Psychologie: Erst Euphorie- dann Angst

Hallo.

Vielleicht kennt man´s auch ein bischen von sich selber: Erst hat man eine tolle Idee oder ist euphorisch wegen eines kommenden Ereignisses und dann kriegt man kurz davor Angst vor der eigenen Courage. Vielleicht gehört auch Lampenfieber in diese Schublade aber ich rede jetzt mal von viel Alltäglicherem und auch ohne daß dahinter eine Erkrankung steht.

WAS ist der Grund dafür oder der Mechanismus dahinter ? Kann das jemand erklären ?
Fundierte Aussagen würden mir hier sehr viel weiter helfen als Vermutungen. „Ich denke mal das könnte…“ krieg ich selber hin ;o)

Danke

Moin

… Erst
hat man eine tolle Idee oder ist euphorisch wegen eines
kommenden Ereignisses

Ausschüttung von Neurotransmittern die ‚Glücksgefühle‘ auslösen, z.B. Dopamin, Serotonin, Noradrenalin, Endorphine, …
Stimmung hebt sich, evt. existierende Schmerzen werden gemildert oder verschwinden sogar zeitweise, allgemeines Wohlbefinden, ‚fröhliche‘ Stimmung.

und dann kriegt man kurz davor Angst vor
der eigenen Courage.

die Idee oder das kommende Ereignis wird (oft unbewusst) ‚extrapoliert‘. Es wird mit ähnlichen Ereignissen verglichen, es wird mit der Realität abgeglichen, die ‚negativen‘ Seiten kommen zum tragen (damit verbundene Arbeit, mögliche Zurückweisung, Aussetzen der Lächerlichkeit, was sagen andere?, Konsequenzen…) ‚Dämpfende‘ Neurotransmitter werden ausgeschüttet, z.B. Cortisol, Adrenalin… und dann irgendwann fängt der Neokortex an zu denken - die Schwelle zum ‚Bewussten‘ ist überschritten.

Wie die einzelnen Stimmungen dann bewertet werden hat mit dem Charakter, der Erziehung und anderen gesammelten Erfahrungen zu tun. Die einen sind in der Lage die aufkommenden ‚unguten‘ Gefühle = Bedenken beiseite zu wischen, bei anderen werden sie von Minute zu Minute größer und überwiegen bald jegliche positiven Gefühle.
Ausgeglichene Grüße…lux

Matrix IV - Im Netz der Neurotransmitter
Hi pollux.

Ausschüttung von Neurotransmittern die ‚Glücksgefühle‘
auslösen, z.B. Dopamin, Serotonin, Noradrenalin, Endorphine…und dann kriegt man kurz davor Angst vor der eigenen Courage.

Deine Ausführungen sind ein wilder Mix aus neurologischen und psychologischen Faktoren, die unvermittelt nebeneinander stehen. Erst wird man von Neurotransmittern überschüttet, dann hat man Angst vor Courage… Wo beginnt und endet für dich das Psychische als Instanz, die - falls überhaupt - unabhängig vom Biologischen ist? Gibt es ein Primat des Neurologischen oder eines des Psychischen? Oder gibt es für dich letztlich gar kein Psychisches, was nicht wenige materialistische Denker auf dem Gebiet des Leib-Seele-Probleme behaupten (nicht, dass ich dich zu ihnen zähle)?

‚Dämpfende‘ Neurotransmitter werden
ausgeschüttet, z.B. Cortisol, Adrenalin… und dann irgendwann
fängt der Neokortex an zu denken - die Schwelle zum
‚Bewussten‘ ist überschritten.

W a s ist dieses Bewusstsein, das für dich erst „emergiert“ (mein Ausdruck hier), wenn ein gewisser Pegel an Transmittern erreicht ist?

Gruß

Horst

Im Netz des Dualismus?
Hallo Horst,
ich bin in erster Linie Biologe, von mir wirst du daher biologische Antworten bekommen können. Auch ein Psychologiestudium konnte mir meine biologischen Wurzeln nicht abgewöhnen.

Deine Ausführungen sind ein wilder Mix aus neurologischen und
psychologischen Faktoren, die unvermittelt nebeneinander
stehen.

ein ‚wilder Mix‘ … verstehe ich nicht, wie du das meinst

… Wo beginnt und endet für dich das
Psychische als Instanz, die - falls überhaupt - unabhängig vom
Biologischen ist?

‚unabhängig‘ vom ‚Biologischen‘ gibt es die für mich nicht.
Wie und wo sollte das sein?

Gibt es ein Primat des Neurologischen oder eines des Psychischen?

auch diese Frage verstehe ich nicht. Ein ‚Primat‘ des Neurologischen? des Psychischen?
Ich würde sagen: ohne neurologische Voraussetzungen kein Psyche - daraus leite ich allerdings keine ‚Vorrangstellung‘ des einen oder anderen ab.

Oder gibt es für dich letztlich gar
kein Psychisches, was nicht wenige materialistische Denker auf
dem Gebiet des Leib-Seele-Probleme behaupten (nicht, dass ich
dich zu ihnen zähle)?

höre ich da eine leichte Abwertung des ‚materialistischen Denkens‘? Du kannst mich gerne zu ihnen zählen - auch wenn’s als Schimpfwort gedacht ist :smile:
‚Psyche‘, ‚Seele‘ sind für mich Prozesse die an Materie gebunden sind.

Alle Ergebnisse der Hirnforschung weisen in die Richtung, dass ein großer Teil der Gehirnleistungen unter der ‚Bewusstseinsschwelle‘ statt findet. Imo zum Glück - hat mein Neocortex mehr Zeit für anderes.

Bewusstsein entsteht ständig neu. Es muss eine bestimmte Gehirnorganistation erreicht sein, um ‚sich bewusst zu werden‘ Babys haben ein ‚überorganisiertes‘ Gehirn und müssen den Prozess der Bewusstwerdung erst durchlaufen. Daher passt dein Ausdruck „emergiert“, falls du ihn im Sinne von „Herausbildung von neuen Eigenschaften oder Strukturen auf der Makroebene eines Systems infolge des Zusammenspiels seiner Elemente“ benutzt.
Allerdings geht es dabei nicht (nur) um eine einen gewissen Pegel an Neurotransmittern, sonder um eine entsprechende Verschaltung der einzelnen Neuronen und der Fähigkeit dazu diese zu erreichen. Diese habe ich angedeutet mit ‚Erfahrung‘ und ‚Charakter‘ (im Sinne von genetischer Grundausstattung)

Falls dich diese Position interessieren sollte sind z.B. die Bücher von Roth, Singer und Metzinger zu empfehlen.

Und wenn du eine unabhängige Psyche postulieren willst, würde mich interessieren wo du die verortest und was dich veranlasst eine solche anzunehmen.
Gruß…lux

Philosophie des Geistes
Hi pollux.

Deine Ausführungen sind ein wilder Mix aus neurologischen und
psychologischen Faktoren, die unvermittelt nebeneinander
stehen.

ein ‚wilder Mix‘ … verstehe ich nicht, wie du das meinst

Na ich meine einfach, dass du zwischen neurophysiologischen und psychologischen Aspekten hin- und her pendelst, ohne dass zumindest für mich darin ein System erkennbar wäre. Zitate:

Ausschüttung von Neurotransmittern die ‚Glücksgefühle‘ auslösen, Stimmung hebt sich … die Idee oder das kommende Ereignis wird (oft unbewusst) ‚extrapoliert‘. Es wird mit ähnlichen Ereignissen verglichen, es wird mit der Realität abgeglichen …

Wo liegt und was ist diese Instanz oder Entität, die „extrapoliert“, „abgleicht“ usw.? Sind es physiologische Entitäten? Wie können diese dann Bewusstsein haben? Oder sind es mentale Entitäten (oder was auch immer)? Du sprichst da nur im Passiv: Ereignisse werden dies und das. Du erwähnst nicht den aktiven Pol dieser Operationen.

die ‚negativen‘ Seiten kommen zum tragen … ‚Dämpfende‘ Neurotransmitter werden ausgeschüttet, z.B. Cortisol, Adrenalin… und dann irgendwann fängt der Neokortex an zu denken - die Schwelle zum ‚Bewussten‘ ist überschritten.

Hier landen wir dann bei einer „denkenden“ Entität: dem Neocortex. Ist es wirklich so? Oder gleicht er hier mehr einem Auto, von dem man sagt, es fährt dort und dort hin, als ginge das ohne einen Fahrer, der hinter dem Steuer sitzt?

Gibt es ein Primat des Neurologischen oder eines des Psychischen?

auch diese Frage verstehe ich nicht. Ein ‚Primat‘ des
Neurologischen? des Psychischen?

Prinzipiell gibt es in der Philosophie drei Positionen zu der Frage der Beziehung zwischen Geist und Körper.

Die erste ist ein materialistischer Monismus, der mit der Ablehnung der Existenz des Mentalen einhergeht sowie mit der Annahme, dass vermeintliche mentale Phänomene auf neuronale Prozesse reduzierbar sind. In der krassesten Variante behauptet das der Eliminative Materialismus. Bekannte Vertreter sind Richard Rorty und das Wissenschaftlerehepaar Paul und Patricia Churchland. Man nennt diese Richtung auch „Naturalismus“. Hier wird behauptet, dass nur das objektiv real ist, was objektiv messbar ist. Da das Mentale nicht auf die Weise objektivierbar ist wie neuronale Prozesse, hat es – für die Anhänger dieser Richtung – keine wissenschaftlich ernstzunehmende Existenz.

Die zweite Position ist der Dualismus von Mentalem und Physischem. Bekannt ist dabei vor allem das Konzept des Dualistischen Interaktionismus von John Eccles, das zwei verschiedene Substanzen, das Mentale und das Physische, behauptet, die unabhängig voneinander sind, aber miteinander interagieren.

Die dritte Position ist der Idealistische Monismus, der das Materiekonzept prinzipiell in Frage stellt und behauptet, alles wirklich Seiende sei geistig, auch das scheinbar Materielle. Solche Haltungen finden sich in der philosophischen Tradition des Westens bei Plotin, Spinoza und den Deutschen Idealisten und in der Gegenwart vorwiegend bei der durch die asiatische Spiritualität geprägten Philosophie (z.B. Ken Wilber).

Alle Ergebnisse der Hirnforschung weisen in die Richtung, dass
ein großer Teil der Gehirnleistungen unter der
‚Bewusstseinsschwelle‘ statt findet.

Das ist klar. Das Unbewusste steuert und determiniert uns locker zu 99,9 Prozent, würde ich sagen. Die Frage bleibt, welchen „ontologischen“ Status es hat.

Bewusstsein entsteht ständig neu … Daher passt dein
Ausdruck „emergiert“, falls du ihn im Sinne von „Herausbildung
von neuen Eigenschaften oder Strukturen auf der Makroebene
eines Systems infolge des Zusammenspiels seiner Elemente“
benutzt.

Emergenz ist ein gängiger Begriff in der Debatte der Philosophie des Geistes.

Falls dich diese Position interessieren sollte sind z.B. die
Bücher von Roth, Singer und Metzinger zu empfehlen.

In seinem Buch „Der Ego-Tunnel“ schreibt Metzinger an irgendeiner Stelle (zitiert aus dem Net):

In diesem Buch werde ich Sie davon zu überzeugen versuchen, dass es so etwas wie „das“ Selbst nicht gibt… Vielmehr ist mittlerweile auch deutlich geworden, dass wir das philosophische Rätsel des Bewusstseins … niemals lösen werden,…Nach allem, was wir gegenwärtig wissen, gibt es kein Ding, keine einzelne unteilbare Entität, die wir selbst sind, weder im Gehirn noch in irgendeiner metaphysischen Sphäre jenseits dieser Welt… Was ist eigentlich die Entität, die diese Erlebnisse hat?"

Tja, das fragte ich ja oben auch. Neu ist Metzingers Argumentation natürlich nicht: in besagten fernöstlichen Lehren weiß man schon lange, dass nirgendwo ein Selbst auffindbar ist. Im hinduistischen Vedanta geht man parallel dazu aber davon aus, dass das Mentale und Emotionale eine eigene relative Existenz hat, ein feinstoffliches Dasein, was nicht bedeutet, dass dieses mit einem Selbst identifiziert wird.

Beispiel einer damit sympathisierenden aktuellen Theorie (Wilber):

http://if.integralesforum.org/index.php?id=197

Gruß

Horst