Rafik Schami und die Literaturwissenschaft

Hallo,

ich beschäftige mich gerade mit der Frage, in welche Kategorie die Literatur von Rafik Schami gehört und ob sie überhaupt in eine bestimmte Schublade zu stecken ist. Ich finde es nicht richtig, seine Literatur in die Ecke Migrationsliteratur, Literatur aus dem verklärten Orient oder „nette Märchenliteratur“ zu schieben, denn eine solche Kategorisierung wird diesen Büchern nicht gerecht.

Ich habe auch ein bisschen recherchiert, um herauszufinden, wie und ob die gegenwärtige deutsche Literaturwissenschaft sich mit dieser Art von Literatur beschäftigt, und ich fand nur vereinzelte, zum Teil veraltete Behandlungen von einigen seiner Werke, die zum Teil ihn mit anderer Migrationsliteratur, wie es schön heißt, vergleicht und auf gewisse Aspekte untersucht.

Ich finde die Bezeichnung Migrationsliteratur problematisch, da hier Schriftsteller, die von der Biographie und von ihrem kulturellen und intellektuellen Hintergrund her nicht unterschiedelicher sein könnten, in denselben Topf hineingeworfen werden. Kann man z. B. Feridun Zaimoglou, der in Deutschland aufgewachsen ist und auf seiner Muttersprache schreibt, mit Rafik Schami, einem promovierten Chemiker, der als 23-Jähriger nach Deutschland kam und nicht auf seiner Muttersprache schreibt, vergleichen und beide als Migrationsschrifsteller bezeichnen? Ich finde es eher falsch und unbefriedigend.

Was meint ihr dazu?

Kennt ihr literaturwissenschaftliche Werke, die sich ausführlicher mit Rafik Schami, inzwischen Romancier und nicht nur Märchenerzähler, beschäftigen?

Danke,
Nader Alsarras

Hi Nader,

kenne mich zwar mit Rafik Schami nicht aus, eine kurze Katalogrecherche ergab aber, dass noch dieses Jahr ein Porträt über ihn bei dtv erscheint. Ansonsten sind die Werke über ihn, soweit in Katalogen erfasst (und das sind ja nur die Bücher) tatsächlich eher in Richtung „Migrationsliteratur“ gehend, eine, da würde ich Dir rechtgeben, rein literatursoziologische Kategorie, die inhaltlichen Aspekten kaum gerecht werden kann.
Also ein Desiderat - mein Tipp (wirklich ernstgemeint) - schreib selber was dazu, du scheinst Dich ja mit Schami auszukennen.
Lohnenswert wäre vielleicht noch eine Suche in den Nachschlagewerken, die auch Aufsätze verzeichnen, z.B. Eppelsheimer/Köttelwesch: Bibliographie der deutschen Sprach- und Literaturwissenschaft (steht in jeder Uni- oder Landesbibliothek), online (nur 1985-95): http://www.bdsl-online.de/

Gruß,

Oliver

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hallo N.S.,
ja, mach, was Dir Oliver rät! Ich bin eine Freundin der Bücher von R.S., gäbe es eine Monographie zu ihm, ich würde die sofort kaufen. Ich denke, Du kennst auch die Hörbücher, wo er selbst vorliest? So schön. VG I.

Hallo,

ich beschäftige mich gerade mit der Frage, in welche Kategorie
die Literatur von Rafik Schami gehört und ob sie überhaupt in
eine bestimmte Schublade zu stecken ist. Ich finde es nicht
richtig, seine Literatur in die Ecke Migrationsliteratur,

kenne mich zwar mit Rafik Schami nicht aus, eine kurze
Katalogrecherche ergab aber, dass noch dieses Jahr ein Porträt
über ihn bei dtv erscheint. Ansonsten sind die Werke über ihn,
soweit in Katalogen erfasst (und das sind ja nur die Bücher)
tatsächlich eher in Richtung „Migrationsliteratur“ gehend,
eine, da würde ich Dir rechtgeben, rein literatursoziologische
Kategorie, die inhaltlichen Aspekten kaum gerecht werden kann.
Also ein Desiderat - mein Tipp (wirklich ernstgemeint) -
schreib selber was dazu, du scheinst Dich ja mit Schami
auszukennen.
Lohnenswert wäre vielleicht noch eine Suche in den
Nachschlagewerken, die auch Aufsätze verzeichnen, z.B.
Eppelsheimer/Köttelwesch: Bibliographie der deutschen Sprach-
und Literaturwissenschaft (steht in jeder Uni- oder
Landesbibliothek), online (nur 1985-95):
http://www.bdsl-online.de/

Hallo Oliver, Danke für deinen Rat. Ich habe schon in diesen Bibliographien recherchiert. Die meisten Treffer sind Zeitschriftenatrtikel oder eher kurze Aufsätze aus Sammelbänden.

Für den Hinweis auf das DTV-Porträt, das wohl im Mai erscheinen wird, bin ich dir dankbar. Die Autorin ist eine promovierte Germanistin und wird schon wahrscheinlich ein „gescheites“ Werk geschrieben haben, zumindest hoffe ich das. Ich habe eigentlich nur gute Erfahrung mit dieser Reihe (Die Porträts von I. Bachmann und Thomas Bernahrd, beide von Hans Höller geschrieben, fand ich gut und hilfreich). Allerdings sind solche Porträts eher für ein Massenpublikum gedacht und an einigen Stellen fehlt der literaturwissenschaftliche Tiefgang. Ich bin mal gespannt, was dadrin steht.

Meine Frage hat den Hintergrund, dass ich mit dem Gedanken spiele, diese Literatur, die R.S. schreibt, literaturwissenschaftlich
professionell zu untersuchen und herauszufinden, warum er in Deutschland so populär ist, was an seiner Literatur, an seiner Erzählmethode so neu ist und die deutsche Leserschaft so fesselt. Das Ganze sollte also eine Dissertation werde.Ich finde, dass die deutsche Literaturwissenschaft bisher nur wenig Interesse an diesem Schrifstellter zeigt und eher peripher behandelt, obwhol er seit 30 Jahren schreibt.
Die Frage, die sich auch stellt, welcher Doktorvater eine solche Arbeit betreuen würde. Ich habe zwar an der Uni Heidelberg meinen Magisterabschluss in Germanistik gemacht, ich weiß aber nicht, ob die Dozenten, die hier lehren, sich für diese Thematik begeistern lassen würden.
Danke,
Nader

Hallo Nader -

das Thema klingt in der Tat sehr spannend, zumal auch ich (aus ganz anderem Fach und bzgl. anderer Literaturgenres, aber im Grundsatz nicht unähnlich) mich mit solchen Fragen beschäftigt habe.

Sofern Du wirklich ein akademisches Thema daraus machen willst, wirst Du m.E. in der Germanistik vor dem Problem stehen, daß diese sich mit der Rezptionsforschung offenbar extrem schwertut. Im etwas verallgemeinernden Klartext: dem Germanisten ist es egal, ob und von wem ein Autor „gern“ gelesen wird. Auch Studien und Erhebungen in diesem Themenbereich sind wohl eher selten. Ich sage das unter Vorbehalt, weil ich selbst u.a. Ethnologe/Kulturanthropologe und nicht Germanist bin (u.a. wg. solcher germanistischer Parameter) und bei meinen eigenen Fragestellungen ähnlicher Art rasch bemerkt habe, daß die Germanistik da ein eher undankbares Feld zu sein scheint. Selbst die rein phänomenologische Betrachtung der Rezeption von Literatur der Gegenwart scheint schon Unbequemlichkeit auszulösen - mehr noch die ins Tiefere gehende Betrachtung der Gründe für bestimmte Phänomene (z.B. den Erfolg eines Autors bei einer bestimmten Lesergruppe).

Letzten Endes wird man eine Arbeit zu Schami unter allen von Dir angesprochenen Aspekten - von der textlichen Analyse bis zur Rezeption - wohl nur interdisziplinär befriedigend erstellen können. Wenn Du es schaffst, da die richtigen Fächer und Ansprechpartner zu kombinieren, wäre das allerdings m.E. eine hochinteressante Sache!

Die im Mai erscheinende Studie wird Dir ja zumindest im Hinblick auf Struktur und Versteckte Bibliographie Ansätze bieten können.

Gutes Gelingen!

Pengoblin

Hallo, N.S.,
vielleicht eher aus dem Bauch heraus als wissenschaftlich hat sich meine „Beziehung“ zu Schami entwickelt:
Anfang der 80er hielt er in einer örtlichen Buchhandlung eine Lesung. Seine Art Geschichte in Geschichte in Geschichte zu erzählen verführte zu offenmundigem, atemlosen Zuhören, machte einfach Spaß und beeindruckte mich sehr. Seither habe ich alles von ihm zusammengekauft und gelesen/gehört und bin immer noch von dieser dichten Erzählweise fasziniert.

Ich gebe Dir Recht, auch nach meiner Meinung wird er zu Unrecht in die Ethno-Schublade gesteckt. Und zu Unrecht wird sein Werk viel zu wenig beachtet.

Dein Vorhaben wäre m.E. schon ein dankenswertes Unterfangen.

Beste Grüße
Eckard

Danke. Ich gebe dir recht, eine solche Arbeit muss interdisziplinär sein.
Ich werde hier keine Debatte über die Methodologie der Germanistik und ihre Probleme anfangen, denn davon kann ich ein Lied singen!!
Das Problem ist, dass die Germanistik in Heidelberg sich eher auf die Altgermanistik und die „Hardcore-Germanistik“ konzentriert. Von Zusammenarbeit mit anderen Disziplinen war nicht oft die Rede, z. B. mit Ethnologen oder Religionswissenschaftlern(bin selber einer). Höchstens ab und zu ein wenig nach der Anglistik geschielt, aber sonst war das Studium in dieser Hinsicht eher öde. Deswegen betrachte ich meine Fächerkombination Germanistik und Religionswissenschaft im Nachhinein als nicht sehr glücklich, aber das liegt eher an der Germanistik, denn die Religionswissenschaft in Heidelberg ist hervorragend und die Lehrstühle sind sehr gut besetzt. Vor allem hat die Religionswissenschaft in Heidelberg sich die Interdisziplinarität auf die Fahnen geschrieben und kooperiert mit allen möglichen verwandten und nichtverwandten Disziplinen der Uni.

So, vielleicht finde ich etwas Interessantes, wenn ich weiter suche.
Danke,
Nader

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Hi Nader,

mir fällt gerade ein, dass in Heidelberg doch Prof. Borchmeyer lehrt. Ich kenne ihn zwar nicht persönlich, schätze ihn aber als hervorragenden Germanisten (in seinen Büchern und Aufsätzen zumindest), der v. a. sehr interdisziplinär arbeitet (Musik v.a.). Er macht glaube ich auch viel mit Jan Assmann zusammen, eurem Ägyptologen in Heidelberg.
Aber vielleicht hast du ja mit bestimmten Lehrenden gewisse Erfahrungen gemacht. An der Uni stellt sich ja vieles oft anders dar, als es durch Publikationen wirkt. Bei wem hast du denn Magister gemacht?
Jedenfalls viel Glück bei der Doktorvater/mutter-Suche.

Gruß,
Oliver

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Borchmeyer

Hi Nader,

mir fällt gerade ein, dass in Heidelberg doch Prof. Borchmeyer
lehrt. Ich kenne ihn zwar nicht persönlich, schätze ihn aber
als hervorragenden Germanisten (in seinen Büchern und
Aufsätzen zumindest), der v. a. sehr interdisziplinär arbeitet
(Musik v.a.). Er macht glaube ich auch viel mit Jan Assmann
zusammen, eurem Ägyptologen in Heidelberg.
Aber vielleicht hast du ja mit bestimmten Lehrenden gewisse
Erfahrungen gemacht. An der Uni stellt sich ja vieles oft
anders dar, als es durch Publikationen wirkt. Bei wem hast du
denn Magister gemacht?
Jedenfalls viel Glück bei der Doktorvater/mutter-Suche.

Gruß,
Oliver

Ja, der Prof. Borchmeyer ist ein guter Professor und Forscher. Ich frage mich die ganze Zeit, ob er für ein solches Promotionsvorhaben der richtige Ansprechpartner wäre. Vielleicht sollte ich einfach mal zu ihm in die Sprechstunde. Das Ganze muss ich aber erst ausreifen lassen, weil ich nicht mit unfertigen Konzepten hingehen möchte.

Assmann und Borchmeyer sind in Heidelberg, der Assmann ist inzwischen emiritiert. Aber ich war bei beiden in Vorlesungen.
Naja, mal schauen.
Danke,
Nader