Zum Begriff ‚glauben‘
immer wieder entstehen solche Fragen aus einem grundlegenden Mißverständnis dessen, was religionssprachlich unter „glauben“ verstanden wird. Fast immer - insbesondere von „Nichtgläubigen“ - wird der Ausdruck „an Gott glauben“ identifizier mit der Aussage „ich vertrete die Position, daß Gott existiert“. Nur dieses hätte die Qualität eines „Meinens“.
Wenn jemand sagt „Ich glaube an Gott!“, dann kann er das nur im Sinne eines „Meinens“ sagen, nicht aber im Sinne eines „Wissens“, denn dazu müsste er die Existenz beweisen können.
Das ist nicht ganz richtig. Im zweiten Sinne (von „wissen“) wäre es schlicht ein falscher Ausdruck des eigentlich gemeinten, oder es wäre vielmehr eine Vermutung, die besser so gesagt werden müßte „ich gehe davon aus, oder ich nehme an, daß Gott existiert“. Aber auch dann wäre der Ausdruck " an Gott glauben" völlig verfehlt. Im religionssprachlichen Sinne (und in diesem Sinne existiert der Ausdruck ausschließlich in der johanneischen Version des Christentums) ist „an Gott glauben“ aber etwa ganz anderes als eine Meinungsäußerung.
Wie ich schon mehrfach erwähnte, u.a. hier:
http://www.wer-weiss-was.de/cgi-bin/forum/showarchiv…
hat insbesondere die Christliche Religion drei Ausdrücke des „Glaubens“:
1. credere deo - dem Gott glauben. Das ist die jüdische und paulinische Variante. Der Ausdruck hat zwei Konnotationen: a. dem Gott gehorsam sein
b. den Gott für glaubwürdig halten.
2.a. credere deum (esse) - glauben, daß Gott ist. Das ist die scholastische Variante. „Sein“ ist übrigens etwas anderes als „Existieren“. Daher müßte hier noch eine weiter Form genannt werden, nämlich
2.b. credere deum existere - glauben, daß Gott existiert. Aber dabei wäre „credere“ wiederum falsch benutzt: Dort müßte stattdessen „behaupten“ stehen - womit dann ein erkenntnistheoretisches Problem angesetzt wäre.
**3. credere in deum - an (**genauer in) Gott glauben. Dies ist ein johanneischer Spezialbegriff, der im Joh.-Ev. eindeutig „erklärt“ ist (genauer gesagt: er ist dort mit einer „suppositio materialis“ versehen, d.h. mit einem anderen Ausdruck, der inhaltlich dasselbe ausdrückt).
zu „credere“ siehe auch hier:
http://www.wer-weiss-was.de/cgi-bin/forum/showarchiv…
Alle Diskussionen zwischen „Gläubigen“ und „Nichtgläubigen“, besonders auch hier im Brett, drehen sich aber ausschließlich umd den Ausdruck 2.b
Von einigen Ausnahmen abgesehen, werden heute aber
Gottesbeweise in der Folge Kants nicht mehr versucht.
ja, zumal Gottesbeweise alles andere intendierten, als zu bewiesen zu versuchen, daß Gott existiert, wie in diesem Link zu „Gottesbeweise“ und „Metaphysik“ angedeutet:
http://www.wer-weiss-was.de/cgi-bin/forum/showarchiv…
Wenn ich aber diese Aussage als Prämisse akzeptiert
habe, dann folgt daraus eine ganze Menge bis hin zur
(christlichen oder muslimischen) Ethik. Diese Folgen basieren
aber auf der nicht begründeten (und nicht begründbaren)
Prämisse der Existenz.
Das scheint mir theologisch nicht ganz korrekt. Denn die Ethik sowohl im Judentum als auch im Christentum basiert nicht auf der Existenzvoraussetzung, denn die Existenz wird immanent in beiden Religionen überhaupt gar nicht zum Gegenstand der Frage gemacht. Das geschieht erst im Verlauf der christlichen Philosophie des Abendlandes. Die Ethik basiert vielmehr auf immanent als von Gott „gegeben“ angenommenen sozialen Handlungsanweisungen.
Also ist innerhalb der Religion der Glaubensbegriff
unproblematisch, wohl aber der Wissensbegriff problematisch.
Ich würde eher sagen, der Glaubensbegriff ist durchaus problematisch, und zwar in allen Religionen, zu denen immer auch eine Lehre gehört, die sich ja wesentlich mit dem rechten Verständnis der Glaubensformen und -inhalte befaßt. Was innerhalb der Religionen unproblematisch ist, ist jedoch die Gottes-Existenz-Frage.
Was allerdings in diesem Zusammenhang wissens-möglich ist und was nicht, zählte in Europa gerade zu den Haupt-Problemstellungen der scholastischen Metaphysik (siehe Link oben).
Grüße
Metapher