Prozess gegen früheren SS Mann

Hallo,

genau das ist auch der einzige Fall, der mir bzgl. der Wehrmacht geläufig war.

Gruß
vdmaster

‚Befehlsnotstand‘
Servus,

Der KZ-Kommandant Erwin Dold, der vom französischen Militärtribunal in Rastatt wegen erwiesener Unschuld freigesprochen wurde, ist jedenfalls nicht dafür erschossen worden, dass er etwa hundert Häftlingen des Lagers Dautmergen das Leben gerettet hat.

Feldwebel der Luftwaffe Erwin Dold war kein Intellektueller und kein Rechtsphilosoph, er war auch nicht politisch engagiert. Beweggrund für sein Handeln war schlicht, dass er überzeugt war, dass man Menschen nicht so behandeln darf, wie er das vorfand, als er nach Dautmergen versetzt wurde.

Seine Fronterfahrung einschließlich Verwundung mag dazu beigetragen haben, dass er wohl vor Etappenhengsten der SS weniger Angst (und wohl auch weniger Respekt) hatte als andere; die Entscheidung, so zu handeln, wie er handelte, war aber seine eigene, und er hat sie im Bewusstsein der möglichen Konsequenzen getroffen.

Erwin Dold hat bewiesen, dass es zumindest nicht unmöglich war, dem „Befehlsnotstand“ entgegenzutreten.

Schöne Grüße

MM

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Hallo,

ich wüsste nicht, dass auch nur ein einziges SS-Mitglied wegen der Weigerung sich am Massenmord zu beteiligen, exekutiert worden wäre.

Ist das denn notwendig dafür? Muss man deswegen zweifeln, dass denen sowas angedroht wurde? Wurden dann Strafen wegen der Weigerung sich am Massenmord zu beteiligen angedroht oder ging es da eher allgemein um sowas wie Befehlsverweigerung, Fahnenflucht und drgl.? Das wurde doch sicher auch bei der SS disziplinarisch gewürdigt?
Im Nachhinein ist es wohl jetzt so, dass alle irgendwie Beteiligten schuldig sein sollen. Eben auch Buchhalter. Warum dann nicht auch die Lokführer und Heizer der Züge sowie grundsätzlich alle damals bei der Reichsbahn beschäftigten vor den Kadi gezogen werden, entzieht sich meiner Kenntnis.
Das Ganze hat daher wohl auch eher Symbolcharakter. In Zukunft soll sich niemand mehr rausreden können, er habe nichts gewusst, nicht mal dass es Unrecht war.
Ich will mal annehmen, dass es damals vielen tatsächlich nicht bewusst war. Viele waren von der Grundschule an auf das System eingeschworen worden und wenn man damals Anweisungen oder Befehlen nicht Folge leistete, durfte man nicht auf volle Bezüge zu Hause hoffen, sondern auf Bestrafungen, die durchaus nicht nur einen selbst sondern die ganze Familie treffen konnten.
So war es doch auch im Fall Stauffenberg um mal ein prominentes Beispiel zu nennen. Sowas war damals sicher den einfachen Soldaten und Unteroffizieren bekannt und beeinflusste ihr Verhalten. Wenn es nur um die eigene bürgerliche Existenz gegangen wäre vielleicht, aber es ging eben auch schnell ums das eigene Leben sowie das von Frau und Kindern (keine Ahnung wie weit die Sippenhaft ging).
Insofern ist das eher ein „Schauprozess“, wobei das Handeln des Angeklagten an heutigen Maßstäben gemessen werden soll.

Grüße

Hallo

ich wüsste nicht, dass auch nur ein einziges SS-Mitglied wegen der Weigerung sich am Massenmord zu beteiligen, exekutiert worden wäre.

Ist das denn notwendig dafür? Muss man deswegen zweifeln, dass
denen sowas angedroht wurde?

Auch darauf gibt es keinen Hinweis. Im Selbstverständnis der damaligen Zeit gab es Nazis (Funktionäre, SS, Gestapo …) und gemeine Soldaten/Mitläufer. Jedem Beteiligten waren die Verbrechen klar, und Deutsche wurden mit Sicherheit nicht unter Todesdrohungen dazu gezwungen, Nazis schonmal garnicht. Die Täter handelten im Bewusstsein, eine dem Gemeinwohl dienende verbrecherische Aufgabe zu vollbringen, für die sie Amnestie im Dritten Reich erwarten konnten (also Schutz vor gerechter Bestrafung). Mit anderen Worten: Es waren für viele eher „heroische“ Taten.
In Anarchie-Situationen (also an vorderster Front, beim Zusammenbruch) gab es sicher Exesse auch gegen Landsleute. Diese aber als Rechtfertigung für die vormals verübten Taten unter geordneten VErhältnissen heranzuziehen, wäre m.E. falsch.

Im Nachhinein ist es wohl jetzt so, dass alle irgendwie
Beteiligten schuldig sein sollen. Eben auch Buchhalter.

Bei der Frage der Schuld bin ich ganz Deiner Meinung. Ob dieser Mann sich so schuldig gemacht hat, dass er heute noch angeklagt und bestraft werden sollte ist m.E. schwierig zu sagen.

sondern auf Bestrafungen, die durchaus nicht nur einen selbst sondern die ganze Familie treffen konnten.
So war es doch auch im Fall Stauffenberg um mal ein
prominentes Beispiel zu nennen.

Ein Vergleich mit dem Putschversuch macht m.E. wenig Sinn.Ich glaube, die Mehrzahl der Todesurteile entsprach dem damaligen Rechtsempfingen (vermutlich auch in USA, England oder Frankreich).

Gruß
achim

Hallo

Auch Bestrafungen milderer Art bei Verweigerung offensichtlich rechtswidriger Befehle waren selten, aber einige Fälle sind belegt, wie der eines Offiziers beim Polizeibataillon 305, der den Kommissarbefehl nicht umsetzen wollte, sich weigerte, eine Massenerschießung durchzuführen, das dann auch noch rechtlich begründete und darüber nicht den Schnabel hielt. Er landete vor Gericht und schließlich als Häftling im KZ
http://de.wikipedia.org/wiki/Klaus_Hornig.

Natürlich wurde Herr Hornig nicht wegen der Weigerung aus dem Verkehr gezogen, einen verbrecherischen Befehl auszuführen.

Nach meinem allgemeinen Eindruck von der Zeit war dies tatsächlich nicht der Grund, sondern seine rechtliche Begründung seiner Weigerung wie auch die Tatsache, dass er nicht den Schnabel hielt. - Wenn einer sagte: ‚Ich finde diese ‚Sondermaßnahmen‘ zwar richtig, aber ich persönlich kann das nicht‘, sowas wurde meines Wissens akzeptiert. Man musste seine Weigerung mit seiner persönlichen Unfähigkeit begründen, dann war es wohl OK.

Man musste es nicht machen, aber man durfte es nicht kritisieren, dass es andere machten. - Es fanden sich offensichtlich immer genug Leute, die es machen wollten. Eine damalige Freundin erzählte mir mal in den 70er Jahren, dass ihr Vater manchmal damit prahlte, er sei damals Herr über Leben und Tod gewesen. Anscheinend hatte er in einem KZ gearbeitet, und anscheinend hat ihm das gefallen.

Von Erschießung/Todesstrafe aufgrund der Weigerung, Verbrechen durchzuführen, hab ich auch noch nirgends etwas gelesen, wenngleich genau das immer wieder gerne angeführt wurde.

Etwas anderes war das bei diesen Hilfsschergen, die aus den Reihen der Kriegsgefangenen rekrutiert wurden, deren Überlebenschancen ja an für sich nicht sehr groß waren, und dadurch eine Chance auf ausreichend Essen bekamen.

Viele Grüße

Hi,

ich wüsste nicht, dass auch nur ein einziges SS-Mitglied wegen der Weigerung sich am Massenmord zu beteiligen, exekutiert worden wäre.

Ist das denn notwendig dafür?

Habe ich niemals behauptet. Ich habe bzgl. Wolfgangs „wer nicht mitmachte, wurde erschossen“ meine (berechtigten) Zweifel geäußert.

vdmaster

Hallo,

zur Ergänzung die Posener Reden Himmlers in Auszügen.

Übrigens war keineswegs jedem Nazi, SS-Mann oder Soldaten klar, was passierte und vor allem in welchem Umfang Massenmord praktiziert wurde.

Gruß
vdmaster

Hallo!

Übrigens war keineswegs jedem Nazi, SS-Mann oder Soldaten
klar, was passierte und vor allem in welchem Umfang Massenmord
praktiziert wurde.

Die Mehrheit der gesamten Bevölkerung wusste nichts Genaues über das Geschehen in Vernichtungslagern und Kriegsverbrechen an den Fronten. Daraus wurde bei den Zivilisten „Wir haben von nichts gewusst“ und bei den Wehrmachtssoldaten „Wir waren ehrlich kämpfende Landser“.

Aus den 50ern habe ich nur Kindheitserinnerungen, zu denen aber auch Trümmer, Notunterkünfte, viele schwer Kriegsversehrte, unglaublich viel Suff und alltägliche Gewalt von zumindest körperlich heil gebliebenen ehemaligen Soldaten gehörte. In den 60ern begann ich zu fragen, z. B. „was hattet ihr überhaupt in Frankreich und Russland verloren“ oder „ist es niemandem aufgefallen, wenn Leute, womöglich Bekannte, abgeholt wurden und nie wieder auftauchten“. Bei den Antworten gab es keine Überraschungen, weil es immer die gleichen Sprüche waren, etwa „du hast ja keine Ahnung, wie es damals war“ oder „das ist Vergangenheit, es muss auch mal Schluss damit sein“, bei hartnäckigem Nachfragen „geh doch nach drüben“ oder „sowas wie dich hätte man an die Wand gestellt“, gerne auch „Nestbeschmutzer“.

Alle Entscheider, alle Lehrer, natürlich auch die Elterngeneration, mit Ausnahme der Kinder alle Menschen der 50er, wurden in anderen Gesellschaftssystemen geboren. Viele stammten aus Kaisers Zeiten, die Weimarer Republik war für viele Menschen nur eine Zeit aus Not und politischer Unsicherheit und die meisten Menschen erfuhren erste positive Erlebnisse ab '33 mit Perspektiven und Gemeinschaftserlebnissen. Das wirkte mit „es war nicht alles schlecht“ in der jungen Bundesrepublik deutlich spürbar nach. Ich kann bis heute keine Marschmusik ertragen, denn sie war allgegenwärtig. Die Leute liebten Uniformen, zu etlichen Gelegenheiten gab es gespenstische Fackelzüge und natürlich Marschmusik. Auch in der Schule Gleichschritt und Sport zu Trommelschlägen - ach ja, Schlage. Gehörten auch zum Alltag. Die Leute waren einfach so und Gehorsam gehörte zu den wichtigsten Tugenden. Auch Gehorsamkeit gegenüber Amtspersonen und Vorgesetzten. Obrigkeit bedeutete viel und wer nichts bedeutete, sah zu, in eine Uniform zu kommen - und sei es die Uniform des Schützenvereins. Der Vorschlag, sich lamettabehängte Soldaten oder Honoratioren in Feinrippunterhosen vorzustellen, kam einer Majestätsbeleidigung gleich und führte zu entsetzt herunterklappenden Unterkiefern.

Derart geprägte Menschen - die Mehrheit war so geprägt - fragen nicht viel, hinterfragen nichts, glauben einfach jeden von der Obrigkeit abgesonderten Dünnpfiff und gehorchen. Aus heutiger Sicht hätten die Bürger die Nazis schon lange vor '33 als gefährliche Idioten erkennen müssen, hätten spätestens bei der Aufrüstung 1 + 1 zusammenzählen und merken müssen, dass das Spiel nicht gutgehen kann. Sie hätten natürlich jeden Versuch der Gleichschaltung, der Unterdrückung von Meinungsfreiheit und der Drangsalierung von Juden und Minderheiten bemerken müssen. Vom aus heutiger Sicht geradezu verrückten Personenkult um den Führer ganz zu schweigen. Aber auch an Personenkult waren sie aus der Kaiserzeit gewöhnt. „Was die da oben“ machen, wird schon richtig sein. Noch Jahrzehnte nach dem Krieg war vielen Menschen nicht bewusst, dass es sich beim Judentum um Glauben handelt, nicht um Rasse.

Dass Soldaten von klaren Kriegsverbrechen nichts mitbekommen haben wollen, geht auf ähnliche Prägungs- und Gewöhnungseffekte zurück. Das Verbrechen wird zur Gewohnheit, auch auf der Gegenseite gab es Verbrechen und ohnehin trat alles hinter der nachvollziehbaren Angst ums eigene Leben in den Hintergrund. Wenn das Leben des Individuums nichts mehr wert ist, ist es nicht erstaunlich, dass feinsinnigen Unterscheidungen von Recht und Unrecht kaum noch Bedeutung zukommt.

Warum schreibe ich das alles, während auf Phoenix eine Doku zum Thema läuft: Details aus Lagern konnten Normalbürger nicht kennen, aber ausnahmslos alle wurden täglich Zeugen zahlloser Rechtsbrüche, die sie ausblendeten oder für normal und richtig hielten. Bürgerrechte kamen im Vokabular nicht vor, immerhin zählte nicht das Individuum, sondern die Volksgemeinschaft. So wurde das tägliche Erleben gar nicht als Unrecht wahrgenommen. Unter den Besatzungsmächten folgten Entnazifizierungsverfahren mit mehrheitlich ausgestellten Persilscheinen. Das war endgültig Anlass genug, von rein gar nichts mehr zu wissen. Es ist deshalb eine bemerkenswerte Ausnahme, dass jetzt ein alter Mann vor Gericht steht, der einräumt, damals Schuld auf sich geladen zu haben.

Natürlich kommt der alte Herr nicht ins Gefängnis. Davon hätte niemand etwas, aber der Prozess ist wichtig für die noch lebenden Opfer und er ist wichtig, weil es bis heute Nazihorden gibt, die geschehene Verbrechen leugnen und immer noch einem verirrten Demagogen huldigen.

Gruß
Wolfgang.

Moin,

Bis hierhin kann ich weitestgehend alles unterschreiben.

dass es sich beim Judentum um Glauben handelt, nicht um Rasse.

Hier wird es problematischer. Das Judentum war sowohl Religion als auch Ethnie.

Dass Soldaten von klaren Kriegsverbrechen nichts mitbekommen
haben wollen, geht auf ähnliche Prägungs- und
Gewöhnungseffekte zurück.

Was ein Kriegsverbrechen ist und was nicht wird heute deutlich anders definiert als damals. Zudem wurde anfänglich die ethnische Säuberung von nachrückenden Sondereinheiten durchgeführt. Nicht uniformierte Partisanen umgehend zu exekutieren galt gemeinhin ebenfalls nicht als verbrecherisch. Weder bekam ein Soldat mit, was in einem Dorf 50 Kilometer südlich noch nördlich von ihm passierte oder passiert war. Man kann also weder pauschal sagen, dass der 08/15-Landser Kenntnisse hatte, noch dass er sie nicht hatte. Sicher hatte er sie, wenn seine Einheit in Massaker involviert war. Und insgesamt war die Wehrmacht in die Ausführung verbrecherischer Handlungen zutiefst verstrickt und damit wurde jedes Mitglied unabhängig von seiner Kenntnis zu einem Teil eines verbrecherisch agierenden Kollektivs.

Gruß
vdmaster

Hallo!

dass es sich beim Judentum um Glauben handelt, nicht um Rasse.

Hier wird es problematischer. Das Judentum war sowohl Religion
als auch Ethnie.

Ja, trotzdem benutzte ich den Ausdruck Rasse bewusst, weil er zum üblichen Sprachgebrauch während der NS-Zeit gehörte und in einschlägigen Gesetzen benutzt wurde. Man versuchte sogar, die mit dem Ausdruck Rasse implizierten biologischen Sachverhalte durch Messungen zu bestätigen.

Am weithin üblichen Sprachgebrauch hatte sich auch während der ersten bundesrepublikanischen Jahrzehnte wenig geändert. Wie auch, waren ja noch überwiegend die gleichen Leute wie zuvor, andere gab’s ja nicht. Herr Globke im Kanzleramt war mitnichten ein Einzelfall.

Dass Soldaten von klaren Kriegsverbrechen nichts mitbekommen
haben wollen, geht auf ähnliche Prägungs- und
Gewöhnungseffekte zurück.

Was ein Kriegsverbrechen ist und was nicht wird heute deutlich
anders definiert als damals. Zudem wurde anfänglich die
ethnische Säuberung von nachrückenden Sondereinheiten
durchgeführt…

Mag sein, dass jemand während kurzen Front- oder Stabsstellenbesuchs nicht mitbekam, was Sache war. Der Umgang mit Kriegsgefangenen und die Zerstörung oder Wegnahme von Lebensgrundlagen der Zivilbevölkerung (ich weiß, fand auf allen Seiten statt, macht’s aber nicht besser) kann aber keinem Soldaten dauerhaft verborgen geblieben sein. Gewöhnliche Soldaten hatten ganz sicher andere Sorgen als juristische Feinheiten, aber dass es um „ehrlichen Kampf“ ging, wie später viele Leute weiszumachen versuchten, ist Selbstschutz, aber nicht glaubhaft. Dass die ganze Sache von vorne bis hinten stank, hätten selbst simple Gemüter schon beim Einmarsch in fremde Territorien merken müssen (ok, aus heutiger Sicht), aber der vermeintlich höhere Zweck heiligte jedes Mittel und eigenständiges Denken war den meisten Zeitgenossen, zumal Soldaten, ohnehin weitgehend fremd.

Hinzu kam verbreitetes Nutznießertum. Zu Hause konnte jedermann Besitztümer deportierter Juden billig kaufen und auch einfache Soldaten schickten Raubgut zu den Lieben nach Hause. Wenn hernach von ehrlichem Kampf, überhaupt von ehrlich die Rede war, mussten den Menschen elementare zivilisatorische Werte abhanden gekommen sein. Aber das ist wohl Begleiterscheinung, wenn nicht sogar Voraussetzung jeden Krieges.

Gruß
Wolfgang

Hallo vdmaster,

Übrigens war keineswegs jedem Nazi, SS-Mann oder Soldaten
klar, was passierte und vor allem in welchem Umfang Massenmord praktiziert wurde.

Da sind wir einer Meinung. Ich meinte (und schrieb), dass Beteiligten klar war, wenn sie Verbrechen begingen. Zumindest denen, die sich noch erinnerten, warum die erste Seite in ihrem Wehrpass zugeklebt war. Und sicher haben viele die Verantwortung verdrängt und auf den Vorgesetzten abgewälzt. Oder sahen es im konkreten Fall als gerechtfertigt an. Nicht umsonst wurde wohl jede Erschießungsaktion fadenscheinig begründet.

Gruß
achim

Hallo

Der KZ-Kommandant Erwin Dold, … ist jedenfalls nicht dafür erschossen worden, dass er etwa hundert Häftlingen des Lagers Dautmergen das Leben gerettet hat.

Kann das nicht auch darin seinen Grund haben, dass dieses Lager in erster Linie kein Vernichtungs- sondern ein Arbeitslager gewesen ist? Die sollten doch da irgendwie Öl fördern, und da ist es ja kontraproduktiv, wenn die Häftlinge wegsterben.

Also, ich denke, dass er in einem Vernichtungslager gar nicht eingesetzt worden wäre, da er ja nicht bei der SS war. - Und wenn doch, dann hätten sie ihn zumindestens umgehend versetzt, wenn er angefangen hätte, Häftlinge zu retten.

Viele Grüße

Hallo

Unmöglich, dass sich die Beteiligten nicht darüber im Klaren waren, Verbrechen zu begehen.

Einer der in Nürnberg angeklagten KZ-Aufseher soll sich ja darüber beklagt haben, es sei ihm versprochen worden, dass es keine Zeugen geben würde für seine Taten, da kein Zeuge überleben würde. - Ob er sich über diesen ‚Betrug‘ wirklich beklagt hat, weiß ich nicht wirklich, er hat sowas jedenfalls erzählt.

Und ich hab mal irgendwo einen Ausschnitt aus einer Hitler-Rede gehört, in der er seinen Leuten (SA oder SS) sagte, vor der Machtergreifung habe er sie ja immer bremsen müssen wegen der ‚Rechtlichkeit‘, da habe er immer Rücksicht nehmen müssen, und das müsse er jetzt nicht mehr.

Viele Grüße

Hallo,

ich wüsste nicht, dass auch nur ein einziges SS-Mitglied wegen der Weigerung sich am Massenmord zu beteiligen, exekutiert worden wäre.

Ist das denn notwendig dafür? Muss man deswegen zweifeln, dass denen sowas angedroht wurde?

Auch darauf gibt es keinen Hinweis.

In Wehrmacht und SS war es problemlos möglich Befehle zu verweigern oder man konnte einfach so den Dienst quittieren?
Wenn ich jetzt ein bißchen suche, finde ich bestimmt Urteile oder Ähnliches, woaraus hervorgeht, dass man da nicht auf Folgenlosigkeit hoffen durfte.

Im Selbstverständnis der damaligen Zeit gab es Nazis (Funktionäre, SS, Gestapo …)

Nee, in der SS waren eben nicht nur Nazis. Da gab es sicher mindestens genausoviele Mitläufer und irgendwann wurden wohl sogar Wehrpflichtige gezogen. Sogar einer der größten Moralapostel Deutschlands war darunter gewesen.

und gemeine Soldaten/Mitläufer. Jedem Beteiligten waren die Verbrechen klar,

Das zumindest bezweifle ich. Heute ist das jedem klar. Die Taten sind aber eben damals unter den damaligen Umständen begangen worden.

und Deutsche wurden mit Sicherheit nicht unter Todesdrohungen dazu gezwungen, Nazis schonmal garnicht.

Ich nehme mal an, dass es in solchen Systemen gar nicht notwendig ist, jedesmal einen Befehl oder eine Anweisung nochmal mit dem Hinweis auf den Strafrechtskatalog zu unterstreichen. Befehlsverweigerung oder Wehrkraftzersetzung war doch eine Straftat an sich? Egal ob es darum ging nun jemanden zu erschießen oder sich wenn es geht öffentlich dagegen zu widersetzen.

Die Täter handelten im Bewusstsein, eine dem Gemeinwohl dienende verbrecherische Aufgabe zu vollbringen, für die sie Amnestie im Dritten Reich erwarten konnten (also Schutz vor gerechter Bestrafung). Mit anderen Worten: Es waren für viele eher „heroische“ Taten.

Solche Leute gab es naturgemäß auch. Die meisten hatten einfach nur Angst um ihr Leben und das ihrer Angehörigen. Und viele werden es damals gar nicht als Unrecht wahrgenommen haben, genauso wie es normal war in der Schule Schläge zu bekommen oder zu Hause die Ehefrau zu prüfen, ob sie einen noch liebt.

In Anarchie-Situationen (also an vorderster Front, beim Zusammenbruch) gab es sicher Exesse auch gegen Landsleute.
Diese aber als Rechtfertigung für die vormals verübten Taten unter geordneten VErhältnissen heranzuziehen, wäre m.E. falsch.

Nee, ich will das ja auch nicht damit rechtfertigen, sondern stelle die These auf, dass es einem 22-Jährigen, der so Pi mal Daumen 11 Jahre lang vom System indoktriniert worden ist, im Frühjahr 1944 nicht zwangsläufig als Unrecht bewusst gewesen sein muss. Und selbst wenn es das war, befand er sich noch in weiteren Zwängen, wovon eben die mögliche persönliche Bestrafung und die der Familie eine nicht ganz unbedeutende gewesen war. (Letzteres scheint hier in Zweifel gezogen zu werden, nur weil das nicht massenhaft vollzogen worden ist.) Das alles wohlgemerkt nicht aus der heutigen Sicht, mit unserem heutigen Wissen und unseren heutigen Vorstellungen, sondern aus der damaligen Perspektive des Einzelnen.

Im Nachhinein ist es wohl jetzt so, dass alle irgendwie Beteiligten schuldig sein sollen. Eben auch Buchhalter.

Bei der Frage der Schuld bin ich ganz Deiner Meinung. Ob dieser Mann sich so schuldig gemacht hat, dass er heute noch angeklagt und bestraft werden sollte ist m.E. schwierig zu sagen.

Naja, darum geht es doch aber in diesem Prozess? Er wird ja nicht zur Verantwortung gezogen, weil er noch lebt und soll jetzt noch die der anderen übernehmen.

sondern auf Bestrafungen, die durchaus nicht nur einen selbst sondern die ganze Familie treffen konnten.
So war es doch auch im Fall Stauffenberg um mal ein prominentes Beispiel zu nennen.

Ein Vergleich mit dem Putschversuch macht m.E. wenig Sinn.

Es ging mir nicht um den Vergleich von Taten wie Befehlsverweigerung, Ansprechen von Unrecht als solches (war vielleicht dann schon Wehrkraftzersetzung) oder aktivem Widerstand, sondern darum, dass man damals dafür nicht nur selbst, sondern auch noch die Familienangehörigen bestraft werden konnten. Das hat für meinen Geschmack dann in Sinne von Befehlsnotstand schon noch eine besondere Komponente und kommt ohnehin erst zum Tragen, wenn man es denn als Unrecht erkannte.
Aus der heutigen Sicht zu definieren, jeder hätte es damals erkennen müssen, halte ich eben für problematisch.

Ich glaube, die Mehrzahl der Todesurteile entsprach dem damaligen Rechtsempfinden (vermutlich auch in USA, England oder Frankreich).

Gab es da auch sowas wie Sippenhaft?
Es geht mir also nicht so sehr darum, ob jemand mit der Urteilsbegründung: „Beteiligt sich nicht am Massenmord“ aufgeknüpft, erschossen oder in eine „Bewährungseinheit“ kam und auch seine Familie Repressionen ausgesetzt wurde, sondern darum, ob sowas gedroht hat.
Das hat es meines Wissen nach und es wurde auch so gemacht. Nicht in jedem Fall, aber sicher wurden da Exempel statuiert und darauf geachtet, dass die auch jeder mitbekam. Hinzu kommt dann ja sicher auch, dass beobachtet wurde, wie andere Soldaten behandelt wurden, die mitmachten oder nicht.
Ich vergleiche das gerne mit den DDR-Mauerschützen. Höhere Chargen behaupten gerne, es hätte keinen Schießbefehl gegeben. Mal abgesehen davon, dass es unerheblich wäre, ob der so genannt worden wäre, war es doch so, dass die jedesmal vergattert worden sind, keine Grenzverletzungen zu dulden und dazu notfalls auch die Waffe einzusetzen. Und Leute, die das nicht taten, wurde da auch bestraft. Leute die es taten, wurden belohnt. Daraus muss doch dem wehrdienstleistenden Soldaten der Eindruck entstehen, nicht schießen wird bestraft, schießen wird von den vorgesetzten Stellen belohnt, also ist es ok.
Der einzige Unterschied ist, dass wohl den Wehrpflichtigen der DDR eher bewusst sein musste, was Unrecht ist. Das Recht einen Befehl zu verweigern hatten sie allerdings auch nicht. Die mussten ihn ausführen und durften sich bestenfalls hinterher beschweren.

Grüße

Schieferölgewinnung in den ‚Wüste‘-Lagern
Servus,

Dautmergen gehörte zu den „Wüste“-Lagern unweit Rottweil; die Erträge aus den Schieferölmeilern waren so gering, dass es für das Ergebnis gleichgültig war, ob die Häftlinge schneller oder langsamer starben. Ersatz für die gestorbenen Häftlinge gab es noch bis zum Beginn der Todesmärsche.

Diese Lager waren als Außenlager dem KZ Natzweiler-Struthof zugeordnet; die Rate von Überlebenden lag für dieses Lager insgesamt bei 57 Prozent (Opfer der Todesmärsche bei Evakuierung nicht mitgerechnet), für die „Wüste“-Lager wegen deren kurzen Bestehens etewas höher, bei etwa 65 Prozent.

Die Aussagen der Zeugen bei dem Verfahren vor dem französischen Militärtribunal lassen keinen Zweifel daran, dass Erwin Dold bei seinen Aktionen zur Beschaffung von Nahrung, Bau von Holzböden zum Schlafen, Sperrung des Lagers für Dritte (inkl. SS) nicht die Erhöhung der miserablen Produktivität im Auge hatte, zumal seine Weigerung, ein Erschießungskommando zu benennen, keinerlei Auswirkung auf die Produktivität der Ölschieferwerke hatte.

Schöne Grüße

MM

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