Bewusstseinsveränderungen
Hallo Stucki,
auch ich schreibe diese Zeilen zum Leidwesen der Telekom offline, und ich hoffe, sie kommen richtig formatiert 'rüber, denn seit mein Flatrate-Provider letzte Woche pleite gemacht hat, habe auch ich wieder die Zeitschere im Kopf. Hätte sich mein Browser nicht „schwer schutzverletzt“, könnte ich wenigstens noch in das w-w-w-Formular schreibe, doch glücklicherweise hatte ich Deine Nachricht zuvor in die Zwischenablage kopiert. Das aber nur vorneweg.
Sicherlich, das Monopol der Bundesbahn war nicht effektiv, und wenn ich vom Nutzen für die Bevölkerung rede, so muss ich fast meine letzten Zeilen wiederholen. Der Nutzen besteht darin, dass nicht die Wirschaftlichkeit an erster Stelle steht, somit die aus Kostengründe stillgelegten Strecken weiter bestehen. (Ich erwähnte in diesem Zusammenhang das Beispiel mit der Zugstrecke Berlin-Hamburg und machte weitere Ausführungen, weshalb ich das an dieser Stelle nicht noch einmal schreiben werde.)
Man kann es auch einmal von einer anderen Seite aus sehen: Weshalb soll man der Bevölkerung des Landes nicht ermöglichen, preiswert durch das Land oder wenigstens zur Arbeitsstelle fahren zu können, wenn man schon ständig um die Ohren gehauen bekommt, als Arbeitnehmer müsse man mobiler und flexibler sein. Ohne in Details zu gehen - man kann sich ja auch selbst die Gedanken ausschmücken -, so liegt für mich der tiefere Grund bei der mächtigen Auto-Lobby, der selbstverständlich nicht daran gelegen ist, dass die Menschen die öffentlichen Verkehrsmittel übermässig nutzen.
Wir können uns entgegen jeder kaufmännischen Denkweise auch fragen, weshalb eine Bahn wirtschaftlich arbeiten soll, denn sie besitzt ja nach wie vor das Monopol. (Zumindest habe ich mir bisher keine andere Bahngesellschaft aussuchen können, die mich preiswerter und pünktlicher nach Hamburg kutschiert.) Diese zwei Punkte sind gefährlich: Monopol und Wirtschaftlichkeit; denn damit fixiert man sich zum einen auf die lukrativen Strecken, zum anderen werden die Preise bestimmt. Und dies, obwohl die Bahn „aber noch aus Steuergeldern massiv alimentiert“ wird, wie Du geschrieben hattest. Der Rest kann zusehen, wie er von A nach B kommt, wenn er sich nicht in diese Abhängigkeit begeben will. Wie ich ebenfalls in der letzten Nachricht schrieb, ist der Staat natürlich an der Effizienz der Bahn gelegen, verwandelt er sie doch durch die Privatisierung von einem Schuldengebäude in einen echten Wert, wobei eben nicht vergessen werden darf, dass wir diese Metarmophose aus unseren Steuergeldern bezahlen! Wir erhalten also erstens weniger Leistung, zweitens höhere Preise und drittens finanzieren wir die beiden erstgenannten Punkte. Nun sollte man wenigstens davon ausgehen, da der Staat abschliessend nicht nur die Schulden nicht mehr tragen und statt dessen einen echten Wert hat, also doppelt daran gewinnt, dass auch die Bevölkerung einen (finanziellen) Vorteil davon hat. Aber dies wird nicht in direkter Weise geschehen, höchstenfalls indirekt, wobei die Masse jedoch erneut benachteiligt wird. Um dies zu belegen, möchte ich Dir einen Ausriss aus Noam Chomskys Buch „Haben und Nichthaben“ zitieren. Der Stand war der 3. Februar 1995:
„Die Programme, die in den USA gegenwärtig durchgedrückt werden, sond offenkundig sorgfältig ausgearbeitet worden, um die Reichen zu schützen. Das Budget von New York, das gestern veröffentlicht wurde, ist ein sehr gutes Beispiel. Es lohnt sich, einmal einen näheren Blick darauf zu werfen. Die Verfechter des Budgets behaupten, sie würden die Steuern senken, aber das ist total gelogen. Wenn man zum Beispiel die staatliche Unterstützung für den Personennahverkehr senkt, dann hat das eine unmittelbare Folge, nämlich, dass die Fahrpreise für den öffentlichen Nahverkehr steigen. Und das ist eine Steuer, eine sehr kalkuliert festgelegte Steuer, nämlich nicht für Leute, die in Limousinen herumfahren, sondern für Werktätige. Die Einkommenssteuer senken sie allerdings tatsächlich. So gesehen werden wirklich Steuern gesenkt. Aber die Progression wird aus dem Steuersystem herausgenommen. Sie nehmen Steuersenkungen vor, aber unterdessen erhöhen sie die Steuern für die Armen, die Leute, die darauf angewiesen sind, mit der U-Bahn zu fahren. Alte Leute, die zu Hause wohnen und nicht mehr herauskommen und Einkaufsdienste brauchen - für sie wird die Unterstützung gestrichen, was bedeutet, dass die Kosten auf die Armen abgewälzt werden. An Medicare* wagen sie sich noch nihct heran, weil auch reiche Leute von Medicare* versorgt werden. Aber an Medicaid*, das für die Armen da ist, trauen sie sich durchaus. Sie beschneiden die Versorgung für psychisch und geistig Kranke. Die Reichen bekommen die Versorgung sowieso. Wenn man das Budget sorgfältig ansieht, sieht man einen ssehr sorgfältig geplanten Klassenkrieg am Werk, dessen Ziel es ist, die Armen noch weiter herunterzudrücken. Damit meine ich jetzt nicht die alleinstehenden Mütter, die Sozialhilfe beziehen. Ich meine Erwerbstätige. Ich spreche von 80% der Bevölkerung. Die Armen müssen noch tiefer gedrückt werden. Man muss die Reichen noch reicher machen. Ungleichheit auf dem Niveau von Guatemala ist noch nihct genug. Das ist der sogenannte Populismus für die Mittelklassen. Das ist die Art von Politik, die jetzt durchgepeitscht wird.“
[* Medicare: staatliches, teilweise aus vom Lohn abgezogenen Steuern finanziertes Gesundheitsfürsorgesystem für Personen über 65; Medicaid: Gesundheitsfürsorge für Ältere, die als Nichteinzahler keinen Zugang zu Medicare haben.]
(Quelle: „Haben und Nichthaben“, Noam Chomsky, 2. Auflage 1998, Philo Verlagsgesellschaft mbH)
Ich habe gerade diesen Ausriss gewählt, weil er ein bezeichnendes Beispiel darstellt und auf andere politische Entscheidungen übertragbar ist.
Allerdings möchte ich nicht dieses krassen Schnitt zwischen arm und reich vornehmen, wie Chomsky das tut, denn viele werden von sich sagen, dass sie doch gar nicht arm sind. Aber es geht um die Ausbeutung des Staates (s. Bücher von Hans Herbert von Arnim, z. B. „Der Staat als Beute“, „Vom schönen Schein der Demokratie“, „Fetter Bauch regiert nicht gern“, Knaur-Verlag )und der manipulierten Bewusstseinsveränderung der Öffentlichkeit: Wenn man nur lange genug davon spricht, tritt irgendwann tatsächlich der Glaube auf, uns ginge es schlecht, weil wir jahrzehntelang über unsere Verhältnisse gelebt hätten, die Kassen leer wären und wir vom „Wohlfahrtsstaat“ Abstand nehmen müssten. Das beste, weil aktuelle Beispiel ist in zweierlei Hinsicht die Steuerreform. Laut einer Umfrage von emnid war vor wenigen Wochen das wichtigste Thema für die Bundesbürger besagte Steuerreform. Dies verwunderte selbst den Moderator der emnid-Sendung, war doch in vergangenen 20 Jahren stets die Arbeitslosigkeit Thema Nummer eins. Aber dadurch, dass in den Medien die Steuerreform präsent war, wurde sie als enorm wichtig eingestuft. (Doch war sie im Grunde ein wichtiges Thema oder tatsählich das wichtigste?) In der letzten oder vorletzten Sendung des Politmagazins MONITOR wurde nachgewiesen, dass die Steuerreform nicht allen Menschen, also auch Familien und Minderbemittelte, Vorteile brachte, sondern auf Grund anderer Steuern Nachteile. (Ist in den Archiv-Internetseiten von MONITOR nachzulesen.)
Bernt Engelmann brachte dazu mal ein schönes Beispiel in „Schwarzbuch Helmut Kohl“. In etwa lautete es so: In einem Mietshaus besitzen sieben von acht Parteien wenig, während die achte Partei ein Einkommen von zwei Millionen hat. Somit wird zwar das durchschnittliche Einkommen gewaltig angehoben, aber trotzdem hat die Mehrheit nichts davon.
Wie Du bemerkst, geht es mir weniger um irgendwelche Einzelheiten wie die ursprüngliche angesprochene Privatisierung, sondern um die latente Entdemokratisierung in all ihren Facetten.
Aber, jetzt kommt was Arrogantes: Was erwartest Du von einer
Gesellschaft, die 50 oder mehr Fernsehprogramme braucht,
jeden Abend Fussballspiele, Autorennen usw. und jetzt Olympiade
bis zum Erbrechen reinzieht […]
Liebe® Stucki, das wirkt auf mich keinesfalls arrogant, denn es stellt die Realität dar. Das Volk bekommt Brot und Spiele und denken nicht selbsttätig nach, wie ihnen geschieht. Es mag hart klingen, aber es wundert mich nicht mehr so sehr wie früher, dass die Masse der Bevölkerung vor 67 Jahren einem Führer folgte, der ihnen den Weg zeigte. Wie sagte Bertrand de Jouvenel: „Eine Gesellschaft von Schafen muß mit der Zeit eine Regierung von Wölfen hervorbringen.“
Wenn Du Deine Zeilen als arroganz betrachtest, dann müssen meine folgenden das ebenfalls sein: Denn ich habe kein Verständnis für die jetzigen Protestaktionen wegen Ökosteuer und hoher Benzinpreise. Wie oft muss ich noch an den seinerzeitigen Shell-Boykott wegen der ins Meer zu versenkenden Öl-Plattform „Brent Spar“ denken. Das war ja auch ein „uuungeheures Opfer“ für die Autofahrer, an Shell vorbeizufahren und einen Kilometer weiter bei Aral, BP etc. zu tanken.
Wer einerseits gegen hohe Kraftstoffpreise demonstriert, weil er seine Existenz und/oder seinen Geldbeutel bedroht sieht, andererseits sich aber still und schweigsam verhält, wenn es um die schleichende Beschneidung seiner Rechte und das undemokratische Verhalten von Politik und Industrie geht, darf nicht mit meiner Zustimmung rechnen!
Er hat das sicher auf die damaligen Nazi-Gesellschaft gemünzt.
Der Focus bezog das aber auf die heutige TV-Gesellschaft
(„Bonhoeffer kannte noch kein Fernsehen für alle“).
Ich schätze zwar nicht den FOCUS, aber die Sache mit Bonhoeffer ist interessant. Und was sagt uns das: Alles wiederholt sich permanent, aber wir treten nach wie vor auf der Stelle. Der Politik kommt diese „Verpöbelung“ doch nur recht; ebenso ist dieses ständige Wiederholen über die „schlimme“ Politikverdrossenheit der Bürger nur nützliches Geschwätz: die Verdrossenheit wurde durch absichtlich herbeigeführt, denn wer verdrossen ist, lässt der Politik freies Schalten und Walten.
Marco