Hallo,
ich hatte neulich mit einigen Kollegen eine spannende
Diskussion. Es ging um folgendes Thema: Wie kann ein Professor
im Bereich BWL seinen Studenten etwas für das spätere
Berufsleben beibringen, wenn er selbst noch kein Tag in einem
Unternehmen tätig war? Das heisst wenn er eine reine
akademische Laufbahn hinter sich hat.
Was denkt ihr dazu?
nun, einerseits wird ja in einem BWL-Studium (Uni) das theoretische Grundgerüst vermittelt, das der Student später im Berufsleben umsetzen bzw. mit Praxis füllen soll. Andererseits wird der Student hoffentlich befähigt sein, nach dem Studium seinerseits die theoretische Laufbahn einzuschlagen.
Hinzu kommt, daß ein „vernünftiger“ BWL-Professor durchaus insofern praktische Erfahrung haben kann, als daß er in Projekten z.B. Behörden, Unternehmen und andere Institutionen berät.
Soviel zur Theorie. Nun meine Meinung: Zunächst sollte das Studium nach dem Grunstudium in zwei Schienen weitergeführt werden: Eines für die, die in wirkliche Welt gehen, d.h. mit etlichen Praktika und Projektarbeit, und eine andere für den akademischen Nachwuchs. Das erpart den Praktikern viel unnützes Zeug, wie z.B. die 87. überholte Theorie und ermöglicht es den anderen, so tief in die Theorie einzusteigen, daß sie sie auch verstehen. Das ist nämlich bei den meisten nicht gegeben.
Des weiteren bin ich der Ansicht, daß der akademische Nachwuchs praktische Arbeit geleistet haben muß, bevor er in der akademischen Hierarchie aufsteigen darf. Tatsächlich gibt es nämlich durchaus Dozenten, die wirklich noch nie einen Betrieb von innen gesehen haben und gar nicht wissen, daß außer Theorie noch so einiges andere eine Rolle beim Wirtschaften spielt.
Nun hat aber auch die Ökonomie begriffen, daß es neben der reinen wirtschaftlich orientierten Theorie das wirkliche Leben gibt und daß der homo oeconomicus nicht die Regel ist. D.h. in die Theorie hat das reale menschliche Verhalten in allen Facetten inzwischen Eingang gefunden. Nun ist aber auch diese Theorie nur eine Theorie und wird von Theoretikern gelehrt, die zwar die Worte verstehen, die sie von sich geben, aber eben nie praktisch erlebt haben, was z.B. Zielkonflikte in der Praxis bedeuten.
In der Tat ist das von dir beschriebene Problem ein solches. Wie groß die Diskrepanz zwischen Gelehrtem und der Realität ist, hängt vom Engagement und der Erfahrung der Dozenten ab. Ich für meinen Teil hatte Glück und hatte etliche Dozenten, die große Erfahrungen mit der Realität hatten. Einer war Wirtschaftsprüfen, ein anderer hatte den umtriebigsten Lehrstuhl in Sachen Projekte, den man sich vorstellen kann.
Andererseits hatte ich z.B. auch einen, der Dr. rer. oec. und Dipl. Physiker war und nach seiner Promotion mit summa cum laude zwei Jahre lang keinen Job in der Wirtschaft gefunden hat, weil er nach eigenem Bekunden schon im Vorstellungsgespräch erklärte, was das Unternehmen, bei dem er sich bewarb, in theoretischer Hinsicht an großen Fehlern beging. Inzwischen berechnet und entwirft er bei einer Großbank derivate Finanzinstrumente.
Das Problem besteht natürlich auch auf der anderen Seite, d.h. auf Seiten der Studenten. Viele kommen direkt ohne btriebliche Erfahrung zum Studium, gehen mit verschlossenen Augen durch die Welt, lesen keine Zeitung, verlassen als Dipl.-Kfm. die Uni und können weder eine Steuererklärung ausfüllen, verstehen nicht, warum sie höhere Zinsen für Kredite zahlen als sie für Guthaben erhalten und nicht zuletzt fehlt ihnen u.U. die Erkenntnis, daß man nicht dauerhaft mehr Geld ausgeben kann, als man verdient.
Die Gefahr ist somit in der Tat groß, daß die Theorie eine geschlossene Gesellschaft ist, bei der Theoretiker anderen Theoretikern im Amt folgen und ihrerseits wieder zukünftige Praktiker unterrichten. Daß das nichts gutes bedeutet, ist offensichtlich.
Gruß,
Christian