Philosophie des Geistes
Hi pollux.
Deine Ausführungen sind ein wilder Mix aus neurologischen und
psychologischen Faktoren, die unvermittelt nebeneinander
stehen.
ein ‚wilder Mix‘ … verstehe ich nicht, wie du das meinst
Na ich meine einfach, dass du zwischen neurophysiologischen und psychologischen Aspekten hin- und her pendelst, ohne dass zumindest für mich darin ein System erkennbar wäre. Zitate:
Ausschüttung von Neurotransmittern die ‚Glücksgefühle‘ auslösen, Stimmung hebt sich … die Idee oder das kommende Ereignis wird (oft unbewusst) ‚extrapoliert‘. Es wird mit ähnlichen Ereignissen verglichen, es wird mit der Realität abgeglichen …
Wo liegt und was ist diese Instanz oder Entität, die „extrapoliert“, „abgleicht“ usw.? Sind es physiologische Entitäten? Wie können diese dann Bewusstsein haben? Oder sind es mentale Entitäten (oder was auch immer)? Du sprichst da nur im Passiv: Ereignisse werden dies und das. Du erwähnst nicht den aktiven Pol dieser Operationen.
die ‚negativen‘ Seiten kommen zum tragen … ‚Dämpfende‘ Neurotransmitter werden ausgeschüttet, z.B. Cortisol, Adrenalin… und dann irgendwann fängt der Neokortex an zu denken - die Schwelle zum ‚Bewussten‘ ist überschritten.
Hier landen wir dann bei einer „denkenden“ Entität: dem Neocortex. Ist es wirklich so? Oder gleicht er hier mehr einem Auto, von dem man sagt, es fährt dort und dort hin, als ginge das ohne einen Fahrer, der hinter dem Steuer sitzt?
Gibt es ein Primat des Neurologischen oder eines des Psychischen?
auch diese Frage verstehe ich nicht. Ein ‚Primat‘ des
Neurologischen? des Psychischen?
Prinzipiell gibt es in der Philosophie drei Positionen zu der Frage der Beziehung zwischen Geist und Körper.
Die erste ist ein materialistischer Monismus, der mit der Ablehnung der Existenz des Mentalen einhergeht sowie mit der Annahme, dass vermeintliche mentale Phänomene auf neuronale Prozesse reduzierbar sind. In der krassesten Variante behauptet das der Eliminative Materialismus. Bekannte Vertreter sind Richard Rorty und das Wissenschaftlerehepaar Paul und Patricia Churchland. Man nennt diese Richtung auch „Naturalismus“. Hier wird behauptet, dass nur das objektiv real ist, was objektiv messbar ist. Da das Mentale nicht auf die Weise objektivierbar ist wie neuronale Prozesse, hat es – für die Anhänger dieser Richtung – keine wissenschaftlich ernstzunehmende Existenz.
Die zweite Position ist der Dualismus von Mentalem und Physischem. Bekannt ist dabei vor allem das Konzept des Dualistischen Interaktionismus von John Eccles, das zwei verschiedene Substanzen, das Mentale und das Physische, behauptet, die unabhängig voneinander sind, aber miteinander interagieren.
Die dritte Position ist der Idealistische Monismus, der das Materiekonzept prinzipiell in Frage stellt und behauptet, alles wirklich Seiende sei geistig, auch das scheinbar Materielle. Solche Haltungen finden sich in der philosophischen Tradition des Westens bei Plotin, Spinoza und den Deutschen Idealisten und in der Gegenwart vorwiegend bei der durch die asiatische Spiritualität geprägten Philosophie (z.B. Ken Wilber).
Alle Ergebnisse der Hirnforschung weisen in die Richtung, dass
ein großer Teil der Gehirnleistungen unter der
‚Bewusstseinsschwelle‘ statt findet.
Das ist klar. Das Unbewusste steuert und determiniert uns locker zu 99,9 Prozent, würde ich sagen. Die Frage bleibt, welchen „ontologischen“ Status es hat.
Bewusstsein entsteht ständig neu … Daher passt dein
Ausdruck „emergiert“, falls du ihn im Sinne von „Herausbildung
von neuen Eigenschaften oder Strukturen auf der Makroebene
eines Systems infolge des Zusammenspiels seiner Elemente“
benutzt.
Emergenz ist ein gängiger Begriff in der Debatte der Philosophie des Geistes.
Falls dich diese Position interessieren sollte sind z.B. die
Bücher von Roth, Singer und Metzinger zu empfehlen.
In seinem Buch „Der Ego-Tunnel“ schreibt Metzinger an irgendeiner Stelle (zitiert aus dem Net):
In diesem Buch werde ich Sie davon zu überzeugen versuchen, dass es so etwas wie „das“ Selbst nicht gibt… Vielmehr ist mittlerweile auch deutlich geworden, dass wir das philosophische Rätsel des Bewusstseins … niemals lösen werden,…Nach allem, was wir gegenwärtig wissen, gibt es kein Ding, keine einzelne unteilbare Entität, die wir selbst sind, weder im Gehirn noch in irgendeiner metaphysischen Sphäre jenseits dieser Welt… Was ist eigentlich die Entität, die diese Erlebnisse hat?"
Tja, das fragte ich ja oben auch. Neu ist Metzingers Argumentation natürlich nicht: in besagten fernöstlichen Lehren weiß man schon lange, dass nirgendwo ein Selbst auffindbar ist. Im hinduistischen Vedanta geht man parallel dazu aber davon aus, dass das Mentale und Emotionale eine eigene relative Existenz hat, ein feinstoffliches Dasein, was nicht bedeutet, dass dieses mit einem Selbst identifiziert wird.
Beispiel einer damit sympathisierenden aktuellen Theorie (Wilber):
http://if.integralesforum.org/index.php?id=197
Gruß
Horst