Hallo Anja,
Martin Winkler hat recht, wenn er meint, daß man wirklich niemandem empfehlen könne, einen ärztlichen oder psychologischen Psychotherapeuten aufzusuchen, wenn das alles stimmen würde, was Du schreibst. Andererseits finde ich, daß man einiges durchaus im „wirklichen Leben“ wieder findet.
Zum Beispiel:
Und der Arzt/Therapeut ist’s
zufrieden, er hat sein Soll erfüllt und lehnt sich in seinem
Sessel zurück. Nun gilt es nur noch, die (wiederum
lehrbuchmäßigen) Therapieschritte abzuwickeln bis zur
Sprachlosigkeit, und dann gilt die Therapie als beendet, als
abgeschlossen.
Bei der klassischen Psychoanalyse lehnt sich der Analytiker tief in seinen Sessel zurück und läßt den Patienten frei assoziieren, während er selbst die meiste Zeit schweigt. Eine solche „Therapie“ finde ich auch sehr fragwürdig.
Wäre es so einfach, könnte man doch
ausführliche und detaillierte Fragebögen entwickeln,
So einfach ist es dann doch nicht, denn so mancher Analytiker hegt eine gewisse Abneigung gegen Fragebögen und greift auf sie nur dann und auch nur widerwillig zurück, wenn die Qualitätssicherung der Krankenkassen schon mächtig an die Tür klopft.
könnte man doch
ausführliche und detaillierte Fragebögen entwickeln, in denen
der Patient nach dem Multiple-choice-Verfahren seine Symptome,
Charaktereigenschaft, Lebensumstände etc. ankreuzt
Solche Fragebögen und Symptomchecklisten gibt es seit Jahrzehnten. Sie haben sich sehr bewährt und sind ein fester Bestandteil des ärztlichen und psychologischen Instrumentariums. Das ist vollkommen in Ordnung. Einem Kardiologen wird auch nicht der Einsatz des EKG vorgeworfen.
und er […] einen „Leitfaden zur Genesung“
in die Hand gedrückt bekommt, mit dem er sich selbst in sein
neues Leben aufmachen kann.
Jedes Mal, wenn ich in Buchhandlungen gehe, ärgere ich mich über diese Massen von schlechter Ratgeberliteratur. Mir ist es direkt peinlich, mich vor die Bücherregale mit der Aufschrift „Psychologie“ zu stellen, weil sie oft dermaßen viel Schund enthalten, daß es unzumutbar ist, sich davor blicken zu lassen. Das Unbehagen in der Kultur wird zusätzlich dadurch vergrößert, daß sich daneben oft auch noch das Regal für „Astrologie“, „Esoterik“ und dergleichen Aberglauben befindet.
Interdisziplinäres Denken ist
gefragt,
Das stimmt. Gerade in der Psychologie ist interdisziplinäres Denken angesagt, weil es so viele Berührungspunkte mit anderen Fächern gibt.
auch und vor allem Empathie, auch wenn diese
Eigenschaft hier - wie es mir scheint - oft belächelt wird.
„In der Psychotherapie bedeutet therapeutisches Basisverhalten die Ausprägung von Variablen wie Warmherzigkeit, unbedingtes Akzeptieren, Empathie, Symmetrie in der Begegnung usw. Solche Fertigkeiten sind teilweise angeboren und persönlichkeitsspezifisch. Wie die Gesprächspsychotherapie gezeigt hat, sind sie allerdings auch lehr- und lernbar und nicht zuletzt auch meßbar.“ (Linden, M. & Hautzinger, M. [2000]. Verhaltenstherapiemanual. Berlin: Springer.)
Zum Beispiel mit Fragebögen. 
Gerade die Abweichung von den gängigen Begrifflichkeiten ist
es doch, die ein Individuum zum Individuum machen und als
Individuum stärken - und dem u.U. mit anderen
Herangehensweisen und ggf. unkonventionellen Methoden begegnet
werden muss.
Dazu hat Schokolinda schon sehr viel Richtiges geschrieben.
Nicht umsonst entwickeln sich in den letzten
Jahren mehr und mehr philosophisch-psychologische Praxen,
denen gerade von den Menschen die Bude eingerannt wird, die
sich in und mit ihrer „Störung“ mit Fragestellungen über die
Symptomatik hinaus mit übergreifenden Fragen nach dem Leben,
dem Sinn und dem Sein beschäftigen.
Sollen sie. Sinnfragen stellen eigentlich kein Anwendungsfeld für Psychotherapie da. Bei diesen Fällen kann man z.B. zur Kirche oder zu einer anderen Religionsgemeinschaft gehen.
Nicht zu vergessen die
mittlerweile unzähligen Selbsthilfegruppen,
Selbsthilfegruppen gibt es schon länger. Sie stehen nicht im Gegensatz zu Psychotherapie. Im Gegenteil können sie Psychotherapie oft sehr unterstützen.
deren Hilfe genau
da ansetzt, wo Ärzte und Therapeuten versagen, weil ihnen die
ureigenste Erfahrung und damit Lösungsmöglichkeiten fehlen,
die sie somit den Patienten nicht vermitteln können.
Ich habe nicht den Eindruck gehabt, daß Ärzte und Psychotherapeuten Patienten das vermitteln wollen, was sie in den Selbsthilfegruppen besser erfahren können. Im Gegenteil habe ich erlebt, daß Patienten ermuntert werden, solche Gruppen aufzusuchen, damit dort untereinander Erfahrungen ausgetauscht werden können.
Von der Hierarchie zwischen Arzt und Patient ganz zu
schweigen.
Ja, das kann ein Problem bei manchen Ärzten sein („Halbgötter in Weiß“).
Der Patient ist krank> und was krank
ist, definieren sie, und krank müssen sie sein, denn sonst
macht ja ihre, die Aufgabe des Helfers keinen Sinn;
Seltsamer Gedankengang. Martin Winkler hat zu den verschiedenen Krankheitsbildern schon etwas gesagt.
außerdem brauchen wir eine „gesunde“ Gesellschaft, also muss
das „Kranke“ ausgemerzt werden - aber das ist nochmal ein ganz
anderes Thema …
… aus der Abteilung „Geschichte“.
Oliver