Hallo!
Aber einmal andersherum, ist der Begriff „radioaktive
Strahlung“ nicht umgangssprachlich völlig gebräuchlich?
Umgangssprachlich gebräuchlich sind auch folgende Begriffe:
Hefebakterien (es sind Pilze)
der HIV-Virus (es heißt: das HI-Virus)
usw.
Es wird nicht dadurch richtiger, dass viele den gleichen Fehler machen.
Außerdem, wie sollte man dann sprachlich z.B. Wärmestrahlung
von radioaktiver(ionisierende) Strahlung unterscheiden?
Ionisierende Strahlung ist ionisierend. Nicht ionisierende Strahlung ist nicht ionisierend. Wo ist das Problem?
Ich meine, man kann durchaus in dieser Form fragen, ohne einen
Schuldkomplex zu kriegen.
Wer hat denn von Schuld geredet?
Oder hast Du Dir gestern ein AKW gekauft und reihst Dich heute
in die Riege der Sprachverdreher ein?
Und hier wird es spannend! Du setzt KKW-Betreiber mit Sprachverdrehern gleich. Klar, die Lobbyisten beider Seiten setzen die Sprache als Waffe ein, aber nur wenn man lernt, wie die wissenschaftlich korrekten Begriffe lauten und wofür sie gebraucht werden, kommt man Sprachverdrehern auf die Schliche.
Beispiel „Radioaktive Strahlung“: Da Radioaktivität erstens etwas mythisches hat und zweitens schädlich ist, bekommt die Strahlung gleich ein Stigma aufgedrückt. Man unterscheidet zwischen „Radioaktiver Strahlung“ und „Röntgenstrahlung“. Das eine bringt uns um, und das andere setzt der Arzt zum Wohle unserer Gesundheit ein. Dass beide aber physikalisch und physiologisch unter Umständen ein und dasselbe sein können, versteht keiner, der nie gelernt hat, dass es den Begriff „radioaktive Strahlung“ gar nicht geben dürfte.
Beispiel „Elektrosmog“: Das ist noch schlimmer. Man hat einen Begriff für etwas gefunden, für das ich bisher keine vernünftige Definition gelesen habe. Wenn es aber einen Begriff für etwas gibt, dann muss es ja auch real sein. Also glaubt jeder an die Existenz von Elektrosmog, ohne auch nur die leiseste Ahnung zu haben, was das ist. Aber das ist ja auch egal, denn schädlich muss es in jedem Fall sein, denn Smog ist ja was böses.
Beispiel „Klimakatastrophe“: Ich bezweifle nicht, dass der Klimawandel zum großen Teil durch den Menschen induziert oder verstärkt wurde. Ich bezweifle auch nicht, dass damit einschneidende Veränderungen verbunden sein werden. Bloß: Nachdem der Begriff „Klimakatastrophe“ geprägt war, konnte keiner mehr wertneutral über das Klima nachdenken!
Ich würde das doch ganz locker nehmen, und eine solche
Äußerung jedem Schüler verzeihen.
Verzeihen? „Verzeihen“ ist ein großes Wort. Ich bin keinem Schüler böse, wenn er von „radioaktiver Strahlung“ spricht. Ich weiß ja, was er meint. Trotzdem werde ich ihn darauf hinweisen, wie es richtig heißt.
Gruß, Michael