Einer meiner Vorredner sagte: „Je mehr man gegen die gängigen,
„unschädlichen“ Religionen hetzt, umso mehr wenden sich die
Leute den Fanatikern, Extremisten, Seelenfängern und Betrügern
zu, …“. Das ist viel zu kurz gegriffen, es ist falsch. Zwar
gibt es kritische Stimmen gegen die etablierten Kirchen,
„Hetze“ ist aber hoffnungslos übertrieben.
Das verstehst Du eventuell falsch.
Kritik und Aufdeckung von Fehlern sind durchaus legitim und auch wünschenswert; wenn ein System nicht kritikfähig ist, kann es auch keinen Bestand haben.
Was ich meine ist: ja, sicher die Kirche macht Fehler ist ja alles schön und gut… aber muß man deswegen gleich sagen daß Religion im Großen und Ganzen pure Volksverdummung ist, muß man gleich sagen daß man besser garnicht erst in die Kirche gehen soll etc?
Würde man nämlich den Maßstab: „Da gibt es Mißstände, also müssen wir alle Leute davon fernhalten“ bei allem ansetzen, dann dürften wir garkeine zwischenmenschliche Gemeinschaft haben - denn überall gibt es Mißstände, größere und kleinere, subjektive und (relativ) objektive.
Wieso für Religion da einen besonderen Maßstab ansetzen? Den gleichen wie überall und gut ist.
Und es gibt ja durchaus „Hetzkampagnen“ gegen Religionen, Du hattest eine davon schon angedeutet: Bush vs. Terrorism, für einige äquivalent mit einer Verteufelung des Islam als Ganzem, was völlig über das Ziel hinausgeschossen ist! Im Rahmen von 9/11 wurde zeitweise allen Anhängern des Islam die Schuld an diesen Delikten gegeben als sei es ihre Religion schuld, daß das Ganze passieren konnte. Nun denn — wie sieht es mit Guantanamo und so aus? Sollte man dafür alle Amerikaner und die amerikanischen Ideale an den Pranger stellen, oder die politisch Verantwortlichen?
Aber das hat ja auch seine Gründe, ich habe das oben angedeutet. Meist haben die hauptamtlichen Träger der Religionen ja komplett gegen ihre eigenen „Grundgesetze“ - Bibel, Koran, … - verstoßen.
Nun denn, und genau darum sagte ich ja: je mehr man aus diesen Dingen verallgemeinert, desto prekärer wird es.
Bloß wegen Jo Samma im Laden? sollte man sich vom Islam fernhalten?
Bloß wegen der (mittlerweile auch teilweise entschuldigten!) unsäglichen Geschichte der katholischen Kirche vom Christentum?
Dann laß’ mich Dir was sagen, es gibt ein Sprichwort:
„Gib mir 5 Sätze vom rechtschaffensten Mann, den Du kennst, ich werde darin etwas finden, wofür man ihn aufhängen kann“ (sinngemäß).
Das trifft nunmal zu, sobald es IRGENDEIN System gibt, in dem Menschen involviert sind, werden Fehler gemacht!
Nunja wie auch immer, wenn man diese Fehler der Individuen nun dem System zur Last legt OBWOHL es unzutreffend ist (es gibt auch fehlerhafte Systeme, davon rede ich aber gerade nicht) - dann ist KEIN System akzeptabel. KEINS. Keine Religion, kein Staat, keine Familie, nichts. GAR NICHTS. Dann müßte man jeden Menschen auf einen anderen unbewohnten Planeten im Universum schießen, dann wäre alles bestens. Zumindest würde dann keiner Schaden für Andere verursachen.
Zurück zum Thema: Kritik schön und gut, aber wenn nun wirklich gegen die großen Religionen gehetzt wird und ein Mensch nunmal auf der Suche ist, aber nur die „bösen Teufelsgeschichten“ über die „großen Religionen“ kennt, wird er denen schonmal a priori den Rücken kehren und sich diejenige Religion suchen, über die man am wenigsten Negatives hört… und das ist normalerweise die täuschendste von allen möglichen Alternativen!
Als Beispiel, es gibt eine Gruppe, die gerichtlich gegen alle vorgeht, die im Internet oder sonstwie öffentlich zugängliche Informationen über ihre Fehler verbreiten. Natürlich hört man nichts Negatives über diese Gruppe. Sind sie daher die perfekte Religion? Oh, ganz im Gegenteil, da stimmst Du mir sicher auch überein.
Ich finde, man sollte halt nicht pauschal den Menschen die Suche so schwer und umständlich wie möglich machen, indem man Details überspitzt und so aus einer Mücke Elefanten macht (stimmt es denn nicht, daß der christliche Glaube bei vielen Leuten maßgeblich war, daß sie im 3. Reich Andere unter Risiko ihres eigenen Lebens vor dem Regime zu retten? Wieso solche Dinge in einen Topf werfen mit einem Priester, der seine Finger nicht von den Jungs lassen konnte… da hat das eine nichts mit dem Anderen zu tun!) sondern den Leuten möglichst objektiv gehaltene Informationen zukommen zu lassen über die Stärken und Schwächen, Fehler und Sonnenseiten der einzelnen Religionen, und dann den Einzelnen die persönliche Entscheidung treffen lassen.
Wenn man die Perspektive vertritt wie ich, daß effektiv jedes Wertesystem eine Religion im weiteren Sinne ist, dann erscheint es sinnlos, den Leuten Religion abgewöhnen zu wollen - es geht mehr darum, den Leuten nahezubringen, daß die Religion FÜR den Menschen ist, nicht der Mensch für die Religion, und das wiederum heißt: so sehr man sich mit seiner Religion identifizieren mag, so sehr sollte doch die Religion den Menschen in der Persönlichkeitsentfaltung stützen, statt ihn zu restringieren.
Und dazu gehört nunmal, daß unterschiedliche Leute unterschiedliche Religionen haben, weil nicht jeder gleich ist. Und keiner sollte versuchen, dem Anderen zu erzählen, daß er besser ohne leben sollte - wer es für seine Persönlichkeitsentwicklung braucht, der braucht es nunmal.