Realteilung

Liebe ExpertInnen,

bis vor ca 100 Jahren wurde in manchen Gegenden in der Landwirtschaft nach der „Realteilung“ vererbt, dh dass die männlichen Nachkommen zu gleichen Teilen geerbt haben. Die Folge war eine Zersplitterung der Flächen, bis niemand mehr davon leben konnte.

Kann das so stimmen? Soweit ich weiß, waren zur fraglichen Zeit 7-12 Kinder keine Seltenheit; wenn ein paar Kinder starben, blieben immer noch 2 oder 3 Buben übrig. in der vierten Generation war also ein Anwesen auf 8 bis 27 Köpfe verteilt. Vorausgesetzt, es gab die Realteilung - wie lang konnte sie dann praktiziert werden? Wer weiß was?

Danke für jede Antwort!

Hi, Drambeldier,
das gab es nicht nur in der Landwirtschaft.
Bei uns in Solingen wurde z.T. bis 1900 noch geteilt. Da hatte der Opa mit einem Kollegen zusammen an der Wupper einen Schleifkotten gebaut.
Also betrieb den jeder zu 1/2. Nach einigen Generationen gab es 16tel und 32tel Anteile an den Kotten, die dann sogar kleiner als die Arbeitsplätze (= Schleifsteine) waren und sogar zeitlich geteilt werden mußten.
Erst mit Aufkommen des Elektroantriebes und mit Fortschreiten der Industriealisierung änderte sich dies.
Aber selbst heute noch gibt es solche aufgesplitterten Betriebe.
Grüße
Eckard.

Hi, Drambeldier und Eckard!

Es ist schon so wie Eckard berichtet. Einer der ältesten Hinweise auf die Realteilung findet sich übrigens in Wolfram von Eschenbachs „Parzival“, der sich nicht über die „komische“ Sitte im Frankenland beruhigen kann, dem Ältesten alles zu vererben und die Jüngeren leer ausgehen zu lassen.

Darf ich dir dazu ein Bild zuschicken?

Die negativen Folgen, grad im Schwabenland, hat man durch die Flurbereinigungen nach 1945 - in meinem Heimatdorf trat sie an 1.1.54 in Kraft, also knapp ein Jahr nach meiner Geburt - beseitigen wollen. Und da gab es dann noch Zoff genug, weil die Rübenbauern nicht auf „IHR STÜCKLE“ verzichten wollten.

Schau mal in alte Flurkarten oder Kataster. Da staunst du nicht schlecht.

Gruß Fritz

Hallo !

Die „Realteilung“ gab es vor allem in Gegenden, wo Wein, Gemüse und Handelspflanzen angebaut wurden, nahe der großen Städte z.B…
Ebenso, wo kleine Milchwirtschaften guten Absatz boten oder Fabriken den Mann beschäftigten, während die Frau den Acker bestellt.
Dies war in Franken mehr verbreitet als in Bayern und Sachsen. Man konnte, durch den guten Absatz, auch auf kleinen Ländereien leben.

Die andere Art, die übrigens oft eine Aufteilung des bäuerlichen Vermögens nur hinausschob, die gemeinsame Bewirtschaftung eines Gutes durch alle Erben, hieß in der Schweiz die Gemeinderschaft, in Bayern die Kommunhausung.

Gruß max

Hallo Drambeldier,

so wurden nicht nur Äcker vererbt. Dies war auch die „Technik“ die das Pommersche Herrscherhaus verwendete. Welch Ironie der Geschichte: Pommern ist nicht vor die Hunde gegangen, weil es dadurch in 1000 Teile zersplittert wurde, nein, die Herrschaften sind ausgestorben…

Gruß
Manfred

Keiner versteht mich…
Liebe Leute,

nun weiß ich also, wer wo über die Landwirtschaft hinaus Realteilung betrieben hat. Zum Kern sind wir allerdings noch nicht vorgedrungen: Wie lange gab es diese Methode der Erbteilung? Das muss doch rapide zum Ende gekommen sein - einfach mangels Masse. Eckard schreibt ja schon von 1/32 Anteilen am Schleifbetrieb; wieviel schlimmer noch muss es sein, vor dem Pflug keinen Ochsen mehr einschirren zu können, weil das Gespann länger ist als die Flur!

Gruß Ralf

Hallo !

Mit der Möglichkeit nach Amerika und Australien in Massen auswandern zu können, hörte diese Teilung dann auf. Von Mitte bis Ende des 19. Jahrhunderts verliessen 100 000sende von Menschen Deutschland und machten Platz für die, die hierblieben. Gerade aus der Landwirtschaft verließ ein Großteil ihre Heimat.

Man darf aber nicht vergessen, das diese Realteilung fast nur im Süden Deutschlands praktiziert wurde. Im Norden, Scleswig, Niedersachsen erbte immer nur der Älteste den Hof. Die jüngeren Brüder blieben als Knecht oder bekamen eine Köterstelle.
gruß max

Aber klar haben wir Dich verstanden, lieber Ralf,

bretiu eigendom werden smal so man si teilet durch die zal…

es ist nur so, dass wohl keiner die gewünschte Antwort aus dem Hut zaubern kann.
Ich habe mich mal ein wenig umgeschaut und diese Seite hier gefunden, die auf dem Umweg über den Namen auf das Thema kommt: http://www.altmuehlnet.de/ora/namen/ Dazu sind auch die beiden dort angeführten Links, besonders der zweite recht interessant.

Für die Schweiz gilt ein Verbot der Realteilung landwirtschaftlicher Flächen: http://www.gesetze.ch/sr/211.412.11/211.412.11_014.htm

Recht ausführlich wird auch hier http://www.kreis.aw-online.de/kvar/VT/hjb1980/hjb198… auf die Folgen der Realteilung eingegangen:
/Zitat/
_„Die Emanzipation der Frau ist also keine Errungenschaft der Neuzeit, denn schon zur Zeit des „Imperium Romanum“ suchte sich die Römerin zu behaupten. Sie hat zu ihrer Zeit viel, sehr viel erreicht — ihre wirtschaftliche Gleichstellung hinsichtlich der Hinterlassenschaft der verstorbenen Eltern. Diese Errungenschaft der „emanzipierten Römerin", nämlich die erwähnte Gleichstellung an der elterlichen Hinterlassenschaft von Sohn und Tochter, spüren wir bis in die Jetztzeit in den ehemals von römischen Legionen okkupierten deutschen Gebieten — im Bereich des „Imperium Romanum". Diese Gleichstellung von Mann und Frau als Erbberechtigte am elterlichen Vermögen ist ein Teil des römischen Rechts.

Diesem „Römischen Recht" steht allerdings in anderen Teilen Deutschlands das „landesübliche altgermanische Anerbenrecht" gegenüber. Dieses Anerbenrecht besagt aber, daß der Besitz an Feld und Haus ungeteilt auf den ältesten männlichen, in Ausnahmefällen auch auf eine weibliche Hausinsassin, Erben übertragen werden soll und muß. Die übrigen Kinder werden abgefunden, obgleich sich im Laufe der Jahrhunderte — besonders hinsichtlich der Mobilien — grundlegende Änderungen zugunsten, der weichenden Erben ergeben haben.

So wie die Okkupationsmächte die Wirtschaftsformen ihrer Mutterländer in ihrem neuen Herrschaftsbereich einzuführen versuchen — auch die Neuzeit gibt hierfür markante Beispiele (Kollektive nach östlicher Prägung) — so haben auch die römischen Legionen bzw. die römischen Verwaltungsorgane Römisches Recht in ihrem Herrschaftsgebiet im „Imperium Romanum" eingeführt. Wir sehen daher noch heute in allen germanischen Regionen des ehemaligen Imperiums, die über 400 Jahre fremde Besatzung erdulden mußten, die Erbteilung, wobei des Wortes Schwergewicht auf Teilung zu legen ist. Doch ergibt sich hierbei eine interessante Erscheinung. Wir sehen am Niederrhein einen Übergang von der „römischen Freiteilung" bis hin zum altgermanischen „Anerbenrecht" der ungeteilten Hofübergabe."_

/Ende Zitat/

Wie es scheint sind also die Römer (oder ihre Frauen) daran schuld, dass das germanische Anerbenrecht durch die Realteilung ersetzt wird.

Hilft Dir das weiter?
Grüße
Eckard.

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Hallo Ralf

Anteilen am Schleifbetrieb; wieviel schlimmer noch muss es
sein, vor dem Pflug keinen Ochsen mehr einschirren zu können,
weil das Gespann länger ist als die Flur!

Eine Zahl kann Dir niemand sagen, denn oft war es eben so, dass kein Ochs vor dem Pflug war, da man keinen Ochsen hatte, dann spielt es auch keine große Rolle, wie die Fläche geschnitten war und wie groß sie letzttendlich war.

Mit Beginn der Industrialisierung, auch in den etwas abgelegeneren Gebieten kam die Realteilung langsam zu Ende, da der Lebensunterhalt komplett durch die Arbeit in einer Fabrik erarbeitet werden konnte.

Aber selbst davor kam es sicherlich das eine oder andere mal vor, dass der eine Bruder seinen Teil an den anderen verkaufte um in die Stadt/ins Ausland zu ziehen. Da wurde dann das ganze wieder zusammengeworfen. Zudem wurden schon lange vor der Flurbereinigungen natürlich von den einzelnen Bauern (die waren ja nicht doof) Flächen hin und hergetauscht (zumindest bei den größeren), damit die Einzelflächen wieder größer wurden.

Dann kommt noch hinzu, dass die Realteilung in machnen Gebieten schon lange nicht mehr aktuell war, während in anderen Gebieten sie noch lebenswichtig war. Eine generelle Antwort kann es eben nicht geben…

Grüße
Wolfgang

Heißen Dank!
Das waren Volltreffer, genau das, was der Laie braucht!

Mir geht’s wahrlich nicht um vorgefertigte Antworten, aber der Mantel der Gechichte hat mich noch nie gestroffen, ich wüsste weder wo noch wonach ich suchen sollte, deshalb war meine Hoffnung, dass ein Kundiger über die Frage stolpert. Und wenn ich merke, dass selbst unsere Generation die Fragen nicht mehr liest, dann muss ich halt mal jammern. Jetzt ist mir leichter.

Gruß Ralf