Regeln in Gemeinschaften

Hallo Experten,

beobachtend den - für mich absolut nicht nachvollziehbaren - „Kleinkrieg“ einiger Nutzer hier gegen manche einfache und gesetzte Regeln des w-w-w stellen sich mir die Fragen:

Welche Theorien gibt es bzgl. Regeln und menschlicher Charaktere?

Im interkulturellen Kontext ist mir mal erklärt worden, dass z.B. Tschechen im Durchschnitt Regeln brauchen, um sie dann - leicht subversiv - zu umgehen bzw. zu bekämpfen. Bekommen sie allerdings keine Regeln, dann sind sie unglücklich, da leicht orientierungslos (sicher sehr verallgemeinernd). Davon abgeleitet kann ich mir also sehr wohl vorstellen, dass es Menschen gibt, die

  • Regeln brauchen und ohne Widerspruch einhalten
  • Regeln brauchen, um sie zu umgehen (passiver Widerstand)
  • Regeln brauchen, um sie zu bekämpfen (aktiver Widerstand)
  • keine Regeln wollen, da sie sich a priori eingeengt fühlen.

Ist das so, und/oder gibt es noch andere vorstellbare Grund-Charaktere?

Weiterhin: Charakter b) c) und d) stellen ja durchaus nicht nur Risiken für eine Gemeinschaft dar, sondern durchaus auch Chancen. Ich denke hier u.a. auch an die prinzipiell erwünschten Querdenker in Unternehmen, die aber dann doch regelmäßig die ersten sind, die einen Kopf kürzer gemacht werden:wink:

Wie kann ich die verschiedenen Charaktere frühzeitig erkennen und vor allem:
Wie kann ich (bzw. auch w-w-w) mit den einzelnen Charakteren in einem Team umgehen? Einbinden? Eindämmen? Ignorieren? Kopf kürzen? Regeln auf sie anpassen? Gibt es da Theorien? Oder was meint ihr?

Helft mir bitte!

Grüße
Jürgen

Hallo Jürgen,

da dir immer noch keiner geantwortet hat, trau ich mich jetzt einfach mal meine Laienhaften Gedanken aufzuschreiben.

Die von dir beschriebenen Typen treffen es IMHO ganz gut. Was mir dazu einfällt, ist, dass wahrscheinlich die meisten (außer die notorischen Regelbrecher) die Regeln dann nicht befolgen, wenn sie den Sinn dahinter nicht erkennen können. Bei diesen Leuten hilft glaub ich am ehesten, wenn man einfach geduldig versucht, den Grund für die Regel zu erklären.

Kleines Beispiel dazu aus dem Forum: Bei dem Typ Mensch, ist es IMHO ganz schlecht, wenn man mit dem Argument kommt, das Team hat Hausrecht, und kann machen was es will. Das Problem ist halt, dass man die Geduld irgendwann verliert, wenn man es zum 100sten Mal erklärt hat. Auch wenn der Fragesteller vielleicht ein neuer ist.

Näher will ich darauf jetzt nicht eingehen, sonst entsteht hier auch noch eine Diskussion, über den Sinn der Regeln hier bei W-W-W.

Ich wollte nur noch sagen, dass ich genau sowas auch bei mir, aus dem alltäglichen Leben kenne. Verkehrsregeln z. B. Wenn ich auf einer Straße plötzlich, und ohne erkennbaren Grund eine 80er Beschränkung habe, rebellier ich irgendwie dagegen. Denk mir, was soll das jetzt. Wenn sowas aber mit dem Hinweis Wildwechsel da steht. Hab ich mehr Verständnis dafür, und halte mich eher dran.

Hoffe, ich konnte dir wenigstens ein paar neue Gedankenstöße geben.

Gruß
Michaela

Hallo Juergen

… kann ich mir also sehr wohl vorstellen,
dass es Menschen gibt, die

  • Regeln brauchen und ohne Widerspruch einhalten
  • Regeln brauchen, um sie zu umgehen (passiver Widerstand)
  • Regeln brauchen, um sie zu bekämpfen (aktiver Widerstand)
  • keine Regeln wollen, da sie sich a priori eingeengt fühlen.

Was meinst Du hier mit „Regeln“? Sind das

a) „Handlungsanweisungen“, die zwar das Verhalten zur
Umgebung bestimmen, die aber das Individuum nicht
von jeher „im Kopf“ hat, also nicht verinnerlicht hat,

b) „Handlungsanweisungen“, die das Individuum selbst
(und sein Handeln) bereits bestimmen, d.h., von
jeher verinnerlichte Regeln (der kulturelle Kontext,
in dem es aufgewachsen ist).

fragt sich

CMБ

Moin,

Welche Theorien gibt es bzgl. Regeln

Regeln werden dann befolgt, wenn ihr Sinn eingesehen wird oder aus Furcht vor Strafen.

und menschlicher
Charaktere?

Leute mit sogenanntem „Kadavergehorsam“ befolgen stumpf jede Regel.

Andere denken über Regeln nach. Erkennen sie den Sinn nicht, wird dieser hinterfragt. Erfolgt keine sinnvolle Erklärung, wird rebelliert. Nützt auch Rebellion nichts, wird entweder kapituliert (hier ist vermutlich entscheidend, wie schnell jemand bereit ist, sich für ihn sinnlos erscheinenden Zwängen und Hierarchien zu unterwerfen) oder man geht (falls die Möglichkeit besteht).

Wie kann ich (bzw. auch w-w-w) mit den einzelnen Charakteren
in einem Team umgehen? Einbinden? Eindämmen? Ignorieren? Kopf
kürzen? Regeln auf sie anpassen? Gibt es da Theorien? Oder was
meint ihr?

Entweder man stellt sich der Diskussion um die Sinnhaftigkeit einer bestimmten Regel (u.U. auch mehrfach, wenn die Regel in der Praxis tatsächlich nicht das erreicht, was sie eigentlich sollte), oder man läßt keine Diskussion zu und setzt die Regel stumpf durch. In letztem Fall muss man dann allerdings auch bereit sein, mit der Rebellion fertig zu werden. Ein „Wasch mir den Pelz aber mach mich nicht nass“ funktioniert nunmal nicht.

Wenn es nur einige wenige sind, welche gegen Regeln meutern, kann man diese natürlich auch entfernen.

Gruß
Marion

Hallo Semjon,

Was meinst Du hier mit „Regeln“? Sind das

a) „Handlungsanweisungen“, die zwar das Verhalten zur
Umgebung bestimmen, die aber das Individuum nicht
von jeher „im Kopf“ hat, also nicht verinnerlicht hat,

b) „Handlungsanweisungen“, die das Individuum selbst
(und sein Handeln) bereits bestimmen, d.h., von
jeher verinnerlichte Regeln (der kulturelle Kontext,
in dem es aufgewachsen ist).

Ich beziehe mich auf die in- und explizit gesetzten Verhaltensweisen innerhalb der Gruppe, die eine Zugehörigkeit zu einer bestimmten Gruppe zeigen oder herbeiführen bzw. in einer Gruppe - sei es bewußt definiert oder unbewußt eingeschliffen - als Zugehörigkeitsmerkmal existieren. (Man, schwer zu beschreiben …)

Also im aktuellen Bezug:
explizit: z.B. die vom Team gesetzten Regeln in der Netikette oder den FAQs. Eine gravierende Regelverletzung wird mit dem Ausschluss, also mit dem Ende der Zugehörigkeit zur Gruppe w-w-w-Nutzer sanktioniert.
implizit (bzw. nur in FAQs angerissen): das Duzen, die Grußformeln am Anfang und Ende o.a. Eine Verletzung dieser Regeln führt zumindest zu Beißreflexen so mancher, was ja eine Assimilation des Regelbrechers an die Gruppe herbeiführen soll …

Offensichtlich sollen diese „Regeln“ ja vor allem eine Homogenisierung der Gruppe und eine Abgrenzung zu anderen Gruppen bewirken.

Was mir aber eigentlich nicht weiterhilft, da ich eigentlich den Umgang mit Menschen lernen will, die zwar zu einer Gruppe dazugehören, aber sich nicht an die Gruppenregeln halten wollen.

Grüße
Jürgen

Moin,

Was mir aber eigentlich nicht weiterhilft, da ich eigentlich
den Umgang mit Menschen lernen will, die zwar zu einer Gruppe
dazugehören, aber sich nicht an die Gruppenregeln halten
wollen.

Ganz einfach: wenn die Regel in deinen Augen Sinn macht, dann versuche diesen Sinn zu vermitteln, wenn nicht, schließ dich den Kritikern an.

Gruß
Marion

Moin Marion,

Welche Theorien gibt es bzgl. Regeln

Regeln werden dann befolgt, wenn ihr Sinn eingesehen wird oder
aus Furcht vor Strafen.

Wirklich? Ich zumindest denke, es gibt noch weitere Gründe für die Regeleinhaltung - z.B. Gewohnheit oder Bequemlichkeit und weitere Gründe für die Nichteinhaltung z.B. Fundamentalwiderstand, Aufmerksamkeitsheischung …

Und genau deswegen bestreite ich, dass es immer zielführend ist, den Sinn von Regeln zu vermitteln, da dies ein sehr „technokratischer“ Ansatz ist. Wenn z.B. Regelmissachtungen erfolgen, um Aufmerksamkeit zu erhalten (meine Vermutung für einen guten Teil der Rebellen), dann hilft Dir der Ansatz Sinnvermittlung oder Strafe wenig. Und u.a. um diese Fälle geht es mir …

Entweder man stellt sich der Diskussion um die Sinnhaftigkeit
einer bestimmten Regel (u.U. auch mehrfach, wenn die Regel in
der Praxis tatsächlich nicht das erreicht, was sie eigentlich
sollte), oder man läßt keine Diskussion zu und setzt die Regel
stumpf durch. In letztem Fall muss man dann allerdings auch
bereit sein, mit der Rebellion fertig zu werden. Ein „Wasch
mir den Pelz aber mach mich nicht nass“ funktioniert nunmal
nicht.

s. oben, ich halte Deinen Ansatz für zu „technokratisch“, da für mich beim Regelmissachten sehr viel zwischenmenschliches mitspielt. So gibt es in meiner Nähe genug Fälle, wo ich behaupte würde, dass alleine die Änderung der Person, die die Regeln vorgibt oder die Einhaltung kontrolliert, zur Akzeptanz von Regeln führen kann, die bei einer anderen Person vehement bestritten wurden. Das hat dann aber sicher nichts mit Sinnhaftigkeit zu tun:wink:

Grüße
Jürgen

Moin

Regeln werden dann befolgt, wenn ihr Sinn eingesehen wird oder
aus Furcht vor Strafen.

Wirklich? Ich zumindest denke, es gibt noch weitere Gründe für
die Regeleinhaltung - z.B. Gewohnheit oder Bequemlichkeit und
weitere Gründe für die Nichteinhaltung z.B.
Fundamentalwiderstand, Aufmerksamkeitsheischung …

Und genau deswegen bestreite ich, dass es immer zielführend
ist, den Sinn von Regeln zu vermitteln, da dies ein sehr
„technokratischer“ Ansatz ist. Wenn z.B. Regelmissachtungen
erfolgen, um Aufmerksamkeit zu erhalten (meine Vermutung für
einen guten Teil der Rebellen), dann hilft Dir der Ansatz
Sinnvermittlung oder Strafe wenig. Und u.a. um diese Fälle
geht es mir …

Hm…
Wenn mir der Sinn einer Regel einleuchtet, werde ich sie aber aller Wahrscheinlichkeit auch dann nicht brechen, wenn ich Aufmerksamkeit erregen will.

Ein Beispiel: Wenn jemand die Regel gut findet, keine Zigarettenkippen auf den Boden zu werfen, dann wird er auch keine Kippen hinwerfen, um aufzufallen. Er würde sich ja anschließend selbst über die Kippen ärgern.

Wenn jemand jedoch keinen Sinn darin sieht, z.B. mit Krawatte beim Essen zu erscheinen, dann wird er sie weglassen, entweder wenn er Aufmerksamkeit erzeugen will, und/oder um durch sein Handeln darauf aufmerksam zu machen, dass er diese Regel sinnlos findet. Umgekehrt wird jedoch ein Schuh drauß, da hast du recht. Will meinen: auch wenn einer die Sinnhaftigkeit einer Krawatte nicht sieht, wird er trotzdem eine tragen, wenn er keine Aufmerksamkeit erregen will oder die Strafe fürchtet (z.B. Ausschluss vom Essen).

s. oben, ich halte Deinen Ansatz für zu „technokratisch“, da
für mich beim Regelmissachten sehr viel zwischenmenschliches
mitspielt. So gibt es in meiner Nähe genug Fälle, wo ich
behaupte würde, dass alleine die Änderung der Person, die die
Regeln vorgibt oder die Einhaltung kontrolliert, zur Akzeptanz
von Regeln führen kann, die bei einer anderen Person vehement
bestritten wurden. Das hat dann aber sicher nichts mit
Sinnhaftigkeit zu tun:wink:

Das sehe ich anders. Wenn einer die Sinnhaftigkeit einer Regel erkennt, wird er selbst darauf achten, diese einzuhalten. Dabei spielt es für ihn weder eine Rolle, wer diese Regel ursprünglich erlassen hat, noch wer außerdem die Einhaltung kontrolliert.

Erst wenn es um das Einhalten von Regeln geht, wo der Sinn eigentlich nicht so recht klar ist, kommen IMHO die oben von dir erwähnten Kriterien zum tragen.

Das Beispiel in dem anderen Posting mit der Geschwindigkeitsbeschränkung finde ich nicht schlecht. Wenn jemand einsieht, dass hier eine Beschränkung sinnvoll ist, wird er sich daran halten. Er wird vermutlich sogar sauer, wenn andere dort rasen, weil er der Meinung ist, dass diese sein Leben mit gefährden. Sieht jemand die Beschränkung nicht ein, wird er vermutlich eher zu schnell fahren, es sei denn er geht davon aus, dass dort geblitzt wird (Strafe). Ob diese Regel vom Staat erlassen wird, spielt im ersten Fall keine Rolle. Im zweiten Fall hingegen schon. Vermutlich wird der Mensch auf den Staat und seine „sinnlosen“ Regeln schimpfen.

Gruß
Marion

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Hallo Jürgen,

deine Gruppen und die Schlüsse daraus gelten nur für gleiche Voraussetzungen.
(annähernd gleiches Bildungsniveau, gleicher Status, gleiche Verweildauer in der Gruppe und und und )

Du fragst in Richtung w-w-w und da bin ich keine Expertin, die Problematik der Strukturen von Institutionen- Vereinigungen- Wissens und Glaubensgemeinschaften und deren Regeln laufen aber sehr ähnlich ab.

Sehr wichtig und das wurde dir in den Antworten auch gesagt, ist die Akzeptanz und das für sich positive Verstehen von Regeln.
Noch wichtiger wäre das vorbildliche Verhalten von akzeptierten Mitgliedern einer Gruppe und genau da fängt die Diskrepanz bei vielen Gruppenbildungen an.

beobachtend den - für mich absolut nicht nachvollziehbaren -
„Kleinkrieg“ einiger Nutzer hier gegen manche einfache und
gesetzte Regeln des w-w-w stellen sich mir die Fragen:

Du schreibst „Kleinkrieg“ und gegen einfache und gesetzte Regeln!
Der Kleinkrieg ist für dich nicht nachvollziehbar (für mich übrigens auch nicht)
und in Folge wäre für dich und für mich zu klären, von wem und warum dieser Kleinkrieg geführt wird?

Als Info warum mich deine Fragen angesprochen haben, ich arbeite bei einer Menschenrechtsorganisation und da ist die Frage nach Integration - aber wie, an der Tagesordnung.

Welche Theorien gibt es bzgl. Regeln und menschlicher
Charaktere?

Ich hoffe keine!

Im interkulturellen Kontext ist mir mal erklärt worden, dass
z.B. Tschechen im Durchschnitt Regeln brauchen, um sie dann -
leicht subversiv - zu umgehen bzw. zu bekämpfen. Bekommen sie
allerdings keine Regeln, dann sind sie unglücklich, da leicht
orientierungslos (sicher sehr verallgemeinernd).

Das ist sicher sehr verballhornt und du solltest dich nicht blockieren und dir NICHTS…

Davon
abgeleitet kann ich mir also sehr wohl vorstellen,

ableiten und vorstellen!!!

Grundsätze sind gut…verstehen ist besser,
Paroli von Cora :wink:)

Hallo Jürgen,

Was mir aber eigentlich nicht weiterhilft, da ich eigentlich
den Umgang mit Menschen lernen will, die zwar zu einer Gruppe
dazugehören, aber sich nicht an die Gruppenregeln halten
wollen.

Das ist eigentlich ganz einfach:
Du musst nur diese Leute erst einmal akzeptieren, wie sie sind, von diesem Standpunkt aus kann man dann als gleichberechtigte Partner weiterdiskutieren und dann ist es erst ein Dialog und nicht zwei Monologe.

Ich hatte so auch sehr gute Kontakte zu recht schlagkräftigen Neonmazis:
Eiegntlich geht das immer nach dem Schema, dass ich nicht behaupte, dass die Anderen falsch liegen, sondern, dass ihre Lösungen für MICH nicht stimmen (also z.B. Ausländer raus) ich aber das Problem (z.B. Arbeitslosigkeit) auch erkenne und es gelöst werden muss.
Das Ganze artete dann darin aus, dass ich von denen als „alter Nazi“ begrüsst wurde und ich sie als „Linke“ oder „Sozialisten“ begrüsste. Die Anderen der Gruppe wurden dabei meist recht blass, weil so etwas kein Anderer erlauben durfte, aber jede Seite wusste wie es gemeint war, eigentlich entstand dabei eine neue Regel.

Also man stellt die Gemeinsamkeiten heraus und bei den Unstimmigkeiten distanziert man sich ohne dem Anderen seine eigene Meinung als die einzig richtige zu verkaufen. Als Kompromiss nimmt dann jeder etwas Rücksicht auf den Anderen, bzw. man diskutiert dieses Thema nicht mehr weiter, da die Standpunkte klar sind.

MfG Peter(TOO)

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