Psychisch krank? Was ist das?

Hallo,

wir haben diskutiert, wie gesagt, weil jemand die Diagnose „psychisch Kranker“ von einem Arzt bekam, also diese stand in einem Gutachten. Derjenige hat aber „nur“ Platzangst. Ich fand den Ausdruck in diesem Zusammenhang unpassend. Ich hab in meinem UP geschrieben dass ich persönlich den Begriff generell nicht verwende. Aber es wird ja unterteilt. Es gibt ja psychische Störungen, Störungen der Persönlichkeit etc. Und ich wollte einfach nur wissen, ab wann das so los geht. Bzw. wollte ich wissen ob es okay ist oder diskriminierend wenn man jemanden als psychisch Kranken bezeichnet. Da hab ich ja auch schon Antworten drauf bekommen. Meiner Meinung nach ist das auch alles fließend aber es gibt nun mal diese Einteilungen von Seiten der Ärzte.

Schöne Grüße

Hallo Blumenkind,

Borderline-Persönlichkeitsstörung und Suchterkrankungen.

wobei diese ja dann eigentlich überhaupt nicht mehr in den
Bereich der psychischen Erkrankungen fallen, oder?

Doch, tun sie eigentlich schon (sind zumindest im ICD-10 unter den psychischen Störungen aufgeführt)

Ich meine
wie der Name schon sagt, Boderline-Persönlichkeitsstörung,
ebenso wie schizoide oder histrionische (nennt man das so)
dies sind Persönlichkeitsstörungen und stehen wohl deshalb am
unteren Ende weil es auch irgendwie nicht „heilbar“ ist.

Wahrscheinlich sind sie auch deshalb nicht so geschätzt, weil sie als schwer behandelbar gelten.

„ich BIN Borderliner“ also sie identifizieren sich damit.
Während jemand mit Depressionen wohl ehr sagen würde „ich HABE
Depressionen“.

Wohl, weil die Borderline-Störung ihren Ursprung in einer sehr frühen Phase des Lebens hat („Frühstörung“), so daß der Borderliner keine Erinnerung daran hat, daß er sich jemals anders erlebt hätte. Deswegen „ich BIN B…“. Logischerweise müßte daher vor einer Heilung, wenn es die gibt, Vernichtungsangst stehen (Heilung --> er existiert dann nicht mehr als Borderliner. Als was aber dann?). Der Depressive erinnert sich dagegen an eine Zeit, in der er nicht depressiv war, und kommt wohl deshalb weniger auf die Idee, die Depression für einen seiner Wesenszüge zu halten.

Grüße,

I.

Hallo Idomeneo,

ja, und eine Frau die sich selbst als Borderlinerin bezeichnet habe ich im Internet kennengelernt, was ich so davon mitbekomme ist dass sie sich selbst verletzt und solche Sachen. Lange Zeit hatte ich den Eindruck es ginge ihr gut, sie hatte auch Depression, Angstzustände, Bulimie, also da war einiges was vielleicht auch durch die Borderline Störung mit dazu kam, und irgendwann hat sie wieder angefangen sich selbst zu verletzen, vielleicht liegt es tatsächlich daran, wie du schreibst, dass sie Angst haben ihre Identität auszulöschen wenn sie gesund werden. Und da habe ich sie gefragt warum sie das gemacht hat obwohl es ihr doch wieder so gut ging, und sie meinte „weil ich ein dreckiger Borderliner bin…so nennen wir uns“. In dem Moment habe ich gedacht dass es nicht gut ist, wenn man dem ganzen einen Namen gibt, weil die Menschen dann meinen sie müssen sich so verhalten um ihrer Diagnose zu entsprechen. Doch vielleicht würden sie es auch tun wenn es die Bezeichnung nicht gäbe, weil sie es nicht aushalten wenn es ihnen zu gut geht.

Was die Borderliner betrifft, mit denen ja auch meine Tante arbeitet, hab ich sie mal gefragt ob es sie eigentlich wirklich gibt oder ob das nicht einfach nur ne Modekrankheit ist. Also in den 90ern war man umgeben von diesem Wort. Jeder wollte ein Borderliner sein und jeder Arzt hat es diagnostizieren wollen. Na ja es gibt sie, und irgendwie muss man sie eben nennen. Und der Name passt wohl weil sie sich an der Grenze von der Neurose zur Psychose bewegen. Nur schien es damals auf einmal so außerordentlich viel davon zu geben, es war echt „in“.

Mich hat das sehr geärgert, war wegen Epilepsie in den 90ern in einer Spezialklinik, da gab es auch Gespräche mit Psychologen, denn einfach war das natürlich auch alles nicht, und irgendwann mal hab ich erwähnt dass ich es irgendwie faszinierend finde (die Klinik war in Kehl) dass ich hier in so einem Grenzgebiet lebe, und nur über die Brücke laufen muss um in einem anderem Land zu sein. Da sind ihre Augen auf einmal ganz groß geworden und sie meinte sie würde hellhörig werden bei solchen Äußerungen. Hmm, tja, heutzutage hat man wohl ehr ADHS wenn man zum Psychologen geht. Also wie gesagt ich finde das ganz schwierig. Einerseits find ich es nicht gut die Menschen in Schubladen zu stecken, andererseits muss man es wohl ab und an, um zumindest ansatzweise Behandlungsmöglichkeiten zu finden.

Dann gibt es ja noch die Soziopathen. Heute nennt man sie ja nicht mehr Psychopathen. Aber eigentlich sind sie es ja. Menschen die so gestört sind in ihrer Persönlichkeit, dass sie gelernt haben Gefühle perfekt zu imitieren, doch innerlich nicht fähig sind irgend etwas zu empfinden. Und diese sind überall anzutreffen und man erkennt sie nicht. Da hab ich mal was Interessantes drüber gelesen.

Schöne Grüße
Blumenkind

Hallo Blumenkind,

Und da habe ich sie gefragt warum sie
das gemacht hat obwohl es ihr doch wieder so gut ging, und sie
meinte „weil ich ein dreckiger Borderliner bin…so nennen wir
uns“.

Dieses Selbstverletzen soll spannungslösend sein: der Borderliner steht unter Spannung, ritzt sich und dann ist ziemlich augenblicklich die Spannung weg (hörte ich einmal). Warum das so sein soll, weiß ich nicht. Allerdings glaube ich, daß es schwer ist, eine „vernünftige“ Antwort auf die Frage zu bekommen, warum jemand das tut.

In dem Moment habe ich gedacht dass es nicht gut ist,
wenn man dem ganzen einen Namen gibt

Ich denke mir das so: bevor man solchen Störungen Namen gegeben hat wie z. B. Borderline-PS, waren diese Menschen in ihrem Umfeld vielleicht nur Außenseiter, Sonderlinge, und ausgegrenzt. Einen Namen zu finden ist für die betroffenen Personen selber eine Wohltat, weil sie sich nicht mehr alleine mit ihrem So-sein fühlen müssen, und auch für die Menschen in ihrem Umfeld, weil sie für das ihnen im Grunde Rätselhafte wenigstens eine Schublade haben. Das erklärt vielleicht zum Teil die „Modediagnosen“. In dem Zitat, das Du gebracht hast, ist deshalb wahrscheinlich das wichtigste Wort dasjenige, das ich jetzt fett hervorhebe:

„weil ich ein dreckiger Borderliner bin…so nennen wir uns“.

Dann gibt es ja noch die Soziopathen. Heute nennt man sie ja
nicht mehr Psychopathen. Aber eigentlich sind sie es ja.

Die laufen jetzt eher unter der Bezeichnung: antisoziale Persönlichkeitsstörung.

Faszinierend finde ich jene mit hohem Funktionsniveau, die es schaffen, Karriere zu machen, die es also weit bringen, zu Macht und Einfluß kommen und dann großen Schaden anrichten können (die mit niedrigem Funktionsniveau sind die, die kriminell werden, mit Gesetzen in Konflikt kommen und im Gefängnis landen).

Vielleicht sind wir da gesamtgesellschaftlich etwas betriebsblind. Es wäre aber mehr als lohnend, gerade diese Störungen so genau als möglich zu untersuchen.

Grüße,

I.

Hallo Idemoneo,

Dieses Selbstverletzen soll spannungslösend sein: der
Borderliner steht unter Spannung, ritzt sich und dann ist
ziemlich augenblicklich die Spannung weg (hörte ich einmal).

Ja, das hörte ich auch. Die Spannung auflösen und auch einen seelischen Schmerz durch einen körperlichen Schmerz zu ersetzen. Weil letzterer leichter zu ertragen ist. Aber sie sagte ja sie müsste es tun WEIL sie Borderlinerin ist. Um ihrer Diagnose gerecht zu werden. So wie sie ja auch Ess-Störungen hat und meinte, oh, ich hab mir schon lang nicht mehr den Finger in den Hals gesteckt, das muss ich mal wieder machen, hab schließlich ne Ess-Störung. Das ist mir zu strange, also da komme ich einfach nicht mehr mit…

In dem Moment habe ich gedacht dass es nicht gut ist,
wenn man dem ganzen einen Namen gibt

Dann gibt es ja noch die Soziopathen. Heute nennt man sie ja
nicht mehr Psychopathen. Aber eigentlich sind sie es ja.

Die laufen jetzt eher unter der Bezeichnung: antisoziale
Persönlichkeitsstörung.

Ja, das hab ich auch schon gehört dass man es so ausgedrückt hat. Aber Soziopath hab ich ebenfalls gehört.

Faszinierend finde ich jene mit hohem Funktionsniveau, die es
schaffen, Karriere zu machen, die es also weit bringen, zu
Macht und Einfluß kommen und dann großen Schaden anrichten
können

ja, genau die sind es auch die mich so faszinieren. Darüber habe ich etwas gelesen, das war ein Auszug aus einem Buch „Hinter der Maske der Vernunft“ oder so ähnlich hieß das. Allerdings kann Einem das Buch ganz schön Angst machen. Also wenn man ein klitzekleines bisschen zur Paranoia neigt. Denn da erfährt man sehr viel darüber wie sie sich nach außen hin geben, und dass man sie fast wirklich nicht erkennen kann. Und dadurch vermutet man sie überall :smile: nein, aber ernsthaft, es war sehr interessante Lektüre.

Vielleicht sind wir da gesamtgesellschaftlich etwas
betriebsblind. Es wäre aber mehr als lohnend, gerade diese
Störungen so genau als möglich zu untersuchen.

Absolut.

Grüße,

I.

Auch Grüße
B.