Realitätsflucht immer negativ zu werten?

Hallo zusammen,

hatten kürzlich im Brett „Sucht und Prävention“ eine ganz interessante Diskussion. Ein wichtiges Motiv für Suchtverhalten ist u. a. die sog. Realitätsflucht.
Jemand ist mit seinem Leben oder mit sich unzufrieden (Realität) und will aus dieser Realität flüchten (Rauschzustand=Ersatzrealität).

Was mir in diesem Zusammenhang nicht ganz klar ist:

Es gibt ja viele Formen der Realitätsflucht. Ist die Realitätsflucht als solche problematisch, oder sind lediglich manche Methoden der Realitätsflucht (Alk, Drogen, etc.) problematisch?

Denn schließlich kann man alle möglichen Verhaltensmuster als Realitätsflucht bezeichnen:

  1. Reisen unternehmen, um aus seinem Alltag rauszukommen
  2. Oft ausgehen, weil man sich zuhause unwohl fühlt
  3. Viel arbeiten, weil man Angst hat, sonst zu viel Zeit zum Grübeln zu haben
  4. Viel lesen, weil man sich in die virtuelle Welt von Romanen flüchten will, etc, etc, etc.

Es gibt natürlich noch viel mehr Beispiele, aber ich glaube, es dürfte klar sein, worauf ich hinaus will.

Welche Arten von Realitätsflucht sind o.k., welche problematisch? Oder dürfte man gar nicht aus der Realität flüchten wollen?

LG Rolo

Hallo,

die Grenzen sind wie immer fliessend.
Wer Urlaub vom Alltag nimmt, nimmt
eine ganz andere Stellung ein, als
jemand, der vor dem Alltag flieht.
Wer in ein Ersatzproblem flieht,
um ein anderes zu lösen, schafft
sich lediglich ein zweites Problem.

Der Knackpunkt dürfte hier darin liegen,
ob man überhaupt EIN Problem hat,
oder an EINEM Problem arbeitet und
lediglich Pause macht oder ob man
tatsächlich vor einem Problem flieht.

Gruß
Susanne

…ist Flucht immer negativ?
Hallo Rolo,
interessante Frage :wink:

Ist die Realitätsflucht als solche problematisch,
oder sind lediglich manche Methoden der Realitätsflucht (Alk, Drogen, etc.) problematisch?

Nur so ausm Bauch raus:
„Flucht“ ist doch immer problematisch, oder?..

Vor etwas fliehen,
bedeutet doch, Angst vor etwas zu haben.
Dieses Etwas schätzt man so stark und mächtig ein, das man davor zurückweicht, flieht.

Kann das denn positiv sein?
Nein!

Doch!
Es kann manchmal sogar lebensrettend sein,
z.B. die Flucht vor dem Tiger, die Flucht vor Krieg, Hunger, Gewalt, Katastrophen…

Tja also, was denn nun?
Jetzt guck ich mal, was goodoldWiki sagt: http://de.wikipedia.org/wiki/Eskapismus

Welche Arten von Realitätsflucht sind o.k.,

O.K. sind alle…

welche problematisch?

… genau wie alle problematisch sind :wink:

Denn schließlich kann man alle möglichen Verhaltensmuster als

Realitätsflucht bezeichnen:

  1. Reisen unternehmen, um aus seinem Alltag rauszukommen

Mal rauszukommen O.K.
Wenn man Reisen unternimmt,
um aus seinem Alltag zu fliehen
-> problematisch!

  1. Oft ausgehen, weil man sich zuhause unwohl fühlt

Problematisch!
Besser:
Dafür sorgen, dass man sich zuhause _zuhause_fühlt, also wohl!

  1. Viel arbeiten, weil man Angst hat, sonst zu viel Zeit zum

Grübeln zu haben
Problematisch durch das
„weil man Angst hat, sonst zu viel Zeit zum Grübeln zu haben“

  1. Viel lesen, weil man sich in die virtuelle Welt von Romanen
    flüchten will, etc, etc, etc

Problematisch.
Nicht das Lesen an sich,
um sich in andere Realitäten zu träumen,
sondern
„weil man sich in die virtuelle Welt von Romanen flüchten will“

Oder dürfte man gar nicht aus der Realität flüchten wollen?

Wenn Du *mich* so fragst,
dann sollte man meiner bescheidenen Meinung nach eigentlich versuchen,
( nach bestem Wissen, Können und Gewissen) seine Realität/ Lebenswelt so angenehm und lebenswert zu gestalten, dass man nicht davor fliehen muss.
Tja.
Wenn datt man bloß so einfach wär… :wink:
Gruß Finjen

Hallo,

Es gibt ja viele Formen der Realitätsflucht. Ist die
Realitätsflucht als solche problematisch, oder sind lediglich
manche Methoden der Realitätsflucht (Alk, Drogen, etc.)
problematisch?

„Realitätsflucht“ ist immer,oder doch meist, problematisch.
Die Antwortetn welche hier gegeben wurden beziehen sich auf Deine
Bespiele oder auf Flucht allgemein.
Dies ist aber nicht gleichzusetzen mit Realitätsflucht im engeren Sinn
auch wenn die Ausgangssituation einer „Flucht“ immer eine reale oder
gedacht (empfunden)reale Situation ist.

Die Realitätsflucht als Problem ist die „Verdrängung der Realität“
weil das „Bewußtwerden“ dieser Realität für den „Flüchtenden“ eine
Überforderung darstellt, eine Situation also, der er sich nicht
gewachsen fühlt.
Nun erfolgt jede Flucht deshalb weil man sich der Situation nicht
gewachsen fühlt , da jedoch ohne Verdrängung der Realität selbst.
Im Zusammenspiel mit Sucht kann man nicht immer sagen was zuerst
war, die Sucht oder die Realitätsflucht.

Gruß VIKTOR

Ich würde sagen grundsätzlich können wir nicht behaupten Realitätsflucht bzw. Flucht allgemein ist etwas negatives oder positives.
Ich fühl mich mal selbst angesprochen, weil ich der Realität sehr oft entfliehe (auch wenn mein Username das jetzt vermuten lässt, NEIN so ist das sicher nicht :wink: ich bin Polymerchemiker :stuck_out_tongue:)

Is auch egal wie man vor der Realität flieht, man muss sich nur immer klar sein was die Konsequenzen aus dieser Flucht sind, was bringt die Flucht mit sich, wenn betrifft die Flucht, verletze ich andere… was auch immer einem einfällt.

Wenn du bereit bist die Konsequenz zu tragen, und dir selbst in die Augen schauen kannst wenn du in den Spiegel siehst…LAUF…
LAUF LOS VERDAMMT!!! Und bleib nicht stehen!!! Nur sei dir bewusst der Tod weiss wohin du läufst.

Grüße vom Hasen

Hallo,

wir sind ständig auf der „Flucht“ vor der Realität, und ohne diese „Flucht“ könnten wir gar nicht leben, denn erst durch sie werden wir in uns heimisch. Es gehört geradezu zu den sozialen Leistungen, dass wir uns diese „Fluchten“ gönnen können (dazu gehören z. B. auch etwa Pausen auf der Arbeit, also Arbeitszeitbedingungen, aber auch Träume und viele andere ganz normale Vorgänge).

Ich habe das Wort „Flucht“ immer in Anführungszeichen gesetzt, weil wir seit der Aufklärung dazu neigen, die emotionale Bedeutung dieser „Fluchten“ abzuwerten, ohne deren Bedeutung auch nur ansatzweise zu würdigen.

Problematisch sind diese „Fluchten“ nämlich nur, wenn sie pathologisch sind, also über den normalen (d. h. anerkannten) Rahmen hinausgehen.

BTW: DIE Realität gibt es übrigens genausowenig, aber das ist ein anderes Thema.

Gruß

Bona

Hallo,

ja, das geht dann wohl in die Richtung „Erkenntnistheorie“. Nicht die Realität ist gut oder schlecht, sondern unsere Interpretation dieser Realität. Und diese Interpretation sieht bei jedem anders aus…

Ich hab mich halt nur gefragt, wenn Realitätsflucht bereits verwerflich wäre, dann wäre ja auch alles negativ zu werten, was uns diese Flucht ermöglicht, z. B. Reisen, Lesen, Kino, Ausgehen, etc.
Das kann aber eigentlich gar nicht sein, daher muss man wohl zu dem Ergebnis kommen, das Realitätsflucht in bestimmten Grenzen nicht nur normal, sondern vielleicht auch notwendig ist.

Diese Erkenntnis zieht aber eine weitere Erkenntnis nach sich: Offenbar ist die erlebte Realität für viele negativ genug, um von ihr fliehen zu wollen. Wäre die erlebte Realität super toll, gäbe es keine Realitätsflucht. Woran könnte das liegen?

Für mich drängt sich der Verdacht auf, dass der Mensch spätestens seit sich die sog. arbeitsteilige Gesellschaft entwickelt hat, irgendwie „artfremd“ lebt. Die meiste Zeit über müssen wir uns mit Dingen beschäftigen, die uns eigentlich nicht wirklich interessieren. Wer hat schon sein Hobby zu seinem Beruf gemacht? Wohl die wenigsten von uns. Nur an Wochenenden und in den 30 Tagen Erholungsurlaub im Jahr, können wir wirklich wir selbst sein. Die ganze restliche Zeit über sind wir dazu verdammt, ins Büro zu rennen. Ob wir wollen oder nicht. Eigentlich ganz schön grausam. Warum verstößt das eigentlich nicht gegen die Menschenrechte?

LG Rolo

Hi,

ja, das kenne ich gut von mir selbst.

Man hat im Alltag so viele Dinge zu erledigen, auf die man keine Lust hat (Aufräumen, Putzen, Einkaufen, Lernen, Arbeiten, etc.) Oft erledigt man daher nicht die Dinge, die man erledigen müßte, sondern beschäftigt sich mit Dingen, die einem Spaß machen.

Wer kennt das nicht:

Man kommt abends nachhause und müßte eigentlich aufräumen, hockt sich aber mit einem schlechten Gewissen lieber vor die Glotze. „Kann später immer noch putzen“. Später kommt dann aber noch ein Kumpel vorbei oder man telefoniert. Also, wird das nix mit putzen.

Am nächsten Tag ist die Sache mit dem Putzen dann noch dringender und man hat blöderweise noch weniger Lust und hockt wieder vor der Glotze. Das schlechte Gewissen ist inzwischen noch belastender aber man putzt einfach trotzdem nicht.

Das Fiese ist, dass man sich eigentlich nicht belohnt, wenn man das Pflichtprogramm aufschiebt und stattdessen lieber Dinge tut, die einem Spaß machen. Es macht alles nur noch schlimmer. Paradoxerweise würde man sich gerade dadurch etwas Gutes tun, wenn man Dinge erledigt, auf die man keine Lust hat.

Ciao, Rolo

Hallo Rolo,
also ich glaube nicht dass man die Realitätsflucht generell negativ bewerten muß.Dann wäre es ja bereits verwerflich,wenn man sich einen Sonnenuntergang anschaut,das wäre ja streng genommen auch Realitätsflucht.Und die finde ich in diesem Sinne auch wichtig,denn der Kopf muß leer werden dürfen,von Zeit zu Zeit.Nur so hat man wieder die Möglichkeit Neues aufzunehmen und Kraft zu sammeln zur Bewältigung des Alltags.Das gehört dazu.
Suchterscheinungen sind dann wohl eine krankhafte Verschiebung dieses an sich heilsamen Prinzips.Weil Menschen ihren Alltag aus innerpsychischen Gründen so gar nicht mehr aushalten können.Das hat auch sicher viel mit der Lebensweise des modernen Menschen zu tun,da stimme ich dir voll zu.Aber ich bin auch sicher,dass unsere Vorfahren in der Steinzeit auch ausgiebige Realitätsfluchten genossen haben,sofern es ihnen möglich war,und Drogen haben sie wahrscheinlich auch schon genommen :wink:
Das Leben war halt schon immer hart!

liebe Grüsse
Heidi

Hallo, Heidi,

wenn jemand erstochen wird, ist auch nicht das Messer schuld :smile:

Dann muss man also kein schlechtes Gewissen haben, wenn man Ablenkung in einem Film oder beim Lesen eines Buches sucht. Ablenkung haben zu wollen, also die Realität grad mal nicht wahrhaben zu wollen, ist also noch nicht bedenklich.

Aber wer sich, statt ins Kino zu gehn und sich Herr der Ringe reinzupfeiffen, ne Flasche Schnaps hinter die Binde kippt, der hat ein Problem (auch wenn das Motiv beider Handlungen gewisse Ähnlichkeiten hat)

Rolo

Hi,

stellt sich dann noch die Frage, ob die Realitätsflucht nicht auch ein Bestandteil der Realität ist :smile:

Wiki hab ich schon vor meiner Fragestellung gelesen. Vor allem die Ausführungen zur Medienpsychologie fand ich interessant.

Mir war nur nicht klar, wo die Abgrenzung liegt. Also, jemand, der mit seinem Alltag voll zufrieden ist und der nicht aus dieser Wahrnehmung flüchten will, hat doch überhaupt kein Motiv, ins Kino zu gehen um sich abzulenken. Wissen kann man sich im Kino wohl schlecht aneignen, also fällt das als Motiv schonmal weg.

Aber wenn ich Dich richtig verstanden habe, ist es o.k., sich in seinem Alltag nicht immer super zu fühlen und deshalb mal Ablenkung zu suchen. Man darf nur nicht anfangen jeden Tag ne Flasche Whisky zu vertilgen :smile:

Rolo

Hallo,

Realitätsflucht ist für mich einfach ein instinktiver und natürlicher Schutzmechanismus. Egal ob aufgrund plötzlicher körperlicher Bedrohung, anhaltender Belastung in Beruf, Familie, oder tausenden von anderen Dingen. Es ist allgegenwärtig und betrifft jeden.

Welche Arten von Realitätsflucht sind o.k.,

Dahingehend alle. Irgendwie ist es absurd, von Suchtverhalten und Suchtkrankheit zu sprechen. Eigentlich ist dieses Verhalten natürlich, es wird lediglich, wie du schreibst, negativ bewertet. Und in eine Schublade gesteckt.

welche problematisch?

Alle? Keine? Aus wessen Sicht?

Oder dürfte man gar nicht aus der Realität
flüchten wollen?

Oh, man muss. Bis hin zu Selbstmord.

Wenn man Realitätsflucht, so wie du schreibst, nicht negativ werten würde, dann wäre die letzte Konsequenz auch vermeidbar. Es ist ein „Privileg“ des (nach)denkenden Menschen.

Gruß
Der Franke

Hi,

Suchtverhalten ist also normal und die sog. Normalität ist eigentlich krank. Ein interessanter Ansatz :smile: Vielleicht gibt es die Matrix wirklich.
Aber weil unsere Art zu denken derart stark prädeterminiert ist, stellt ein „Normaler“ die Zusammenhänge des Lebens und der Welt nicht in Frage.
Das was am absurdesten erscheint, ist vielleicht gerade die Wahrheit, und die vermeintliche Wahrheit, ist in Wirklichkeit die Lüge…

Wie dem auch sei:

Mit „problematisch“ meinte ich, dass man sich mit bestimmten Arten der Realitätsflucht (oder nenne es „Ablenkung“ oder „Zerstreuung“, etc.) vielleicht selbst zerstört oder sich zumindest schadet. Wer sich Heroin spritzt, weil er mit sich und der WElt unzufrieden ist, wird dies sicher nicht sehr lange tun. Wer sich allerdings in die virtuelle Welt von PC-Spielen stürzt und dort Ablenkung sucht, lebt auf alle Fälle gesünder, auch wenn es sowas wie Spielsucht ja auch gibt.

Was vielleicht auch noch ganz interessant ist:

In dem Begriff „Sucht“ steckt das Verb „suchen“. Die ewig Suchenden und alles Hinterfragenden, die den normalen Alltag langweilig und banal empfinden, sind unter Umständen am ehesten gefährdet, auf die Drogenschiene zu gelangen.

LG Rolo

Flucht - Entspannung
Hallo Rolo,

stellt sich dann noch die Frage, ob die Realitätsflucht nicht
auch ein Bestandteil der Realität ist :smile:

Interessant :wink: Aber das ist vielleicht eher was für die Philosophen?

Mir war nur nicht klar, wo die Abgrenzung liegt. Also, jemand,
der mit seinem Alltag voll zufrieden ist und der nicht aus
dieser Wahrnehmung flüchten will, hat doch überhaupt kein
Motiv, ins Kino zu gehen um sich abzulenken.

Doch.
a.) streich mal die letzten drei Wörter.
Es gibt viele Motive , ins Kino zu gehen.
z.B. Zeitvertreib, Spaß, Ablenkung, Freude, Interesse, Entspannung, Nervenkitzel, Sinnliches Interesse, Langeweile, der Wunsch nach guter Unterhaltung, gemeinsames Erleben, mitreden wollen, intensiveres Filmerlebnis als daheim allein vor kleiner Mattscheibe, Kulturerlebnis, raus kommen…und so weiter.
b.) streich die drei Wörter nicht.
Jeder Mensch benötigt auch mal Ablenkung vom Alltag, da muß man ja nicht gleich die große Krise erlebt haben.

Wissen kann man sich im Kino wohl schlecht aneignen,
also fällt das als Motiv schonmal weg.

Das würde ich so pauschal nicht sehen wollen.
Es gibt durchaus Wissen, welches man sich im Kino erwerben kann, auch heutzutage noch. z.B. Welt ohne Sonne, Reise ans Ende der Welt, Deep Blue, Die Reise der Pinguine, Am Limit, Mikrokosmos, Nomaden der Lüfte…
Odre was ist mit Gandhi, Schindlers Liste, Die Wolke u.ä.?
Heutige Jugendliche lernen m.E. mehr aus solchen Filmen, als bei ihnen im Unterricht hängen bleibt, sofern diese Themen überhaupt behandelt werden… :wink:

Aber wenn ich Dich richtig verstanden habe, ist es o.k., sich
in seinem Alltag nicht immer super zu fühlen und deshalb mal
Ablenkung zu suchen.

Aber natürlich :o)
…wäre ja tragisch, wenn nicht!

Man darf nur nicht anfangen jeden Tag ne Flasche Whisky zu vertilgen :smile:

Jenau :o)
Gruß Finjen

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