Promovieren an Fernuni?

Hallo zusammen,

weiß jemand, ob es möglich ist, eine Germanistik-Dissertation an einer Fernuni zu schreiben, sodass man nicht ständig mit Professoren reden muss? Das wäre für mich die einzige Möglichkeit, meinen Doktor zu machen, da ich voll im Berufsleben stehe.

Gruß

Boris

Hallo Boris,

ich weiß ja nicht, welche Vorstellung Du von einer Promotion hast, aber mir wurde gesagt, dass es primär erst einmal um eine „eigenständige“ wissenschaftliche Arbeit geht und nicht um nettes Händchenhalten mit dem Prof…:wink:

Spass beiseite: Ich glaube nicht, dass sich eine Promotion an der FU entscheidend von einer Promotion an jeder beliebigen anderen Uni unterscheidet. Einige meiner Bekannten werden/wurden von Professoren promoviert, die mehrere hundert km von ihrem Wohnort entfernt lehren. Die haben ihren Prof (obwohl er an einer Präsenzuni lehrte) sicher auch nicht mehr als 3-4x pro Jahr gesehen.
Dein Hauptproblem wird eher sein, einen Professor zu finden, der Dich ohne Drittmittel und ohne Anstellung am Lehrstuhl promoviert, aber das ist an der FU sicher nicht anders als an anderen Unis.

Und deswegen würde ich mir lieber einen sympathischen Professor mit passendem Fachgebiet an einer beliebigen Uni suchen als einen wie auch immer gearteten an einer bestimmten…

Grüße
Jürgen

Hallo,

meinen Vorredner ergänzend kann ich noch folgendes sagen:

möglich ist, eine Germanistik-Dissertation an einer Fernuni zu schreiben,

Möglich ist das an der Fernuniversität Hagen mit Sicherheit, denn es gibt zumindest ein germanistisches Institut:
http://www.fernuni-hagen.de/KSW/institute/welcome.html .

Ich kenne auch jemanden, der in Hagen promoviert hat, allerdings in Philosophie, aber prinzipiell müsste es selbstverständlich auch in Germanistik möglich sein. Voraussetzung ist, dass du einen der dortigen Professoren überzeugst - das ist das eigentliche Problem.

sodass man nicht ständig mit Professoren reden muss?

Es ist auch an normalen Universitäten nicht unbedingt die Regel (gerade in Germanistik). Ich selbst habe zwar meinen Professor regelmäßig gesehen, aber über meine Arbeit haben wir sehr selten geredet (in Philosophie, aber auch vergleichbar).

Das wäre für mich die einzige Möglichkeit, meinen Doktor zu machen, da ich voll
im Berufsleben stehe.

Die Hürde ist also nicht das Gespräch mit dem Professor, sondern die gesamte Recherche für die Arbeit (Thema, Literatur, Forschungsstand etc.), denn die kann dir niemand abnehmen.

Herzliche Grüße

Thomas Miller

Hallo Boris

Das wäre für mich die einzige
Möglichkeit, meinen Doktor zu machen, da ich voll im
Berufsleben stehe.

jetzt weiß ich nicht genau, wie hoch der Arbeitsaufwand bei einer geisteswissenschaftlichen Promotion ist, aber wenn er nur halbwegs mit der einer naturwissenschaftlichen vergleichbar ist, halte ich ein solches Projekt für sehr gewagt. Die nächsten Jahre(!) gäbe es dann ein Fremdwort für Dich - Freizeit, nicht nur ein zwei Jahree, sondern wahrscheinlich deutlich mehr.
Ob es das wert ist?

Gandalf

Hi,
… ist, das zwei Vollzeitjobs einer zuviel sind.

jetzt weiß ich nicht genau, wie hoch der Arbeitsaufwand bei
einer geisteswissenschaftlichen Promotion ist, aber wenn er
nur halbwegs mit der einer naturwissenschaftlichen
vergleichbar ist, halte ich ein solches Projekt für sehr
gewagt. Die nächsten Jahre(!) gäbe es dann ein Fremdwort für
Dich - Freizeit, nicht nur ein zwei Jahree, sondern
wahrscheinlich deutlich mehr.

Wahrscheinlich mindestens 8 Jahre … (Normalerweise ist bei einer „Vollzeitbeschäftigung“ Promotion im Mittel mit 4 Jahren zu rechnen. Bei 50% Einsatz sind das dann 8). Mit dem Brotberuf ist das eine Arbeitsbelastung von 150% über 8 Jahre.

Ob es das wert ist?

Ich würde hier sogar soweit gehen und abraten. Wahrscheinlich würde der Frager mehrere Jahre Familienleben und Freizeit sowie ziemlich sicher seine Karriere in den Sand setzen. Da es mit einer Promotion nach dem Motto „ganz oder gar nicht“ geht würde ich hier zu „gar nicht“ raten. Eine abgebrochene Promotion mag eine presönliche Bereicherung sein, ansonsten bringt sie für die Karriere nichts ein.
Ich kenne genügend Leute, die eine Promotion neben einer Vollzeit-Berufstätigkeit versucht haben. Hier war niemand erfolgreich. Irgendwann setzt nämlich der AG den Leuten die Pistole auf die Brust und will die Leistung in der Firma und nicht im Hobby sehen.

Ciao Rossi

Na ja…
Hi Rossi,

grundsätzlich ist die akademische „Nebenbeschäftigung“ ein Problem, ich gehe aber davon aus, dass jemand, der sich zu einer Promotion aufschwingt, intelligent genug ist, das für sich selber zu beurteilen, oder?

Wahrscheinlich mindestens 8 Jahre … (Normalerweise ist bei
einer „Vollzeitbeschäftigung“ Promotion im Mittel mit 4 Jahren
zu rechnen. Bei 50% Einsatz sind das dann 8). Mit dem
Brotberuf ist das eine Arbeitsbelastung von 150% über 8 Jahre.

Ich weiß nicht, auf welcher Grundlage Deine 4 Jahre zustande kommen. Nahezu alle Promovierten, die ich kenne, haben bestenfalls 2-3 Jahre nebenberuflich an ihrer Diss. gearbeitet, da sie entweder hauptberuflich als Assistent an einem Lehrstuhl tätig waren oder eben parallel zu ihrem eigentlichen Beruf promoviert wurden. In den seltesten Fällen (hauptäschlich wohl bei empirischen Untersuchungen) wirst Du bei einer Promotion Vollzeit an Deinem Dissertationsthema arbeiten.

Ob es das wert ist?

Ich würde hier sogar soweit gehen und abraten. Wahrscheinlich
würde der Frager mehrere Jahre Familienleben und Freizeit
sowie ziemlich sicher seine Karriere in den Sand setzen. Da es
mit einer Promotion nach dem Motto „ganz oder gar nicht“ geht
würde ich hier zu „gar nicht“ raten. Eine abgebrochene
Promotion mag eine presönliche Bereicherung sein, ansonsten
bringt sie für die Karriere nichts ein.

Generell gebe ich Dir recht, dass eine Promotion nicht besonders karrierewirksam ist. Im speziellen sind aber durchaus Konstellationen vorstellbar, wo das tatsächlich der Fall ist. Dementsprechend würde ich das der persönlichen Beurteilung des Fragers überlassen (wie auch die Beurteilung der persönlichen Situation). Nebenbei: Es soll auch Menschen geben, die aus Freude am wissenschaftlichen Arbeiten eine Dissertation verfassen wollen und nicht an die Karriere dabei denken. Und würdest Du jemandem genauso vehement abraten, sich einen Oldtimer zum aufarbeiten zu kaufen? Denn das ist ähnlich zeitintensiv…

Ich kenne genügend Leute, die eine Promotion neben einer
Vollzeit-Berufstätigkeit versucht haben. Hier war niemand
erfolgreich. Irgendwann setzt nämlich der AG den Leuten die
Pistole auf die Brust und will die Leistung in der Firma und
nicht im Hobby sehen.

Und ich kenne mehrere, die der Arbeitgeber bei dem Unterfangen sogar unterstützt hat.

Fazit: Es ist eine Herausforderung, man sollte sich im vorhinein klarmachen, worums geht, aber im grunde ist es auch ein Hobby, was durchaus Spass machen kann…

Grüße
Jürgen

1 „Gefällt mir“

Hi,

grundsätzlich ist die akademische „Nebenbeschäftigung“ ein
Problem, ich gehe aber davon aus, dass jemand, der sich zu
einer Promotion aufschwingt, intelligent genug ist, das für
sich selber zu beurteilen, oder?

Das schon. Ich erlaube mir nur, Klartext zu schreiben und auf die negativen Seiten hinzuweisen.

Ich weiß nicht, auf welcher Grundlage Deine 4 Jahre zustande
kommen.

In den Naturwissenschaften (Tendenz zu 3 Jahren) und Ingenieurswissenschaften (Tendenz zu 5 Jahren) ist das absolut normal. Genauso war das bei den Historikern und Nationalökonomen in meinem Bekanntenkreis. Eine Ausnahme sind Mediziner, aber um einen Dr. med. geht es hier nicht. Wie es im Bereich BWL aussieht, weiss ich nicht.

Nahezu alle Promovierten, die ich kenne, haben
bestenfalls 2-3 Jahre nebenberuflich an ihrer Diss.
gearbeitet, da sie entweder hauptberuflich als Assistent an
einem Lehrstuhl tätig waren

Hier passt die Berufstätigkeit und die Promotion zusammen, man kann Synergieeffekte nutzen.

oder eben parallel zu ihrem
eigentlichen Beruf promoviert wurden. In den seltesten Fällen
(hauptäschlich wohl bei empirischen Untersuchungen) wirst Du
bei einer Promotion Vollzeit an Deinem Dissertationsthema
arbeiten.

In den Naturwissenschaften üblicherweise schon. In den Geisteswissenschaften hängt es von Deiner Finanzierung ab (Stipendium oder nicht etc.).

Generell gebe ich Dir recht, dass eine Promotion nicht
besonders karrierewirksam ist. Im speziellen sind aber
durchaus Konstellationen vorstellbar, wo das tatsächlich der
Fall ist. Dementsprechend würde ich das der persönlichen
Beurteilung des Fragers überlassen (wie auch die Beurteilung
der persönlichen Situation). :

Nebenbei: Es soll auch Menschen
geben, die aus Freude am wissenschaftlichen Arbeiten eine
Dissertation verfassen wollen und nicht an die Karriere dabei
denken. Und würdest Du jemandem genauso vehement abraten, sich
einen Oldtimer zum aufarbeiten zu kaufen? Denn das ist ähnlich
zeitintensiv…

Nein. Aber ich rate jemandem ab, der „seinen“ Doktor machen will, dabei beruflich nicht zurückstecken will und dabei möglichst wenig mit Wissenschaftlern sprechen will. Das klingt nicht nach Liebe zur Wissenschaft sondern nach einem Karrierewunsch - was in meinen Augen durchaus legitim ist. Deshalb ist hier die Überlegung wichtig, ob die Promotion die Karriere fördert oder eher schadet. Dem Fragesteller sollte z.B. klar sein, dass man „Karriere“ zwischen 30 und 40 macht. Fährt man in dieser Zeit „mit angezogener Handbremse“ durch das Berufsleben weil man nebenberuflich engagiert ist, nützt eine spätere Promotion u.U. der Karriere wenig. Man wird auf einer zu niedrigen Hierarchiestufe mit zuwenig Verantwortung zu alt. Das mag in nichttechnischen Berufen anders sein - was ich aber nicht wirklich glauben kann - , im technischen Bereich sind die Regeln ziemlich hart.

Und ich kenne mehrere, die der Arbeitgeber bei dem Unterfangen
sogar unterstützt hat.

Das kommt auf das Thema an. Bei einer „Industriepromotion“ ist das klar, hier dient die Promotion auch den Firmeninteressen. Sobald die Promotion nicht den Firmeninteressen dient, wird es sehr schwierig und die Geduld der AG ist begrenzt. Im besten Falle wird dann zwar kein Druck ausgeübt, aber es werden die Kollegen befördert.

Fazit: Es ist eine Herausforderung, man sollte sich im
vorhinein klarmachen, worums geht, aber im grunde ist es auch
ein Hobby, was durchaus Spass machen kann…

Klar, da sind wir uns einig. Man verzichtet auf vieles, hat aber auch eine Menge Spass an selbstbestimmter Arbeit. Das ist der grosse Pluspunkt.

Ciao Rossi