Hallo,
Warum brauchen viele Menschen unbedingt eine Religion oder
besser die mehr oder weniger starke Zugehörigkeit zu einer
religiösen Gemeinschaft?
In dieser Form möchte ich die Frage für mich nicht gelten lassen: dies würde nämlich bedeuten, daß Religion einen Zweck hat und daß die Zugehörigkeit zu einer religiösen Gemeinschaft zweckbestimmt ist. Dann kämen wir ganz schnell zu dem alten Sigmund Freud, der Gott für nichts anderes hält als eine Projektion der menschlichen Wünsche an den Himmel (Ich weiß, das ist verkürzt, aber für den Anfang mag’s genügen.)
Vielmehr möchte ich Dir gern antworten auf eine etwas anders formulierte Frage: Woher kommt Religion? Zuallererst einmal aus der Erfahrung, daß wir Menschen nicht selber Herren und Meister unseres Lebens sind.
Vor allem in unserer Gesellschaft in der die soziale
Grundabsicherung der Staat übernimmt, in der eine gewisse
Grundbildung ausgeprägten Aberglauben und Ängste verhindert
Schau doch mal in eine beliebige Tageszeitung: In jeder findest Du ein Horoskop, und das gäbe es nicht, wenn die Menschen das nicht verlangen würden. „eine gewisse Grundbildung verhindert Aberglauben“?
„…verhindert Ängste“? Die Gegenbeispiele liegen auf der Straße.
und in der man jede Möglichkeit hat, durch Übernahme von
Verantwortung, den Weg seines Lebens selbst zu bestimmen,
Genau das kannst Du nicht. Es gibt derart viele fremde Einflüsse, fremde Leben, die mit Deinem verbunden sind, Zufälle, Imponderabilien, daß Du den Weg Deines Lebens eben nicht selbst bestimmen kannst. Es gibt Unfälle, Unglücke, Katastrophen, Krankheit, Leid, Schuld, Tod - das wäre dann alles selbst verantwortet. Und dann wärest Du ziemlich schnell am Ende.
ist :es doch gar nicht mehr notwendig sich über eine Religion zu
definieren.
Ich behaupte jetzt mal etwas steil, daß Religion immer etwas Abgeleitetes, Sekundäres ist: am Anfang steht eine Erfahrung von Bewahrung, Befreiung, meinethalben Erlösung. Diese Erfahrung wird weitergegeben, und damit sie weitergegeben werden kann, muß sie vermittelbar sein, muß also auf eine rationale Ebene gehoben werden. Sie muß erzählt werden können. Das wäre dann die Religion.
Gut und Böse sind doch sowieso Moralbegriffe die sich stark an
der jeweiligen Zeit und ihren Menschen orientieren. Ich denke
jeder weiss sehr genau, was heute als Gut und was als Böse
gilt,
Moral hat mit Religion zuerst einmal nichts zu tun. (Ich finde, es hat der christlichen Kirche sehr geschadet, daß sie sich immer mehr mit der bürgerlichen Moral identifiziert hat. Das kommt sicher daher, daß das Bürgertum die Schicht war, die die Kirche getragen und bestimmt und natürlich auch für seine Zwecke benutzt hat). Freilich wird etwas anderes geschehen: Wer eine solche Erfahrung der Erlösung, Befreiung gemacht hat, wird verändert sein und deswegen gewisse Dinge nicht mehr tun wollen oder nicht mehr tun können, die dieser Erfahrung widersprechen. Auch das wird auf einer sagbaren Ebene, meinetwegen also der rationalen, vermittelt werden müssen; und wenn Du daraus ein System machst, dann hast Du die Moral.
diese Moral ist uns quasi kulturell mitgegeben,
Unsere Kultur ist aber von der Religion, in diesem Fall dem Christentum bestimmt, geradezu imprägniert.
gesteuert durch unser Gewissen.
Das Gewissen ist aber eine ganz persönliche Instanz. Nun kannst Du sagen, es sei einfach die Summe aus Über-Ich (dann wären wir wieder bei Freud) und der Gesamtheit der Folgerungen, die wir aus unseren Erfahrungen gezogen haben. Dabei übersiehst Du aber, daß man sein Gewissen prägen oder prägen lassen kann. Ein Christ wird sein Gewissen von Christus prägen lassen und ihn zum Maßstab seines Handelns machen.
Welche Funktion hat also Religion?
Eine Funktion kann sie nur haben, wenn ihre „Funktionäre“ sich vor irgendeinen Karren spannen lassen, also eine Funktion in einem übergeordneten System erfüllen. Aber das ist nicht ihr Wesen.
Gott segne Dich! - Rolf
Gruss
D.K.