Reaktionen des Körpers auf Blutverlust

Hallo zusammen,

ich gehöre auch zu denjenigen, die Krimis schreiben und habe diesbezüglich eine Frage:

Zwei Polizisten tappen in eine Falle, werden angeschossen, A mit Streifschuss (Aussage des Sanitäters: hat ganz schön gefetzt, ist aber nur ein Streifschuss), B ernsthafter. A überwältigt V (Verbrecher), ruft Hilfe und kümmert sich um seinen Kollegen, bis Notarzt, Sanitäter etc. eintreffen.

Nach meiner Planung steht A, als B behandelt wird, auf und ihm wird schwindlig, er wird blass, er zittert und schwitzt, er wird zu einem Auto begleitet, setzt sich, ein Sanitäter verbindet ihn und rät ihm lediglich, viel zu trinken. Ich habe jetzt mal ein wenig hier im Forum recherchiert und Zweifel bekommen, ob das realistisch ist.

Was meint Ihr, wie wird A.s Körper auf erhöhtes Adrenalin (Verteidigungssituation/Sorge um Kollegen) und Blutverlust reagieren, wenn die Anspannung von ihm abfällt? Lt. Aussage des Rettungsassistenten „kann da ein Kreislauf schon mal hops gehen.“ Eigentlich gefällt mir der Satz, aber übertreibt er da nicht bzw., sind, wenn es so wäre, die Maßnahmen, die er trifft, nicht zu wenig?

Ich bin schon sehr gespannt auf Eure Antworten - vielen Dank!

Neugierige Grüße :smile:
Mony

Hallo,

ich bin nicht vom Fach, dies vorweg :smile:

Habe aber auch schon gelesen, dass heutzutage Blutkonserven aus der Mode kommen und man entsprechend Verletzten ganz normale Infusionen (Wasser/Glukose?) gibt, um das Kollabieren der Gefäße durch den Volumenverlust zu verhindern.

Ob das fachlich hinhaut, kann ich nicht beurteilen.

LG und viel Erfolg!
sine

Hallo,
es kommt tatsächlich drauf an wie hoch der Blutverlust ist.
Die Symptome, die Du schilderst (Zittern, Schwitzen, etc…) passen auch zu einem Schock, der in so einer Situation wohl wahrscheinlicher ist. Bin auch kein Arzt, aber ich denke wenn keine großen Gefäße getroffen sind (je nachdem wo der Streifschuss sitzt) wird sich der Blutverluust eher in GRenzen halten, oder ? Kenne mich mit Schuss verletzungen nicht so aus. Aber natürlich wird ein Blutverlust einen Schock noch unterstützen!!
Die Therapie von Blutverlust durch Infusionen (Kochsalzlösung; HES-Lösung, o.ä.) ist durchaus üblich, aber ab einer gewissen Menge verlorenen Blutes hilft nur noch eine Transfusion (ich meine mal was von 30 % gehört zu haben, dies aber ohne Gewähr).
Meine Meinung: Wenn der Sanitäter lediglich dazu rät viel zu trinken ist der Blutverlust wahrscheinlich überschaubar (auch trinken füllt das Volumen wieder auf) und die geschilderten Symptome deuten eher auf einen Schock. (Hinlegen, Beine hoch, den Patienten zudecken, etc.)
Hoffe ich konnte helfen,

Matthias

Hi,

Patient A hat nach deiner Schilderung eine vasovagale Synkope. Die Anspannung dürfte sich gelegt haben, sobald die Situation entschärft ist und sich um seinen Kollegen gekümmert wird, also sinkt der Adrenalinpegel wieder (keine „Fight or Flight“-Episode mehr). Wenn er nun ruckartig aufsteht, versackt das Blut wieder in den Beinen. Dass er dabei so schnell merklich schwitzt, ist vielleicht ein bisschen zuviel des Guten, aber wenn du magst… : )
Die beste Möglichkeit, das Blut aus den Beinen wieder ins Hirn zu bekommen, ist nach aktueller gängiger Lehrmeinung die Schocklage. Also: hinlegen und Beinchen hoch.

Nun bleibst du uns die Antwort schuldig, wieviel Blut er bei dem Streifschuss verloren haben will.

Der Rettungsassistent müsste bei einer solchen Reaktion mindestens mal nach Blutdruck und Herzfrequenz schauen.
Wenn die Schocklage den gewünschten Erfolg bringt, kann er sich die Infusion sparen.

Grüße
Liete

Hallo zusammen,

vielen Dank für Eure Antworten - das hat mir echt weitergeholfen - entscheiden muss ich mich jetzt selbst: Hat er eine Synkope und wird an Ort und Stelle ohnmächtig (der Kreislauf geht „hops“, wie der Sanitäter so schön sagt) oder einen Schock, bei dem er, wie geplant, von einem hinzugekommenen Kollegen unterstützt noch selbständig aus dem Haus laufen kann. Gelernt habe ich auf jeden Fall, dass er sich keinesfalls einfach nur in ein Auto setzen und das weitere Geschehen beobachten kann.

Matthias, das mit ab 30% Blutverlust Transfusionen habe ich auch irgendwo in einem Forum gelesen …

Wieviel Blut A verloren hat? Ganz realistisch ohne Dramatik? Wahrscheinlich nicht wirklich viel :smile: Streifschuss am Oberarm - selbst wenn man davon ausgeht, dass er „ordentlich“ ist und -wie ich mir laienhaft vorstelle- durch den durch die Stresssituation erhöhten Puls mehr Blut geflossen ist und er eine Weile auf die Rettungskräfte warten musste. Wenn ich mir mein Guinness-Glas (0,56nochwas l) vorstelle, dann denke ich nicht, dass er viel mehr als 10-15% verloren hat … Aber genau darüber nachgedacht hatte ich vorher auch nicht (hoher Blutverlust wirkt nur immer :smile: )

Auf jeden Fall noch mal vielen Dank! Macht echt Spaß, dazuzulernen.

Grüße
Mony

0,5l Blut wird einem beim Blutspenden ja schon abgenommen. Einem gesunden und fitten Menschen macht das nicht viel aus. Und ein 1/2 Liter wirkt schon ordentlich. Färb mal das Wasser ein kipp es irgendwo großflächig aus. Leg einen Menschen dazu und du denkst da sein die ganzen 6-7 Liter ausgelaufen.

Die psychische Belastung gekoppelt mit dem Blutverlust (~0,5l) kann aber durchaus zu einem Schock führen. Also blass und schneller, flacher Puls und dadurch verursacht auch Kraftlosigkeit/Schwindel. Maßnahmen wären dann zunächst die Schocklage (also hinlegen und Beine leicht erhöht), wahrscheinlich eine Infusion gegen den Volumenmangel und regelmäßige Kontrolle der Vitalzeichen (Blutdruck, Puls, Bewusstsein).

Das ist zumindest meine Sicht, als Sanitätshelfer.

Gruß

Also, ein entsprechender Blutverlust geht immer auch mit einem Schock einher.

Ein „Schock“ ist ein Missverhältnis zwischen Blut/Sauerstoff-Angebot und Blut/Sauerstoff-Bedarf des Körpers, wobei es relative und absolute Volumenmangelschocks und viele andere Schockformen (septisch, toxisch, anaphylaktisch usw.) gibt.

Ein massiver Blutverlust nach aussen wird als „absoluter Volumenmangel(schock)“ und ein Blutverlust nach innen (innere Blutungen) als „relativer Volumenmangel(schock)“ bezeichnet. Aber die Symptome und Abläufe im Körper bleiben in der Regel gleich:

1. Initialphase / Nullphase:

In dieser Phase geschieht der akute Blutverlust, z.B. durch Schußverletzung. Der Körper verfügt über sogenannte Baro- und Chemorezeptoren in den Blutgefäßen (im Carotissinus und anderen Sinusoiden), die den vorhandenen (Blut)Druck und die chemische Zusammensetzung (u.a. Sauerstoffgehalt) des Blutes messen.

Sinkt nun der Blutdruck an den Rezeptoren rapide, kommt es als allererstes zu einer sog. „reflektorischen Tachykardie“, d.h. das Herz bemüht sich, das Herzzeitvolumen konstant zu halten und erhöht die Herzfrequenz, da Blutdruck und Herzfrequenz immer in einem Verhältnis zueinander stehen. Steigt der Blutdruck, sinkt die Frequenz - und sinkt der Blutdruck, steigt die Frequenz.

Somit soll vor allem im Kopf immer ein konstanter Blutdruck gewährleistet bleiben. Erste Folge ist also meistens massives Herzklopfen, oft einhergehend mit Herzstolpern und ersten Schweißausbrüchen und Bewusstseinseintrübungen.

2. Zentralisationsphase:

Ist der Blutverlust allerdings zu groß und ist das Herz mit der Kompensation des Blutverlustes überfordert, werden automatisch Katecholamine, wie Adrenalin und Noradrenalin ausgeschüttet (Nebenniere), die sich in der Peripherie (Extremitäten) an die sog. Alpha-Rezeptoren der Kapillaren binden bzw. die Rezeptorstellen „blockieren“.

Dadurch kommt es zuerst zu einer sog. „Zentralisation“, d.h. die kleinen Gefäße in den Händen / Füßen / Armen / Beinen usw. werden eng gestellt, um das ganze verfügbare Blut dorthin zu pressen, wo die lebenswichtigen Funktionen ablaufen (Abdomen, Thorax und Kopf), also in die Körpermitte.

Folglich werden die Arme / Füße / Beine / Hände sehr kalt, ggfls. marmoriert und blass.

3. Dezentralisationsphase:

Da den Armen / Beinen usw. jetzt aber die Sauerstoffversorgung weitestgehend entzogen wurde, kommt es in diesen Bereichen zu einer „anaeroben Glykolyse“ (Zuckerverbrennung in den Zellen ohne Anwesenheit von Sauerstoff) und giftige Stoffwechselprodukte / Schlacken fallen in großer Menge an.

Diese Stoffwechselprodukte sind vom pH-Wert sauer, d.h. sie verschieben den Säure-Basen-Haushalt des Körpers in den sauren Bereich, was wiederum dazu führt, dass die ausgeschütteten Katecholamine (Noradrenalin und Adrenalin) die Alpharezeptoren an den peripheren Gefäßen nicht mehr blockieren können (funktioniert im sauren Milieu nicht).

(In diesem Moment beginnt auch die Hyperventilation, die den Körper über vermehrte CO2-Abatmung wieder in einen basischen Bereich zurückbringen soll. Der Patient beginnt also, schneller zu atmen.)

Aufgrund der Übersäuerung stellen sich die peripheren Gefäße plötzlich wieder weit (!) und die ganzen angefallenen Giftstoffe strömen aus den Randbereichen des Körpers unkontrolliert zurück in die zentralen Organe, wo sie Organstörungen und ggfls. Multiorganversagen (insb. Lungenversagen, Nierenversagen) auslösen können, was dann häufig die sekundäre Todesursache ist.

Deshalb versucht man direkt vor Ort, z.B. mittels fraktionierter Katecholamingabe den Körper bei einem massiven Schockzustand in der Zentralisationsphase zu „halten“ und dafür zu sorgen, dass die Gifte ersteinmal in der Peripherie bleiben, da später in der Klinik besser Möglichkeiten zur Entfernung o.g. Stoffwechselschlacken bestehen (z.B. Dialyse uvm.).

Um die Symptome grob sortiert nochmal zusammenzufassen:

  • Blutverlust / ggfls. Übelkeit
  • Herzrasen / Herzstolpern
  • Schweißausbrüche
  • Bewusstseinsstörungen
  • kalte, weisse Haut / Kaltschweissigkeit
  • weite Pupillen
  • herabgesetzte Magen-Darm-Tätigkeit und Speichelfluss (trockener Mund, geringe Urinproduktion)
  • herabgesetzte Sexualfunktionen
  • steigerung der Atemfrequenz
  • ggfls. Bewusstseinsverlust

Zu den psychischen Symptomen, die sehr vielfältig sind, nur soviel:

Die Reaktionen können im Schock von paradoxen Verhaltensweisen bishin zu völlig emotionsloser Funtionalität reichen. Es gibt Menschen, die verlieren sofort das Bewusstsein, andere machen im Adrenalinrausch die wildesten Dinge, laufen z.B. ziellos umher oder spulen einprogrammierte Verhaltensweisen (z.B. Kaffee kochen, Wäsche zusammenlegen usw.) ab, bevor sie kollabieren.

Klar ist, dass man in so einem Zustand keine Angst und keinen Schmerz verspürt. Mir sind Menschen bekannt, die unter Adrenalineinwirkung (in brennenden Häusern) mit blossen Händen Scheiben eingeschlagen oder Fensterrahmen herausgerissen und danach hunterte Kilogramm schwere Möblestücke, wie Billiardtische usw. in den Garten geschleppt haben. Alleine versteht sich.

Oder zierliche Mütter, die (allein) Autos anhoben und umkippten, um das darunter befindliche Kind zu befreien uswusf.

Ich denke, das wäre ein interessanter Ansatz.

Was bei Schußverletzungen aber auch noch hinzu kommt, ist die Energie, die das Projektil auf bzw. in den Körper überträgt. Bei modernen (Lang)Waffen wird bereits bei einem Streifschuß soviel Energie in den Körper geleitet, dass das zentrale Nervensystem zusammenbricht und der Mensch ggfls. sofort stirbt.

Deswegen sind viele Schußopfer auch direkt bewusstlos. Das ein Mensch, sprich Polizist, mit einer massiven Schußverletzung also noch entsprechend umherläuft, halte ich für eher unrealistisch.

Und auf jeden Fall gehören Druckverbände, Schocklage, massive Sauerstoffgabe und großzügige Druckinfusion mit mehreren großvolumigen i.v.-Zugängen zum Standardprogramm. Und dann mit Blaulicht in den Schockraum bzw. in den Not-OP.

Liebe Grüße.