Problem Ostdeutschland

Hallo Rainer,

Mein Bruder hat nach der Wende ein Kino in eine Diskothek
umgebaut. Wegen Kapitalmangel einen ‚Investor‘ mit ‚ins Boot‘
genommen … der den Laden systematisch abgezockt hat. Der Bau
wurde später abgerissen.

da sind wir jetzt aber in einer ganz anderen Thematik. Die Geschichte ist ja nun wahrlich auf jeden Landesteil und jede Stadt anwendbar. Betrügerische Geschäftspartner gibt es mehr als reichlich. Ich könnte Dir da Geschichten erzählen… Übrigens alle aus Westdeutschland :wink:

Ein Freund hat eine der vielen Videotheken eröffnet … und
konnte nicht gegen die Dumpingpreise der Konkurrenz bestehen.

Waren es wirklich Dumpingpreise also Preise unter eigenen Kosten? Oder hatte der andere eine andere Kalkulation, Einkaufsvorteile, mithelfende Verwandte, geringere Gewinnerwartung. Auch dies nicht unbedingt eine Ost-Story.

Ein anderer Freund in Ostberlin hat kürzlich eine ‚ICH AG‘
gegründet … Von der angesprochenen fehlenden Motivation kann
ich da nichts erkennen.

Einerseits - und das hatten wir schon mal - sollte man aus einem Einzelfall keine Massenwanderung herausinterpretieren. Andererseits sagte ich ja, daß das derzeitige Problem viele Ursachen besitzt und vor allem 14 Jahre zur Reifung hatte. Eine Ich-AG bringt da nicht die Erlösung und ist auch nicht das Symbol für die zweite Wende, nämlich die der Wirtschaftsentwicklung im Osten.

Gruß,
Christian

Hallo Christian,
Du hast mich falsch verstanden.
Es ging nur um einige Leute, die ich in den Neuen Bundesländern kenne und darum, daß fehlende Motivation b.z.w. kein Interesse an Eigeninitiative für den Osten diagnostiziert wurde.
Für die meisten Leute, die ich kenne, gilt das nicht. Die anderen haben einen Job, ein paar Leute müssen ja auch in den Unternehmen arbeiten. :wink:
Warum die Versuche, ein Unternehmen zu gründen nicht funktioniert haben war dabei nebensächlich. Es ging um den Versuch. Der Eindruck, die Leute würden die Beine hoch legen und warten, bis jemand etwas tut, ist einfach falsch. Es fehlt nicht an Versuchen, Ideen und Motivation, sondern an Möglichkeiten.
cu Rainer

Hallo,

Du hast mich falsch verstanden.

nur teilweise.

Warum die Versuche, ein Unternehmen zu gründen nicht
funktioniert haben war dabei nebensächlich. Es ging um den
Versuch. Der Eindruck, die Leute würden die Beine hoch legen
und warten, bis jemand etwas tut, ist einfach falsch. Es fehlt
nicht an Versuchen, Ideen und Motivation, sondern an
Möglichkeiten.

Und mit jedem, der aufgrund des Umfeldes Schiffbruch erleidet, wird ein anderer davon absehen, den Versuch zu starten. Das war es, was ich an anderer Stelle schon einmal schrieb.

Das Resultat ist der Fatalismus, der m.E. zunimmt. Frei nach dem Motto: Der einzelne kann nichts machen, die (Politiker, Arbeitgeber, Bonzen…die Begriffe sind austauschbar) zocken uns nur ab, die Marktwirtschaft ist scheiße, früher ging es uns besser usw. usw.

Gruß,
Christian

Hallo Christian,

Und mit jedem, der aufgrund des Umfeldes Schiffbruch erleidet,
wird ein anderer davon absehen, den Versuch zu starten. Das
war es, was ich an anderer Stelle schon einmal schrieb.

Das kann teilweise stimmen. Mein Bruder hat keinen zweiten Versuch gemacht, der Freund, der die Videothek hatte, hat danach einen anderen Versuch erfolgreich gestartet.

Das Resultat ist der Fatalismus, der m.E. zunimmt. Frei nach
dem Motto: Der einzelne kann nichts machen, die (Politiker,
Arbeitgeber, Bonzen…die Begriffe sind austauschbar) zocken
uns nur ab,

Könnte ich verstehen.

die Marktwirtschaft ist scheiße, früher ging es
uns besser usw. usw.

Das ist eher Unfug. Wie soll eine Situation, in der eine Unternehmensgründung unmöglich ist, einer Situation in der es schwer ist vorgezogen werden?

Die Leute, die meinen, ‚früher ging es uns besser‘, sind wohl eher die Profiteure der DDR. Diesen Leuten kommt es nicht in den Sinn ein Unternehmen zu gründen. Solche Leute kenne ich nicht persönlich. :wink:

cu Rainer

Ich habe eine Möglichkeit angeführt, die das Arbeitsamt bietet.
Hier gibt es Geld und Beratung.

Absolut lächerlich. Leider bestehen außer Investitionen (die
nicht einmal hoch sein müssen) noch andere finanzielle
Verpflichtungen (Krankenkasse, Versicherungen…). Schließlich
fängt der Jungunternehmer bei Null an, schwerlich sich dabei
einen Gewinn auszudenken, geschweige denn in akzeptabler Größe
am Beginn zu erreichen.

Hallo André,

ich kenne nun zwei Beispiele aus dem Bekanntenkreis, die recht erfolgreich waren.

Im ersten Fall war ein Verkaufsingenieur von einer betriebsbedingten Kündigung betroffen. Er gründete nach Beratung mit dem örtlichen Arbeitsamt eine Handelsvertretung, wurde anfangs finanziell unterstützt und macht inzwischen ganz ordentliche Umsätze.

Im anderen Beispiel hat sich ein arbeitsloser Maurer mit Hilfe des Arbeitsamts selbständig gemacht. Inwischen hat er sogar einige Mitarbeiter und macht mit seiner Firma Unterkellerungen und Bodenplatten. Eine solche Spezialisierung auf ein bestimmtes Gewerk am Bau erscheint mir erfolgversprechend.

Vermutlich gibt es auch zahlreiche Negativbeispiele. Ich halte es aber für falsch, wenn man Fördermöglichkeiten grundsätzlich ablehnt. Wenn dich die Details zu diesen Existenzgründungen interessieren, dann sende mir doch ein Email. Ich frage dann im Bekanntenkreis nochmal nach, wie die das genau gemacht haben.

Gruss,
Klaus

Hallo Klaus,

nein, ich wollte nicht die Förderungen an sich bemängeln. Das es sie gibt ist richtig und gut. Jedoch kann man hier in Deutschland niemals eine Idee verkaufen, das geht einfach nicht.

Wenn das Geschäft erst mal läuft, so fließen Gelder. Für manche Sachen braucht es nur ein Telefon, für andere Gewerke benötigst du einige Tausend Euro. Schließlich gilt es noch in einem an sich übersättigtem Markt noch eine Nische zu finden. Hast du diese Nische dann fest in der Hand, willst du dein Geschäft (was gut geht und erfolgreich ist) eben erweitern. Doch dazu brauchst du Geld, was du nicht hast. Erarbeiten kannst du dir das nicht, dazu brauchst du Aufträge, die du aber ohne Investition nicht bekommen (bedienen) kannst. Gehst du nun zur Bank, Sparkasse oder sonst wo hin, so schauen sich diese Leute deine Firma und die Zahlen an. Und ganz genau hier ist Ende der Fahnenstange. Gute Zahlen heißen noch lange nicht, das dir jemand Geld gibt. Auch Fördermittel greifen hier seltenst, da die Banken daran nicht interessiert sind. Und nur über Banken kommst du an die dich interessierenden Gelder.

Für Banken lohnt das Geschäft über Fördergelder (sagen wir mal „Kleinmengen“ bis 50 TEuro) nicht so sehr, also bist du außen vor. Zu hoch kannst du nicht rangehen, einmal weil es deine Zahlen nicht hergeben, andererseits weil du nicht so viel Geld brauchst (und auch nicht abzahlen könntest). Wie ich schon sagte, es geht hier nicht mehr um Existensgründungszuschüsse wie Übergangsgeld oder ESF. Alle anderen Möglichkeiten sind an Banken geknüpft.

Ich habe selbst genug Erfahrung sammeln dürfen, das kannst du mir glauben. Es gibt für bestimmte Gewerke in den Banken Negativlisten, da gibt es keine Förderung, egal wie gut du bist. Und das weißt du nicht vorher, diese Listen ändern sich auch andauernd. Außerdem liegt so was auch nicht am Bankschalter aus. Nachfragen bleibt ergebnislos, Bankgeheimnis. Ich selbst habe so eine Liste nur durch Zufall zu Gesicht bekommen bei einer deutschen Großbank. Nimmst du dir nun vor bei Stadtsparkassen oder Volksbanken nachzufragen, so stehen die Chancen gering höher, da diese sich auf kleinere Summen in dieser Richtung spezialisiert haben. Doch auch hier gibt es diese Listen… (regional angepasst).

Eine konkrete Lösung gibt es nicht. Für viele bedeutet das dann Aufgabe. Genau hier endet auch die Praxis der Banken und das Wunschdenken der Politik. Die eigenen Chancen gehen stark gegen Null, sozusagen Branche wechseln (mit unsicherem Ausgang) oder weiterwurschteln (ebenso unsicher). Und wie oben schon gesagt, du kannst dich strecken wie du willst, ein nein ist ein nein. Da bleibt nur noch die Oma zu fragen. Und die ist auch meist nicht vermögend…

Entschuldige, ist etwas länger geworden.

Gruß
André