Psychologen ohne Selbsterhaltungstrieb?

Als ich mit dem Studium fertig war und mich zunächst auf Jobs bewarb, wurden mir mehrfach an den Unis Jobs angeboten, bei denen ich nur halbtags bezahlt wurde aber ganztags (und mehr!) arbeiten sollte. Weil ich mir dachte, dass es das doch nicht sein kann nach einem mehrjährigen Studium machte ich mich darauf selbsständig in meinem Studienbereich. ich bin Dipl. Psychologe und arbeite jetzt in der Unternehmensberatung/Marketing (psychologische Aspekte). Wenn man die Stundenzahlen umrechnet die für so eine Universitätstätigkeit aufzuwenden wären und das Halbtagsgehalt zugrunde legt, kommt man kaum auf den Stundenlohn einer Reinigungskraft.
Was ich nicht verstehe, ist, dass es so viele Leute (auch meine ehemaligen Komillitonen) gibt, die sich auf solche Stellen bewerben, unter diesen umständen arbeiten und damit letztlich ihre eigene Ausbeutung fördern? Ist das denn jetzt schon Gang ung Gäbe an den Unis? Bitte klärt mich auf, wo da der Vorteil oder die Chance für diese Leute winkt.

Hallo!

Ja, das ist absoluter Usus. Die Leute werden ausgebeutet, von der Gesellschaft, von uns allen.

Man kann es ja ruhig aussprechen: ohne die Forschung der Universitäten ständen wir heute nicht, wo wir stehen.

Und die Umstände sind: 1000EUR/brutto pro Monat bei 40+ Stunden, sowohl Forschung & Lehre.

Der einzige Forteil für den so Ausgebeuteten (für den diese Durststrecke eine Zumutung ist - von den 1000EUR/brutto pro Monat müssen auch noch STudiengebühren bezahlt werden) ist es, dass er eine Ausbildung in der Forschung und Lehre hat.

In der Privatwirtschaft musst Du schon zeigen, dass Du diese Förderung wert bist, um hier zu promovieren. An der Uni, nunja - halt 3 Jahre auf’s Menschsein verzichten und an der Menschenwürde sparen.

Dann wirst Du aber mit Kusshand am freien Markt genommen. Forschungshintergrund ist auch für Unternehmen mit Forschungsabteilungen nicht uninteressant. Das obere Ende der Fahnenstange hängt hier vom erzielbaren Einkommen dann ungleich höher als wenn man direkt in den Beruf einsteigt und diese Ausbildung nicht nachholen kann.

Man muss es wirklich als Ausbildung sehen. Einer, bei der Du Publikationen raushaust und das Forschen lernst. Und einen Titel erwirbst. Alleine das kann schon das Einstiegsgehalt in den Beruf in die Höhe treiben.

Ansonsten - ohne den Wechsel in die Wirtschaft - bleibt noch die Habil, und dann ist man immerhin verbeamtet bei mäßig gutem EInkommen (höchste Gehaltsstufe ca. 60.000EUR/brutto).

Des passt scho - wenn man die drei Jahre rum hat. Wenn man gut ist, kriegt man das auch auf zwei verkürzt.

Lieben Gruß
Patrick

Lieben Gruß
Patrick

Hallo ihr Zwei,

ich habe solche Reden wie eure beiden schon häufiger gehört - aber sie kamen von unzufriedenen oder gescheiterten Doktorandinnen und Doktoranden. Ich sage dann immer aus Überzeugung: „Ihr dürft es nicht so einseitig sehen“. Denn ganz so heftig ist es nicht, wie es tönt. Ich gebe ein Beispiel:

Und die Umstände sind: 1000EUR/brutto pro Monat bei 40+
Stunden, sowohl Forschung & Lehre.

Die 1000 Euro waren bei mir nicht brutto, sondern netto. Davon kann man leben. Und ich habe nicht ständig mehr als 40 Stunden gearbeitet. Ein Teil der Arbeitszeit geht übrigens in die Dissertation. Davon profitiert man später, wenn man aus seiner Diss 'was macht. Daß man 'was aus ihr macht, liegt auch an einem selbst.

Und dann noch das hier:

Des passt scho - wenn man die drei Jahre rum hat. Wenn man gut
ist, kriegt man das auch auf zwei verkürzt.

Zwei Jahre promovieren in Psychologie? 3 Jahre sind gut.

Zum Schluß:

Manche Doktorandinnen und Doktoranden, die die Promotionszeit als Zumutung empfinden, tun es, weil sie bereits vor der Promotion denken, sie seien Gott-weiß-wer. Mancher Prof. will nicht, daß solche Leute bei ihm promovieren, bzw. tut das seinige, damit solche Leute wieder auf dem Boden landen, nachdem sie etwas abgehoben waren. Das kann ich mittlerweile sehr gut nachvollziehen.

Beste Grüße

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Hallo Oliver!

Und die Umstände sind: 1000EUR/brutto pro Monat bei 40+
Stunden, sowohl Forschung & Lehre.

Die 1000 Euro waren bei mir nicht brutto, sondern netto. Davon
kann man leben. Und ich habe nicht ständig mehr als 40 Stunden
gearbeitet. Ein Teil der Arbeitszeit geht übrigens in die
Dissertation. Davon profitiert man später, wenn man aus seiner
Diss 'was macht. Daß man 'was aus ihr macht, liegt auch an
einem selbst.

Ja, ich meinte auch netto, sorry. Ich finde aber, das ist zu wenig. Wie ich geschrieben habe, sehe ich die Promotion als weitere Berufsausbildung an (und von daher eher als vorteilhaft). Es ist aber eine Berufsausbildung, die bereits eine gewisse Qualifikation vorraussetzt, und während der man auch erhebliches leistet. Ich finde, dies könnte auch honoriert werden.

Und dann noch das hier:

Des passt scho - wenn man die drei Jahre rum hat. Wenn man gut
ist, kriegt man das auch auf zwei verkürzt.

Zwei Jahre promovieren in Psychologie? 3 Jahre sind gut.

Och, wenn man es in 2 schafft, dann hat das schon was. Ein ehemaliger Kommilitone ist mit seiner Diss fertig, wenn ich mein Diplom habe. Natürlich geht das auf Kosten der Gründlichkeit, zeigt aber auch Engagement. Er hat für das Studium 6 Semester gebraucht - da hat er sein Promotionsstipendium quasi automatisch bekommen. ANscheinend wird dies sehr gerne gesehen.

Zum Schluß:

Manche Doktorandinnen und Doktoranden, die die Promotionszeit
als Zumutung empfinden, tun es, weil sie bereits vor der
Promotion denken, sie seien Gott-weiß-wer. Mancher Prof. will
nicht, daß solche Leute bei ihm promovieren, bzw. tut das
seinige, damit solche Leute wieder auf dem Boden landen,
nachdem sie etwas abgehoben waren. Das kann ich mittlerweile
sehr gut nachvollziehen.

Es ist für manche Leute eben schwer ohne Unterstützung für 1000EUR/netto vollzeit zu Arbeiten. Ein Freund hat Familie - das geht ja kaum. Dass man bei angemessener Bezahlung unbedingt abhebt - die Gefahr sehe ich nun nicht. Ich denke da eher an so „Effort-Reward-Modelle“ aus Arbeitsmedizinischer/Arbeitspsychologischer Sicht…

Persönlich möchte ich in der Promotion auch nicht „Bescheidenheit“ lernen, sondern lieber inhaltliche Dinge. Ich bemühe mich um eine Promotionsstelle in der Medizin (dr. rer. medic), denn die dauert nur 2 Jahre, man muss nur machen, wofür man auch bezahlt wird und hat natürlich Möglichkeiten (z.B. Operationen beizuwohnen, Bildgebung etc.) die man in der Psychologie nicht so ohne weiteres hat. Und die freuen sich immer so über Statistiker… :smile:

Lieben Gruß
Patrick

Andere soziale Schichten leben mit anderen…
…Realitäten.

Hallo Patrick,

mir erscheint mittlerweile diese Diskussion etwas abgehoben, denn Du vergißt, daß es soziale Schichten gibt, die weniger zur Verfügung haben, ohne Aussicht auf Besserung ihrer Lage. Und die müssen sich oft auch noch die schlechte Nachrede gefallen lassen, selbst schuld zu sein.

1000 Euro pro Monat netto ist nicht viel, aber ein menschenwürdiges Leben ist damit absolut möglich, und Du darfst nicht die Aussicht auf höhere Verdienstmöglichkeiten nach der Promotion vergessen.

Die einzige Problematik, die ich in dem geringem Verdienst während der Zeit der Dissertation sehe: mir scheint, daß manche später glauben, sie müßten finanziell alles nachholen, und bekommen den Hals nicht voll genug. Das habe ich oft genug zu meinem Befremden beobachtet.

Der von Dir geschilderte Zustand mag ein Mißstand sein, allzu vordringlich finde ich dessen Beseitigung nicht.

Grüße,

I.

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Korrektur
Hallo,

Ansonsten - ohne den Wechsel in die Wirtschaft - bleibt noch
die Habil, und dann ist man immerhin verbeamtet bei mäßig
gutem EInkommen (höchste Gehaltsstufe ca. 60.000EUR/brutto).

Die Habilitation ist nur ein brotloser Titel. Formal gibt sie Dir das recht zur universitären Lehre, sprich: eigenständige Vorlesungen zu halten. Eine Stelle oder gar Verbeamtung ist damit nicht verbunden.

Der normale Weg der Habilitierten ist es, sich auf Professorenstellen zu bewerben. Erst wenn sie eine bekommen (dies ist schwierig, denn die Konkurrenz ist groß), folgt die Verbeamtung.
In der Zwischenzeit finanziert man sich in der Regel mit befristeten Unistellen und hält zusätzlich Vorlesungen. (Dies nennt sich „Privatdozent“). Im schlimmsten Fall (gar nicht mal so selten) ist jemand auch mal Privatdozent ohne Unistelle. (Dies allerdings wohl nur, wenn kein anderer Job in Aussicht ist.) Wer keine Professur findet, springt dann (im günstigen Fall) iregndwann ab und findet noch rechtzeitig eine Stelle in der freien Wirtschaft. (Die Zeit ist knapp, da man erst zwischen 35 und 40 habilitiert.) Ansonsten droht der Abstieg zum habilitierten Taxifahrer.

Mit vielen Grüssen, Walkuerax