mich würde interessieren, warum sich der Protestantismus hauptsächlich in Nordeuropa durchsetzen konnte während Südeuropa fast völlig Katholisch blieb
Constantino
mich würde interessieren, warum sich der Protestantismus hauptsächlich in Nordeuropa durchsetzen konnte während Südeuropa fast völlig Katholisch blieb
Constantino
Hallo,
ein Grund ist natürlich im 30jährigen Krieg zu suchen, der zwar aus dem Konfessionsgegensatz begründet war, eigentlich aber wie fast jeder Krieg um die Stärkung der eigenen Macht geführt wurde.
Zur Einstimmung:
http://de.wikipedia.org/wiki/30j%C3%A4hriger_Krieg
Gerhard
ein Grund ist natürlich im 30jährigen Krieg zu suchen, der
zwar aus dem Konfessionsgegensatz begründet war, eigentlich
aber wie fast jeder Krieg um die Stärkung der eigenen Macht
geführt wurde.Zur Einstimmung:
http://de.wikipedia.org/wiki/30j%C3%A4hriger_Krieg
Der Grundsatz ‚cuius regio, eius religio‘ galt aber schon bald 60 Jahre vor dem dreissigjährigen Krieg, und schon vor dem Augsburger Religionsfrieden hatte sich eine territoriale Verteilung der Glaubensrichtungen ergeben, die von der heutigen Verteilung nicht grob abweichend war.
Ich denke, dass ausschlaggebender war, dass in ganz Europa mit dem Ende des Hochmittelalters regionale Mächte sich zu etablieren suchten, die die Macht des alten Feudalismus brechen mussten um sich selbst aufschwingen zu können. In Frankreich war dies schon früher mit Rom gelungen, in England und Schweden hingegen besonders, aber auch in Deutschland (inkl. z. B. der Niederlande…) konnte dies nur gegen Rom und/oder gegen den Kaiser gelingen. Gegen die alten Eliten, die ihren Machtanspruch zum grossen Teil aus dem römischen Glauben herleiteten.
Mit dem Timing, genau in dieser Zeit des (damals) globalen Umbruchs gelebt und seine Thesen veröffentlicht zu haben, war Luther also ein grosser Zufallscoup gelungen.
Gruss
Schorsch
Zumal auch die räumliche Anordnung der „Zentren“ Einfluss darauf haben dürft.
Rom südlich der Alpen und der heute ost-deutsche Raum nördlich der Alpen. Zumal die Christen in der alten Germania liberta noch nicht so lange katholisch waren, sondern eher arianisch geprägt. Da passte die Anschauung Luthers eher in das Weltbild und die Lebensgewohnheiten.
Liebe Grüße
Dirk Andreas.Kening
Hallo !
Beginnen wir mit Ostfriesland :
Die Reformation setzte sich in Ostfriesland, bedingt durch die benachbarten Niederlande, besonders früh durch (1519/20) und zwar in ihrer radikaleren Form im Gefolge der Schweizer Zwingli und Calvin, der später „reformiert“ genannten Ausprägung.
Grundsätzlich gilt seit dem 16. Jahrhundert : „cuis regio, eius religio“, d.h. wessen die Herrschaft in einem Staat, dessen die Religion.
Die Konfessionszugehörigkeit des Landesherrn entschied also über den Glauben aller seiner Untertanen, und durch die zersplitterten Kleinstaaten in Deutschland wechselte der Glaube bzw. die Konfessionszugehörigkeit so mit jeder Landesgrenze. Die einen Fürsten verordneten den ev.-lutherischen Glauben und das waren mehr, andere den ev.-reformierten.
Ostfriesland wurde dann im 18. Jahrhundert preußisch und auch Preußen war protestantisch reformiert, so dass sich nichts änderte.
Während im Nordwesten Deutschlands die beiden Konfessionen selbstständig nebeneinander bestehen blieben - bis heute - wurden in vielen anderen Gebieten die Lutheraner und die reformieren in einer gemeinsamen Kirche zusammengefasst. Es war der Preußenkönig Friedrich Wilhelm III., der die „unierte Kirche“ per Kabinettsorder 1817 gründen ließ. Hintergrund waren die Gbietsverschiebungen in Folge des Wiener Kongresses 1815, als Preußen die neuen Gebiete Westfalen und das Rheinland dazu erhielt.
Im katholischen Rheinland gab es seit dem Dreißigjährigen Krieg einige ev.-lutherische Gemeinden, jetzt kamen mit preußischen Umsiedlern ev.-reformierte Untertanen dazu.
Das Miteinander war schwierig. Es bedurfte einer zweiten Kabinettsorder von 1834, um die Widerstände vor allem der Lutheraner gegen die neue „Evangelische Kirche der Union“ (EKU) zu brechen.
Heute gibt es noch weitere unierte Landeskirchen.
mfgConrad
Das, Constantino,
hat mit den damaligen Herrscherhäusern im Deutschen Reich zu tun.
Die Habsburger, die mit Rom und dem Papst und den spanischen Herrschern eng verbunden waren und die zum Erhalt ihrer Herrschaft einfach katholisch bleiben mussten, und die Bayernherzöge und die kurfürstlichen Bistümen hatten gute Gründe beim alten Glauben zu bleiben.
Die meisten anderen aber gierten nach den Kichengütern, die sie als wohlfeile Belohnung für den Abfall vom alten Glauben einkassieren konnten.
Wenn du das in einer etwas älteren, aber wunderbaren Sprache nachlesen willst:
Schiller, Geschichte des Dreißigjährigen Krieges, 1. Buch
http://gutenberg.spiegel.de/schiller/30jkrieg/30jkri…
Gruß Fritz
Hallo,
Zumal die Christen in der alten Germania liberta
noch nicht so lange katholisch waren, sondern eher arianisch
geprägt. Da passte die Anschauung Luthers eher in das Weltbild
und die Lebensgewohnheiten.
Naja, die Germanen waren schon rund 1000 Jahre Katholiken…
Was soll denn nun Luther mit dem Weltbild der Arianer gemeinsam haben (mehr als die Katholiken?). Inwieweit sollen denn die Lebensgewohnheiten arianisch gewesen sein?
Eher scheint mir wichtig, die ungelöseten gravimina der Deutschen, die sie auf mehreren Reichstagen gegen den Vatikan vorgebracht hatten, zu beachten, um die politische Dimension der Reformationszeit zu verstehen.
grüße,
taju
mich würde interessieren, warum sich der Protestantismus
hauptsächlich in Nordeuropa durchsetzen konnte während
Südeuropa fast völlig Katholisch blieb
Hallo,
in den Antworten sind viele richtige Gesichtspunkte angesprochen, es fehlen aber m.E. zwei wesentliche, wenn nicht die beiden wesentlichen.
Der Protestantismus etabliert sich zumal in den wirtschaftlich fortgeschrittendsten Regionen. Das waren zumal die Niederlande und die norddeutschen, aber auch süddeutschen freien Reichsstädte. Der Grund ist, dass der am mittelalterlichen Denken orientierte Katholizismus erstens der Kapitalbildung feindlich gegenüberstand und zweitens die Reformation eine neue, positive Arbeitsmoral predigte.
Beides kam dem aufstrebenden (Handels-) Bürgertum entgegen, zumal in Form der calvinistischen Prädestinationslehre, wonach man die Gnade Gottes schon in diesem Leben am wirtschaftlichen Erfolg der Menschen ersehen kann. Der Katholizismus reflektierte eher die Denk- und Handelsweise des traditionellen bäuerlichen und handwerklichen Lebens. Die Fürsten passten sich ggf. an die in ihrem Herrschaftsgebiet dominierende Form an.
Tatsächlich war die Reformation aber bis in die Mitte des 16. Jhd. auch in weite Teile Südeuropas vorgedrungen bis nach Spanien und Frankreich, Italien und Österreich, auch z.B. Polen. Diese Gebiete wurden durch die katholische Erneuerungsbewegung und Gegenreformation rekatholisiert. Die bestand einerseits aus einer Art papsttreuer Reformation, die wesentliche, u.a. liturgische, Momente der Evangelischen übernahm (z.B. die vorher nicht praktizierte Predigt), andererseits in einer gezielten Missionstätigkeit, zumal durch den eigens dazu gegründeten Jesuitenorden, der überall Jesuitenschulen gründete, um sich so der Köpfe der Jugend zu bemächtigen.
Zumal in Spanien, das ja nicht an das Religionsfriedens-Edikt des Reiches gebunden war, wurde das ganze durch die heilige Inquisition flankiert, die auch evangelische „Ketzer“ verfolgte.
Grüße
oranier
Für mich stellt sicht die Frage was zuerst war, die protestantische Arbeitsethik die zu einem wirtschaftlichen Aufstieg Deutschlands, Englands und den Niederlanden führte oder die Arbeitsethik, die zum Protestantismus führte. Dann stellt sich noch die Frage, warum das katholische Norditalien wirtschaftlich erfolgreicher war als das katholische Süditalien. Gleiches gilt für den Norden und den Süden Spaniens.
War die Inquisition in Spanien „erfolgreicher“ als in Mitteleuropa bezüglich der Verdrängung des Protestantismus
Gruß
Constantino
- Anmerkung
Für mich stellt sicht die Frage was zuerst war, die
protestantische Arbeitsethik die zu einem wirtschaftlichen
Aufstieg Deutschlands, Englands und den Niederlanden führte
oder die Arbeitsethik, die zum Protestantismus führte.
Das wird sich im einzelnen wohl nicht zugunsten der einen oder anderen Ursache beantworten lassen, sondern stellt sich wohl tantsächlich als ursächliche Wechselbezieung dar. Veränderungen in der Arbeits- und Lebensweise bringen immer auch neue Denkformen hervor und solche befördern ggf. ökonomische Veränderungen.
Die ursprüngliche Frage war ja nicht die nach der Entstehung des Protestantismus, sondern die nach den Ursachen dafür, dass er sich regional unterschiedlich manifestierte, und da ist es signifikant, dass der Protestantismus auf das Handel und Gewerbe betreibenden Bürgertum eine größere Anziehungskraft besaß als z.B. auf die bäuerliche Bevölkerung.
Der Einfluss des in anderen Postings hervorgehobenen Machtgerangels der Fürsten auf die Entwicklung darf natürlich auch nicht unterschätzt werden.
Dann
stellt sich noch die Frage, warum das katholische Norditalien
wirtschaftlich erfolgreicher war als das katholische
Süditalien.
Das hat einen viel älteren Hintergrund: Die norditalienischen Handelsstädte fungieren seit dem ausgehenden Mittelalter mit ihren Mittelmeer-Häfen als Umschlagplätze für zumal asiatische Waren nach Nordeuropa, besonders indische Tuche und Gewürze. Insofern war z.B. Florenz dafür prädestiniert, dann während der Renaissance selber Tuchmanufakturen und Färbereien zu betreiben. Die dadurch reich gewordene und dann herrschende Medici-Familie stellte mehrere Päpste und eine Vielzahl von einflussreichen Kardinälen und war schon deshalb nicht sehr anfällig für anti-papistische Propaganda.
Außerdem sind die Italiener sinnenfreudige Menschen, die es zu Hunderttausenden genießen, wenn zweihundert Kardinäle in den gleichen, nur zu diesem Zweck gefertigten purpurfarbenen Messgewändern und Mitren eine Totenmesse auf dem Petersplatz zelebrieren. Luther war ja in Florenz und hat’s versucht, aber für einen Mönch im härenen Gewand, der den Luxus des Vatikan anprangert, hatte man damals das gleiche Kopfschütteln übrig wie heute die auch in der warmen Jahreszeit Seidenhemden, Bügelfaltenhosen und elegante Schuhe tragenden Italiener (von den Italienerinnen ganz zu schweigen) für die Teutonen, die in Shorts, postkolonialen Khaki-Hemden und Wanderstiefeln durch ihre schönen Städte stolpern.
Gleiches gilt für den Norden und den Süden
Spaniens.
Wohl eher das Umgekehrte: Die blühenden Wirtschaftsstädte waren Cadiz und Sevilla im Süden. Von hier aus wurde der Überseehandel betrieben.
Die Reformation hat hier durchaus Fuß gefasst, ist aber politisch bekämpft und besiegt worden durch die Inquisition und die Jesuiten.
War die Inquisition in Spanien „erfolgreicher“ als in
Mitteleuropa bezüglich der Verdrängung des Protestantismus
Die Ausgangssituation war eine ganz andere. Im Reich hatte sich der Kaiser mit seinem Bemühen, die katholische Einheit wiederherzustellen, nicht durchgesetzt, und der „Augsburger Religionsfriede“ 1555 sicherte den Fürsten die freie Konfessionswahl für ihre Territorien per Reichsgesetz zu. Im Land eines protestantischen Fürsten hätte also eine katholische Behörde keinerlei Befugnis und Gewalt gehabt.
In Spanien sah die Sache ganz anders aus. Die katholischen Könige hatten im Verein mit dem Papst gerade die Restbestände der muslimischen Mauren besiegt und vertrieben und dann kurzerhand in einem Abwasch die Ausübung der jüdischen Religion verboten, ihre Anhänger vertrieben (seitdem gab es in Amsterdam und Hamburg zwei unterschiedliche jüdische Gemeinden, eine jiddisch-deutsch sprechende „askenasische“ und eine spaniolisch sprechende "sephardische) bzw. zwangsgetauft und anschließend als „Marranen“ (verräterische Schweine) verdächtigt und auf den Scheiterhaufen gebracht.
In einer solcherart hergestellten religiösen Monokultur konnte man gleich weitermachen und die Inquisition entsprechend walten und schalten lassen.
In Spanien war man auch bis in die jüngste Zeit nicht zimperlich mit Andersdenkenden: Die „Garotta“, eine Art Daumenschraube für den Hals, wurde von der Gardia Civil noch in den siebziger Jahren angewandt.
Grüße
oranier
Hallo,
vielen Dank für diese sehr ausführliche Antwort
Constantino