Redewendungen um 1900 (Morgenstern)

Hallo zusammen!
Bei Morgenstern sind mir zwei Verwendungen des Verbs ‚schiessen‘ aufgefallen, die ich gerne verstehen würde:

  1. „[Ich bin ein Purzelbaum], ich schiesse nicht, man schiesst mich.“
    Gibt es oder gab es den Begriff ‚einen Purzelbaum schiessen‘, oder ist das eine Schöpfung der Galgenbrüder?
  2. „Du bist doch klug und siehst uns [Menschen]:-
    […]
    Wir schiessen nicht, es schiesst uns.“
    Gibt oder gab es eine Redewendung ‚es schiesst mich‘ für verrückt werden oder so …? (Oder wird einfach Jägersprache ‚etwas schiessen‘ passiv auf den Menschen angewendet => ‚wir werden erschossen‘)

Gruss
Schorsch

Hallo Georg,

Ich schieße nicht, man schießt mich.

Für mich würde es einen Sinn ergeben, wenn man das Wort

http://psb1.uibk.ac.at/retti/oewb/dat/255.html

dafür einsetzt.

Liebe Grüße
Kerbi

Gibt es oder gab es den Begriff ‚einen Purzelbaum schiessen‘?

Ja

Gibt oder gab es eine Redewendung ‚es schiesst mich‘ für
verrückt werden oder so …?

Ja

Hallo, Schorsch,

Purzelbaum schießen ist gang und gäbe!
Der Purzelbaum heißt in Norddeutschland auch:

Koppheisterschießen und auch Kobolz schießen.

Außerdem gibt es in den verschiedenen deutschen Regionen noch: Koppstibolter, Kalabums, Bocksterz, Kopfgäugel, Sturzelbaum, Gäugelbock, Kollertiur, Kuselkopp, Kukelebaum, Tummelkopf, Purzelbock, Purzengägel, Sturzebock, Scheurepurzel.

All diese kann man entweder „schlagen“ oder „schießen“.
Also keine Erfinung Morgensterns, sondern heute noch üblicher Sprachgebrauch.

„Ins Kraut schießen“, „der Salat schießt“, „einen Bock schießen“, „verschossen sein in ein Mädchen“, „es ist zum Schießen“, bedeuten alle etwas, was nicht in Ordnung ist, was den Aspekt der Unklugkeit, der Maßlosigkeit, des ungesunden Übermaßes an sich hat.

„hin und herschießen“ sagten die Weber vom Schiffchen, das sich zwischen den Kettfäden bewegt, und das bedeutet heute: sich rasch und unruhig bewegen.

Im Liederbuch der Clara Hätzlerin 15. Jhdt. ?) findet sich schließlich die Redewendung: Jemand ist geschossen (auch angeschossen) in der Bedeutung: der ist „närrisch, verrückt, besoffen oder verliebt“.

Gruß Fritz

Und da fällt mir ein…
dass es auch die mundartliche Redewendung „der hat ja 'nen Schuss“ gibt. Und das bedeutet: der ist nicht ganz „dicht“…

Kenn ich jedenfalls aus meiner Kindheit und Jugend in der Oberpfalz.

Grüße
Uschi (ohne Schuss)
:wink:

Danke!
Vielen Dank, Ihr habt mir sehr geholfen!