlichen Arbeitsmarkt bekommt. Das geht nicht per Internet, das geht auch nicht am Wohnzimmertisch. Das funktioniert in professioneller Arbeitsatmosphäre in einem Büro. Sodann muß der Vermittler den Betrieb mit dem richtigen Arbeitsuchenden zusammen bringen und wenn der Vermittler etwas taugt, paßt alles und es kommt zu einem Anstellungsvertrag. Wer als Vermittler den 3. oder 4. ungeeigneten Bewerber schickt, verplempert nur die Zeit der Beteiligten. In solchem Fall kann der Betrieb lieber selbst suchen.
Die private Jobvermittlung ist eine Chance für engagierte Fachleute mit Einfühlungsvermögen, Beobachtungsgabe, Menschenkenntnis und Biß. All die Wohnzimmerhelden ohne Sachkenntnis, die sich von den 2000 AA-Euros locken lassen, verschwinden ganz schnell wieder von der Bildfläche. Die Firmen der Umgebung hat so jemand bald durch und darf sich nirgends mehr blicken lassen. Wer als Jobvermittler nicht den oben beschriebenen Aufwand treibt und sich letztlich nur als Tippgeber betätigt, ist sein Geld nicht wert und hat verloren.
Gruß
Wolfgang