Hallo allerseits,
ich hoffe doch, dass das hier das richtige Forum für eine solche Frage ist. Ich frage mich schon seit Längerem, ob es denn in „armen“ Ländern genauso häufig vorkommt, dass Menschen an psychischen Störungen leiden? Mir als Laie kommt es manchmal so vor, dass viele dieser Störungen Auswüchse unserer schnelllebigen, modernen Gesellschaft sind.
Ich freue mich, eure Meinungen/Erfahrungen dazu zu hören.
Danke,
Christoph
Hallo Christoph,
diese Frage dürfte schwer zu beantworten sein, denn:
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Diagnosen können oft nicht gestellt werden (wer soll sie stellen? Andersartigkeiten werden oft versteckt - einerseits durch Angehörige, andererseits durch einen selbst -, wenn derjenige keine Hilfe zu erwarten hat); dass psychische Störungen dort nicht oder nur sehr wenig existieren, halte ich aber für sehr fragwürdig, wenn ich z.B. an Kindersoldaten, Menschen mit Kriegserlebnissen, Kinderprostitution, in vielen Ländern noch typische Zustände in Kinderheimen o.ä. denke.
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Was zählst du als „armes Land“?
Die psychische Belastung für einen Menschen, der zwar wenig bis keinen persönlichen Besitz hat, aber täglich satt wird, in einer sicheren Umgebung lebt, sozial eingebunden ist, nicht ärmer als sein Umfeld ist etc. würde ich als deutlich geringer einschätzen als eines Menschen mit ein klein wenig Besitz aber täglichem Kampf ums Überleben, Gewalt an der Tagesordnung etc.
- „Alternativdiagnosen“ (besessen, verhext etc.) sind unklar (psychische Erkrankung? wenn ja, welche?), andererseits würde manches gar nicht gesondert als Erkrankung bezeichnet werden gerade in Fällen, in denen eine bestimmte Reaktion auf ein bestimmtes Ereignis/Erlebnis gesellschaftlich akzeptiert ist
Ähnliches fällt auch bzgl. heutiger „Industrienationen“ auf:
Sicherlich erzählen Menschen aus unserer Eltern- und Großelterngeneration auch von Kindern, die ein „Zappelphilipp und Träumer“, ein „schüchternes tollpatschiges Mauerblümchen“, „langsam im Kopf“, „blitzgescheit“ o.ä. waren - damals wurde aber zuallermeist weder AD(H)S, Asperger-Syndrom, Lernbehinderung, Hochbegabung u.ä. diagnostiziert, und folglich wissen wir nicht, ob dies auf diese Personen zutraf oder nicht.
Inwieweit denn die moderne Gesellschaft daran schuld ist, das sehe ich zwiegespalten:
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Gerade unter Jugendlichen besteht häufig Ausgrenzung wegen Andersartigkeit, daraus können schnell psychische Probleme entstehen.
Aber: War das früher wirklich anders? Wenn’s heutzutage um das neueste Handy, den Fernseher im eigenen Zimmer und die coolsten Klamotten geht, ging’s früher um die angesagteste Schallplatte, Autogrammkarten und ebenfalls um die coolsten Klamotten und Frisuren (die nur heute nicht mehr „cool“ wirken).
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Wer an psychischen Störungen leidet, wird heutzutage mit einer höheren Wahrscheinlichkeit Zugang zu einer Behandlung haben als früher, gleiches gilt für „reiches Land“ „armes Land“.
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Ausgrenzung kann durch „moderne Medien“, insbesondere Internet, abgemildert werden; ich erlebe dies aktuell in einem Forum für hochbegabte Jugendliche sowie in einem Forum für eine seltene Erkrankung - beides eine Möglichkeit, mit rar gesäten Gleichgesinnten/Mitbetroffenen in Kontakt zu treten, was der Ausgrenzung (und damit dem Entstehen psychischer Probleme) sehr entgegenwirken kann. Sicherlich viel besser, als vor x Jahren (oder: in einem armen Land) alleine mit seiner Andersartigkeit zu sein.
Abschließend noch dies hier:
http://latina-press.com/lateinamerika/114/depression…
Viele Grüße,
Nina
Hallo,
Mir als Laie kommt esmanchmal so vor, dass viele dieser Störungen Auswüchse unserer schnelllebigen, modernen Gesellschaft sind.
Ich denke, man muss hier differenzieren:
In Kriegen, in denen Hunger, Krieg und Verfolgung herrscht, gibt es ganz sicher eine enorme Zahl an psychischen Störungen. Das Problem hierbei ist, dass das dort niemanden interessiert. Es gibt kaum lokale Studien, die diese belegen - zudem kann man davon ausgehen, dass die Betroffenen nicht aktenkundig werden.
Es gibt Untersuchungen zu Traumatisierungen von Kindern im Holocaust, z.B. eine Follow-Up-Studie von Keilson 1979, die unterschiedliche Grade von Traumatisierung belegt. Adam et al. haben 1995 Studien über die Traumatisierung von Kindern im Krieg und Kindersoldaten durchgeführt.
Man kann aber mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit davon ausgehen, dass Krieg, Folter, Vergwaltigung, Klitorisbeschneidung und Hunger eine Vielzahl an psychischen Störungen entwickeln lassen. Die Tatsache, dass kaum jemand darüber spricht, macht sie nicht weniger existent.
Bestimmte Formen von Störungen - wie Essstörungen - kommen in Drittländern tatsächlich nicht vor.
Und dann gibt es ganz sicher die „Luxusstörungen“, die Leute entwickeln, weil sie keine anderen Sorgen im Leben haben.
Schöne Grüße,
Jule
Hallo,
ja sicher auch in armen Ländern haben die Menschen Ängste und Probleme, die therapeutisch begleitet werden sollten.
Während die Psychologen hier mit verhaltensauffälligen Kindern zu tun haben (gesellschaftlich nicht erwünschtes Verhalten), Paare, die ihre Beziehung kitten wollen oder Krisen (z.B. Burn out) zu tun haben und die Psychiater sich mit Depressionen und Persönlichkeitsstörungen beschäftigen, haben die Menschen in den armen Ländern keinen Zugang zum Psychologen oder Psychiater. Ich weiss zwar nicht wie arm Du meinst, aber oft können sie glücklich sein überhaupt eine ärztliche Versorgung zu bekommen, die nicht annähernd mit unserer zu vergleichen ist.
Opfer von Gewalt, die in armen Ländern häufiger ist als hier müssen alleine klar kommen oder werden von der Familie mitgeschleppt (Traumata durch Krieg, Vergewaltigung, Folter, Hungerstod von Angehörigen, Krankheiten…). Diverse Hilfsorganisationen sorgen z.T. auch für psychologische Hilfe, aber auch Kirchen übernehmen einen kleinen Teil dieser Arbeit.
Du kannst Deine Frage auch auf andere Berufsgruppen anwenden: haben die Menschen in armen Ländern keine Rechtsprobleme? Sie haben nicht das Geld einen Anwalt zu bezahlen - manchmal gibt es in den Ländern noch nicht einmal ein funktionierendes Rechtssystem.
Haben die Menschen in armen Ländern keine Zahnschmerzen? Doch, haben sie - aber es gibt weder genügend Ärzte, noch Geld um sie zu bezahlen.
Es sterben Menschen an einfachen Knochenbrüchen, weil es keinen Transport zum Krankenhaus gibt. Und weil es im Krankenhaus keine Chirugen gibt - und sollte es einer doch mit dem Taxi ins Alliiertenkrankenhaus schaffen und Cash für die OP auf den Tisch legen - sterben sie ein Paar Tage später an einer Trombose mangels Krankengymnastik.
Es fehlt nicht an Bedarf - es fehlt an Geld und qualifiziertes Personal.
Viele Grüße
Moin
Ich frage mich schon seit Längerem, ob es
denn in „armen“ Ländern genauso häufig vorkommt, dass Menschen
an psychischen Störungen leiden?
Wie hier auch schon dazu geschrieben wurde, muss man da wohl differenzieren. „Psychische Störungen“ ist ein (zu) weites Feld.
Man weiß. dass die Schizophrenie in allen Ländern, ob arm oder reich, und in allen Kulturen etwa gleich häufig vorkommt, sie liegt bei etwa 1% der Gesamtbevölkerung.
Die Depression soll ich sonnenarmen Ländern (Europas Norden) häufiger sein.
Zwangsneurosen findest du wahrescheinlich gehäufterb in „zivilisierten“ Ländern, Hysterien in sexualunterdrückenden. Hysterische Erkrankungen fandest du in unseren Breiten vor gut hundert Jahren, als Freud begann, die bigott und sexualunterdrückten jungen Frauz zu behandeln. Heute findest du bei uns nur noch selten hysterische Symptome / Konversionserkrankungen, höchstens bei jungen muslimischen Frauen, die in die Schere der Kulturen geraten, also ein sexualfeindlich-patriarchalisches Elternhaus und eine dagegen sexualfreundliche Umwelt haben.
Gruß,#
Branden