Problem mit sich oder Problem der anderen? (lang)
Hallo!
Zuerst einmal: Es gibt kein Sächsisch! Wenn in Umfragen angegeben wird, dass „Sächsisch“ der unbeliebteste Dialekt ist, dann ist das genauso undifferenziert wie „Bairisch“, wobei „Bairisch“ wenigstens noch eine Dialektgruppe bezeichnet, ich allerdings fest davon überzeugt bin, dass nur ein Bruchteil derer, die Bairisch gut finden, zwischen all den Ausprägungen oder gar Unterschieden zum Fränkischen oder anderen angrenzenden Dialekträumen unterscheiden können. Wer von „Sächsisch“ spricht, mein „Talkshow-Sächsisch“, und damit sind wir, denke ich, schon recht weit drin in der Materie.
Mein eigener Dialekt ist der der Übergangsregion vom obersächsisch-thüringischen, ostfränkischen und vogtländischen - ich bezeichne es der Einfachheit halber aber als „nahe am Sächsischen“. Also für das fremde Ohr nicht zwangsläufig schön. Ich vermute, das hängt damit zusammen, dass, wie schon von Vorpostern angedeutet wurde, das „Sächsische“ schlechthin mit „Ostdeutsch“ gleichgesetzt wird, was wiederum heißt: Jammern, Meckern und Geld kosten. Schon zu DDR-Zeiten war das „Sächsische“ verpönt - das Berlinerische stand dazu als Gegensatz: Provinz gegen Hauptstadt.
Mir sind aber auch schon Menschen begegnet, die meinen Dialekt „niedlich“ fanden. „Schön“ fand ihn eigentlich noch keiner 
Wie dem auch sei, ich lebe seit nunmehr 6 Jahren nicht mehr in meiner Heimat und spreche deshalb - so weit ich es hinbekomme! - ein standardnahes Deutsch mit regionalem Einschlag. Kehre ich nach Hause zurück (und sei es nur auf Wochenendbesuch) empfinde die Mundart meiner Mitbürger als unangenehm. Es klingt so provinziell, hinterhergeblieben, ja, sogar Ostdeutsch. Wenn ich es im Fernsehen höre (alles vom Vogtland über Thüringen bis Leipzig, Dresden, usw.) stellen sich mir die Armhaare auf. Ich finde, es klingt schrecklich.
Die Frage, die ich mir in letzter Zeit nun immer häufiger stelle, ist: Liegt es an mir oder liegt es an „den anderen“?
An der Uni (ich bin in Bayern) bin ich gezwungen, meinen Dialekt zu verheimlichen. Ein Oberpfälzer würde nie auf die Idee kommen zu versuchen, Hochdeutsch zu sprechen! Ein Lehrer sagte mal zu mir: „Ihre Unterrichtsstunde war inhaltlich und methodisch gut - aber legen Sie diesen Dialekt ab, damit nimmt Sie keiner ernst!“. Es ist jetzt nicht so, dass er Hochdeutsch gesprochen hätte. Trete ich in ein Gespräch mit einem Fremden, werde ich sofort als „eine aus dem Osten“ entlarvt. Wird irgendein „Ost-Thema“ im Fernsehen behandelt, spricht einer „Ostdeutsch“. Irgendwann beginnt man sich zu fragen: Willst du darauf reduziert werden? Kann es passieren, dass du eines Tages einen Nachteil haben wirst? Was kannst du tun?
Und so fängst du an, deinen Dialekt abzulegen. Wie gesagt, ich habe es in 6 Jahren nicht geschafft, ihn vollkommen abzulegen, weil ich einfach zu viel in Kontakt mit der Heimat bin. Und mittlerweile entwickelt sich diese Verleumdung für mich zu einem Problem. Ich mag meine eigene Herkunft nicht mehr, weil sie mit diesen Vorurteilen behaftet ist. Ich mag meine Heimat, keine Frage, aber selbst in Examensprüfungen darauf angesprochen zu werden nervt. Ich benutze standarddeutsche Lexik, nur meine Intonation ist regional gefärbt. Aber sie verrät mich. Niemand käme darauf, einen Schwaben zu fragen: Ach, ich höre, du kommst aus Schwaben?! Wie ist es denn da so? Wie kommst du mit den Leuten dort klar? Wie stehst du zu deiner Geschichte? Warst du auch in einem dieser Kindergärten? Wählst du die Linke? Möchtest du dorthin zurück?
Es nervt, nervt, nervt.
Ich weiß nicht, warum dein Freund sich gegen seinen Dialekt (hei, ich sehe gerade: Dresden. Viel besser als Leipzig
) sträubt, ich weiß aber, warum ich meinen nicht mehr mag. Für mich ergeben sich daraus subjektiv empfundene Nachteile. Wenn ich ‚meinesgleichen‘ in einer Talkshow sehe, denke ich: „Leute, ihr repräsentiert uns, ihr stellt uns bloß. Ihr habt gar keine Ahnung, was ihr hier anrichtet.“ Diese Entwicklung ist schade. Viele derer, die aus unserer alten Heimat hierher gekommen sind, haben ihren Dialekt abgelegt und passen sich sogar dem hiesigen Dialekt an. Was übrig bleibt, ist eine Reihe von Dialektsprechern, die für einen Dialekt stehen, aus dem das Bild einer ganzen Region geformt wird.
Und aus genau diesem Grund ist „Bairisch“ für mich der Dialekt von Hinterwäldlern, und so richtige Schwaben-Sprecher haben in meiner Fantasie auch nicht gerade Abitur. Ich weiß aber, dass das ein Bild ist, was von außen aufprojeziert wird und mit der Wirklichkeit nichts zu tun hat. Dialektsprechen ist in Deutschland ab einer gewissen Position ein Makel. Glück hast du, wenn du dem „richtigen“ Dialektbereich angehörst. Wir haben halt Pech. 
Lange Rede, kurzer Sinn: Wenn es geht, stehe ich dazu (in sog. „informellen“ Gesprächssituationen). Wo es angebracht ist, lege ich den Dialekt weitestgehend ab. Ich WEIß, dass eigentlich die anderen ein Problem mit meinem Dialekt haben und ich es zu meinem Problem mache. Ich könnte auch keinen Partner haben, der es so richtig raushängen lässt, dass er Sachse ist (meiner ist Sachse, aber er spricht mit mir (m)eine Mischform - zu Hause wird böse gesächselt, und ich finde es einfach nur lustig). Die Frage ist halt: Haben wir zu wenig Selbstbewusstsein (für mich würde ich sagen: Jein) oder haben wir Angst vor Repressionen (Ja)?
Als Lösung könnte ich vorschlagen: Mache es wie die anderen gefühlten 50% der jungen Leute: Geh dorthin, wo ein anderer (oder kein) Dialekt gesprochen wird. Aber glaube mir: „Sächsisch“ wirst du nicht los. Denn sie sind überall… 
LG
Sonne
P.S.: Ein ehemaliger Kollege von mir, ein Urfranke: „Also die Katharina Witt ist schon eine ganz scharfe, die würde ich nicht von der Bettkante stoßen - aber sobald die den Mund aufmacht, ist bei mir alles tot in der Hose…“
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