Untersuchungsgang
So, hab nochmal drüber nachgedacht. Will mich vorab für meine Art entschuldigen, war Scheisse. Sowas macht man nicht. Allerdings nervt mich das auch derbe an, wenn man Leute, die keine Ahnung haben, auf Patienten loslässt, insbesondere, wenns um Notfallpatienten geht, da haben Laien und Stümper nix verloren. Das bringt nen ganzen Berufsstand in Mißkredit.
Also nochmal von vorne:
Wahrscheinlich war es - jetzt mal andersrum aufgezogen - eine simple Elektrolytverschiebung aufgrund der tagelangen Durchfälle und des Erbrechens, die dann (evtl. mit einer orthostatischen Dysregulation) - sie hatte auch zu wenig getrunken - zu einer (vermutlich, da kein EKG) supraventrikulären Tachykardie geführt hat. Dieses Herzrasen hat sie in Panik versetzt, sie hat angefangen zu hyperventilieren und damit kam die dritte Sache hinzu - das Kribbeln und die Nackensteifigkeit.
Von allen Optionen ist diese Denkweise die wahrscheinlichste und naheliegendste.
Was macht man in so einem Fall ? Wie geht man vor ?
Nochmal von vorn:
Erstmal beruhigend einwirken - Freund soll ruhig dabei bleiben - Beine hoch ist nicht verkehrt - dann ein kaltes (!) Glas Wasser schluckweise anbieten (kaltes Wasser reizt den Nervus vagus, das steuert der Tachykardie entgegen).
Ggfls. auch die junge Frau mal die Bauchpresse (wie beim Toilettengang gegen den geschlossenen Kehldeckel pressen lassen) durchführen lassen - auch das senkt ggfls. die Herzfrequenz, steigert aber den Druck im Schädel, deshalb sollte vorher klar sein, dass der Kopf heile ist.
So. Währenddessen fühlst Du den Puls und Ihre Temperatur, beurteilst Herzrhythmus / Geschwindigkeit und Pulsqualität (stark, schwach usw.), misst den Blutdruck. Schwitzt die Patientin ? Kalt / warm ? Dabei machst Du Deine lückenlose Anamnese nach SAMPLE-Schema:
S - Symptome ( Was ist los? Seit Wann? )
A - Allergien (gg. Medikamente, Lebensmittel, sonstige Allergien)
M - Medikationen ( Was? Wie lang? Dosierung? Wieso? )
P - (Prä) bzw. Vorerkrankungen ( inkl. letzter Krhs.aufenthalt - wieso? )
L - Letzte Mahlzeit ( wichtig ggfls. für Narkose )
E - Ereignis, was zu den Symptomen führte (evtl. Lagerungsabhängigkeit oder andere Einflüsse erkennbar ? )
Bei Schmerzen zusätzlich nach PQRST:
P - Provokation (Wodurch Schmerz ausgelöst ?)
Q - Qualität (reissend, ziehend, kolikartig, konstant …)
R - Region (Wo ist der Schmerz ?)
S - Stärke (Skala von 1 schwach bis 10 stark)
T - Time (Seit wann ?!?)
Die Sachen merkst (!) Du Dir. Alle Vitalzeichen usw. notierst Du auf dem Handschuh und misst nochmal Blutdruck und den Puls.
Jetzt hast Du schonmal ne einigermaßen vernünftige Informations-Basis und musst Dich differenzialdiagnostisch rantasten. Los gehts:
Hinlegen lassen, Bauchdecke abklopfen, ggfls. Blinddarm auf Druckschmerz checken, tief Luft holen lassen (dabei Leberrand re. Oberbauch beurteilen), Darmschlingen aufgebläht ? Druckschmerz ? Abwehrspannung ? So, jetzt mal Abklopfen - massiv Luft im Bauch ? Mal auf die Seite drehen lassen - Luft > Blähungen ? Wasser > Aszites ? Nieren abklopfen - Schmerz ? Dünndarm ok ? Dickdarm ok ?
Dabei nach den letzten Ausscheidungen fragen. Kommt bei jungen Frauen immer gut 
Stuhlgang war auffällig ? Wann zuletzt gek*ckt ? Konsistenz
?! Schmerzen beim Stuhlgang ? Schmerzen beim Wasserlassen ? Auffälligkeiten: Farbe des Stuhls (wg. Blutungen) ?
Ausserdem bei geschlechtsreifen Frauen: Schwangerschaft möglich ? Wieso nicht ? Immer genau erklären lassen, mag auch der Freund gern 
Menstruation gehabt ? Vielleicht jetzt gerade ?! Pilleneinnahme ?
So jetzt hast Du die zweite intime Infopalette gekriegt. Alles schön merken. Bis jetzt Arbeitsaufwand 2 min.
Nochmal Vitalzeichenkontrolle. Sie dabei schön ruhig erzählen lassen, jemand der labert, hyperventiliert nicht (Grundregel bei hysterischen Frauen). Kurz BZ machen. Pieks - feddich.
Pulsoxy anschliessen, Atemfrequenz auszählen und -qualität beurteilen (flach, tief usw.), ggfls. Rekapillisierungszeit (Nagelbettprobe) > Ihren Fingernagel weiss drücken > muss innerhalb von 2 sek. wieder mit Blut vollaufen (sog. Rekapillisierungszeit) > gibt Auskunft über Kreislaufsituation, wenn verlängert > Kreislauf schlecht.
Gesichtsfarbe beurteilen, mal unters Augenlid gucken (schön rosig oder farblos blass > Kreislaufsituation & Blutbildung beurteilbar)
So, jetzt weiter. Bist jetzt bei 3 min.
Weiterer (u.a. neurologischer) Check inklusive Befragung nach zurückliegenden Sturzereignissen von Kopf nach Fuss:
- Pupillen angucken ! Gleich groß ? Licht mit Pupillenleuchte einstrahlen > dabei je ein Auge zuhalten und beobachten und das andere Auge bestrahlen > Lichtreaktion gleichmäßig links rechts ? Verlangsamte Reaktion ? Tut das Licht weh > Lichtempfindlichkeit (Meningismus) ?! Blickdeviation / sog. „Herdblick“ ?
An den Ohren mal links / rechts mit den Fingern gleichmäßig schnippen > hört sich gleich an ?! Klangdifferenz ?!
-
Wenn Du schon am Kopf bist: Lymphknoten li. / re. am Hals unterhalb des Kieferwinkels abtasten, Lymphknoten im Nacken abtasten, ggfls. unter den Achseln auch kurz > V.a. Infekt
-
Bei Nackensteifigkeit > Alarm im Hafen !
Wenn du das Kinn der Klientin an die Brust legt und sie dabei automatisch die Beine anwinkelt > Brudzinski-Zeichen positiv ! (V.a. Meningitis)
Wenn Du der Patientin im Liegen (in Rückenlage) den Oberschenkel versuchst, um 90° senkrecht anzuwinkeln, es nur bis 70/80° hinhaut und sie bei dem Versuch, dabei noch das Bein auszustrecken Schmerzen hat > Lasegue-und Kernig-Zeichen positiv ! (V.a. Meningitis)
Einen Fuß nehmen, Socken ausziehen, mit einem Kuli den Fußaußenrand vom Hacken zu den Zehen mehrmals abstreichen (sanft, da freut sich der Freund
> spreizen sich die Zehen und kommt es nicht zu einem Fußsohlenreflex > Babinsky-Reflex positiv ! (V.a. Meningitis)
SOOOO Herzlichen Glückwunsch, sie haben den V.a. eine bakterielle Gehirnhautentzündung, sie dürfen sich jetzt (während sie ruhig auf die Klientin einreden und Ihr sagen, dass alles gut wird) schnellstmöglich zurückziehen und den Notarzt anrufen. Der Raum wird ohne Schutzkleidung nicht mehr betreten.
Aber da das so gut wie nie vorkommt, tun wir so, als wäre alles negativ und fahren weiter mit der neurologischen Untersuchung:
Standardchecks: Kreuzgriff mit festem Händedruck, Stirn runzeln lassen (Hirnnervencheck), Zunge rausstrecken lassen (Zungendeviation ?) , dann Fragen, ob sie sich min letzter Zeit mal kräftig die Birne gestossen hat (symptomfreies Intervall kann bei Subdural- bzw. Subarachnoidalblutung lang sein !), Kopfschmerzen ?! Sprach / Seh / Hörstörungen ?
Das Sehen von Doppelbildern (!) in Zusammenhang mit umgangssprachlich „Magen-Darm-Grippe“ / eher Lebensmittelvergiftung und Zittern kann ein Hinweis auf eine Clostridien-Infektion bzw. Intoxikation mit Botulismus-Toxinen sein. Ab dafür tatütata in die Klinik. Ggfls. auch mal auf Atemstillstand einstellen.
Außerdem bei V.a. neurologisches Geschehen auf Hirndruckzeichen achten !
Hirndruckzeichen sind:
- Schluckauf ! (gern unerwartet und plötzlich)
- Krampfanfall fokal o. generalisiert, tonisch / klonisch, tonisch-klonisch
- spontanes Einnässen / Einkoten
- Priapismus („Ständer“)
Wenn ja: Notarzt dazu rufen und ab in die Klinik.
Arme und Beine mal abtasten - links / rechts fühlt sich gleich an (also bei IHR) ? Temperaturempfinden links / rechts ist identisch ?
Soooo - damit wären wir geschätzt bei 4-5 max. 6 Minuten. Und nicht bei 2 Stunden !
Wenn jetzt der RA oder NA kommt, hast Du auch was vorzuweisen. Die Klientin ist von oben bis unten untersucht und Du hast Dir einen Gesamteindruck verschafft. Hoffentlich hast Du ne Verdachtsdiagnose, wenn nicht auch nicht schlimm, überlass das den Profis. Hauptsache, Du hast folgende Infos:
Also zur Übergabe an den RA / NA:
Auffindesituation / Initialsituation beschreiben, komplette Anamnese weitergeben, Vitalzeichen und Veränderungen derselben weitergeben, Befunde der körperlichen und neurologischen Untersuchung weitergeben, dann:
Welche Maßnahmen hast Du getroffen ?
Hatten sie Erfolg ?
So und jetzt darfst Du Dich zurücklegen und Dir ein neues T-Shirt anziehen, denn dass Du jetzt schweissgebadet bist, glaub ich Dir.
Wenn Du SO oder so ähnlich arbeitest, darfst Du Dich gern Sanitäter nennen. Ansonsten hol das fehlende Wissen nach !
Das ist ganz wichtig, denn viele Menschen kommen nur einmal in Ihrem Leben in eine solche Situation und wenn dann eine Pappnase vor Ihnen steht, die von Tuten und Blasen keine Ahnung hat, macht das keinen guten Eindruck.
Auch wenn Sanitäter keine geschützte Berufsbezeichnung ist, bist Du noch lange kein Sanitäter, wenn Du Blutdruck messen kannst.
ALSO HOL DAS NACH !
Der „Leitfaden Rettungsdienst“ von Frank Flake (ISBN-13: 978-3-437-47151-3 Buch anschauen) vom Urban&Fischer Verlag ist ein supergutes Buch, passt in jede Jackentasche, da steht alles drin. Man muss nicht alles wissen, aber man sollte zumindest wissen, wo es STEHT.
Kauf Dich das mal. Kost nich viel.
http://www.thalia.de/shop/home/rubrikartikel/ID13947…
Alles klar ?!
Rückfragen bitte via Email.
Liebe Grüße, Jan