Also, ein entsprechender Blutverlust geht immer auch mit einem Schock einher.
Ein „Schock“ ist ein Missverhältnis zwischen Blut/Sauerstoff-Angebot und Blut/Sauerstoff-Bedarf des Körpers, wobei es relative und absolute Volumenmangelschocks und viele andere Schockformen (septisch, toxisch, anaphylaktisch usw.) gibt.
Ein massiver Blutverlust nach aussen wird als „absoluter Volumenmangel(schock)“ und ein Blutverlust nach innen (innere Blutungen) als „relativer Volumenmangel(schock)“ bezeichnet. Aber die Symptome und Abläufe im Körper bleiben in der Regel gleich:
1. Initialphase / Nullphase:
In dieser Phase geschieht der akute Blutverlust, z.B. durch Schußverletzung. Der Körper verfügt über sogenannte Baro- und Chemorezeptoren in den Blutgefäßen (im Carotissinus und anderen Sinusoiden), die den vorhandenen (Blut)Druck und die chemische Zusammensetzung (u.a. Sauerstoffgehalt) des Blutes messen.
Sinkt nun der Blutdruck an den Rezeptoren rapide, kommt es als allererstes zu einer sog. „reflektorischen Tachykardie“, d.h. das Herz bemüht sich, das Herzzeitvolumen konstant zu halten und erhöht die Herzfrequenz, da Blutdruck und Herzfrequenz immer in einem Verhältnis zueinander stehen. Steigt der Blutdruck, sinkt die Frequenz - und sinkt der Blutdruck, steigt die Frequenz.
Somit soll vor allem im Kopf immer ein konstanter Blutdruck gewährleistet bleiben. Erste Folge ist also meistens massives Herzklopfen, oft einhergehend mit Herzstolpern und ersten Schweißausbrüchen und Bewusstseinseintrübungen.
2. Zentralisationsphase:
Ist der Blutverlust allerdings zu groß und ist das Herz mit der Kompensation des Blutverlustes überfordert, werden automatisch Katecholamine, wie Adrenalin und Noradrenalin ausgeschüttet (Nebenniere), die sich in der Peripherie (Extremitäten) an die sog. Alpha-Rezeptoren der Kapillaren binden bzw. die Rezeptorstellen „blockieren“.
Dadurch kommt es zuerst zu einer sog. „Zentralisation“, d.h. die kleinen Gefäße in den Händen / Füßen / Armen / Beinen usw. werden eng gestellt, um das ganze verfügbare Blut dorthin zu pressen, wo die lebenswichtigen Funktionen ablaufen (Abdomen, Thorax und Kopf), also in die Körpermitte.
Folglich werden die Arme / Füße / Beine / Hände sehr kalt, ggfls. marmoriert und blass.
3. Dezentralisationsphase:
Da den Armen / Beinen usw. jetzt aber die Sauerstoffversorgung weitestgehend entzogen wurde, kommt es in diesen Bereichen zu einer „anaeroben Glykolyse“ (Zuckerverbrennung in den Zellen ohne Anwesenheit von Sauerstoff) und giftige Stoffwechselprodukte / Schlacken fallen in großer Menge an.
Diese Stoffwechselprodukte sind vom pH-Wert sauer, d.h. sie verschieben den Säure-Basen-Haushalt des Körpers in den sauren Bereich, was wiederum dazu führt, dass die ausgeschütteten Katecholamine (Noradrenalin und Adrenalin) die Alpharezeptoren an den peripheren Gefäßen nicht mehr blockieren können (funktioniert im sauren Milieu nicht).
(In diesem Moment beginnt auch die Hyperventilation, die den Körper über vermehrte CO2-Abatmung wieder in einen basischen Bereich zurückbringen soll. Der Patient beginnt also, schneller zu atmen.)
Aufgrund der Übersäuerung stellen sich die peripheren Gefäße plötzlich wieder weit (!) und die ganzen angefallenen Giftstoffe strömen aus den Randbereichen des Körpers unkontrolliert zurück in die zentralen Organe, wo sie Organstörungen und ggfls. Multiorganversagen (insb. Lungenversagen, Nierenversagen) auslösen können, was dann häufig die sekundäre Todesursache ist.
Deshalb versucht man direkt vor Ort, z.B. mittels fraktionierter Katecholamingabe den Körper bei einem massiven Schockzustand in der Zentralisationsphase zu „halten“ und dafür zu sorgen, dass die Gifte ersteinmal in der Peripherie bleiben, da später in der Klinik besser Möglichkeiten zur Entfernung o.g. Stoffwechselschlacken bestehen (z.B. Dialyse uvm.).
Um die Symptome grob sortiert nochmal zusammenzufassen:
- Blutverlust / ggfls. Übelkeit
- Herzrasen / Herzstolpern
- Schweißausbrüche
- Bewusstseinsstörungen
- kalte, weisse Haut / Kaltschweissigkeit
- weite Pupillen
- herabgesetzte Magen-Darm-Tätigkeit und Speichelfluss (trockener Mund, geringe Urinproduktion)
- herabgesetzte Sexualfunktionen
- steigerung der Atemfrequenz
- ggfls. Bewusstseinsverlust
Zu den psychischen Symptomen, die sehr vielfältig sind, nur soviel:
Die Reaktionen können im Schock von paradoxen Verhaltensweisen bishin zu völlig emotionsloser Funtionalität reichen. Es gibt Menschen, die verlieren sofort das Bewusstsein, andere machen im Adrenalinrausch die wildesten Dinge, laufen z.B. ziellos umher oder spulen einprogrammierte Verhaltensweisen (z.B. Kaffee kochen, Wäsche zusammenlegen usw.) ab, bevor sie kollabieren.
Klar ist, dass man in so einem Zustand keine Angst und keinen Schmerz verspürt. Mir sind Menschen bekannt, die unter Adrenalineinwirkung (in brennenden Häusern) mit blossen Händen Scheiben eingeschlagen oder Fensterrahmen herausgerissen und danach hunterte Kilogramm schwere Möblestücke, wie Billiardtische usw. in den Garten geschleppt haben. Alleine versteht sich.
Oder zierliche Mütter, die (allein) Autos anhoben und umkippten, um das darunter befindliche Kind zu befreien uswusf.
Ich denke, das wäre ein interessanter Ansatz.
Was bei Schußverletzungen aber auch noch hinzu kommt, ist die Energie, die das Projektil auf bzw. in den Körper überträgt. Bei modernen (Lang)Waffen wird bereits bei einem Streifschuß soviel Energie in den Körper geleitet, dass das zentrale Nervensystem zusammenbricht und der Mensch ggfls. sofort stirbt.
Deswegen sind viele Schußopfer auch direkt bewusstlos. Das ein Mensch, sprich Polizist, mit einer massiven Schußverletzung also noch entsprechend umherläuft, halte ich für eher unrealistisch.
Und auf jeden Fall gehören Druckverbände, Schocklage, massive Sauerstoffgabe und großzügige Druckinfusion mit mehreren großvolumigen i.v.-Zugängen zum Standardprogramm. Und dann mit Blaulicht in den Schockraum bzw. in den Not-OP.
Liebe Grüße.