Realitätsverlust

Hallo, Experten.

Baron Dr.strg.c.v. zu Guttenberg ist ja nun von seiner Unität der vorsätzlichen Täuschung usw. überführt worden … Ich will gar nicht über die Beweggründe etc. diskutieren, aber eine Frage schwelt mir doch im Gebeiß, und ich hoffe, hier etwas Fundiertes darüber zu erfahren.

Wieso lässt sich ein Mann, der dem Anschein nach überdurchschnittlich intelligent, zumindest aber gut ausgebildet ist, derartig vorführen? Wieso betreibt er Salamitaktik bis zum bitteren Ende, d.h. gibt nur das zu, was ihm bereits auf Punkt und Komma nachgewiesen worden ist? Was bewegt Menschen, sich öffentlich derartig zu blamieren, nachdem die Sachlage klar und eindeutig hätte sein müssen (für Guttenberg selbst)?

Mich erinnert das Schauspiel an die Affäre Daum (Koks und Haarprobe), wo der Ablauf noch krasser wurde dadurch, dass der Betroffene selbst die Haarprobe einforderte. Bei Fußballern - oder Trainern - lässt sich derlei durch gar zu viele wuchtige Kopfbälle entschuldigen, aber bei Politikern?

Danke schon mal im Voraus.

CBB

Baron Dr.strg.c.v. zu Guttenberg

Made my Day - danke für diese geniale Humoreske, jetzt ist meine Laune besser :smile:

Gründe für die „Sturheit“/Realitätsverlust

Ich versuche mal eine Erklärung über die Dissonanztheorie. Zwischen den Handlungen (Koksen/Fälschen) und dem zu vermittelnden Bild über das Selbst (Kompetenter Politiker) besteht eine Dissoziation, also ein Widerspruch, resultierend in einem „unguten Gefühl“.

Diese Dissonanz soll nun aufgelöst werden. Drei Möglichkeiten hat man: Selbstbild verändern, Handlungen verändern und Deutung verändern. Da man die Handlungen nicht mehr Rückgängig machen kann, das Selbstbild nicht ändern will (Kosten zu hoch), bleibt nur die Umdeutung. Die steht aber nun auf dünnem Eis, es ist aber einzige verbleibende Möglichkeit.

Der betroffene (Daum/Guttenberg) muss nun alles tun um die Realität soweit zu verbiegen, dass er mit sich selbst im reinen bleibt. Denkt er nur lange genug drüber nach und geht die Möglichkeiten lange genug durch, baut er somit seine persönliche Realität um - aus Selbstschutz. Ich denke, Guttenberg hat wirklich geglaubt das er da noch rauskommt, Daum könnte sich an die - unwahrscheinliche - Überzeugung geklammert haben das der Test auf Drogen fehl schlägt. Es entstehen dabei derartig irrationale Überzeugungen, dass man sie als Neutraler Beobachter nur schwer glaubt (in geschlossenen Abteilungen ist sowas aber eher die Regel als die Ausnahme). Überzeugungen die teilweise erschreckend nahe am pathologischen Wahn sind, und dessen Kriterien zum Teil auf erfüllen.

Irgendwann kommt dann der Punkt, da die Kosten für das Aufrechterhalten der Überzeugung Unschuldig zu sein höher sind, als die Kosten für die Möglichkeit das Selbstbild zu ändern. Das ist dann der Punkt, an dem Fehler eingestanden werden. Langsam vorerst mal, quasi eine Balance aus „Realitätsformung“ und „Selbstbildveränderung“. Reicht das immer noch nicht, weil mehr Sachen an die Oberfläche kommen, muss wieder ausbalanciert werden.

Ich bewundere an solchen Leuten immer, das sie in derartige Konflikte kommen können, ohne ernsthaft zu erkranken. Mir sind nicht wenige Personen bekannt, die wegen geringeren Konflikten einen Zusammenbruch bekommen haben. Sie haben also ein so dickes Fell, dass sie es sich erlauben können diese Dissonanz über einen langen Zeitraum aufrecht zu erhalten, und ich glaube in diesem dicken Fell unterscheiden sich Guttenberg und Daum von Schmidt und Maier, die unter solch einem Konflikt bei einem Therapeuten oder in der Psychiatrie landen.