Hallo an alle,
mir fiel keine bessere Überschrift ein und ich hoffe ich bin hier richtig.
Ich habe zwei Fragen:
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was „triebt“ Menschen dazu vor „Fremden“ (keine Bekannten, keine Freunde - näheres gleich) einen regelrechten Seelenstrip mit intimsten Bekenntnissen und Geständnissen hinzulegen
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gibt es Menschen die (wie soll ichs sagen…) eine Art „Schild am Kopf kleben haben“ so a la „Der Therapeut ist da, beichten sie einfach unaufgefordert“? Also ist es möglich das es Menschen gibt denen man „spontan“ einfach alles erzählen will/mag/möchte, obwohl man diese Menschen vorher nie fragte ob sie das hören wollen und damit umgehen können?
Mir ist es schon früher oft passiert das mir Bekannte oder Freunde irgendwann ihren Kummer oder ihre „Geheimnisse“ sagten. Ist ja auch nichts schlimmes, ein Vertrauensbeweis für mich und ich habe mit sowas bei Freunden und Bekannten auch überhaupt kein Problem. Ich kann gut zuhören, ich kann gut beraten und auch trösten, ich mach das (fast)immer für Freunde und Bekannte (es gibt auch mal Lebenslagen da kann ichs einfach nicht, das muss auch drin sein bei einer Freundschaft).
Allerdings werbe ich damit nicht in jedem zweiten Satz wie „duuhuu, wenn du mal ein Problem hast, hier meine Nummer, ich hab immer ein offenes Ohr…“, oder ähnliches. Wenns passiert bin ich da und gut ist.
In letzter Zeit fiel mir auf das sich mir oft „Fremde“ anvertrauen. Als Fremde bezeichne ich Menschen die ich kenne weil man ein gemeinsames Interesse hat (VHS Kurs, Training, Verein, etc.). Ich neige nicht zu intimen Freundschaften, nur weil man mal einen Töpferkurs zusammen besuchte. Wenn es sich ergibt dann ists okay, aber für eine Freundschaft brauchts bei mir eben mehr, das muss sich erst aufbauen. Ebenso bezeichne ich nicht jeden, nur weil ich seinen Namen kenne und ihn einmal sah, als Bekannten.
Mir ist es nur in kurzer Zeit ein paar Mal passiert (jemand fuhr mich nach dem Kurs zur Bahn, man fuhr zusammen zu einem Workshop) das sich solche „Fremden“ (wie ich es bezeichne) mir im Auto, im Bahnabteil, auf dem Weg zum Kurs, in recht kurzer Zeit Beichten und Seelenstrips hinlegten, die mir unangenehm waren und wo ich mich frage - was soll das?
Unangenehm waren mir diese Beichten, weil ich mich irgendwie überfordert fühlte. Ich kenne diese Menschen weil ich 1 x in der Woche mit ihnen z.B. Spanisch lerne - das sind für mich nach wie vor Fremde.
Dann kamen da Geschichten heraus von (z.T. wirklich grauenvollen) Misshandlungen, Vergewaltigungen, Drogenkonsum und Abhängigkeiten, Partnerprobleme und Psychotherapien, die mich schlicht in der Situation (Bahnabteil? Hallo??? darüber rede ich nicht in der Bahn) überforderten.
Unangenehm war es mir auch, weil ich nicht wusste was man nun von mir erwartete. Allerdings war ich auch etwas zu feige den Sprachfluß zu unterbrechen und zu fragen „Was erwartest du von mir?“. Wollte man nur mal „plaudern“? Wollte man Feedback? Wollte man Hilfe? Ich weiss es bis heute nicht, deshalb eben meine Frage. Ist das Not? Wollen diese Leute Antworten oder nur jemanden zum zuhören? Einen völlig Fremden? Oder wollen sie schocken ("…wat hab ich fürne schlechte harte Kindheit, bewundere mich???") oder gar angeben? Werde ich da getestet oder ist es ein Hilferuf? Wie reagiere ich da richtig(er)?
Ich habe immer zugehört, etwas Feedback gegeben indem ich eigentlich nur den letzten Satz wiederholte und keine Stellung bezog, bis auf die, die auf der Hand lagen.
Ich bin mir unsicher was jemand der mich eigentlich nicht kennt, von mir erwartet wenn er mir schreckliche Geschichten von Misshandlungen erzählt (die zurückliegen, wenn ich sowas als aktuelle Lage hören würde, wüsste ich was zu tun und raten ist!). Ich kann die Vergangenheit ja nicht ändern oder heilen. Auch sind da Ratschläge irgendwie unangebracht, oder?
Dann wollte ich fragen - kann es sein das ich sowas „anziehe“? Ist mir einfach nur aufgefallen das es mir so oft passierte in letzter Zeit. Gibt es Menschen die so ein „Therapie-Schild“ mit sich hertragen? Oder kann ich das auch beeinflussen?
Denn, bei aller Liebe und allem Verständniss, auch ich habe Gefühle und Stimmungen und es gab da einige Situationen bei diesen Beichten, da hatte ich weder Nerv noch Zeit noch Geduld mir das anzuhören. Ich fühlte mich überfordert und auch etwas missbraucht als seelischer Müllkipper.
Ganz ehrlich, bei einer Beichte hätte ich am liebsten gesagt: „Sei mir nicht böse, aber mein Maß an Vergewaltigungen und misshandelten Kindheitstraumen ist in diesem Monat mehr als voll, bitte nicht jetzt und hier und was soll das überhaupt, kennen wir uns denn wirklich so gut das ich mir das anhören muss?“ Aber - ich hörte aufrichtig betroffen zu, wollte nicht verletzten oder vor den Kopf stoßen (auch wenn ich ziemlich vor den Kopf gestoßen war, denn diese Beichte kam völlig überraschend und ohne Vorwarnung) und frage mich jetzt eben - wie reagiere ich da richtig um die anderen und mich besser aufzufangen und zu verstehen?
Danke wer bis hierhin durchhielt!
Freue mich auf Denkanstöße und Hinweise…
Gruß
Helena
PS - Ich habe kein Helfersyndrom und ich bin kein notorischer Gutmensch!!!