Pro/Contra: Ausbildung von IT-Experten

Hallo, liebe Gemeinde :wink:

Ich arbeite als Chef-Entwickler in einem mittelständischen Software-Unternehmen. Wir haben gerade diskutiert, ob wir in den neuen IT-Berufen ausbilden sollen oder nicht.

Wir haben ausgerechnet, dass uns jeder Auszubildende etwa DM 180.000 kosten würde. Das Teure daran sind die betreuenden IT-ler, die aus ihrem bisherigen Arbeitsbereich zumindest teilweise abgezogen werden müssten.

Ein anderes Problem war, dass die Azubis während der Ausbildung eigentlich noch nicht mitarbeiten können. Anders als z.B in einem Malerbetrieb, wo der Azubi schon mal eine Leiter festhalten kann. Die erforderliche mathematisch-abstrakte Denkweise wird wohl erst im letzten Lehrjahr erlangt.

Dann hieß es auch, dass die Gefahr einer Abwanderung des Azubis nach seiner Ausbildung sehr hoch sei, weil andere Firmen ihm einen Tausender mehr versprechen. Das war wohl die Hauptsorge unseres Vorstandes!

So wie ich unseren Voratand einschätze, sind die Herren bisher strikt gegen eine Ausbildung in den neuen IT-Berufen.

Ich bin allerdings der Meinung, dass man nicht immer nur jammern kann, weil es keine IT-ler gibt, sondern dass man auch aktiv daran arbeiten sollte, diesen Mangel zu beenden.

Deswegen frage ich euch, was ihr von dieser Idee mit der IT-Ausbildung haltet und wie ich evtl. meinen Vorstand überzeugen kann.

cu Stefan.

Hallo Stefan,

alle reden vom Mangel qualifizierter Arbeitskräfte in den IT-Berufen, von green card etc. Dabei ist dieser Mangel keineswegs auf diese Berufsgruppe beschränkt, sondern besteht in etlichen technischen Berufen. So ist es fast aussichtslos, einen qualifizierten Feinmechaniker zu bekommen. Es gibt Leute am Arbeitsmarkt, die können drehen, oder fräsen oder irgendwas montieren oder kennen sich an einem bestimmten Fabrikat einer CNC-Maschine aus. Das sind einseitig ausgebildete Leute, die in der Monotonie der Großserie einsetzbar sind, ihr Berufsfeld aber nicht wirklich beherrschen und bei breiteren Anforderungen scheitern. Auf dem Stellenmarkt rund um die Elektronik sieht es sehr ähnlich aus.
In meinem Betrieb werden spezielle optoelektronische Geräte produziert. Der Markt sieht gut für uns aus, sehr gut sogar, der Arbeitsmarkt ist aber eine Katastrophe.
Es finden sich überwiegend Leute mit -zig Einschränkungen, mit nur schmalem Spektrum nutzbarer Fähigkeiten. Ich bin deshalb zur Überzeugung gekommen, daß ich in meinem Betrieb ausbilden muß, wenn der Mangel an Fachkräften nicht bald zur gefährlichen Bremse werden soll. Das Risiko, daß aufwendig ausgebildete Leute den Betrieb dann doch verlassen, muß eben eingegangen werden.
Ich selbst hatte vor meinem Studium eine gewerbliche Lehre gemacht. Mit damals 16 Jahren hatte ich zwar Interesse für den Beruf, aber natürlich von nichts eine Ahnung. Wenn Azubi und Lehrbetrieb etwas taugen, ist der Stift nach kurzer Zeit durchaus einsetzbar - zunächst nur im Rahmen bescheidener Anfänge, die ihn langsam ans Sachgebiet heranführen.
Es ist jetzt 35 Jahre her, es war ein anderes technisches Umfeld. Als Radio- und Fernsehtechniker konnte ich anfänglich eigentlich nur im Weg stehen und Fernseher schleppen. Aber es gab Radios mit abenteuerlichen Skalenseil-Antrieben, es gab verdreckte Tuner, kaputte Tastensätze und natürlich Antennen. Es gab ausgelaufene Batterien, Bügeleisen mit defekten Netzkabeln und im Laden mußten Heintje-Schallplatten verhökert und eingepackt werden. Nach genau dieser Methode bildet das Handwerk aus, nämlich langsam an die Materie heranführen. Das funktioniert bei den Friseuren, Maurern, im graphischen Gewerbe, bei den Maschinenbauern, einfach überall. Und ganz selbstverständlich kann auch ein 16 oder 18jähriger Lehrling, Verzeihung, Auszubildender, eine Tabelle in die Tastatur hacken, mit der hinterher ein Eprom gebrannt wird. Nach kurzer Zeit kann er auch das Programmiergerät bedienen, einen bereits vorhandenen Ablaufplan ändern, eine Bedienoberfläche farblich gestalten und ganz nebenbei das längst fällige Ändern der Zeichnungs- und Archivierungsnummern leisten. Was ich mir hier an Anfangstätigkeiten aus den Fingern sauge, kannst Du sicherlich auf Deinen Betrieb übertragen. Will sagen, richtig angefangen steht den Kosten auch eine Leistung gegenüber.
Letztlich aber kostet der Azubi Geld und bindet Zeit. Einen Betrag von 180.000 DM in den Raum zu stellen, halte ich aber für zu kurz gesprungen, denn der Betrieb erhält den maßgeschneiderten Mitarbeiter mit genauer Kenntnis des ganzen Unternehmens. Und was bitte kostet ein neuer Mann vom Arbeitsmarkt, bevor der sich überhaupt an seinen Schreibtisch gesetzt hat? Zeitungsinserat, gewerblicher Arbeitsvermittler, Head-Hunter, Einarbeitung. Und wenn er sich dann als Pflaume herausstellt, das Ganze von vorn.

Gruß
Wolfgang

Hi Wolfgang :wink:)

Vielen Dank erstmal für deine sehr ausführliche Antwort!

Dabei ist dieser Mangel
keineswegs auf diese Berufsgruppe
beschränkt, sondern besteht in etlichen
technischen Berufen.

Ich hatte dies bereits vermutet, konnte mir bisher darüber aber kein Urteil bilden, weil ich außerhalb der IT-Branche zu wenig Kenntnis besitze.

In meinem Betrieb werden spezielle
optoelektronische Geräte produziert. Der
Markt sieht gut für uns aus, sehr gut
sogar, der Arbeitsmarkt ist aber eine
Katastrophe.

Wem sagst du das, wenn wir ein paar Entwickler mehr hätten, würde unsere Firma förmlich explodieren. Wir haben versucht, IT-Experten über das Arbeitsamt zu finden. Aber für die ist jeder ein IT-Experte, der weiss, wo der Power-On-Knopf ist. Da kommen Leute, die Programmieren in einem VHS-Kurs gelernt haben, und bei uns in C++ Programme entwickeln wollen. Mit anderen Worten, beim Arbeitsamt dümpelt nur „Schrott“ rum.

… Ich bin
deshalb zur Überzeugung gekommen, daß ich
in meinem Betrieb ausbilden muß, wenn der
Mangel an Fachkräften nicht bald zur
gefährlichen Bremse werden soll.

Ganz meine Meinung. Nur ist der Mangel in der IT-Branche bereits so stark, dass daraus erhebliche Wachstumshemnisse resultieren. Deswegen denke ich auch, dass Rumjammern überhaupt nichts bringt, man muss als Unternehmen selbst aktiv werden!

Das
Risiko, daß aufwendig ausgebildete Leute
den Betrieb dann doch verlassen, muß eben
eingegangen werden.

Dieses Risiko ist für meinen Vorstand gerade das Haupthindernis bei der Ausbildung neuer IT-ler!

Wenn Azubi und Lehrbetrieb etwas
taugen, ist der Stift nach kurzer Zeit
durchaus einsetzbar - zunächst nur im
Rahmen bescheidener Anfänge, die ihn
langsam ans Sachgebiet heranführen.

In handwerklichen Berufen ist das sicher richtig. Aber wie sieht es in geistigen Berufen aus. Ich musste meinem Vorstand zustimmen, dass man einen IT-ler in den ersten beiden Lehrjahren nur sehr schwer sinnvoll in bestehende Projekte einbinden kann. Allein die mathematischen Kenntnisse sind dann noch zu lückenhaft!

Was ich mir
hier an Anfangstätigkeiten aus den
Fingern sauge, kannst Du sicherlich auf
Deinen Betrieb übertragen. Will sagen,
richtig angefangen steht den Kosten auch
eine Leistung gegenüber.

Es ist sehr schwierig, aber ich habe schon mit der Ausarbeitung eines Plans angefangen. Das Problem ist, dass es von der IHK nur sehr spärliche Informationen über die Anforderungen bei der Prüfung gibt. Auch scheint man sich dort nicht über die Lehrpläne einig zu sein. Es herrscht ein komplettes IHK-Chaos!

Letztlich aber kostet der Azubi Geld und
bindet Zeit. Einen Betrag von 180.000 DM
in den Raum zu stellen, halte ich aber
für zu kurz gesprungen, denn der Betrieb
erhält den maßgeschneiderten Mitarbeiter
mit genauer Kenntnis des ganzen
Unternehmens.

Das ist ein wichtiges Argument!

Und was bitte kostet ein
neuer Mann vom Arbeitsmarkt, bevor der
sich überhaupt an seinen Schreibtisch
gesetzt hat? Zeitungsinserat,
gewerblicher Arbeitsvermittler,
Head-Hunter, Einarbeitung. Und wenn er
sich dann als Pflaume herausstellt, das
Ganze von vorn.

Nun, in unsere Branche ist das einfach. Alles, was jetzt noch auf dem Arbeitsmarkt ist und nicht direkt von der Schule oder Uni kommt, ist uninteressant! Deswegen bin ich ja so dafür, dass meine Firma ausbildet!

Vielen Dank, nochmal :wink:

cu Stefan.

Hallo

Unser Management (mittelständisches Software-Unternehmen) hat sich entschlossen, zwei Mitarbeiter für die Ausbildung von 4 Leuten abzustellen, wobei die beiden noch in Projekten aktiv sind (aber nicht 100%).

Unmittelbarer Grund war die Unmöglichkeit, Aufträge anzunehmen, die Millionen an Umsatz gebracht hätten, weil Mitarbeiter fehlten.

Ich persönlich bin der Meinung, daß an der Ausbildung etwas schief ist, wenn die Lehrlinge erst im letzten Jahr einsatzbereit sind. Unter Aufsicht Code kloppen oder Dokumente nach festgelegten Kriterien prüfen oder bei Workshops Protokoll führen oder oder oder sollten auch schon Schulabgänger können, wenn sie nicht auf den Kopf gefallen sind. Insofern ist das Äquivalent zum Leiter halten schon zu finden.

Gruß
Thomas

Hallo,

Du schreibst

Das Problem ist, dass es von
der IHK nur sehr spärliche Informationen
über die Anforderungen bei der Prüfung
gibt. Auch scheint man sich dort nicht
über die Lehrpläne einig zu sein. Es
herrscht ein komplettes IHK-Chaos!

Offen gestanden kann ich mir das nicht vorstellen. Ich selbst bin Prüfer bei der IHK in FFM und habe von daher so etwas einen Einblick in das Thema Ausbildung. Deutschland hat einen Nachteil: alles ist geregelt. In Deinem Fall ist das ein Vorteil, denn jeder anerkannter Ausbildungsberuf ist in fast allen denkbaren Varianten fest definiert. Meines Erachtens gibt es für die babylonische Sprachverwirrung Deiner IHK zwei mögliche Gründe:

  1. Sie sind inkompetent. Wenn das so ist, frag bei einer anderen Kammer nach.

  2. Eure Vorstellungen sind zu ungenau. Dann mußt Du Dir Gedanken machen, welches Ausbildungsbild konkret ausgebildet werden soll. Dann klappts auch wieder mit dem Nachbarn…

Sollte 1. zutreffen und Du nicht weiterkommen, dann mail mich kurz an. Ich werde dann bei unserer Kammer nachfragen.

Gruß,

Jörg

Hi Jörg :wink:

Offen gestanden kann ich mir das nicht
vorstellen. Ich selbst bin Prüfer bei der
IHK in FFM und habe von daher so etwas
einen Einblick in das Thema Ausbildung.

Je nach dem, wen du bei der IHK Köln gerade an der Leitung hast, sind die Informationen unterschiedlich, jedenfalls was die neuen IT-Berufe angeht. Jeder weiß ein bißchen was, aber keiner hat den richtigen Durchblick!

Deutschland hat einen Nachteil: alles ist
geregelt. In Deinem Fall ist das ein
Vorteil, denn jeder anerkannter
Ausbildungsberuf ist in fast allen
denkbaren Varianten fest definiert.

Dies scheint aber nicht für die neuen IT-Berufe zu gelten. Ich habe mich gestern noch mit jemandem unterhalten, der vor kurzem seine IHK-Prüfung gemacht hat. Er meinte dass die Prüfungsfragen nur wenig mit der Ausbildung zu tun gehabt hätten. Das ist meines Erachtens ein weiteres Zeichen für das IT-Chaos bei der IHK!

Meines Erachtens gibt es für die
babylonische Sprachverwirrung Deiner IHK
zwei mögliche Gründe:

  1. Sie sind inkompetent. Wenn das so ist,
    frag bei einer anderen Kammer nach.

Das ist der wahrscheinlichste Grund!

  1. Eure Vorstellungen sind zu ungenau.
    Dann mußt Du Dir Gedanken machen, welches
    Ausbildungsbild konkret ausgebildet
    werden soll. Dann klappts auch wieder mit
    dem Nachbarn…

Wieso sind „unsere“ Vorstellungen zu ungenau??? Die IHK-Ausbildung soll doch dazu dienen, Leute für die Betriebe heranzubilden. Es kann also nur sein, dass die IHK-Ausbildung an den Bedürfnissen der Betriebe vorbeigeht!

Sollte 1. zutreffen und Du nicht
weiterkommen, dann mail mich kurz an. Ich
werde dann bei unserer Kammer nachfragen.

Danke für dein Angebot! Ich werde jetzt erstmal bei anderen IHKs nachfragen …

Viele Grüße

Stefan.

Hi Thomas :wink:

Unmittelbarer Grund war die
Unmöglichkeit, Aufträge anzunehmen, die
Millionen an Umsatz gebracht hätten, weil
Mitarbeiter fehlten.

Genau das ist auch unser Problem!

Unter Aufsicht Code
kloppen oder Dokumente nach festgelegten
Kriterien prüfen oder bei Workshops
Protokoll führen oder oder oder sollten
auch schon Schulabgänger können,

Ich hatte eigentlich vor, die Azubis zunächst als Programmtester einzusetzen und später, wenn sie schon etwas C++ können, auch zum „Code kloppen“ heranzuziehen. Aber ich fürchte, richtig spannend wird das für die Azubis nicht!

wenn sie
nicht auf den Kopf gefallen sind.
Insofern ist das Äquivalent zum Leiter
halten schon zu finden.

Ich denke, ich habe schon was gefunden, jetzt muss ich nochmal mit unserem Vorstand reden!

cu Stefan.