Psychoanalyse/VT

Hallo Experten!

Ist es sinnvoll nach einer abgeschlossenen Psychoanalyse, einer Inkubationszeit von 2 Jahren, eine Verhaltenstherapie „dranzuhängen“?
(Mit dem Ziel der Selbstbewußtseinstärkung)

Mein Eindruck war der, dass es richtig wäre, weil die betreffende Person noch immer arge Selbstzweifel plagen, obwohl die Ursachen klar erkannt und identifiziert wurden. Was aber wohl auch mit einer gehörigen Portion Pessimismus zusammenhängen mag.

Wäre eine solche zweite Therapie eventuell kontraproduktiv und käme in Konflikt mit den analytischen Dynamiken? Sind zwei Jahre Ruhezeit genug oder sollte sie noch Geduld haben?
Ich wurde um Rat gefragt, bin aber selbst kein Fachmann. Was würdet ihr raten?
Die Psychoanalyse dauerte 2 - 3 Jahre, genau weiss ich es nicht.

Gruß
P.

Hallo,

Ist es sinnvoll nach einer abgeschlossenen Psychoanalyse,
einer Inkubationszeit von 2 Jahren, eine Verhaltenstherapie
„dranzuhängen“?

ich halte es für wichtig, diese Entscheidung vom Einzelfall und von der Problematik abhängig zu machen. Prinzipiell ist es allerdings eher günstiger, wenn man auf einer Schiene bleibt. VT ist halt etwas anderes als Psychoanalyse und da können durchaus Widersprüche auftreten, die den Patienten extrem verunsichern können. Ich habe nämlich Bedenken, daß die Person sich eventuell gegen die VT-Sichtweise ihrer Problematik massivst wehrt („Aber der Analytiker hat doch gesagt …“). Dann geht die neue Therapie nämlich sehr wahrscheinlich in die Hose. Ich kann mich irren, weil ich den Patienten nicht kenne. Wie schätzt Du ihn/sie ein? Ist sein/ihr Störungsbild sehr stark durch die Analyse beeinflußt? Oder ist er/sie durchaus bereit, diese Ansichten ein wenig tiefer zu hängen?

(Mit dem Ziel der Selbstbewußtseinstärkung)

Da hätte ich eher an die umgekehrte Kombination gedacht: zuerst die VT und dann die PA (oder eine humanistische Therapie). Zuerst aus der Waagerechten in die Senkrechte und anschließend so etwas wie Persönlichkeitsveränderung / Selbstverwirklichung.

Mein Eindruck war der, dass es richtig wäre, weil die
betreffende Person noch immer arge Selbstzweifel plagen,
obwohl die Ursachen klar erkannt und identifiziert wurden.

Ehrlich gesagt spricht es für mich eher für das Scheitern der Analyse, wenn der Patient nach 2-3 Jahren immer noch arge Selbstzweifel hat, obwohl die angeblichen Ursachen „klar erkannt und identifiziert wurden“. In einem solchen Fall würde ich es als ein Drama empfinden, wenn sich der Patient in seiner Verzweiflung an die analytische Sichtweise klammert, obwohl sie ihm nicht hilft und stattdessen den Weg zu einer besseren Zukunft versperrt.

Grüße,

O. Walter

Hallo Panrilk!

Ist es sinnvoll nach einer abgeschlossenen Psychoanalyse,
einer Inkubationszeit von 2 Jahren, eine Verhaltenstherapie
„dranzuhängen“?
(Mit dem Ziel der Selbstbewußtseinstärkung)

In Einzelfällen können sich beide Therapie-Formen durchaus sinnvoll ergänzen. Es gibt auch Beispiele für die umgekehrte Reihenfolge.:wink:

Wäre eine solche zweite Therapie eventuell kontraproduktiv und
käme in Konflikt mit den analytischen Dynamiken?

Nein, nicht unbedingt. Ich habe in Einzelfällen auch schon eine Ergänzung durch VT empfohlen.

Sind zwei

Jahre Ruhezeit genug oder sollte sie noch Geduld haben?

Wenn überhaupt eine Ergänzung sinnvoll ist, sind 2 Jahre Pause meistens genug.
Es gibt natürlich noch mehr Behandlungsmethoden als Psychoanalyse und Verhaltenstherapie.
Ich persönlich finde die Ergänzung einer Einzeltherapie durch nachfolgende Gruppentherapie z.B. sehr oft hilfreich.
Es grüßt Dich
Branden

Hallo Branden,

Ich persönlich finde die Ergänzung einer Einzeltherapie durch
nachfolgende Gruppentherapie z.B. sehr oft hilfreich.

Findest du diese Verfahrensweise auf jeden Fall richtig? Wie ist es hier mit dem umgekehrten Fall? Ich frage das mal, weil heutzutage doch sehr auf Gruppe und auf die Dynamik derselben gesetzt wird, möglicherweise aber die Gruppe in einigen Punkten NICHT die nötige Hilfe ist.

Gruß

Hermann

Findest du diese Verfahrensweise auf jeden Fall richtig? Wie
ist es hier mit dem umgekehrten Fall? Ich frage das mal, weil
heutzutage doch sehr auf Gruppe und auf die Dynamik derselben
gesetzt wird, möglicherweise aber die Gruppe in einigen
Punkten NICHT die nötige Hilfe ist.

Wenn es um die REIHENFOLGE geht, Hermann, hat sich (wenigstens in meiner Praxis) Gruppe NACH Einzel sehr bewährt. Aber ich habe auch schon Einzel NACH Gruppe probiert, z.B. wenn jemand akut psychisch ekompensiert oder schwerer erkrankt durch Lebensumstände etc.
Gruß,
Branden

Hallo Oliver,

vielen Dank erstmal für deine Antwort!

ich halte es für wichtig, diese Entscheidung vom Einzelfall
und von der Problematik abhängig zu machen. Prinzipiell ist es
allerdings eher günstiger, wenn man auf einer Schiene bleibt.

Was wäre dann eine sinnvolle Ergänzung oder Vertiefung? Welche Möglichkeiten gibt es ausser VT?

Hose. Ich kann mich irren, weil ich den Patienten nicht kenne.
Wie schätzt Du ihn/sie ein? Ist sein/ihr Störungsbild sehr
stark durch die Analyse beeinflußt? Oder ist er/sie durchaus
bereit, diese Ansichten ein wenig tiefer zu hängen?

Ich kenne sie nur nach der Therapie, wie sie vorher war und inwiefern
diese greift, kann ich nicht wirklich beantworten. Aber aus ihren Erzählungen kann ich entnehmen, daß sie sich schon sehr zum Positiven entwickelt hat. Aber irgendwie stagniert das Ganze jetzt. Und wenn man Fortschritte, in welchem Bereich auch immer, gemacht hat, möchte man eben weitergehen und nicht stehen bleiben.

(Mit dem Ziel der Selbstbewußtseinstärkung)

Da hätte ich eher an die umgekehrte Kombination gedacht:
zuerst die VT und dann die PA (oder eine humanistische
Therapie). Zuerst aus der Waagerechten in die Senkrechte und
anschließend so etwas wie Persönlichkeitsveränderung /
Selbstverwirklichung.

Es war die Entscheidung der Therapeutin. Die Situation ist nicht mehr zu ändern.

Ehrlich gesagt spricht es für mich eher für das Scheitern der
Analyse, wenn der Patient nach 2-3 Jahren immer noch arge
Selbstzweifel hat, obwohl die angeblichen Ursachen „klar
erkannt und identifiziert wurden“.

Die Ursache war/ist ein tyrannischer, ständig nörgelnder und überstrenger Vater, der keinen Raum für individuelle Entfaltung gelassen hat. Und seine Kinder auf Teufel komm raus, zu „braven“
und folgsamen Wesen erzogen hat, indem er jeden Widerstand im Keime erstickt hat!

In einem solchen Fall würde
ich es als ein Drama empfinden, wenn sich der Patient in
seiner Verzweiflung an die analytische Sichtweise klammert,
obwohl sie ihm nicht hilft und stattdessen den Weg zu einer
besseren Zukunft versperrt.

Das würde ich nicht sagen, sie ist durchaus auf einem besseren Weg!
Hat endlich, mit 36(!), das Elternhaus, bzw. die unmittelbare Nähe, wo übrigens noch alle anderen Geschwister leben, verlassen. Ist in eine andere Gegend gezogen, hat eine Beziehung usw.
Vor der Therapie litt sie unter Neurosen, solchen absurden Zwangsgedanken, die eben genau auf ihren Konflikt hinweisen,
Depressionen, Selbstmordgedanken etc. Diese „pathologischen“ Formen haben sich ziemlich aufgelöst, aber wenn sie vor einer Autoritätsperson steht, wie etwa Chef/Chefin, ist es ihr unmöglich frei zu sprechen, sie mutiert dann wieder zum hilflosen Kind, stammelt
unsicher, kann sich nicht durchsetzen und auch keine klaren Gedanken fassen. Dieses Schema sehe ich auch bei jeder Art von Konflikt, sei es im Verkehr oder wo auch immer. Entweder wird sie überzogen aggressiv oder eben total verunsichert.
Und da dachte ich eben noch an eine ergänzende VT. So als aktives Training.

Nochmals vielen Dank für deine Mühe!

Freundliche Grüße
P.

Hallo Branden!

Auch dir vielen Dank für deine Antwort! Ich würden dich bitten, meine Antwort an Oliver Walter zu lesen, weil ich da einige Fakten geschrieben habe, damit ich das nicht wiederholen muß.

Wenn überhaupt eine Ergänzung sinnvoll ist, sind 2 Jahre Pause
meistens genug.

Glaubst du, daß sie sich auch ohne weitere Therapieform weiterentwickelt? Wie befriedigt man die Ungeduld? Was könnte ich tun?

Es gibt natürlich noch mehr Behandlungsmethoden als
Psychoanalyse und Verhaltenstherapie.
Ich persönlich finde die Ergänzung einer Einzeltherapie durch
nachfolgende Gruppentherapie z.B. sehr oft hilfreich.

Das wäre eine gute Idee, aber ich befürchte sie wird nicht in eine Gruppe gehen! Weil sie eben vor anderen Menschen nicht frei sprechen kann. Jedenfalls nicht über ihre Probleme. Allerdings sehe ich schon eine Änderung ihres Sozialverhaltens, jetzt wo ich das Ganze reflektiere!

Sei mir dankbar gegrüßt
P.

Hallo,

vielen Dank erstmal für deine Antwort!

gern geschehen. :smile:

Ich sehe anhand Deiner Beschreibung, daß die Therapie Deiner Bekannten anscheinend erfolgreich war. Ihre aktuelle Problematik läßt es tatsächlich möglich und ggf. sinnvoll erscheinen, mit einem verhaltenstherapeutischen Verfahren Abhilfe zu schaffen. Ein Training Sozialer Kompetenzen kann in dem von Dir genannten Fall angemessen sein, weil darin die Kompetenzen aufgebaut werden können, die jetzt möglicherweise defizitär sind. Infos zu einem solchen Training findest Du auf meiner Seite unter

http://people.freenet.de/oliverwalter/Psychotherapie…

Dennoch halte ich es für wichtig, genau abzuklären, ob ein Mangel an Kompetenzen für die Problematik verantwortlich ist. Das ist zwar wahrscheinlich, aber ohne mit Deiner Bekannten selbst persönlich zu sprechen, will und kann ich darüber kein Urteil fällen. Aber das ist kein Problem, denn eine gute Verhaltenstherapeutin / ein guter Verhaltenstherapeuten klärt die Sache in den ersten Terminen, bevor die eigentliche Therapie beginnt. Ausgehend von dem, was mir bisher vorliegt, würde ich ihr davon nicht ab-, sondern eher zuraten.

Beste Grüße,

Oliver Walter

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Hallo Panrilk!

Glaubst du, daß sie sich auch ohne weitere Therapieform
weiterentwickelt?

Schwer zu beurteilen. Aus der Ferne natürlich NOCH schwerer. Kann man nicht verallgemeinern, würde ich meinen.
Wie befriedigt man die Ungeduld? Was könnte

ich tun?

Als Freund oder nahestehender Bekannter möchte man natürlich schnell helfen usw. Man sollte aber nicht drängen. Alles braucht seine Zeit, wie schon Salomo wusste. :wink:

ich befürchte sie wird nicht in
eine Gruppe gehen! Weil sie eben vor anderen Menschen nicht
frei sprechen kann. Jedenfalls nicht über ihre Probleme.

Das kann manchmal mit der Zeit in einer Gruppe kommen. Ich sage manchmal zu Patienten, die sehr zögern bezüglich Gruppentherapie: "Wissen Sie, Leute wie Thomas Gottschalk brauche ich nicht in Gruppentherapie zu nehmen. SIE haben Angst vor Gruppentherapie - vielleicht sollten sie schon deshalb eine machen. Manchmal trift ja der Spruch doch zu: Wo die Angst ist, gehts lang. "

Es grüßt Dich
Branden

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Hallo Oliver,

gut, vielen Dank für Link und Einschätzung!

Sei mir herzlich gegrüßt

Panrilk

Hallo Branden!

Als Freund oder nahestehender Bekannter möchte man natürlich
schnell helfen usw. Man sollte aber nicht drängen. Alles
braucht seine Zeit, wie schon Salomo wusste. :wink:

Nein, drängen möchte ich natürlich nicht, da hast du schon recht! :smile:
Es tut halt weh, mit anzusehen, wie sie sich selbst immer noch quält!

Das kann manchmal mit der Zeit in einer Gruppe kommen. Ich
sage manchmal zu Patienten, die sehr zögern bezüglich
Gruppentherapie: "Wissen Sie, Leute wie Thomas Gottschalk
brauche ich nicht in Gruppentherapie zu nehmen. SIE haben
Angst vor Gruppentherapie - vielleicht sollten sie schon
deshalb eine machen. Manchmal trift ja der Spruch doch zu: Wo
die Angst ist, gehts lang. "

Da sagst du was! Und rennst bei MIR offene Türen ein, allerdings bin ich nicht SIE! Gefühlsmäßig stimme ich dir voll zu. Vielleicht geht ja sukzessive was…nach einem Training? Ich werd es jedenfalls mal vorschlagen.

Herzliche Grüße

Panrilk