Hallo,
da sich hier die Diskussion berechtigter Weise auch um die Frage nach einer Definition von Religion dreht, seien hier ein paar, die aktuell diskutiert werden, vorgestellt:
Nach Durkheim (klassisch-funktionale Theoriebildung) ist Religion ein kohärentes System von Glaubensüberzeugungen und Praktiken, das sich aud sakrale, also abgesonderte Dinge bezieht. Mauss hat diese Theorie weiterentwickelt, indem er vor allem im Kult die Funktion einer Kanalisation von Gewalt sah. Noch vor Weber hat er Religion als „Phénomène social total“ bezeichnet, um bei der Deskription von Religion eine unsachliche Trennung von Gesellschaft, Wirtschaft, Kultur und Religion zu vermeiden.
Malinowski ging noch darüber hinaus, indem er auf die wichtigen Determinanten Georgraphie und Klima aufmerksam machte.
Einen anderen Ansazu vertritt Geertz, dessen Ansatz an Semiotik und am Systembegriff orientiert ist. Danach ist Religion ein Symbolsystem, daß
- darauf abzielt, starke, umfassende und dauerhafte Stimmungen und Motivationen in den Menschen zu schaffen
- indem es Vorstellungen einer allgemeinen Seinsordnung formuliert und
- diese Vorstellungen mit einer Aura der Faktizität umgibt.
- Diese Dimmungen und Motivationen scheinen dabei völlig der Wirklichkeit zu entsprechen.
Angesichts der wissenschaftlichen Aporien, einen Religionsbegriff zu formulieren, hat Pollack 1995 Forderungen für einen Religionsbegriff aufgestellt:
- Er sollte Universalität und Konretion kombionieren
- Er stellt eine Überschreitung des jeweiligen Selbstverständnisses von Religion unter Einbeziehung sozialer, psychologischer und historischer Aspekte dar
- Jede Religion hat einen verbindlichen Geltungsanspruch, der von der WIssenschaft nicht verifiziert werden kann
- Die zu erstellende Definition von Religion muß als problemanzeigender Begriff formuliert werden, der sich empirisch füllen und korrigieren läßt.
Abschließend sei noch auf Weber hingewiesen, dem „Vater“ der Soziologie, der zumindest unter den klassischen Religionssoziologen als einziger auf eine Definition von Religion verzichtet hat.
Da Dein Posting enthielt, daß Du wissenschaftlich vorgehen möchtest, wäre es unabdingbar, sich zunächst für eine Definition zu entscheiden, dann könnten Deine Fragen beantwortet werden. Während einige Defintionen zulassen, das als Religion zu bezeichnen, was man gemeinhin als „Glauben“ bezeichnet, wäre bei anderen schon das PArteiprogramm der Grünen eine Religion.
Grundsätzlicher Hinweis für das Wissenschaftliche Fragen: Wissenschaft stellt keine Fragen, die die Antwort schon implizieren, man fragt also nicht, welche Religion zum Krieg geführt hat (denn das impliziert ja, daß irgendeine das schon getan hat), sondern schlicht, ob eine Religion zum Krieg geführt hat.
Grundsätzlich denke ich, daß Religion und Krieg empirisch als anthropologische Grundkonstanten zu betrachten sind. Mich würden also Begründungszusammenhänge interessieren. Dabei spielen Religion, aber eben auch wieder Wirtschaft, KLima, Geographie etc. eine Rolle. Jeder, der hier behauptet, das z.B. die Kreuzzüge sich allein aus Religion erklären lassen, hängt einem bewundernwerten schlichten GEschichtsbild an:wink:
Grüße,
Taju
PS: Bei Bedarf erstelle ich hier gerne eine Literaturliste zum Religionsbegriff…