Psychisch krank? Was ist das?

Hallo ihr Lieben,

hatte heute eine Diskussion mit einer Bekannten und gemerkt dass ich wohl nicht mehr ganz up to date bin. Deshalb meine persönliche Frage des Tages. Was fällt unter den Oberbegriff „Psychisch krank“? Mal abgesehen davon, dass ich den Begriff „Psychisch kranker“ eh nicht verwende, also ich würde sagen, jemand hat bspw. eine Panikstörung, eine Depression, etc. Psychisch krank finde ich leicht diskrimierend. Doch was wird in Fachkreisen als „psychische Krankheit“ bezeichnet? Bzw. gibt es diesen Ausdruck noch, oder spricht man auch eher von verschiedenen Störungen?

Ist ein Mensch mit einer Neurose psychisch krank? Oder jemand mit einer Psychose? Jemand mit einer vorübergehenden, reaktiven Depression? Jemand mit einer endogenen Depression? Oder ist letztere dann schon wieder was Körperliches weil es evtl. ja was mit dem Stoffwechsel im Gehirn zu tun hat? Ist ein Mensch mit Schizophrenie psychisch krank? Oder spricht man hier dann schon von einer Geisteskrankheit? Ist jemand psychisch krank wenn er mit Medikamenten behandelt werden muss? Oder auch schon wenn eine Therapie ausreicht? Und gibt es überhaupt noch diesen Oberbegriff?

Ich stehe da grad ein bisschen auf dem Schlauch. Meine Bekannte meinte dass z. B. ein Mensch der unter Platzangst leide, psychisch krank sei. Das konnte ich so nicht unterschreiben. Ich denke es fängt später an. Aber wann?

Schöne Grüße
Blumenkind

die sogn. platzangst ist auch im icd-10, kapitel 5 zu finden und demnach auch eine erkrankung oder störung. normalerweise wird von störung gesprochen. aber man kann nicht allgemein sagen, dass dies ein wort ist, das von jedem neutral empfunden wird. auch „gestört“ ist für viele ein schimpfwort und gleichbedeutend mit irre.

krankheit ist nach definition der WHO, ganz breit gesprochen: wenn man sich nicht wohl fühlt. platzangst mag dir nicht beeinträchtigend vorkommen, aber viele davon betroffenen trauen sich nicht mehr aus ihren wohnungen, was sehr einschneidend ist. viele haben zusätzlich auch depressionen und zwar sekundär wegen der folgen der erkrankung.

Sollte man vielleicht voranschieben, dass laut Gert Postel die psychiatrische Wissenschaft eine einzige Hochstapelei ist.
Zitat u.a. von Gert Postel:
" Wer die akademische Sprache beherrscht, der kann grenzenlos jeden
Schwachsinn formulieren, und ihn in das Gewand des Akademischen stecken."
Angebliche Doktorarbeit von Gert Postel:
„Über kognitiv induzierte Verzerrungen stereotyper Urteilsbildungen“.
Und keiner hat was gemerkt, dass es nur eine sinnlose Aneinanderreihung von Fachbegriffen war.
http://www.gert-postel.de/

Um zu ihrer Frage zurückzukommen:
Grundsätzlich unterscheidet man die psychischen Erkrankungen in
leichtere (z.B. Neurose) und schwerere wie Psychose .
Eine Neurose ist z.B. eine Angststörung, die nachvollziebar ist,
z.B. vor Spinnen.
Eine Psychose ist verbunden mit einem schweren Realitätsverlust
und dementsprechender Uneinsichtigkeit.

Da die psychiatrische Wissenschaft keine besonders exakte Wissenschaft
ist - wie oben beschrieben, - kann man bei der Definition und Einteilung von psychischen Erkrankungen sicherlich auch zu anderen
Ergebnissen kommen; und entsprechende Diskusionen können dementsprechend fruchtlos verlaufen; nach dem Motto: Über Geschmack
läßt sich nicht streiten.

Grundsätzlich würde ich das aber bejahen, dass man eine Neurose als eine (leichtere) psychische Erkrankung bezeichnet.

Darüber hinaus fände ich es auch besser, man würde sich nicht hinter
sehr fragwürdigen Fachbegriffen vestecken, sondern die Erkrankung
speziell in ihrer praktischen Erscheinungsform beschreiben

Hallo bernieone,

da mich das Thema auch interessiert:

Um zu ihrer Frage zurückzukommen:
Grundsätzlich unterscheidet man die psychischen Erkrankungen
in
leichtere (z.B. Neurose) und schwerere wie Psychose .
Eine Neurose ist z.B. eine Angststörung, die nachvollziebar
ist,
z.B. vor Spinnen.
Eine Psychose ist verbunden mit einem schweren
Realitätsverlust
und dementsprechender Uneinsichtigkeit.

Warum wird hier z.B. die Spinnenangst als Neurose eingeteilt aber nicht als Psychose?

Du schreibst, die Spinnenangst sei eine nachvollziehbare Angststörung. Dies trifft aber wohl nur zu, da sie weit verbreitet ist (und somit tendentiell jemand, der mit einem Arachnophobiker konfrontiert wird, sagen wird „oh, Spinnen, die waren mir nie geheuer“). Nachvollziehbar wäre eher etwas, wobei _wirklich_ mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit etwas Schlimmes passiert, meinetwegen Angst vor Spinnen, nachdem jemand mehrmals nur knapp dem Biss einer tödlichen Spinne entging.
Eigentlich treffen hier aber die Merkmale, die du unter Psychose vermerkt hast, zu:
Realitätsverlust: ein Arachnophobiker hat Angst, das „irgendwas Schlimmes passiert“ wenn Spinnen zugegen sind, obwohl fast alle hierzulande vorkommenden Spinnen keine Gefährdung darstellen; die Angst tritt auch beim Ansehen von Bildern oder Plastikmodellen von Spinnen auf, die ja absolut keine Gefahr darstellen können
Uneinsichtigkeit: Man kann demjenigen noch so sehr „gut zureden“ (damit meine ich laienhaftes „gut zureden“ und nicht Therapie), dass diese Spinne harmlos ist, und auch dass das Plastikmodell selbstverständlich nicht beißen kann (was der Betroffene auch „irgendwie“ weiß), die Angst bleibt aber bestehen.

Rechnest du also die Spinnenangst der Neurose statt Psychose zu, da sie weit verbreitet und gesellschaftlich akzeptiert ist?
Denn das mit dem „nachvollziehbar“ trifft eigentlich nicht zu. Und wenn sie stark ausgeprägt ist, kann sie durchaus wesentlich die Lebensqualität mindern (es gibt z.B. viele Spinnenphobiker, die deshalb das Betreten des Kellers, Ausflüge in den Wald oder Urlaube in südlicheren Ländern (mit höherer Spinnendichte) tunlichst vermeiden oder teils aus der Wohnung flüchten, wenn sie ein größeres Exemplar entdeckt haben).

Da die psychiatrische Wissenschaft keine besonders exakte
Wissenschaft
ist - wie oben beschrieben, - kann man bei der Definition und
Einteilung von psychischen Erkrankungen sicherlich auch zu
anderen
Ergebnissen kommen; und entsprechende Diskusionen können
dementsprechend fruchtlos verlaufen; nach dem Motto: Über
Geschmack
läßt sich nicht streiten.

Fällt obiges von mir Genanntes auch in die Kategorie „kann man nicht klar einteilen“?

Grundsätzlich würde ich das aber bejahen, dass man eine
Neurose als eine (leichtere) psychische Erkrankung bezeichnet.

Dem würde ich auch zustimmen.

Viele Grüße,
Nina

Hallo,
jede ‚psychische Erkrankung‘ ist eine körperliche Erkrankung - was sollte sie denn sonst sein? ‚Die Psyche‘ ist eine Leistung unseres Gehirns - ein Prozess, genauso wie das ‚ich‘.

Was wir als Gesellschaft als ‚psychisch Krank‘ definieren steht auf einem anderen Blatt. In einigen Gesellschaften sind Menschen die Stimmen hören, Visionen haben und mit Geistern reden hoch angesehene Persönlichkeiten. Bei uns kommen sie in die Psychiatrie, außer sie können glaubhaft versichern ‚Gott‘ hätte was gesagt, dann spricht der Papst sie heilig. Schlachtet einer dutzendweise Leute ab weil ‚Gott‘ es ihm befiehlt ist das ‚krank‘, schlachtet einer tausende Leute ab weil Bush ihm das befiehlt bekommt er einen Orden…

Inzwischen ist die Hirnforschung dabei zu entschlüsseln welche Neurotransmitter wie und wo wirken, welche Areale für welche Gefühle zuständig sind, wie wir lernen und erinnern. Mit entsprechenden Drogen und elektrischen Reizen können unterschiedliche ‚Krankheitsbilder‘ simuliert werden. Z.B. ‚außerkörperliche Erfahrungen‘.
Alles fließt…
ein mitfließender…lux

Hallo pollux36,

jede ‚psychische Erkrankung‘ ist eine körperliche Erkrankung -

Würdest Du auch sagen, dass jede „psychische Erkrankung“ sich nur (und ausschließlich) mit dem „richtigen“ Medikament erfolgreich behandeln ließe?

Und würdest Du daraus, was Du beschrieben hast, auch den Schluss ziehen, dass jede Form von Therapie, die (nach korrekter Diagnose!) ausschließlich das „richtige“ Medikament zur Therapie benötigt und sonst gar nichts weiter?

MfG, ice

Hallo Bernione,

von dem Gert Postel hab ich auch gelesen. Das fand ich auch faszinierend. Sagt schon sehr viel über die Psychiatrie aus, wenn jemand ohne Studium alle an der Nase herumführen kann. Allerdings - jemand der z. B. an schweren Depressionen und Angstzuständen leidet, oder gar an einer Psychose mit Realitätsverlust, kommt nicht drum rum zu einem Psychologen bzw. Psychiater zu gehen, oder notfalls hingebracht zu werden. Hat alles zwei Seiten, man muss da eben die gesunde Mitte finden. Interessant fand ich schon dass während der Zeit in der Georg Postel in der Psychiatrie tätig war (weiss jetzt nimmer wo es war) die Anzahl der Zwangseinweisungen gesunken ist.

Schöne Grüße

Hallo,

ja aber nicht alles was in unserer Psyche mal grad nicht so rund läuft ist doch gleich etwas „Krankes“? Deswegen wollte ich ja wissen, WANN man von Krankheit spricht. Ansonsten hast du absolut recht mit dem was du so schreibst, über andere Gesellschaften etc. Vollkommen richtig. Aber darum ging´s mir in der Frage nicht :smile:

Schöne Grüße

Hallo Blumenkind,

im ICD-10 ist durchwegs von Störungen die Rede, egal, ob es sich dabei Angststörungen, Schizophrenie oder etwas anderes handelt. Mit dem Ausdruck „Störung“ sollte der diskriminierende Beigeschmack von „psychisch krank“ vermieden werden. Darüber hinausgehend hat es keine Bedeutung, etwa in der Art, daß eine Störung leichter und eine psychische Krankheit schwerwiegender wäre. Abgesehen davon, daß „psychisch krank“ eher als diskriminierend oder beleidigend aufgefaßt wird, ist es also synonym mit „Störung“, und es gibt leichte und schwere Störungen.

Im 19. Jh. hat man den Leib-Seele-Dualismus aufgegeben und man ist davon ausgegangen, daß auch die psychischen Krankheiten sich irgendwie im Körper, vor allem im Gehirn abspielen und dadurch körperliche Krankheiten sind. Erst seit wenigen Jahrzehnten gibt es gute Untersuchungsmethoden wie z. B. fMRT, um im Detail zu erforschen, was genau im Gehirn, aber auch im übrigen Körper geschieht, wenn jemand z. B. eine Depression hat, oder eine Angststörung, eine posttraumatische Belastungsstörung usw. Darüber steht einiges zusammengefaßt bei Klaus Grawe, im Buch „Neuropsychotherapie“.

@IceageHatnochFragen: Man darf nun daraus nicht den Schluß ziehen, daß dann nur Tabletten (da sie den Stoffwechsel im Hirn beeinflussen) sinnvoll seien und Psychotherapie (da nur aus Worten bestehend) überflüssig und unnütz sei. Wie das geht, daß Psychotherapie (auch ohne Tabletten) nicht nur z. B. zur Veringerung von Angstzuständen, sondern gleichzeitig auch zu feststellbaren Veränderungen im Gehirn führt, ist u. a. Gegenstand der Psychotherapieforschung (ebenfalls siehe Grawe). Dabei geht es um die „Neuroplastizität“, also daß die Stärke von hemmenden und aktivierenden Verbindungen im Gehirn durch die bisherigen Erfahrungen entstanden ist und durch neue Erfahrungen verändert werden kann.

Wir (Normalos, Laien) haben aber den Leib-Seele-Dualismus noch nicht ganz überwunden. Dieser Dualismus wird so verstanden, daß die Seele einen freien Willen habe, durch den sie sich für moralisch gute oder schlechte Handlungen entscheiden könne, und der Körper führt diese dann aus. Das, denke ich, ist die Wurzel davon, daß etwa „herzkrank“, oder „zuckerkrank“ nicht diskriminierend ist, „psychisch krank“ aber schon. Die Worte werden ausgewechselt: sündig und moralisch schlecht --> geisteskrank --> psychisch krank --> psychisch gestört. Die Vorurteile bleiben oder ändern sich nur langsam.

Grüße,

I.

Hallo Ice,

Würdest Du auch sagen, dass jede „psychische Erkrankung“ sich
nur (und ausschließlich) mit dem „richtigen“ Medikament
erfolgreich behandeln ließe?

wieso sollte sich eine körperliche Erkrankung nur mit Medikamenten heilen lassen?
Es gibt „sogar“ eindeutig körperliche Erkrankungen, bei denen Medikamenten nichts ausrichten können, sondern z.B. nur Physiotherapie (Krankengymnastik), Operationen, Änderung der Lebensumstände etc.

Viele Grüße,
Nina

Hallo Idomeneo,

es ist also quasi alles nur eine Sache der Formulierung? So wie ich es ja auch schon irgendwie vermutet habe, dass es diskriminierend klingt, jemanden als psychisch krank zu bezeichnen. Also wechselt man den Begriff aus, damit die Menschen die es betrifft, sich wohler fühlen? So wie man das mit einigen Begriffen macht.

Man sagt ja auch nicht mehr unbedingt „der Behinderte“ sondern eher „der Mensch mit Behinderung, oder Handycap“ aber im Endeffekt kommt das Gleiche dabei raus. Also im Grunde sind es psychische Krankheiten, nur nennt man sie nicht mehr so? Und wenn jemand den Begriff noch verwendet hat er sich unglücklich ausgedrückt? Ja es hört sich halt echt ungut an.

Wenn ich jetzt sage, jemand hat Depressionen, ist das okay, denn das ist eh schon die Volkskrankheit Nr. 1, und wenn sogar schon Profi-Fussballer depressiv werden…
Wenn ich aber sage das ist ein psychisch Kranker, dann hört sich das schon ganz anders an auch wenn´s im Endeffekt das Gleiche ist.

Schöne Grüße

Das Problem ist die Kommerzialisierung der medizin.
Dadurch wird das ganze Problem verschärft.
Die Stationsärzte in den psychiatrischen Kliniken bekommen von oben aufgebrummt,
„Sehen Sie zu, dass die Krankenkasse das bezahlt“.
Und die müssen sich dann dementsprechendes zusammenschreiben.
Die Diagnose „Schizophrenie“ ist in den letzten Jahren dermaßen
angestiegen, dass die Krankenkassen sagen, das machen wir nicht mehr
mit.
Und wie soll man ohne eine vernünftige Diagnose richtig behandeln?

Und in den psychosomtischen Kliniken sind die Mitarbeiter auch meistens
gefrustet, wenn sie fesstellen, dass es nur ums Geld geht.

Sicher gibts auch Psychologen, die was können. Bei einem habe ich
echt gestaunt. Der hat auch eine Klinik verlassen und hat sich selb-
ständig gemacht.

Natürlich gibts auch Patienten, die dringend ein Behandlung brauchen.
Hier würde ich aber eher zu niedergelassenen Ärzten tendieren, wobei
man ja auch die Möglichkeit hat, sich vorher schlau zu machen.

Jo,
hatte ich ja gesagt: Eine grundlegende durchgehende Logik wird man
in diese Psychiatrie nie rein bekommen.
Habe nur mal einen Ansatz versucht, den ich jetzt bevorzugen würde.

Wie heißt es so schön in einem psychiatrischen Lehrbuch (ich glaube, ein
Prof. der Uni Münster war es gewesen):
„Eine Psychose ist im allgemeinen leicht zu erkennen. Nur bei der
Definition haben wir Schwierigkeiten.“

Jetzt frage ich mich, wie kann man eine Krankheit diagnostizieren,
die man gar nicht definiert hat.

Und vor allen Dingen, wenn die Experten noch nicht mal wissen, was
eine Psychose ist, wie soll das erst ein Laie wissen?

Ja, das glaub ich auch dass die Niedergelassenen besser geeignet sind. Aber was wenn jemand zum Beispiel selbst- oder fremdgefährdend ist? Das ist dann die Frage, was macht man mit demjenigen? Es gibt ja auch nicht immer so schnell Termine bei niedergelassenen Ärzten. Vor allem bei Psychotherapeuten gibt es ewige Wartelisten, die Besten haben die längste, logischerweise, tja und dann heisst es für viele halt doch erstmal Psychiatrie als Auffangstation, aber damit kann auch oft ein Teufelskreis beginnen. Glaube ich zumindest. Ja, schwieriges Thema.

Ein ganz besonders schwieriges Thema wird es, wenn man mitten in der
ehemals größten europäischen psychiatrischen Anstalt wohnt.

Hallo Blumenkind,

ja doch, es wird schon Wert auf Sprachregelungen gelegt, nicht nur, damit die Betroffenen sich mit den Begriffen wohl fühlen, es soll auch einen respektvolleren Umgang fördern, und dies bedeutet bessere Voraussetzungen für den Behandlungserfolg, als wenn man einfach nur „Geisteskranken“ gegenübertritt. Denke ich mir…

Freud hat die seelische Gesundheit definiert durch Arbeitsfähigkeit und Liebesfähigkeit. Wenn man davon ausgeht, ist es plausibel, daß psychisch Gestörte sehr oft (aber nicht immer) hinter ihren Möglichkeiten zurückbleiben, weniger Karriere machen, eher Außenseiter sind. In früheren Zeiten, wo es noch kaum wirksame Therapien gab, behaupte ich mal, war es Hauptaufgabe der Psychiatrie (oder von Vorläufer-Institutionen), Menschen, die sich nicht in gut die Gesellschaft hineinpassen ließen, zu verwalten und zu verwahren - helfen war kaum möglich. Daher ist die Psychiatrie und der Umgang mit psychisch Beeinträchtigten historisch belastet. Das ist so ähnlich wie bei den Negern Farbigen (keine Ahnung wie die jetzt korrekt heißen), da hängt auch viel historische Last dran. „Geisteskranke“ kann man schon gar nicht mehr sagen (wegen des Umgangs mit ihnen zur Nazi-Zeit).

Es gibt im übrigen auch eine Art Hackordnung der psychischen Störungen:

Depressionen sind schon weitgehend akzeptiert (Profi-Fußballer), am unteren Ende stehen dagegen z. B. die Borderline-Persönlichkeitsstörung und Suchterkrankungen.

Auch bei den körperlichen Krankheiten ist ein Herzinfarkt in der Höhe der Wertschätzung etwas anderes als etwa AIDS oder Syphilis.

Grüße,

I.

Hi Nina,

Würdest Du auch sagen, dass jede „psychische Erkrankung“ sich
nur (und ausschließlich) mit dem „richtigen“ Medikament
erfolgreich behandeln ließe?

wieso sollte sich eine körperliche Erkrankung nur mit
Medikamenten heilen lassen?

Das war ja nicht die Frage.

Es gibt „sogar“ eindeutig körperliche Erkrankungen, bei denen
Medikamenten nichts ausrichten können, sondern z.B. nur
Physiotherapie (Krankengymnastik), Operationen, Änderung der
Lebensumstände etc.

Ich fragte aber doch nicht nach körperlichen Erkrankungen.

Dennoch danke.

MfG, ice

Hallo,

warum ist die Antwort auf diese Frage so wichtig?
Warum fragst du nicht:
Wann ist jemand körperlich krank?
Wenn er Schnupfen hat? Wenn er eine Allergie hat? Würdest du von dir sagen, du bist krank, weil du keine Milch verträgst?
Wenn ihm ein bisschen schlecht ist?
Wenn er einen gebrochenen Arm hat?

Die Grenze ist fließend, die Bereitschaft, etwas als Krankheit zu bezeichnen auch. Das ist im Psychischen nicht anders als im Körperlichen.

hth

Julia

Hallo Iceage,

Würdest Du auch sagen, dass jede „psychische Erkrankung“ sich
nur (und ausschließlich) mit dem „richtigen“ Medikament
erfolgreich behandeln ließe?

wenn man das ‚richtige Medikament‘ hätte… :wink: da das Gehirn kompliziert und nicht linear ist, ist jede Behandlung schwierig. Medikamente sind da keine Ausnahme. Je mehr man über Funktion und Abläufe weiß, desto besser wird es werden . Ich denke schon, dass noch einiges möglich ist.

Allerdings heißt das nicht, das eine Therapie nicht Auswirkungen auf das Gehirn hat (haben kann). Besonders Verhaltenstherapien sind imo ein guter Ansatz. Die Nervenleitungen sind keine Einbahnstraßen Gehirn–>Körper. Andersherum funktioniert es auch. Z.B. zeigen Experimente, dass ‚unechtes Lachen‘ im Gehirn die gleichen Regionen wie ‚richtiges Lachen‘ aktiviert. Der Spruch ‚fake it, till you make it‘ hat also seine Berechtigung.
Außerdem soll man die Selbstheilungskräfte des Körpers nicht unterschätzen. Wir haben ein Immunsystem, Reparatursysteme…, manchmal kann schon die Zeit Besserung bringen.

Und würdest Du daraus, was Du beschrieben hast, auch den
Schluss ziehen, dass jede Form von Therapie, die (nach
korrekter Diagnose!) ausschließlich das „richtige“ Medikament
zur Therapie benötigt und sonst gar nichts weiter?

Vielleicht irgendwann mal… wer weiß? Ein Problem, bis jetzt auf jeden Fall, ist schon die ‚korrekte Diagnose‘. Haben Depressionen z.B. immer die selben Ursachen? Ich würde, hätte ich z.B. eine, auf Serotoninmangel basierende Depression, eine Pille einer langwierigen Verhaltenstherapie vorziehen.
Aber selbst, wenn wir (Menschen) unser Gehirn nie vollständig begreifen, heißt das nicht, dass es deswegen ‚etwas‘ gibt was nicht Materiegebunden ist.

Und wenn Therapien Menschen nutzen, dann finde ich interessant herauszufinden welcher Teil davon nutzt, was genau passiert. Es gibt z.B. eine Studie (Studenten) die entweder sofort mit einem Therapeuten über ihre Probleme reden konnten, oder drei Monate warten mussten, oder mit einem älteren, beliebten Professor reden konnten. Zwischen den Gruppen gab es keinen signifikanten Unterschied. Der Mehrheit ging es nach den drei Monaten besser. Worin besteht also die Qualität von Gesprächstherapien?
‚Ab wann jemand psychisch krank‘ ist 'oder halt nur ein bisschen gaga… kann imo nicht sauber definiert werden, ein wichtiges Beurteilungskriterium ist meiner Ansicht nach die Leidensempfindung des Menschen. ‚Fühlt‘ sich jemand krank oder nicht. Ein anderes wichtiges Kriterium die ‚Leiden‘ der Gesellschaft. Bis wohin finden wir Verhalten tragbar. Das muss individuell diskutiert und entschieden werden, keine einfache Lösungen.
Gruss. …lux

1 „Gefällt mir“

Es gibt im übrigen auch eine Art Hackordnung der psychischen
Störungen:

Depressionen sind schon weitgehend akzeptiert
(Profi-Fußballer),

am unteren Ende stehen dagegen z. B. die

Borderline-Persönlichkeitsstörung und Suchterkrankungen.

wobei diese ja dann eigentlich überhaupt nicht mehr in den Bereich der psychischen Erkrankungen fallen, oder? Ich meine wie der Name schon sagt, Boderline-Persönlichkeitsstörung, ebenso wie schizoide oder histrionische (nennt man das so) dies sind Persönlichkeitsstörungen und stehen wohl deshalb am unteren Ende weil es auch irgendwie nicht „heilbar“ ist. Weder durch Therapie noch durch Medikamente. Also nicht wirklich. Meine Tante arbeitet mit Borderlinern und sie ist ziemlich gefrustet. Wirklich helfen kann man da nicht. Sie sagen ja auch „ich BIN Borderliner“ also sie identifizieren sich damit. Während jemand mit Depressionen wohl ehr sagen würde „ich HABE Depressionen“.

Schöne Grüße

Grüße,

I.