Religion(en) und Toleranz

Wer Überzeugungen hat, kann nicht tolerant sein.
Wer tolerant ist, kann keine Überzeugungen haben.

Stimmt das?

Kann man in einer „absoluten Bindung“ (=Religion) leben

  • einschließlich Gemeinschaftsbezug und Alltagsprägung -
    ohne Unfrieden zu stiften?

Kann man Frieden stiften ohne „absolute Bindung“?

Ist eine kontroverse Diskussion schon Symptom von Intoleranz,
der erste Schritt zum „Kreuzzug“, zum „heiligen Krieg“?

Oder kommen Kreuzzüge gerade da auf,
wo die eigene Überzeugung
nicht mehr in ihrem Ursprung verankert ist?

Überzeugung
…die Folgerung stimmt nur wenn die Folge von Überzeugung zwangsläufig Mission heißt, Denken auch Handeln nach sich zieht.

…die Folgerung stimmt nur wenn die Folge von
Überzeugung zwangsläufig Mission heißt, Denken
auch Handeln nach sich zieht.

Hallo Diana!
Welche Folgerung meinst du?
Hast du meinen Artikel ganz gelesen?
Er enthält mehr Fragen als „Folgerungen“!

Und das sind für mich echte Fragen,
nicht ganz neue, aber in multikulturellen Verhältnissen
(nicht bloß „multi“, sondern auch „kulturell“)
unvermeidliche.

Die Lösung, dass man denken darf, was man will,
solange das keine Konsequenzen im Handeln hat
(ist das deine Meinung?)
bringt, meine ich nicht viel weiter.
Darf eine Muslimin denken,
dass es sich für sie gehört, ein Kopftuch zu tragen,
es aber nicht tun?
Was ist mit Glocken, Wand-, Turm- und Gipfelkreuzen,
Minaretten, öffentlichen Gebeten, religiösen Tischsitten,
Speisevorschriften, Fastenzeiten, heiligen Symbolen, Tabus?

Religion ist nie bloßes Denken/Überzeugtsein,
sonst wird sie farblos und langweilig.
Aber damit haben wir das Problem, um das es mir geht.

Gruß,
Peter

Wer Überzeugungen hat, kann nicht tolerant sein.
Wer tolerant ist, kann keine Überzeugungen haben.

Hi Peter
von wem stammt denn der Käse?

Die Aussage kann nur dann stimmen, wenn Überzeugungen als subjektiv absolute Wahrheiten angesehen werden. das heisst: das in einem solchen Falle ich mir absolut sicher bin, das MEINE sicht der dinge die einzig korrekte ist. das hat mit überzeugungen nichts mehr zu tun, sondern das ist Fanatismus.

Gerade bei Religionen ist dieses Verhalten leider immer noch weit verbreitet.
Wenn man jedoch zur Erkenntnis kommt (und dazu kommt jeder halbwegs vernünftige Theologe) das Gott i.w.S. durch den Menschen niemals vollständig erfassbar ist, und jeder vermutlich einen anderen Ausschnitt davon sieht (sofern er ihn überhaupt sieht) dann sieht das mit dem Absolutheitsanspruch ganz anders aus.

Ich kann Überzeugungen haben, ich kann danach leben, ABER ich kann niemanden mit Gewalt davon überzeugen, das die meinigen die „richtigen“ sind. Ich bin mir ja selber nicht sicher.
Der einzige Limitierende Faktor liegt darin, das diese Überzeugungen in einem gewissen „Verhaltenskorridor“ liegen müssen, der von Unmenschlichem Verhalten begrenzt wird. Derartige unmenschlichkeiten (Völkermord, massive Geschlechterunterdrückung etc. ) dürfen nicht geduldet werden!
Oder: Toleranz ist ein Geschäft auf Gegenseitigkeit.

Kann man in einer „absoluten Bindung“ (=Religion) leben

  • einschließlich Gemeinschaftsbezug und Alltagsprägung -
    ohne Unfrieden zu stiften?

Ja. solange ich den anderen ausserhalb der Religionsgemeinschaft als genauso „wertvolles“ menschliches Wesen ansehe, dessen Überzeugungen zu achten sind.

Kann man Frieden stiften ohne „absolute Bindung“?

ja, sogar besser, denn mit einem utiliaristischen Ansatz nach dem Motto: Frieden ist besser als Krieg, weil dann alle gemäß ihrer Fasson glücklich werden können, komme ich viel weiter als mit irgendwelchen pseudoreligiösem Geschwafele (tschuldigung…) und absoluten Zwangsvorschriften, die aus einer absoluten Bindung resultieren.

Ist eine kontroverse Diskussion schon Symptom von Intoleranz,
der erste Schritt zum „Kreuzzug“, zum „heiligen Krieg“?

Nein, natürlich nicht. Bereits im Wort „Diskussion“ ist ja die Kontroverse enthalten. Solange man die Meinung des anderen nicht sofort als „schwachsinnig“ einstuft, da sie den eigenen Überzeugungen zuwieder läuft, kann dadurch sogar mehr Verständniss für die Position des andern zustandekommen. „Verständniss“ ist ja nicht gleich „einverstanden“

Oder kommen Kreuzzüge gerade da auf,
wo die eigene Überzeugung
nicht mehr in ihrem Ursprung verankert ist?

Kreuzzüge kommen auf, wenn Überzeugungen zu Fanatismus mutieren, und die „Idee“ über den „Mensch“ gestellt wird

Gruss
Mike

…die Folgerung stimmt nur wenn die Folge von
Überzeugung zwangsläufig Mission heißt, Denken
auch Handeln nach sich zieht.

Und das sind für mich echte Fragen,
nicht ganz neue, aber in multikulturellen Verhältnissen
(nicht bloß „multi“, sondern auch „kulturell“)
unvermeidliche.

Die Lösung, dass man denken darf, was man will,
solange das keine Konsequenzen im Handeln hat
(ist das deine Meinung?)
bringt, meine ich nicht viel weiter.
Darf eine Muslimin denken,
dass es sich für sie gehört, ein Kopftuch zu tragen,
es aber nicht tun?

Wenn die Muslimin das für sich wünscht, soll sie es doch tun. Bei der Frage, ob die Frau auch als Lehrerin in einer staatlichen Schule angestellt sein muss, bin ich im schwanken.

Was ist mit Glocken, Wand-, Turm- und Gipfelkreuzen,
Minaretten,
öffentlichen Gebeten,
religiösen Tischsitten,
Speisevorschriften,
Fastenzeiten,
heiligen Symbolen,
Tabus?

Toleranz heiss für mich die Ausdrucksformen der anderen (ich bin ev.-luth.) zu achten, auch wenn sie mir nichts geben bzw. ich nichts damit anfangen kann. Das erwarte ich auch von der Gegenseite.
Ich missionier einem Moslem nicht, Schweinefleisch zu essen oder den Ramadan saussen zu lassen. Ich rede mit ihm aus Interesse an seiner Kultur.

Religion ist nie bloßes Denken/Überzeugtsein,
sonst wird sie farblos und langweilig.
Aber damit haben wir das Problem, um das es mir geht.

Meiner Meinung fängt das Problem wo anders an:
Wenn religiöse/kulturelle Ausdruckformen gegen die Würde des Menschen geht.
Also wenn Papa die Tochter mit psych/phys. Gewalt dazu bringt den Tschador anzuziehen.
Über Körperverletzung (Klitoris-Beschneidung) diskutier ich nicht, das gehört als solche bestraft, kulturelle Tradition hin oder her.

Tschuess Marco.

Wer Überzeugungen hat, kann nicht tolerant sein.
Wer tolerant ist, kann keine Überzeugungen haben.

Stimmt das?

Ich würde sagen: definitiv nein! :smile: Nur weil ich von etwas
überzeugt bin, heißt das doch nicht, daß ich anderen gegenüber
nicht tolerant sein kann…
Ich bin zum Beispiel überzeugter Vegetarier. Das heißt nun aber
nicht, daß ich jedem Fleischesser sein Verhalten vorwere. Meiner
Meinung nach muß jeder seinen eigenen Weg zur Seligkeit finden.
Wer bin ich denn, daß ich anderen sagen könnte, was für sie
richtig ist, und was nicht?

Kann man in einer „absoluten Bindung“ (=Religion) leben

  • einschließlich Gemeinschaftsbezug und Alltagsprägung -
    ohne Unfrieden zu stiften?

Könnte man wohl, wenn man nicht versucht, die anderen zu
missionieren. Dummerweise gibt es aber selbst dann aber noch die
Leute, die einen von ihrer eigenen Meinung zu überzeugen
versuchen und meinen sie allein hätten den Weg zum Glücklichsein
gefunden…

Kann man Frieden stiften ohne „absolute Bindung“?

Was hat das eine mit dem anderen zu tun? Verstehe ich nicht
ganz…

Ist eine kontroverse Diskussion schon Symptom von Intoleranz,
der erste Schritt zum „Kreuzzug“, zum „heiligen Krieg“?

Eine kontroverse Diskussion zeigt doch wohl eher, daß man bereit
ist über etwas zu reden, ohne sich gleich die Köpfe
einzuschlagen, oder? Wenn ich mit jemandem über diskutiere, bin
ich ja schon mal bereit dazu, die Argumente des anderen
anzuhören. Das deutet für mich noch nicht auf „heiligen Krieg“
hin.

Oder kommen Kreuzzüge gerade da auf,
wo die eigene Überzeugung
nicht mehr in ihrem Ursprung verankert ist?

Kann man so, glaube ich, nicht sagen. Kreuzzüge sind meiner
Meinung nach einzig und allein ein Zeichen von Intoleranz, ganz
egal wie sehr sie in irgendwelchen Ursprüngen verankert sind.

Schöne Grüße,

Stephan Hübner

Die Lösung, dass man denken darf, was man will,
solange das keine Konsequenzen im Handeln hat
(ist das deine Meinung?)
bringt, meine ich nicht viel weiter.

Und ist, meiner Meinung nach, auch nicht unbedingt ganz
zutreffend, falls es so gemeint war. Das würde ja bedeuten, daß
jeder seine Religion oder Überzeugung allerhöchstens geistig
ausleben dürfte. Ich denke eigentlich, daß jeder schon so
tolerant sein sollte, dem anderen zu gestatten, seine Religionen
oder Überzeugungen auch nach außen hin zu vertreten. Natürlich
gibt es da eine Grenze, wo zum Beispiel andere Individuen
wirklich ernsthaft geschädigt werden.

Darf eine Muslimin denken,
dass es sich für sie gehört, ein Kopftuch zu tragen,
es aber nicht tun?

Wenn sie der Überzeugung ist, daß es sich für sie gehört, soll
sie es auch tun (dürfen), ohne von anderen diskriminiert zu
werden. Christen tragen ein Kreuz an einer Kette um den Hals.
Ich habe noch niemanden gehört, der sich darüber aufgeregt
hätte…

Was ist mit Glocken, Wand-, Turm- und Gipfelkreuzen,
Minaretten, öffentlichen Gebeten, religiösen Tischsitten,
Speisevorschriften, Fastenzeiten, heiligen Symbolen, Tabus?

Selbige Antwort wie oben.

Schöne Grüße,

Stephan Hübner

Ich denke eigentlich, daß jeder schon so
tolerant sein sollte, dem anderen zu gestatten, seine
Religionen
oder Überzeugungen auch nach außen hin zu vertreten. Natürlich
gibt es da eine Grenze, wo zum Beispiel andere Individuen
wirklich ernsthaft geschädigt werden.

Das Problem sehe ich darin, dass echte Religion nie nur eine Sache von Individuen ist, sondern auch von Kollektiven.
Mehrheitsmeinung in Europa ist es ja heute, dass jeder „privat“ so religiös sein darf, wie er will, dass aber die „Öffentlichkeit“ religionsfrei zu sein hat. Die christlichen Kirchen genießen da noch ein historisches Privileg (z.B. Glockengeläut - wie lange noch?), aber die Mehrheit der Deutschen möchte keinen Muezzin über ihrem Stadtteil rufen hören. Fronleichnamsprozessionen werden in Norddeutschland nicht überall tolerant wahrgenommen; sie behindern auch manchmal den Verkehr.
Aber lebendige Religion ernährt sich gerade auch von überindividuellen Signalen und Vollzügen (z.B. auch von Wandkreuz und Gebet in der Schule), in denen die religiöse „Innerlichkeit“ Resonanz und gemeinschaftliche Verankerung erfährt und selbst der Skeptiker - durch die Ablehnung - an Identität gewinnt.
Das von Konfessionskriegen geschüttelte Europa hat - Gott sei Dank - die Unterscheidung von „privatem“ und „öffentlichem“ Kultus hervorgebracht und dadurch viel Unheil und Wahnsinn beendet.
Aber die bequeme Unterscheidung „privat - öffentlich“ muss in letzter Konsequenz jeder Religion die Lebensluft rauben.
Das ist das Problem, auf das ich aufmerksam machen möchte und für das es, glaube ich, keine einfache Lösung gibt.

Gruß,
Peter

Wer Überzeugungen hat, kann nicht tolerant sein.
Wer tolerant ist, kann keine Überzeugungen haben.

Stimmt das?

Hallo Peter,

ich denke schon. Mir fiel es aber erst auf als ich die Zeilen laß. Ich denke wer was anderes behauptet mußte noch nie ernst haft seine Überzeugung vertreten.

Gruß Owi

Hi Owi,

ich denke schon. Mir fiel es aber erst auf als ich die Zeilen
laß. Ich denke wer was anderes behauptet mußte noch nie ernst
haft seine Überzeugung vertreten.

Ich denke es gibt einen Unterschied, ob ich meine Überzeugung ernsthaft vertrete oder versuche, diese Überzeugung anderen (notfalls mit Gewalt!) aufzudrängen.

Man kann doch wohl kontrovers diskutieren, dabei den eigenen Standpunkt entschieden vertreten und trotzdem akzeptieren, daß andere Menschen andere Überzeugungen haben und diese ebenfalls vertreten.

Toleranz bedeutet ja nicht, daß man den eigenen Standpunkt aufgeben muß.

Viele Grüsse,
Lisa

Die christlichen
Kirchen genießen da noch ein historisches Privileg (z.B.
Glockengeläut - wie lange noch?), aber die Mehrheit der
Deutschen möchte keinen Muezzin über ihrem Stadtteil rufen
hören. Fronleichnamsprozessionen werden in Norddeutschland
nicht überall tolerant wahrgenommen; sie behindern auch
manchmal den Verkehr.

Ich denke aber nicht, daß das ein spezifisch „religiöses“
Problem ist, sondern eher ein „gesellschaftliches“ an sich.
Schließlich regen sich die Leute auch schon oft genug nur über
Kleidungsstil, Verhalten oder Lebensart der anderen auf.

Aber lebendige Religion ernährt sich gerade auch von
überindividuellen Signalen und Vollzügen (z.B. auch von
Wandkreuz und Gebet in der Schule),

Letzteres ist aber nicht ganz unproblematisch, da in einer
Schule immer verschiedene Religionen aufeinanderstoßen und es
nicht sein kann, daß man andersgläubigen den „allgemeingültigen“
Glauben aufdrängt.

in denen die religiöse
„Innerlichkeit“ Resonanz und gemeinschaftliche Verankerung
erfährt und selbst der Skeptiker - durch die Ablehnung - an
Identität gewinnt.

Ich denke, es gibt für jede Konfession genügend Möglichkeiten
sich auszuleben, auch in Gemeinschaft anderer.

Das von Konfessionskriegen geschüttelte Europa hat - Gott sei
Dank - die Unterscheidung von „privatem“ und „öffentlichem“
Kultus hervorgebracht und dadurch viel Unheil und Wahnsinn
beendet.

Ist das tatsächlich eine europäische Erfindung?

Aber die bequeme Unterscheidung „privat - öffentlich“ muss in
letzter Konsequenz jeder Religion die Lebensluft rauben.
Das ist das Problem, auf das ich aufmerksam machen möchte und
für das es, glaube ich, keine einfache Lösung gibt.

Das sehe ich nicht ganz so krass. Schließlich kann jeder in
gewissem Rahmen seine Religion auch in der Öffentlichkeit
ausleben.
Um es mal anders zu sehen: Wenn die eigene Religiösität nur von
„äußeren“ Symbolen und Riten abhängt, kann sie ja nicht allzu
bedeutungsvoll sein, oder?

Schöne Grüße,

Stephan Hübner

Toleranz bedeutet ja nicht, daß man den eigenen Standpunkt
aufgeben muß.

Viele Grüsse,
Lisa

Hi Lisa!

Das behaupte ich ja auch gar nicht.
Aber es gibt Themen, z.B. Todesstrafe, Kindesmissbrauch, Korruption usw. usf. da will ich mir noch nicht einmal eine andere Meinung anhören. Da habe ich eine Überzeugung und will nicht tollerant sein. Es ist natürlich klar das die meisten erst einmal aufjaulen und sagen ich habe eine Überzeugung und bin trotzdem tolleran, aber schau in dich rein und sage mir ob du bei einen dieser Themen Tolleranz zeigst. Ich bin da gerne intollerant und ich hoffe du auch.

Liebe Grüße Owi.

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