eine mir nahestehende Person bildet sich Sachen ein, die nicht stimmen.
Sie ist 77 Jahre alt, seit 15 Jahren geschieden, und glaubt, dass ihr Ex-Mann (78) Bekanntschaftsanzeigen in Zeitungen aufgibt, um eine neue Sex-Partnerin zu finden. Sie schneidet alle einschlägigen Anzeigen aus, kopiert sie und verschickt sie an seinen Bekanntenkreis. das geht schon seit 10 Jahren so. Allein schon beim flüchtigen Durchlesen der Anzeigen ist klar, dass ihr Ex nie und nimmer der Absender sein kann.
Alle Hinweise auf logische Brüche in ihrer Annahme, ihr früher Ehemann sei der Absender, wischt sie vom Tisch und wird wütend bis rabiat und mutmaßt, man „stecke mit ihm unter einer Decke“.
Die meisten Empfänger, die diese Kontakt- oder Grußanzeigen, verbunden mit einem Begleitschreiben mit wüsten Beschimpfungen über einen „Alkoholiker und Sexunhold“ erhalten, lachen darüber und werfen sie weg, soweit ich weiss.
Da ich sowohl dem Ex als auch der Absenderin der unsäglichen „Botschaften“ gewissermaßen verbunden bin und nicht weiss, wie ich damit umgehen soll, hoffe ich auf ein paar Ratschläge von Euch. Vor allem geht es mir darum, wie ich persönlich damit umgehen soll. Ist sie krank? Sie verneint das vehemment und ist überzeugt, dass ihr Ex „zum Psychater muss“. Ich stehe zwichen den Fronten.
Einfluss auf die Person habe ich nicht, da ich bei ihr in der Kategorie „Partei für den Ex“ abgelegt wurde. Vermittlungsversuche - auch über Dritte - sind absolut zwecklos.
Verfolgungswahn (sie wird quasi von den Anzeigen „verfolgt“) kann auch ein Symptom der Demenz sein, vielleicht aber auch nur ein Anzeichen einer gewissen Senilität, das weiß ich nicht genau. In dem Alter wohl nicht unüblich.
Solange keiner wirklich darunter leidet, sollte man die Dame nicht gleich mit Neuroleptika vollstopfen. Dann leidet wirklich jemand.
ich sprach von be-handlung, nicht von „vollstopfen“, also miss-handlung.
und es geht um hilfe, nicht um bestrafung.
ich finde es immer sehr schade, wenn polarisierte meinungen (hier: die neuroleptikabehandlung ist stets unangebracht und falsch dosiert und dabei leiden die patienten immer) die diskussion plattmachen.
ich räume allerdings zwei dinge ein: du hast recht, dass in der behandlung von gerontologisch-psychiatrischen patienten oft -sogar sehr oft!- neuroleptika verschrieben werden, obwohl dies vermeidbar wäre, wenn psychosoziale lebensumstände (einsamkeit, betreuungsschlüssel, zuwendung…) verbesserbar wären. es wird auch oft diagnostisch nicht weitergeguckt, denn mit dem neuroleptikum lässt sich nach dem rasenmäherprinzip ein ganzer haufen von psychischen störungen eindämmen.
und zweitens stellt die neuroleptikabehandlung ein abwägen zwischen schaden und nutzen dar, das bedeutet, dass das nicht witzig ist und auch leiden beinhaltet, die alleine schon durch die nebenwirkungen ertragen werden müssen. da hast du auch recht.
über den verdacht, dass politisch gewollte sparmassnahmen den betreungsschlüssel immer weiter heruntersetzen und die pharmaindustrie mit neuroleptika eine ideales angebot zur ruhigstellung der patienten anbietet, muss geredet werden!
die Diskussion wollte ich nicht plattmachen.
Deinen Ausführungen stimme ich zu, besonders auch dem letzten Absatz. Ich habe in den letzten zwei Jahren mit Demenzkranken gearbeitet. Ein großer Teil hat Neuroleptika bekommen- und nach einer Zeit konnte keiner der Betreuer mehr sagen, ob sie diese brauchen- sie kannten sie ja nicht anders. Zu entscheiden hatten das die gesetzlichen Betreuer, die die Bewohner kaum sahen und das den Ärzten überließen (die es einmal festlegten und dann nicht mehr änderten). Ein Bewohner wurde operiert und im KH mit Haldol ruhiggestellt. Nach seiner Heimkehr veränderte der Hausarzt die KH-Medikation nicht.
Hier habe ich den Eindruck, dass viele Ärzte sich nicht trauen, etwas zu verändern- es könnte ja schlechter werden. In diesem Fall z.B. wurde es ohne Veränderung schlechter, der Bewohner konnte nicht mehr essen und nahm viele (15?) kg in zwei Monaten ab, und war „völlig von der Rolle“, nahm nicht mehr am Leben teil, bis eine Pflegerin einen Neurologen konsultierte. Danach änderte sich sein Zustand rapide (zum Guten).
Ich habe den Eindruck, dass gerade die Demenzkranken (neben den chronisch psychisch Kranken und vielen anderen) einfach durchs Netz fallen, allen egal sind. Besser gesagt: Ihre Hilflosigkeit ist „zu viel“ für die Menschen, denen es „noch gut“ geht, auch gerade denen ie z.B., wie viele, „erst kurz vor“ dem Burn Out stehen. Die Kranken dürfen sich nicht äußern (herumschreien z.B.), ihre Vitalität nicht zeigen, denn „kranke Menschen dürfen nicht mehr an UNSEREM Leben teilhaben“, die „wollen wir nicht sehen“. So werden sie „stillgelegt“ (und die Langzeitarbeitslosen dürfen sich mit ihnen beschäftigen, dann sind sie auch von der Bildfläche- in der Schmuddelecke, dort wo sie hingehören).
Leider können gerade die Angehörigen die Krankheit ihrer Liebsten oft nicht ertragen. Verständlich, aber da wird einfach mehr qualifiziertes Personal gebraucht (für die Angehörigenarbeit).