Religion ist verlogen!

Hallo Barbara,

meinst du wirklich, dass Mendelsohns Philosophie noch jüdische Religion genannt werden kann?
In seiner „Religion der Aufklärung“ ist doch Judentum nur noch in homöopathischer Konzentration vorhanden, so wie in Lessings Philosophie das Christentum.
Das ist doch Spinozismus und Spinoza wurde ausgestoßen. Dass Mendelsohn und Lessing diesem Schicksal entgingen, lag doch wohl nur an den „fortgeschrittenen Zeitläuften“.

Das ist eine Randbemerkung, kein Diskussionsbeitrag.

Gruß Fritz

hi!

mist, habe erst jetzt eure artikel gelesen!

meinst du wirklich, dass Mendelsohns Philosophie noch jüdische
Religion genannt werden kann?

ein glück für die jüdische religion ist, daß es niemanden gibt, der vorschreibt, was jüdische religion zu sein hat. es gibt keinen jüdischen papst, der den herrn mendelsohn exkommuniziert hätte.

Das ist doch Spinozismus und Spinoza wurde ausgestoßen.

von wem? vom judentum? eigentlich kann man gar nicht vom judentum ausgestoßen werden. wer da mal drin ist… das klebt an einem wie diese pampe in fliegenfallen *g*. klar werden die reformer und andere „abtrünnige“, auch philosophen, die gerne pauschal als atheisten gebrandmarkt werden, von anderen nicht anerkannt, aber wieso sollen die einen mehr autorität haben als die anderen? (nicht in israel… aber das ist eine andere geschichte!)

grüße
lehitraot :smile:

von wem? vom judentum?

Vom Sanhedrin der Stadt Amsterdam! Die den großen „Cherem“ (Bannfluch über Ketzer, Rebellen und Abtrünnige) aussprach, am 27. Juli 1656, und Spinoza aus der Synagoge vertrieb.

Der erste Biograph Spinozas schildert die Szene, vielleicht etwas übertrieben: Die Rabbiner betraten mit unheilverkündender Feierlichkeit die Synagoge. Lampen und Leuchter brannten. Als die Verwünschungen ausgesprochen wurden, erstarben die Lichter, eines nach dem anderen. Brennende Kerzen wurden in einer mit Blut (sic!) gefüllten Schale ausgelöscht, bis der ganze Raum in tiefer Dunkelheit lag. Die Schofaroth [Widderhörner] jammerten schrill. Der Vorsänger oder Oberrabbiner intonierte mit hohler Stimme den Text, die Gemeinde beantwortete jeden Passus mit einem zornigen „Amèn“. In den schlimmsten Fällen musste der Verfluchte sich als Fußmatte auf die Schwelle der Synagoge legen und Männer und Knaben über sich hinweggehen lassen.

  • Letzeres war bei Spinoza nicht der Fall, da er nicht dabei war. -

Der Text des Bannfluches ist erhalten im „Livro dos Acordas da Nacam“ der Portugiesisch-Israelitischen Gemeinde der Stadt Amsterdam.
Er beginnt mit den Worten: „Nach dem Urteil der Engel [wozu also einen Papst] und der Aussage der Heiligen verbannen, verfluchen, verwünschen und verdammen wir Baruch dÉspinosa. Mit der Zustimmung des gesegneten Gottes und dieser heiligen Gemeinde, vor den heiligen Büchern der Thora …
Er sei verflucht bei Tag und verflucht bei Nacht, verflucht sein Hinlegen und verflucht sein Aufstehen, verflucht sein Gehen und verflucht sein Kommen …
Hütet euch: dass niemand mündlich noch schriftlich mit ihm verkehre, niemand ihm die geringste Gunst erweise, niemand unter einem Dach mit ihm wohne, niemand sich ihm auf vier Ellen nähere, niemand eine von ihm gemachte oder geschriebene Schrift lese.“

Und 1660, als er auch noch aus der Stadt vertrieben wurde. Woraufhin Spinoza nach Rijnsburg zog.

Offensichtlich brauchte es keines „Papstes“, das Lokalparlament (16 Leute) genügte. Dessen Urteil hatte „weltweite“ Geltung. Mir ist jedenfalls nicht bekannt, dass eine andere Gemeinde dagegen protestiert hätte. Oder dass es heute jüdische Gemeinden gibt, in denen Spinoza als „heiliger Martyrer und Bekenner“ verehrt wird.

eigentlich kann man gar nicht vom judentum ausgestoßen werden. …

Also dann eben uneigentlich. Sätze, die mit eigentlich beginnen, sind so zweideutig!

Man kann also

als atheist gebrandmarkt werden, von anderen nicht
anerkannt, aber wieso sollen die einen mehr autorität haben
als die anderen?

Noch einmal: Das Urteil hatte „weltweite“ Geltung. Mir ist jedenfalls nicht bekannt, dass eine andere Gemeinde dagegen protestiert hätte. Oder dass es heute jüdische Gemeinden gibt, in denen Spinoza als „heiliger Martyrer und Bekenner“ verehrt wird.

Fritz

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Hallo Fritz:smile:,

inwieweit die liberalen Ideen der Aufklärer noch jüdisch oder christlich waren, es überhaupt sein wollten, ist eine spannende Sache. :smile:…Christian Wilhelm von Dohm bsw. ( der sich für die Emanzipation der Juden eingesetzt hat und die entsprechende Schrift: „Über die bürgerliche Verbesserung der Juden“ geschrieben hatte) war der Meinung, dass die Unterschiede zwischen Juden und Christen sich verlieren würden, wenn beide ihre traditionellen, sprich unaufgeklärten, dunklen, dogmatische Glaubensteile abwerfen würden…sein Deismus hat sicher wenig mit der damals vorherrschenden christlichen (und jüdischen) Theologie zu tun. Und nicht grundlos (meiner Meinung nach!) haben sich später eben pietistische Strömungen gegen die Verwässerung der christlichen Lehre durch den liberalen Protestantismus gewehrt.

Aber: Was noch christlich oder jüdisch ist, wer entscheidet das letztendlich?

Von daher: Ja:smile:. Und Nein:smile:.

Beste Grüße:smile:),

barbara

P.S. Zu Mendelssohn am Rande (siehst du sicher nicht anders): Ich finde seine Person gerade deshalb so spannend, weil er sich in so vielem „emanzipiert“ hat. In Anbetracht dessen, dass er in einer Zeit Jude war, die bedeutete, keinerlei Bürgerrechte zu haben, eine Person zweiter Klasse zu sein, ist es ja eigentlich Wahnsinn und ein unvorstellbarer Kraftakt, sich von den eigenen religiösen Wurzeln (nicht nur) gedanklich zu emanzipieren. Die Gefahr, von der eigenen Gruppe ausgestoßen zu werden, hatte ja ganz andere Konsequenzen als bei einem Christen.

hi lehi!

… aber *nicht* im islam.

Ja, leider, aus heutiger Sicht. Dabei waren da mal ganz große Geister am Denken, lange bevor das Christentum so weit war: Vor ca. 800 Jahren gab’s im maurischen Spanien u.a. einen Averroez/Ibn Ruschd, kennst Du vielleicht. Er hatte sich auf die Antike, auf die griechischen Denker berufen, ist vor einigen Jahren gerade einiges drüber geschrieben worden. Warum das dann alles wieder so untergegangen ist?? Die christliche Reconquista fand erst 100 - 200 Jahre später statt.
liebe grüße, Stucki

Hi Lehi!

Ich sagte Pilger! Nicht islam. Pilger oder sonstige.

Ein gläubiger Mensch auf dem Weg zur Kirche, noch schnell ein paar unliebsame Zeitgenossen umgebracht und dann nichts wie hin in die erste Reihe, sonst wird man nicht so gut gesehn.

Die Katholiken habens doppelt gut, die tun was sie wollen, gehen beichten und alles ist wieder im Lot. Das ist wahrscheinlich die vielgerühmte Geborgenheit die der Gläubige verspürt.

Ich glaub ich geh jetzt kotzen

ciao Armin

Vor ca. 800 Jahren gab’s im maurischen Spanien u.a. einen
Averroez/Ibn Ruschd, kennst Du vielleicht. Er hatte sich auf
die Antike, auf die griechischen Denker berufen, ist vor
einigen Jahren gerade einiges drüber geschrieben worden. Warum
das dann alles wieder so untergegangen ist??

hi stucki,

dies ist wirklich ein rätsel. du hast recht, die arabische welt gehörte einmal zu den fortgeschrittensten geistigen zentren der welt. wissenschaftlich waren die top. philosophie, mathematik… ja warum ist es untergegangen? frage ich mich auch.

lehitraot :smile: